Tierhaltung im Transformationsprozess: Was tut die Niedersächsische Landesregierung für die Landwirtschaft und gegen Versorgungsengpässe?
Ich rufe auf den Tagesordnungspunkt 11: Dringliche Anfragen Es liegen zwei Dringliche Anfragen vor. Die für die Behandlung Dringlicher Anfragen geltenden Geschäftsordnungsbestimmungen setze ich als allgemein bekannt voraus. Ich weise wie üblich besonders darauf hin, dass einleitende Bemerkungen zu den Zusatzfragen nicht zulässig sind. Um dem Präsidium den Überblick zu erleichtern, bitte ich, dass Sie sich schriftlich zu Wort melden, wenn Sie eine Zusatzfrage stellen möchten. Ich rufe auf: a) Tierhaltung im Transformationsprozess: Was tut die Niedersächsische Landesregierung für die Landwirtschaft und gegen Versorgungsengpässe? - Anfrage der Fraktion der CDU - Drs. 19/70 Ich erteile Herrn Dr. Mohrmann das Wort. Dr. Marco Mohrmann (CDU): Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Tierhaltung im Transformationsprozess: Was tut die Niedersächsische Landesregierung für die Landwirtschaft und gegen Versorgungsengpässe? Die landwirtschaftliche Nutztierhaltung befindet sich in einer ökonomischen Krise. Hinzu kommt die Debatte um Tierwohl, die sich nicht im Einkaufsverhalten wiederfindet. Die Borchert-Kommission hat einen breit akzeptierten Plan zur Weiterentwicklung der Tierhaltung vorgelegt. Dennoch warten die nutztierhaltenden Betriebe weiterhin vergeblich auf klare politische Signale, wie es mit der Tierhaltung weitergehen soll. Die Folge ist Planungsunsicherheit, die betrieblichen Investitionen im Wege steht. Branchenkennern zufolge geben viele Betriebe angesichts der Vielzahl der Herausforderungen die Tierhaltung auf. So haben die Schweinebestände den niedrigsten Stand seit 25 Jahren erreicht. Bei Rind- und Geflügelfleisch ist Deutschland nach Aussage der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung wieder zum Netto-Importeur geworden. Der Verband der Fleischwirtschaft hat vor diesem Hintergrund wiederholt auf drohende Engpässe im Markt hingewiesen. Bei Schweinefleisch z. B. erwartet der Verband innerhalb der nächsten sechs Monate Lücken in den Regalen sowie einen Anstieg der Verbraucherpreise um bis zu 40 %. Landwirtschaftsministerin Staudte hat die Nutztierhaltung zu einem ihrer zentralen Tätigkeitsfelder erklärt und angekündigt, die Transformation der Landwirtschaft voranbringen und dabei die landwirtschaftlichen Betriebe im Veränderungsprozess unterstützen zu wollen. In der agrarzeitung vom 11. November 2022 sagte die Ministerin zu, sich für mehr Planungssicherheit, mehr Wertschätzung und eine stabile Einkommens- sicherung einsetzen zu wollen. Wichtig seien ihr aber auch der Umbau der Tierhaltung in kleinere tiergerechtere Ställe sowie eine Anpassung der Tierbestände an die vorhandenen Flächen. Der Umbau der Schweinehaltung, so die Ministerin bereits 2019, müsse von einer tierschutzgerechten Optimallösung her gedacht werden. (Evrim Camuz [GRÜNE]: Genau!) Um veränderungsbereiten Betrieben zu helfen, wolle sie ein „Zukunftsprogramm Diversifizierung“ auflegen und schweinehaltenden Betrieben den Einstieg in andere landwirtschaftliche Bereiche ermöglichen. Eine andere Form der Tierhaltung, so die Ministerin am 9. November 2022 in der Lünepost, sei notwendig, um den Seuchenzügen, die in letzter Zeit vermehrt zu verzeichnen waren, zu begegnen. Dies vorausgeschickt, fragen wir die Landesregierung: 1. Wie schätzt die Landesregierung die Versorgungssituation bei Lebensmitteln tierischen Ursprungs ein, und welche Maßnahmen wird sie ergreifen, um dem Auseinanderdriften von Angebot und Nachfrage und damit Versorgungsengpässen entgegenzuwirken? 2. Durch welche Maßnahmen wird die Landesregierung sicherstellen, dass die tierhaltenden Betriebe angemessen beteiligt werden, falls es zu einem weiteren Anstieg der Verbraucherpreise speziell bei Fleisch und Fleischwaren kommt? 3. Welche Maßnahmen wird die Landesregierung ergreifen, um die von Landwirtschaftsministerin Miriam Staudte in Aussicht gestellte höhere Planungssicherheit und stabile Einkommensentwick- lung für tierhaltende Betriebe zu gewährleisten? Herzlichen Dank. (Beifall bei der CDU) Vizepräsidentin Sabine Tippelt: Herzlichen Dank, Herr Dr. Mohrmann. - Frau Ministerin Staudte, Sie haben das Wort. Bitte! Miriam Staudte, Ministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz: Vielen Dank, Frau Präsidentin. - Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete! Liebe CDU-Fraktion! Lieber Kollege Mohrmann, ich freue mich sehr, dass Sie mit Ihrer Anfrage das Thema Transformation der Tierhaltung hier angesprochen und eingebracht haben. Wir alle wissen, dass gerade für die tierhaltenden Betriebe damit nicht nur Zukunftschancen verbunden sind, sondern im Moment auch sehr große Unsicherheiten. Die haben wir nach 21 Tagen im Amt auch noch nicht vollständig beseitigen können. Das ist natürlich klar. Aber ich freue mich trotzdem, dass Sie dieses Thema eingebracht haben, um der Transformation ein zusätzliches Gewicht zu verleihen. Wie omnipräsent dieses Thema ist, sieht man z. B. auch daran, dass bei einer Messe wie der EuroTier 2022 das Motto „Transforming Animal Farming“ lautete. Das macht deutlich, dass dies nicht nur ein Projekt von Teilen dieser Landesregierung ist, sondern wirklich ein breiter gesellschaftlicher Wille besteht, diese Transformation hinzubekommen. Dies vorausgeschickt, beantworte ich Ihre Fragen im Namen der Landesregierung wie folgt: Zu Frage 1, bei der es um die Einschätzung der Versorgungslage geht: Dazu kann man sagen, dass seit Beginn des Ukrainekrieges die Marktlage in regelmäßigen Besprechungen zwischen meinem Haus und der Landwirtschaftskammer bewertet wird. Das Lagebild, das sich hieraus und aus den Rückmeldungen des niedersächsischen Krisennetzwerks für die Land- und Ernährungswirtschaft ergibt, zeigt, dass die Märkte trotz aller Schwierigkeiten z. B. bei der Versorgung mit speziellen Hilfsmitteln wie CO2 für die Betäubung in Schlachthöfen und Eisen III-Chlorid zur Abwasserreinigung funktionieren und die Versorgung insgesamt nicht gefährdet ist. Im Augenblick kommen sehr viele verschiedene Faktoren zusammen. Es gibt den Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine, der, wie wir alle wissen, zu erhöhten Energiepreisen und auch zu stockenden Futtermittelexporten aus der Ukraine führt. Ebenso gibt es Tierseuchen wie die Geflügelpest oder die ASP, die Einfluss auf die Gesamtsituation nehmen. Insofern gibt es sehr viele verschiedene Auswirkungen auf die Produktions- und Lieferketten und auch auf die Preisentwicklung. Ganz grundsätzlich kann man allerdings sagen, dass wir derzeit keine Krise, die unsere Nahrungsmittelversorgung wirklich infrage stellt, zu befürchten haben. Gleichwohl gehe ich aber davon aus, dass es hier und da an verschiedenen Stellen zu kleineren Versorgungsknappheiten kommen kann. So meldet z. B. der Zentralverband der Geflügelwirtschaft, dass bei günstigen Eiern tatsächlich Knappheiten da sind - auch im Hinblick auf Weihnachten -, wohingegen es aber bei Bio- und Freilandeiern eine große Kaufzurückhaltung gibt. Die liegen also noch in den Regalen. Bei Schweinefleisch gibt es wie in allen Lebensmit- telbereichen große Preissteigerungen für die Verbraucherinnen und Verbraucher. Die Schlachtbran- che rechnet weiter mit sinkenden Schlachtzahlen. Die Frage ist aber, ob dies wirklich zu Versorgungsengpässen führt. Das ist noch nicht wirklich zu beantworten und auch nicht zu schlussfolgern; denn gleichzeitig beobachten wir eine ganz drastisch sinkende Nachfrage bei Schweinefleisch. Zu Frage 2, in der es darum geht, wie wir sicherstellen wollen, dass Landwirtinnen und Landwirte an steigenden Verbraucherpreisen partizipieren können: Das Thema der Preisbildung ist in der Politik bisher nicht wirklich aufgegriffen worden - leider, muss man sagen. Es gibt die UTP-Richtlinie der EU, die in nationales Recht umgesetzt wurde. Da geht es um die Stärkung der Marktposition der Erzeugerinnen und Erzeuger. Ich sehe durchaus noch Spielräume, die UTP-Richtlinie stärker umzusetzen, sodass sie die Position der Landwirtinnen und Landwirte stärkt. Das ist aber ein Thema, das bundesweit entschieden wird und wo wir an einem Strang ziehen müssen. Auf jeden Fall meine ich, dass diese Spielräume wirklich genutzt werden müssen. Das ist ein großes Anliegen. Es gibt noch weitere Faktoren, etwa das Thema regionale Wertschöpfungsketten. Das sind im Gegensatz zu anonymen Strukturen des Großhandels Möglichkeiten für die Betriebe, mehr an der Wertschöpfung teilzuhaben. Sie alle haben in unserem Koalitionsvertrag gesehen, dass wir Direktvermarktung und auch Verarbeitungsstrukturen auf regionaler Ebene stark fördern wollen. Während es bei Obst und Gemüse einen hohen Anteil an Direktvermarktung gibt, gibt es bei tierischen Produkten, wenn die Verarbeitungsstrukturen fehlen, nur einen geringen Anteil an Direktvermarktung. Zu Frage 3, die darauf abzielt, wie mehr Planungssicherheit und eine stabile Einkommensentwicklung unterstützt werden können: Das ist nicht nur, wie Sie sagten, mir als Agrarministerin, sondern der gesamten Landesregierung ein großes Anliegen. Es ist aber auch ganz klar, dass Planungssicherheit und stabile Einkommen Langfristprojekte sind. Zur Planungssicherheit gehört, wie ich finde, bei allen neuen Standards, die wir entwickeln, bei allen Entscheidungen, die getroffen werden, auch immer, dass wir im Kopf haben müssen, dass sie nur dann lange Bestand haben, wenn es nicht zu kleine Schritte sind, sondern wenn wir in einem partizipati- ven Prozess den großen Wurf wagen. Das gibt auf Dauer wirkliche Planungssicherheit. Im Moment ist der Stand, dass das ja auch probiert wurde, nämlich in der letzten Wahlperiode z. B. mit der Zukunftskommission Landwirtschaft. Da geht es jetzt darum, in die Umsetzung zu kommen. Natürlich ist die Frage des Finanzierungskonzepts für diese Transformation entscheidend; denn allen ist klar, dass die Betriebe allein diese Transformation nicht finanziell stemmen können. Selbstverständlich werde ich mich auf Bundesebene dafür einsetzen, dass dieses Finanzierungskonzept wirklich kommt. Im Moment ist ein Bundesumbauprogramm für die schweinehaltenden Betriebe angedacht, das mit 1 Milliarde Euro für diese Wahlperiode ausgestattet ist. Ich glaube, wir alle, die wir uns intensiver damit beschäftigen, wissen, dass das nicht ausreichen wird, um eine gesellschaftlich akzeptierte Art der Tierhaltung zu gewährleisten, aber es ist ein Einstieg. Wie gesagt, ich glaube, wenn wir gemeinsam darauf hinwirken, dass diese Finanzierungskonzepte kommen, dann ist das auch erfolgversprechend. Was auch im Koalitionsvertrag steht, ist das auch von Ihnen gerade angesprochene Programm für den Umstieg für Tierhaltungsbetriebe, also ein Diversifizierungsprogramm. Wir alle wissen, dass Risiken dann minimiert werden können, wenn man möglichst viele Standbeine hat. Ich glaube, dass das eine sehr gute Ergänzung zu dem Bundesprogramm darstellen wird. Im Bundesprogramm geht es um den Umbau, und in dem Landesprogramm wird es darum gehen, dass auch alternative Betriebszweige aufgebaut werden können. Eine weitere Leitplanke ist das Tierhaltungskenn- zeichnungsgesetz auf Bundesebene. Da gibt es viele Kritikpunkte, aber wir werden es konstruktiv-kritisch begleiten. Ich glaube, es ist ein erster Einstieg, muss aber auf jeden Fall noch verbessert werden. Und wir brauchen Anpassungen im Bau- und Um- weltrecht. Das sind Themen, die schon lange adressiert werden, bei denen wir aber jetzt wirklich konkrete Schritte brauchen. Ein weiterer Punkt - er wurde schon angesprochen - ist das Thema Importe, Exporte usw. Bei der Herkunftskennzeichnung hätte sicherlich auch die Branche selbst schon aktiver werden können - Stichwort „QS-Siegel“ etc. Es ist angedacht, eine solche Herkunftskennzeichnung national umzusetzen, wenn von der EU keine Fortschritte kommen. Ich hoffe, dass all diese Instrumente vom Landtag breit getragen und unterstützt werden. Insofern hoffe ich, dass wir bald über Konkreteres sprechen können. Vielen Dank. (Beifall bei den GRÜNEN und bei der SPD) Vizepräsidentin Sabine Tippelt: Herzlichen Dank, Frau Ministerin Staudte. - Die erste Zusatzfrage für die AfD-Fraktion stellt Herr Dannenberg. Bitte! Alfred Dannenberg (AfD): Vielen Dank, Frau Präsidentin. - Sehr geehrte Damen und Herren! Ich möchte mich mit einer Nachfrage an die Ministerin wenden. Wie möchten Sie sicherstellen, Frau Staudte, dass das, was Sie als „Transformation“ bezeichnen, nicht auf eine bloße Auslagerung ins Ausland hinausläuft? (Beifall bei der AfD) Vizepräsidentin Sabine Tippelt: Frau Ministerin! Miriam Staudte, Ministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz: Vielen Dank, Frau Präsidentin. - Ich glaube, es gibt ein sehr großes Interesse der Verbraucherinnen und Verbraucher, Produkte zu kaufen, die hier produziert wurden. Es gibt sehr große Debatten um Regionalität und darum, dass das eigentlich von allen gewünscht ist. Hier müssen wir - ich habe es eben schon angesprochen - zu aussagekräftigen Herkunftskennzeichnungen kommen. Ich glaube aber auch, es ist wichtig, dass die Menschen, wenn sie wissen, dass es sich um ein Produkt handelt, das bei uns produziert worden ist, sofort im Kopf haben: Das sind gute Standards. - Ich glaube, dass die Assoziation da im Moment manchmal noch nicht so ist, wie wir sie uns alle wünschen. Ich glaube aber, dass wir, wenn wir eine gute Haltungskennzeichnung haben und sicherstellen, dass hier nach ganz vorbildlichen Standards produziert wird, die Menschen dazu bewegen, diese Produkte gerne und viel zu kaufen. (Beifall bei den GRÜNEN und Zustimmung bei der SPD) Vizepräsidentin Sabine Tippelt: Die erste Zusatzfrage für die CDU-Fraktion stellt Herr Dorendorf. Uwe Dorendorf (CDU): Sehr verehrte Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Sehr geehrte Frau Ministerin Staudte, Sie haben das Thema eben schon selbst genannt - Herr Mohrmann hat es auch aufgegriffen -: Es geht um das Zukunftsprogramm Diversifizierung. (Volker Bajus [GRÜNE]: Und jetzt geht’s um die Frage!) In welche Bereiche wollen sie konkret die schwei- nehaltenden Betriebe gerade auch in den Intensivregionen der Nutzertierhaltung überführen, bzw. welche Alternativen wollen Sie anbieten, damit sie diese Punkte kompensieren können? (Beifall bei der CDU) Miriam Staudte, Ministerin für Ernährung, Land- wirtschaft und Verbraucherschutz: Vielen Dank, Frau Präsidentin. - Sehr geehrter Herr Dorendorf, vielen Dank für die Frage. Es gibt Studien der Uni Kiel, die sich mit dem Thema Umstiegsprämie befasst haben. Ich glaube, dass man daraus schon einige grundsätzliche Rückschlüsse ziehen kann, was die Frage angeht, ob ein Stall wirklich abgerissen oder aber stehen gelassen und umgenutzt werden sollte. Ich sehe in dieser Zielsetzung eine Herausforderung, die man in einem partizipativen Prozess lösen muss. Ich habe schon an verschiedenen Stellen gesagt, dass mir der Dialog mit der Branche, mit den Landwirtinnen und Landwirten sehr wichtig ist. Entscheidend ist, dass Lösungen nachhaltig sein müssen, dass Probleme nicht von dem einen großen Stall auf den nächsten verlagert werden dürfen. Wir müssen wirklich versuchen, die verschiedenen Ziele miteinander zu vereinbaren. Die TRAIN-Studie enthält Überlegungen zu der Frage, wie die Landwirtschaft breiter aufgestellt werden kann. Ich glaube, dass es da viele Punkte gibt, die man aufgreifen kann. Ein Beispiel sind Aquakulturen. Auch ist der Selbstversorgungsgrad bei Obst und Gemüse in Deutschland sehr niedrig. Der Obst- und Gemüsebau kommt mit wenig Fläche aus, was zu der Ausgangssituation passt, die in Bereichen mit Intensivtierhaltung vielfach vorliegt. Das sind Möglichkeiten, die ich mir vorstellen kann. Aber ich bin sehr offen für einen Dialog und gute Vorschläge. (Beifall bei den GRÜNEN und bei der SPD) Vizepräsidentin Sabine Tippelt: Herzlichen Dank, Frau Ministerin. - Die nächste Zusatzfrage der CDU-Fraktion stellt Herr Dr. Mohrmann. Dr. Marco Mohrmann (CDU): Sehr geehrte Präsidentin! Verehrte Damen und Herren! Vor dem Hintergrund, dass Frau Ministerin Staudte geäußert hat, dass die Form der Tierhaltung durchaus eine Antwort auf zunehmend zu beobachtende Tierseuchenzüge sein könne, würde ich gerne von der Landesregierung wissen, was denn aus ihrer Sicht die richtige Form der Tierhaltung ist, um diese Seuchenzüge zu verhindern, und worin da der kausale Zusammenhang liegt. (Beifall bei der CDU) Vizepräsidentin Sabine Tippelt: Die Ministerin antwortet. Miriam Staudte, Ministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz: Vielen Dank, Frau Präsidentin. - Sehr geehrter Herr Mohrmann, vielen Dank für die Frage. Wir haben ja die Geflügelpest, und wir haben die Schweinepest. Wir mussten leider erleben, dass gerade bei der Geflügelpest Millionen von Tieren gekeult werden mussten. Das betraf insbesondere Puten, und in bestimmten Gemeinden war das sehr verstärkt der Fall. Das lässt den Schluss zu, dass Puten sehr anfällig sind. Ich glaube, dass da nicht nur die Haltung eine Rolle spielt, sondern auch die Robustheit der Arten. Von wissenschaftlicher Seite ist auch thematisiert worden, dass diese hohe Dichte bei offenen Ställen ein großes Problem darstellt, weil über die Luft Übertragungen stattfinden können. Deswegen müssen wir uns ganz genau anschauen, wo eine zu große Dichte da ist, sodass das Risiko einer großen Ausbreitung zu hoch ist. Da gibt es ja auch Ansätze, z. B. das über eine stärker risikobasierte Bemessung der Beiträge zur Tierseuchenkasse oder zu Versicherungen zu steuern. Ich glaube, es ist richtig, da einen regionalen Ansatz zu fahren. Ganz grundsätzlich muss man natürlich auch die Größe der Ställe infrage stellen. Denn wenn ein Eintrag stattfindet, wird immer der gesamte Bestand gekeult, egal ob die einzelnen Tiere nun infiziert waren oder nicht. Große Einheiten bergen insofern, aber auch bei Stallbränden etc. ein größeres Risiko. Das ist auf jeden Fall etwas, was wir mitdenken müssen. Ich gehe aber nicht davon aus, dass dies das einzige große Kriterium sein wird. Bei der Bekämpfung der Schweinepest geht es natürlich auch darum, dass wir die Biosicherheitsmaßnahmen wirklich korrekt umsetzen und auch kontrollieren. Im Moment glaubt keiner, dass das Virus im Emsland durch ein Wildschwein quasi in den Stall getragen wurde. Vielmehr ist ziemlich sicher, dass der Mensch das Virus eingetragen hat, mit den Futtermitteln oder etwas anderem, was er in den Stall transportiert. Deswegen müssen da auf jeden Fall ganz genau hinschauen. (Beifall bei den GRÜNEN - Sebastian Lechner [CDU]: Ist das denn eine gesicherte Erkenntnis?) Vizepräsidentin Sabine Tippelt: Danke schön, Frau Ministerin. - Die zweite Zusatzfrage der AfD-Fraktion stellt Herr Dannenberg. Alfred Dannenberg (AfD): Vielen Dank, Frau Präsidentin. - Eine weitere Zusatzfrage, Frau Staudte: Sie nannten eben die Herkunftskennzeichnung als Hoffnungsschimmer für eine bessere Abnahme der heimischen Erzeugnisse. Was macht Sie so sicher? Man sagt ja, am Regal endet die Moral. Was macht Sie in Zeiten von grassierender Inflation und Kaufkraftverlust so sicher, dass die Hoffnung, dass die Herkunftskenn- zeichnung es bringen könnte, hier trägt? (Beifall bei der AfD) Vizepräsidentin Sabine Tippelt: Frau Ministerin! Miriam Staudte, Ministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz: Vielen Dank, Frau Präsidentin. - Vielen Dank für die Frage. Erst einmal haben wir mit Kennzeichnungen oft gute Erfahrungen gemacht. Ein Beispiel: Durch die Haltungskennzeichnung bei Eiern ist sichergestellt, dass die Verbraucherinnen und Verbraucher ganz schnell, in den wenigen Sekunden der Kaufentscheidung, erkennen können, unter welchen Haltungsbedingungen die Eier entstanden sind. Das lässt mich hoffen, dass auch eine Herkunftskennzeichnung durchaus Einfluss haben wird. Es kommt natürlich sehr auf die Ausgestaltung an: Wie schnell kann derjenige, der einkauft, seine Rückschlüsse ziehen, ohne sich vorher großartig informiert haben zu müssen? Aber sicherlich kann die Herkunftskennzeichnung nur ein Baustein des großen Themas Transformation der Landwirtschaft sein. Ich glaube, es ist auch wirklich wichtig, dass wir so etwas wie einen Tierwohlcent einführen oder die Mehrwertsteuer auf tierische Produkte erhöhen - das sind die beiden Vorschläge der Borchert-Kommission -, um mit den Erlösen den Umbau zu finanzieren. Die Tatsache, dass viele Verbraucherinnen und Verbraucher sagen, dass sie mehr Tierwohl wollen, gibt der Politik die Legitimation, die damit verbundenen Kosten auf die Produkte umzulegen. Damit wird sichergestellt, dass die Kosten des Umbaus, aber auch die Mehrkosten bei der Produktion getragen werden können. (Beifall bei den GRÜNEN und Zustimmung bei der SPD) Vizepräsidentin Sabine Tippelt: Danke schön, Frau Ministerin. - Die dritte Zusatzfrage der CDU-Fraktion stellt Frau Jensen. Katharina Jensen (CDU): Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kollegen und Kolleginnen! Sehr geehrte Frau Ministerin, durch welche Maßnahmen will die Landesregierung die nutztierhaltenden Betriebe konkret im laufenden Transformationsprozess unterstützen? Sie haben das gerade schon hier und da angeschnitten, aber ich wüsste gerne, wie die Unterstützung der Landwirtsfamilien konkret aussehen soll. (Beifall bei der CDU) Vizepräsidentin Sabine Tippelt: Danke schön, Frau Jensen. - Frau Ministerin, Sie haben das Wort. Miriam Staudte, Ministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz: Vielen Dank, Frau Präsidentin. - Sehr geehrte Frau Jensen, es tut mir leid, wenn ich mich jetzt wiederholen muss. Ich habe auf das Landesprogramm hingewiesen, das es den Schweinehaltungsbetrieben ermöglichen soll, sich breiter aufzustellen. Auch das Bundesprogramm ist absolut wichtig. Ich glaube auch, dass wir uns vor dem Hintergrund der hohen Energiepreise auch mit der Frage befassen müssen, wie wir die Betriebe dabei unterstützen können, sich resilienter aufzustellen, was die Energiekosten angeht. Das Landeswirtschaftsministerium wird insoweit Richtlinien zur Förderung kleiner und mittlerer Unternehmen erarbeiten. Ich gehe davon aus - wir sind im Austausch -, dass auch für die Landwirtschaft passende Programmpunkte erarbeitet werden. Ich glaube, das ist auch etwas, was die Landwirtschaft dabei unterstützt, sich langfristig gut aufstellen zu können. Man weiß nicht, wie lange diese Energiepreiskrise anhalten wird. Insofern glaube ich, dass dies nicht nur eine Investition in den Klimaschutz, sondern eben auch in eine gute wirtschaftliche Situation ist. (Beifall bei den GRÜNEN und Zustimmung bei der SPD) Vizepräsidentin Sabine Tippelt: Danke schön, Frau Ministerin. - Die erste Zusatz- frage für Bündnis 90/Die Grünen stellt Herr Schröder. Jan Schröder (SPD): Vielen Dank. - Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Frau Ministerin, Sie haben es selber gesagt, es geht nicht nur um Fleisch, sondern es geht auch um Obst und Gemüse, das spielt gerade bei den regionalen Lieferketten eine enorme Rolle. Deshalb ist meine Frage an die Regierung: Wie sieht die Regierung den Selbstversor- gungsgrad beim Obst und Gemüse? (Beifall bei den GRÜNEN) Vizepräsidentin Sabine Tippelt: Frau Ministerin! Miriam Staudte, Ministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz: Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrter Herr Schröder, vielen Dank für die Frage. Sie gibt mir die Möglichkeit, die Selbstversorgungsgrade, über die wir ja gerne bei tierischen Produkten diskutieren und die dort meistens bei 100 % oder sogar darüber sind, noch einmal ins Verhältnis zu setzen. Bei Obst und Gemüse sind sie deutlich geringer. Bei Gemüse sind wir ungefähr bei 35 %, bei Obst nur bei 19,5 % ungefähr. Das macht deutlich, dass wir da sehr große Abhängigkeiten haben. Nun haben wir gesehen, dass leider auch der Konsum dieser gesunden Produkte in dieser Preiskrise, unter der alle leiden, zurückgegangen ist. Aber was mich auch besorgt hat, waren Nachrichten wie z. B. aus den Niederlanden, wo gesagt wurde: Das Gas ist so teuer, wie beheizen unsere Gewächshäuser nicht mehr, weil wir mit dem Verkauf dieses Gases mehr Geld verdienen können als mit Salatköpfen, die dann vielleicht hierher transportiert werden. Insofern glaube ich, dass es auch wichtig ist, sich mit der Frage der Versorgungssicherheit von Obst und Gemüse genauer zu beschäftigen. Das ist natürlich sehr stark zu differenzieren. Ich glaube, bei Tomaten sind es nur 3,4 % und bei Weiß- und Rotkohl deutlich über 100 %. Aber diese Fragen müssen wir noch stärker in den Fokus rücken. (Beifall bei den GRÜNEN) Vizepräsidentin Sabine Tippelt: Die erste Zusatzfrage für die SPD-Fraktion stellt Herr Saade. (Beifall bei der SPD) Alexander Saade (SPD): Sehr geehrte Frau Ministerin, wie können wir die wirtschaftliche Situation der tierhaltenden Betriebe im Allgemeinen verbessern? (Beifall bei der SPD) Vizepräsidentin Sabine Tippelt: Danke schön, Herr Saade. - Frau Ministerin, bitte! Miriam Staudte, Ministerin für Ernährung, Land- wirtschaft und Verbraucherschutz: Vielen Dank, Frau Präsidentin. - Sehr geehrter Kollege, vielen Dank für die Frage. Ich glaube, dass die größte Herausforderung sein wird, dass wir es schaffen, dass sich die Betriebe mehrere Standbeine erarbeiten können. In den letzten Jahren ist immer wieder gesagt worden: Leute, spezialisiert euch, produziert so günstig wie möglich, ihr müsst mit den günstigen Preisen auf dem Weltmarkt mithalten können, sonst habt ihr keine Zukunft! Das ist, glaube ich, der falsche Weg. Wir brauchen die Risikostreuung auch in den Betriebszweigen. Ich finde, man hat in der Krise auch gesehen, dass die flächengebundene Tierhaltung ein ganz wichtiger Aspekt ist, um resilienter durch Krisen zu gehen. Die Betriebe - ganz unabhängig davon, ob es konventionelle oder Biobetriebe waren -, die selber Futtermittel herstellen konnten, hatten bei den steigenden Futtermittelpreisen natürlich eine sehr viel größere Planungssicherheit und eine stabilere Ausgangssituation. Deswegen, glaube ich, ist alles wichtig, was wir für die flächengebundene Tierhaltung tun können. Die anderen Punkte habe ich schon angesprochen: Wertschöpfung erhöhen durch dezentraleren Strukturen mit mobilen Schlachteinrichtungen etc., sodass man auch direkt aus dieser mobilen Schlachtung den eigenen Hofladen beliefern kann. Und eben das Thema, Energiekosten zu senken. Im Bereich der Milchviehhaltung ist es z. B. durchaus möglich, dass man Wärmerückgewinnung macht, indem man die Wärme der warmen Milch nutzt, statt sie mit viel Energie runterzukühlen. Ich glaube aber nicht, dass das schon flächendeckend umgesetzt worden ist. Lauter solche kleinen Beispiele, die aber den Betrieben auf Dauer helfen, sind wichtig. (Beifall bei den GRÜNEN und bei der SPD) Vizepräsidentin Sabine Tippelt: Herzlichen Dank, Frau Ministerin. - Die vierte Zusatzfrage für die CDU-Fraktion stellt Herr Dr. Schmädeke. Bitte sehr! Sie haben das Wort. Dr. Frank Schmädeke (CDU): Vielen Dank, Frau Präsidentin. - Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Sehr geehrte Frau Ministerin, die Landesregierung hat sich neben der artgerechten Tierhaltung auch den Moorbodenschutz als zentrales Ziel auf die Fahnen geschrieben. Da stellt sich nun die Frage, Frau Ministerin: Haben Sie eine Vorstellung davon, wie sich die konsequente Umsetzung der Klimaschutzziele - Moorbodenschutz - auf den Umfang der Nutztierhaltung in Niedersachsen auswirkt? Und wie wollen wir mit der Nutztierhaltung in den Gebieten verfahren? (Beifall bei der CDU) Vizepräsidentin Sabine Tippelt: Frau Ministerin! Miriam Staudte, Ministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz: Vielen Dank, Frau Präsidentin. - Sehr geehrter Herr Schmädeke, vielen Dank, dass Sie das wichtige Thema „Moorschutz“ ansprechen. Das wird uns hier im Landtag sicherlich noch sehr intensiv beschäftigen. Genaue Zahlen kann ich Ihnen jetzt natürlich nicht nennen, welche Auswirkungen das auf die Milchviehhaltung z. B. in den Grünlandregionen haben wird. Nur so viel: Es gibt verschiedene Ansätze. Zum einen: attraktive Angebote für diejenigen, die eventuell niemanden haben, der den Hof fortführt, und die sich daher vorstellen können, Land zu verkaufen, das dann für eine Wiedervernässung bereitgestellt wird. Dafür braucht es dann aber immer sinnvolle Gesamtzusammenhänge und nicht einzelne Schläge. Auf der anderen Seite ist es gerade mir als Agrarministerin wichtig, dass wir sicherstellen, dass wir auch weiterhin eine Wertschöpfung auf diesem Grünland haben. Das kann auch dadurch stattfinden, dass man alternative Bewirtschaftungsformen für dieses Grünland unterstützt. Es gibt Projekte wie „Aufwuchs des Grünlands anders nutzen“, z. B. für Dämmstoffe, Konstruktionsmaterialien etc. Das ist alles möglich, es muss nur in Gang gebracht werden. Damit wird man sicherlich nicht so viel verdienen wie mit der Milchviehhaltung, und insofern wird es da auch immer um Kompensationsleistungen gehen. In Anbetracht der Tatsache, dass knapp 20 % der niedersächsischen Treibhausgasemissionen aus Moorböden kommen, müssen wir uns dieses Themas auf jeden Fall annehmen. Wenn es Möglichkeiten gibt, über eine extensivere Tierhaltung auf diesen Flächen auch weiterhin eine Wertschöpfung zu gewährleisten, dann ist das, denke ich, auch wichtig. Aber da sind wir, glaube ich, noch sehr am Anfang der Thematik: Was ist möglich? Was bringt wie viel? Und wie muss es dann unterstützt werden?