Carola Veit SPD
Sehr geehrte Präsidentin des Hamburgischen Verfassungsgerichtes, sehr geehrte Mitglieder der Hamburgischen Bürgerschaft, liebe ehemalige Bürgerschaftspräsident:innen, ich begrüße die Vertreter:innen des Bundestags, unseren Senat, unsere Bezirksamtsleitungen, Vertreter:innen der Kirchen und Religionsgemeinschaften, verehrte Gäste. Wir begehen heute den 80. Geburtstag unseres Landesparlaments. Ich begrüße Sie alle sehr herzlich. Wenn ich es richtig sehe, dann gibt es unter den aktuellen Abgeordneten niemanden, der oder die so alt ist, dass er oder sie dazu Persönliches beitragen könnte. Wir sind also wieder einmal auf die Aktenlage angewiesen. Unsere Stadt lag in Schutt und Asche. Fast zwei Drittel aller Wohnungen waren zerstört oder beschädigt. Jede Familie beklagte Tote, Schwerverwundete, Vermisste. Zusätzlich kamen damals Tag für Tag einige tausend Flüchtlinge in Hamburg an. Die Menschen fanden irgendwie Unterschlupf in Ruinen, Kellern, alten Eisenbahn- und Straßenbahnwaggons. Es herrschte Hunger. Ein großer Teil der Männer befand sich in fernen Kriegsgefangenenlagern, und vor allem die Frauen begannen, Hamburg wieder aufzubauen. Besatzungsmacht waren die Briten. Gott sei Dank, möchte man sagen, das hätte viel schlimmer kommen können. England war schon damals eine jahrhundertealte Demokratie, und den Besatzern war klar, dass unter allen bisher bekannten Staatsformen die parlamentarische Demokratie die beste ist, zumal Hamburg schon seit einigen Jahrhunderten einige Erfahrungen und auch eine Verfassung gehabt hatte. Und so benannten die Briten 1946 im Januar ein Hamburgisches Parlament, das aus 74 Männern und 7 Frauen bestand – 10 Prozent Frauen, meine Damen und Herren, das war übrigens bis 1981 kaum besser geworden. Die ernannte Bürgerschaft bereitete dann die ersten freien Wahlen vor. Gar nicht so einfach mit einer Bevölkerung, die gewöhnt ist, dass ihr gesagt wird, was sie zu denken und wie sie zu entscheiden hat. Und auch nicht besonders einfach angesichts der Tatsache, dass auch viele überzeugte Nazis, die die Hürden der Entlastung genommen hatten, wieder in die Politik drängten. Wie vielen das gelang und welche Biografien sie mitbrachten, werden wir als Hamburgische Bürgerschaft demnächst in einer wissenschaftlichen Ausarbeitung veröffentlichen. Sehr pragmatisch hatten ja die Alliierten den Deutschen damals eine Kollektivschuld verpasst, die den gemeinsamen Staat in Demokratie überhaupt erst ermöglichte, die aber eben auch bis heute zur Folge hat, dass individuelle Schuld und Aufarbeitung in Familien, Firmen und Vereinen hintangestellt wurde. Täter wurden per Persilschein zu Mitläufern, Opfer nie entschädigt und Beamte nie zur Rechenschaft gezogen. Das wirkt nach. Und genau deswegen, meine Damen und Herren, genau deswegen ist die Geschichte eben nicht nur Geschichte, sondern Verantwortung. Verantwortung, sich dem entgegenzustellen, was heute unsere Verfassung bedroht, damit nie wieder eine Partei mit einem diskriminierenden, ethnisch abstammungsmäßigen Volksverständnis Macht erhält. Fast auf den Tag genau vor 80 Jahren, am 13. Oktober 1946, fanden dann erstmals freie Wahlen in Hamburg statt. Zwei Wochen später, am 30. Oktober, kamen die gewählten Abgeordneten hier zu ihrer ersten konstituierenden Sitzung zusammen. Aus den 81 ernannten Abgeordneten wurden dabei 110, darunter nun 17 Frauen. Ich darf hinzufügen, 15 dieser 17 Frauen gehörten der SPD an. Eine kam aus der KPD, eine aus der FDP, die damals noch PDF hieß. Es war der Beginn der parlamentarischen Demokratie in Hamburg, wie wir sie heute kennen. Meine Damen und Herren, es waren viele, sehr viele beteiligt, aus rauchenden Trümmern eine der schönsten demokratischen Städte der Welt gemacht zu haben. Aber ein ordentliches Stück hat auch die Hamburgische Bürgerschaft beigetragen. In den vergangenen 80 Jahren haben ihre Abgeordneten und jetzt eben auch wir hier bestimmt nicht alles, aber doch vieles richtig gemacht. Und darauf können wir mit allen, die das Land und die Stadt zu dem gemacht haben, was sie heute sind, eben doch auch wirklich stolz sein. Aber wir haben keinen Grund, uns zurückzulehnen. Was 1946 so hoffnungsvoll begonnen hat und jahrzehntelang überaus stabil schien, ist vielfach unter Druck geraten. Unsere Demokratie wird angegriffen. Von außen Sabotageversuche, Spionagedrohnen, Angriff auf kritische Infrastrukturen, russische Versuche, unsere Gesellschaft, das Land zu destabilisieren. Angegriffen und infrage gestellt wird unsere Demokratie aber auch von innen. Mit Sorge blicken wir nach Sachsen-Anhalt. Letzte Woche wurde dort im Landtag ein Präsident gewählt, der einer vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuften Partei angehört und der bereits angekündigt hat, das Amt "anders" ausüben zu wollen. Wir erleben in parlamentarischen Debatten auch hier bei uns, wie die Grenzen des Sagbaren verschoben werden. Meine Damen und Herren, die Kraft unserer Demokratie liegt darin, sich dagegen zur Wehr zu setzen. Wenn sich die politische Streitkultur von der notwendigen gemeinsamen Basis entfernt, weil sich ein Teil der Bürger:innen extremen, verfassungsfeindlichen Parteien zuwendet, wenn sich der Vulgärdemokratismus viel zu leicht Bahn bricht, dann reicht es nicht, das zu beklagen. Vielleicht besinnen wir uns auf das, was 1946 die Abgeordneten unabhängig von ihrer Parteizugehörigkeit bei ihrem Amtsantritt verband, nämlich das Ziel, unsere Freie und Hansestadt Hamburg in eine gute Zukunft zu steuern. Sie taten dies mit großem Respekt und Demut vor der Herausforderung und mit Eigenschaften, die Elisabeth Ostermeier, damals mit 33 Jahren die zweitjüngste Abgeordnete, wie folgt beschrieb: "Nicht ohne Befangenheit, aber auch mit großen Erwartungen," "mit einem gewissen Stolz, mit Wissbegierde und mit sehr großer Arbeitsbereitschaft." Wir Abgeordneten vertreten hier die Interessen aller Hamburgerinnen und Hamburger, auch derjenigen, die uns nicht gewählt haben. Es ist Macht auf Zeit, die uns qua Mandat zum Wohle unserer Hansestadt verliehen wurde. Das dürfen wir bei allem parteipolitischen Klein-Klein niemals vergessen. Ja, das ist alles anstrengend. Das macht viel Arbeit und das kostet viele Feierabende. Aber wir sprechen über alles und vor allem meistens auch miteinander in dieser Stadt. Und wenn etwas nicht gut gelaufen ist, dann wurde meistens auch etwas daraus gelernt, ob es das Verfassungsgericht, der Rechnungshof, die Elternkammer oder die Handelskammer waren, die den Finger in die Wunde legten. Wir haben das lebendigste Bürgerbeteiligungsrecht der Republik – und es wird genutzt! Darin steckt viel Mut und Zuversicht auf allen Seiten, und sehr ernsthaft entwickeln wir auch die direkte Demokratie in Hamburg gemeinsam weiter. Einen großen Anteil daran hat unser Verfassungsgericht, das seit vielen Jahren immer wieder die Aufgabe zugewiesen bekommt, auch hier Leitplanken klarzustellen. Meine Damen und Herren, Senat, Bürgerschaft, Verfassungsgericht als drei Gewalten agieren unabhängig nebeneinander und im konstruktiven Miteinander. Wenn es nötig ist, hat das letzte Wort dabei immer das Verfassungsgericht. Wir haben die Ehre, die Präsidentin des Verfassungsgerichtes heute hier bei uns zu begrüßen. Liebe Birgit Voßkühler, Sie haben einmal gesagt: "Die Verfassungsgerichte werden diese Demokratie nicht auf Dauer retten können." "Nur die Bürgerinnen und Bürger können das tun." Wie es im Plenarsaal so schön heißt: Sie haben das Wort.
