Linus Görg
Herr Präsident, liebe Kolleg:innen! ich freue mich sehr, dass ich jetzt hier noch mal die Möglichkeit bekomme, glaube ich, zu einem Thema zu sprechen, das im Gegensatz zu dieser Pseudodebatte, die die CDU hier jetzt gerade aufgemacht hat, die Menschen in unserer Stadt wirklich interessiert. Seit dem 9. Oktober findet die Woche der seelischen Gesundheit statt, und deshalb trage ich genauso wie Kolleg:innen meiner Fraktion und auch anderer Fraktionen hier heute diese grüne Schleife. Nicht etwa wegen unserer Parteizugehörigkeit, sondern als Zeichen dafür, dass psychische Gesundheit uns alle angeht. Das diesjährige Motto lautet: "Miteinander statt Nebeneinander –" "für eine Gesellschaft, in der jede Psyche zählt." Und ich finde, dieser Satz bringt es auf den Punkt. Denn eine Gesellschaft, in der jede Psyche zählt, ist leider noch längst keine Selbstverständlichkeit. Wir sind von diesem Anspruch noch weit entfernt. Psychische Erkrankungen sind keine Randerscheinung. Sie betreffen Menschen in allen Lebenslagen; und trotzdem erleben Betroffene noch immer, dass sie zu lange auf Hilfe warten, dass Zuständigkeiten unklar sind oder dass sie durch das Hilfesystem fallen, gerade dann, wenn sie besonders dringend Unterstützung brauchen. Deshalb reicht es nicht, über seelische Gesundheit zu sprechen. Wir müssen dafür sorgen, dass Unterstützung auch dort ankommt, wo sie gebraucht wird, und zwar rechtzeitig, verlässlich und ohne unnötige Hürden. In Hamburg übernehmen wir Verantwortung dafür: Mit dem Hamburger Psychiatrieplan haben wir einen Rahmen geschaffen, um die psychische Gesundheit der Hamburgerinnen und Hamburger ganzheitlich in den Blick zu nehmen. Dabei geht es insbesondere auch um Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen und komplexen Unterstützungsbedarfen. Also um diejenigen, für die die bestehenden Angebote häufig nicht ausreichen. Unser Anspruch ist es, Versorgungslücken zu schließen, Hilfen besser miteinander zu verbinden und Menschen nicht alleine zu lassen, nur weil ihre Lebenssituation nicht in die üblichen Strukturen passt. Drei Beispiele zeigen, was das ganz konkret bedeutet: Das erste ist die Repsoldstraße 27. Hier werden Menschen mit Suchterkrankungen und psychischen Erkrankungen aufgefangen, stabilisiert; Menschen, die häufig mehrere Belastungen gleichzeitig bewältigen müssen und für die es nicht immer leicht ist, einen Zugang zum regulären Hilfesystem zu finden. Übergangsplätze für suchtkranke Menschen, eine psychiatrische Schwerpunktambulanz und Beschäftigungsangebote zur Tagesstrukturierung schaffen hier unterschiedliche Möglichkeiten, Unterstützung zu erhalten und wieder Halt im Alltag zu gewinnen. Das Entscheidende daran ist: Wir warten nicht darauf, dass Menschen ihre Probleme bewältigen und irgendwann von selbst den Weg in die richtige Einrichtung finden. Wir schaffen Angebote, die ihrer Lebensrealität gerecht werden und die ihnen eine Perspektive eröffnen. Ein zweites Beispiel ist das Projekt SAFE. Auch hier geht es darum, eine Lücke im Versorgungssystem zu schließen. Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen werden niedrigschwellige, engmaschige und langfristige Begleitung bekommen. Die Unterstützung kommt zu ihnen: Ein multiprofessionelles Team arbeitet daran, Krisen frühzeitig zu erkennen, Eskalationen zu verhindern und gemeinsam tragfähige Perspektiven zu entwickeln. Das ist wichtig für die betroffenen Menschen selbst, für ihr soziales Umfeld und für unsere Gesellschaft insgesamt. Denn gute psychiatrische Versorgung bedeutet nicht nur, in einer akuten Krise zu reagieren. Sie bedeutet auch, Krisen möglichst zu verhindern, Beziehungen aufzubauen und Vertrauen in die Menschen über längere Zeit verlässlich zu schaffen. Genau das ist der Unterschied zwischen einem Hilfesystem, das lediglich auf Probleme reagiert und einem, das die Menschen wirklich erreicht. Aber liebe Kolleg:innen, wir müssen auch ehrlich sein: Was wir hier auf Landesebene aufbauen, kann nicht jede Lücke schließen, die an anderer Stelle entsteht. Wir erleben derzeit Entscheidungen auf Bundesebene, die Fragen aufwerfen, wie ernst es dort mit dem Anspruch genommen wird, psychische Gesundheit angemessen zu fördern. Die Honorarkürzungen in der Psychotherapie sind gerade angesichts des bestehenden Unterstützungsbedarfs ein wirklich problematisches Signal: Wenn die Rahmenbedingungen für psychotherapeutische Angebote geschwächt werden, droht es für Patient:innen noch schwieriger zu werden, die benötigte Hilfe zu bekommen. Hinzu kommen die Hürden, mit denen Absolvent:innen des reformierten Studienganges für klinische Psychologie und Psychotherapie aktuell bei der Weiterbildung konfrontiert sind. Wer sich für diesen Beruf entscheidet, braucht verlässliche Ausbildungs- und Weiterbildungsperspektiven. Das sind Fragen, die wir nicht alleine hier in Hamburg beantworten können. Dafür braucht es verantwortungsvolle Entscheidungen auf Bundesebene. Liebe Kolleg:innen! "Miteinander statt Nebeneinander" – das bedeutet für mich, Menschen nicht auf ihre Erkrankung zu reduzieren, es bedeutet, ihre Bedürfnisse ernst zu nehmen, ihnen mit Respekt zu begegnen und ihnen die Unterstützung zu ermöglichen, die sie brauchen. Es bedeutet aber auch, Verantwortung nicht weiterzureichen, wenn bestehende Strukturen an ihre Grenzen kommen. Unser Maßstab muss dabei klar sein: Nicht die Frage, ob ein Mensch in unser Hilfesystem passt, darf entscheidend sein. Entscheidend ist, ob unser Hilfesystem den Menschen erreicht. Dafür tragen wir Verantwortung, hier in Hamburg und auf Bundesebene. Vielen Dank.
