Stadtbürgerschaft 21/39
25.08.2026 · 124 Redebeiträge · Originalprotokoll ↗
Beteiligte Fraktionen: CDU (17)FDP (9)GRÜNE (7)Die Linke (5)BA-Gruppe (2)SPD (2)
Wir fragen den Senat: 1. In welcher Höhe wurden in den zurückliegenden zwei Jahren Mittel aus dem Innovationstopf „Lebendige Quartiere“, der das Ziel verfolgt, Lebensbedingungen zu verbessern und soziale Ungleichheit zu verringern, bewilligt und abgerufen, beziehungsweise wie hoch sind die noch verfügbaren Mittel für das Jahr 2026? 2. Welche inhaltlichen Schwerpunkte sieht die Förderrichtlinie des Innovationstopfes vor und wie spiegeln sich diese in den bewilligten Anträgen der letzten zwei Jahre im Hinblick auf die Verbesserung der Lebensbedingungen in den Quartieren wider? 3. Welche Maßnahmen zur Bekanntmachung des Innovationstopfes wurden bisher umgesetzt und welche weiteren Schritte sind geplant, um die Bekanntheit dieser Fördermöglichkeit zu erhöhen?
Antje Grotheer
Diese Anfrage wird beantwortet durch Bürgermeister Dr. Bovenschulte.
Dr. Andreas Bovenschulte
Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Damen und Herren! Für den Senat beantworte ich die Anfrage wie folgt: Zu Frage 1: In den zurückliegenden zwei Jahren 2024 und 2025 wurden aus dem Innovationstopf „Lebendige Quartiere“ insgesamt 325 409,80 Euro bewilligt und 558 377,18 Euro ausgezahlt. 2024 waren es 149 756,91 Euro und Bewilligungen und 383 266,99 Euro Auszahlungen. 2025 waren es 175 652,89 Euro Bewilligungen und 175 110,19 Euro Auszahlungen. In einem Jahr kann die Summe der abgerufenen Mittel von der Summe der Bewilligungen teils deutlich abweichen, da einige Projekte eine zwei Jahre umfassende Laufzeit haben und außerdem immer wieder ungeplante Verzögerungen bei den Umsetzungen auftreten. Die im Jahr 2026 noch verfügbaren Mittel im Innovationstopf betragen 232 500,83 Euro. Zu Frage 2: Die Förderrichtlinie sieht folgende Schwerpunkte vor: Gefördert werden investive wie auch konsumtive Vorhaben vor Ort, die erstens eine Verbesserung der Lebenssituation von Kindern, Jugendlichen und Familien sowie älteren Menschen und Alleinstehenden im Quartier darstellen und zweitens in Stadtteilen und Quartieren in der Stadtgemeinde Bremen wirken, im Quartier unterstützt werden und möglichst ressortübergreifend getragen sind. (Vizepräsident Ralph Saxe übernimmt den Vorsitz.) In den zwei zurückliegenden Jahren 2024 und 2025 wurden Projekte in den folgenden thematischen Schwerpunkten gefördert: Kinder und Jugend 22 Prozent, Sport 15 Prozent, Arbeit 13 Prozent, Soziales 13 Prozent, Politische Bildung und Beteiligung 12 Prozent, Kultur 11 Prozent, Sicherheit und Sauberkeit 9 Prozent sowie ökologische Nachhaltigkeit 5 Prozent. Die Förderungen entsprechen voll und ganz den inhaltlichen Schwerpunkten, die in der Richtlinie formuliert wurden. Es zeigt sich nicht nur eine besondere Themenfreiheit der Förderschwerpunkte Kinder und Jugend, Sport, Arbeit, Soziales, Politische Bildung und Beteilung, Kultur, Sicherheit und Sauberkeit sowie ökologische Nachhaltigkeit, sondern auch, dass häufig Projekte unterstützt wurden, die einen themen- und ressortübergreifenden Anspruch erfüllen. Zu Frage 3: Alle Informationen zum Innovationstopf „Lebendige Quartiere“ sind auf der Website der Senatskanzlei online abrufbar. Neben den allgemeinen Informationen zur Grundlage und dem Förderzweck stehen dort die Förderrichtlinie, das Antragsformular und die Senatsvorlage zum Herunterladen zur Verfügung. Auf die Fördermöglichkeiten des Innovationstopfes wird außerdem im Rahmen der Bekanntmachung des Landesprogramms „Lebendige Quartiere“ hingewiesen. Um eine gezielte lokale Verankerung der Fördermöglichkeiten des Innovationstopfes zu gewährleisten, werden die lokalen Netzwerke in den Stadtteilen über die Quartiersmanagements, Ortsämter, Beiräte und weitere Multiplikatoren regelmäßig informiert. Es sind keine weiteren Maßnahmen geplant, um die bestehende Bekanntheit zu erhöhen. – So weit die Antwort des Senates!
Ralph Saxe
Weitere Zusatzfragen liegen nicht vor. Anfrage 2: Losverfahren gegen Diskriminierung bei Wohnungsvermietung – Erfolgsrezept? Anfrage der Abgeordneten Sigrid Grönert, Dr. Oğuzhan Yazıcı, Dr. Wiebke Winter und Fraktion der CDU vom 17. Juni 2026 Bitte sehr, Herr Kollege!
Sigrid Grönert CDU
Wir fragen den Senat: 1. Aus welchen Gründen, in welchem Umfang und seit wann werden von der BREBAU und GEWOBA Wohnungen im Losverfahren vermietet? (Bitte für beide Wohnungsgesellschaften getrennt angeben.) 2. Wie wird der Erfolg dieser Losverfahren mit Blick auf verschiedene Anwendungsgründe evaluiert, und ist geplant, die Nutzung der Verfahren bei der GEWOBA und BREBAU entsprechend anzupassen oder zu vereinheitlichen? 3. Welche Folgen hat das Losverfahren für bestehende und neu entstehende Hausgemeinschaften, und welche anerkannten diskriminierungsfreien Vergabeverfahren könnten und sollten alternativ genutzt werden?
Ralph Saxe
Für den Senat wird diese Anfrage beantwortet von Herrn Dr. Baumheier, Staatsrat.
Dr. Ralph Baumheier
Herr Präsident, sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrter Frau Abgeordnete! Für den Senat beantworte ich die Anfrage wie folgt: Zu Frage 1: Die BREBAU praktiziert das Losverfahren seit September 2021, um eine faire und auf Chancengleichheit beruhende Vergabe sicherzustellen. Das Losverfahren zielt darauf ab, dass bei mehreren Interessent:innen für eine Wohnung sowohl die Teilnahme an einer Wohnungsbesichtigung als auch die im weiteren Verlauf an einer Anmietung der Wohnung interessierten Personen diskriminierungsfrei ermittelt werden. Das Losverfahren findet im gesamten Mietwohnungsbestand der BREBAU Anwendung. Lediglich ein kleiner festgelegter Anteil der Wohnungen wird über Kooperationsvereinbarungen mit Bremer Institutionen, zum Beispiel der Zentralen Fachstelle Wohnen, direkt vergeben. Für die Erstvermietung von Neubauwohnungen wird das Losverfahren seit dem Jahr 2022 aufgrund der sehr hohen Anzahl angesammelter Anfragen gewählt. So kann eine Chancengleichheit unter der hohen Bewerberzahl gewährleistet werden. Für die Nachvermietung im Neubau sowie für die Vermietung von Bestandswohnungen hat sich die GEWOBA für ein diskriminierungsfreies Vergabeverfahren entschieden. Sollten mehrere Zusagen von Interessent:innen für eine Wohnung vorliegen, so entscheidet sich die Vergabe der Wohnung nach der Erfüllung der meisten übereinstimmenden Kriterien zwischen Gesuch und Angebot. Sollten danach weiterhin mehrere Interessent:innen für eine Wohnung infrage kommen, entscheidet sich die Vergabe nach weiteren Kriterien, zum Beispiel Wartezeit, Zeitpunkt der Zusage, Wohnung ist für Senioren, Studierende oder Alleinerziehende besonders geeignet und andere Gründe. Zu Frage 2: Die grundsätzliche Praktikabilität des Losverfahrens und etwaige Optimierungspotenziale werden seitens der BREBAU fortlaufend geprüft. Dabei werden auch Prozessoptimierungen hinsichtlich des aktuellen Losverfahrens unter Berücksichtigung systemseitiger sowie rechtlicher Voraussetzungen diskutiert. Grundsätzlich hält die BREBAU das Losverfahren für die fairste Vergabevariante. Bei der GEWOBA findet das Losverfahren für die Vermietung von Bestandswohnungen keine Anwendung. Das alternative Vergabeverfahren stellt sicher, dass registrierte Interessent:innen, die nach einem bestimmten Wohnungstyp – Größe, Anzahl der Zimmer, Stadtteil – suchen, fair und frei von Diskriminierung berücksichtigt werden. Die Nachfrage nach Neubauwohnungen übersteigt das Angebot allerdings deutlich. Hier besteht die Nachfrage nach einem bestimmten Objekt im Unterschied zu Bestandswohnungen. Um allen Interessent:innen die gleiche Chance auf die Anmietung der Wohnungen zu geben, erfolgt die Vermietung von Neubauten auch bei der GEWOBA daher im Losverfahren. Die Verwendung des Losverfahrens ist vorgesehen, solange der deutliche Nachfrageüberhang in der Wohnungssuche im Neubaubereich besteht. BREBAU und GEWOBA haben für die Vermietung betriebsindividuelle Ansätze entwickelt, die auf der jeweiligen Unternehmensebene einer Weiterentwicklung unterliegen. Zentrale Vorgaben des Senats wären insbesondere bei der GEWOBA in der Rechtsform einer Aktiengesellschaft nicht vorzugeben. Zu Frage 3: Gesprächsbedarfe, die seitens der Mieter:innen gegenüber der BREBAU kommuniziert werden, können nicht pauschal einer Anwendung des Losverfahrens zugeschrieben werden, sondern umfassen unterschiedlichste Themenbereiche und Auslöser. Die BREBAU hat unter anderem mit der Installation des Teams Soziales Management Möglichkeiten geschaffen, um solche Anliegen professionell zu bearbeiten. Zudem steht in enger Abstimmung mit dem Diversity Management der BREBAU im Rahmen des Quartiersmanagements und der Nachbarschaftsberatung eine nachhaltige Stabilität in den Hausgemeinschaften der BREBAU im Fokus. Die Besonderheit bei Neubauvorhaben liegt darin, dass alle Bewohnenden in einem kurzen zeitlichen Zusammenhang neu in das Haus einziehen. Die Hausgemeinschaft muss sich neu bilden. Insofern sind Folgen des Losverfahrens nicht explizit feststellbar. Die Festigung des Gemeinschaftsgefühls der neuen Hausgemeinschaft wird durch eine konsequente Quartiersarbeit der GEWOBA und von Partnern nach Bezug der Häuser aktiv gestaltet. Dazu gehört auch, dass die GEWOBA ein Einzugsfest mit allen neuen Bewohnenden zeitnah nach den Einzügen veranstaltet, um ein Kennenlernen zu ermöglichen und eine erste Nachbarschaft zu vermitteln. In Bestandsgebäuden kann eine Wohnungsvermittlung unabhängig vom gewählten Verfahren nicht immer frei von jeglichen Anpassungserfordernissen für die bestehende Hausgemeinschaft garantiert werden. Der Vergabeprozess der GEWOBA sorgt jedoch insoweit für mehr Chancengleichheit und stellt eine passende Alternative zum Losverfahren dar. – So weit die Antwort des Senats!
Ralph Saxe
Frau Kollegin, haben Sie eine Zusatzfrage? – Bitte sehr!
Sigrid Grönert CDU
Verstehe ich es richtig, dass demnach ein sehr konsequentes Losverfahren nur bei der BREBAU angewendet wird? Wenn ich das richtig verstehe: Stimmt es, dass die BREBAU dazu verpflichtet ist, oder könnte sie sich auch entscheiden, zu sagen: Wir machen das so wie die GEWOBA?
Dr. Ralph Baumheier
Konsequent in dem Sinne, dass das sowohl für Neubau- als auch für Bestandswohnungen ist, wird es in der Tat bei der BREBAU konsequenter angewendet, in diesem Sinne. Die GEWOBA unterscheidet zwischen Neubau und Bestand. Auslöser dafür waren, wie Sie sich wahrscheinlich alle erinnern, die öffentlichen Vorwürfe an die Vergabe-, Vermietungspraxis der BREBAU im Jahr 2021, in deren Konsequenz von der BREBAU als der zukunftsfähige Weg dann sehr deutlich das Losverfahren als das insgesamt am wenigsten angreifbare Verfahren angesehen wurde. Von daher ist das der speziellen Situation Anfang der Zwanzigerjahre geschuldet. Grundsätzlich könnte sie auch einen anderen Weg gehen, aber ich glaube, nach der damaligen unschönen öffentlichen Debatte haben sie sich für diesen Weg entschieden.
Ralph Saxe
Frau Kollegin, haben Sie eine weitere Zusatzfrage? – Bitte sehr!
Sigrid Grönert CDU
Stimmt mein Erinnerungsvermögen, wenn ich feststelle, dass die BREBAU sich damals nicht komplett freiwillig für das Loseverfahren entschieden hat, sondern dass das auch eine gewollte Lösung für das, was vorgefallen war, dargestellt hat? Es läuft jetzt schon einige Jahre, dieses Losverfahren. Wenn sich das bewährt hat, wäre es dann nicht nur konsequent, das auf die GEWOBA zu übertragen? Wenn es sich nicht bewährt hat oder – –? Ist es sinnvoll, dass die BREBAU immer noch daran festhalten muss?
Dr. Ralph Baumheier
Müssen tut sie es nicht. Das ist eine Entscheidung des Unternehmens BREBAU aus den von mir dargelegten Erfahrungen aus den Jahren 2021/2022. In der Konsequenz haben sie sich dafür entschieden. Es gab damals, 2021, eine Situation, in der dem Unternehmen auch eine externe Begleitung zugeordnet wurde, und in der Konsequenz hat man sich dann für diesen Weg entschieden. Das ist aber eine freie unternehmerische Entscheidung. Insoweit könnte sie das auch noch mal anpassen, genauso wie die unternehmerische Entscheidung der GEWOBA, die eine gesplittete Vorgehensweise ist. Das ist das wie in der Antwort dargelegt unternehmensspezifisches Vorgehen.
Ralph Saxe
Frau Kollegin, noch eine Zusatzfrage? – Bitte sehr!
Sigrid Grönert CDU
Habe ich es dann bislang falsch verstanden, dass die BREBAU an diesem Verfahren festhalten muss? Anhand Ihrer Ausführungen komme ich zu dem Rückschluss, dass die BREBAU völlig frei ist, zu sagen: Wir machen es auch wie die GEWOBA oder wir machen es wie vor 2021 oder 2023, oder wann der Beschluss war. Ist das richtig?
Dr. Ralph Baumheier
Grundsätzlich ist es eine unternehmerische Entscheidung. Im Rahmen der durch das allgemeine Gleichstellungsgesetz vorgegebenen Rahmenbedingungen gibt es Varianten des Vorgehens. Die BREBAU ist der Auffassung, dass das nach den Erfahrungen der letzten Jahre insgesamt der bessere Weg ist. Die GEWOBA hat den Umstand, dass sie in Bestandswohnungen55 einen etwas anderen Weg gefunden hat, der aber auch zu diesem Ergebnis beiträgt. Das ist auch rechtlich geprüft worden, auch das entspricht den AGG-Vorgaben. Von daher wäre das theoretisch eine gleichartige Möglichkeit, das ist aber, wie gesagt, die Entscheidung des Unternehmens.
Ralph Saxe
Frau Kollegin, hat sich daraus noch eine Zusatzfrage ergeben? – Bitte sehr!
Sigrid Grönert CDU
Wenn ich „grundsätzlich“ höre und „Möglichkeit“ und so, dann habe ich den Eindruck, Sie wollen nicht einfach nur sagen: Ja, die BREBAU kann sich frei entscheiden. Ist das richtig?
Dr. Ralph Baumheier
Ich habe es vielleicht mit mehr Worten gesagt, ich kann das auch gerne mit den Worten sagen: Ja, das kann sie.
Ralph Saxe
Weitere Zusatzfragen sehe ich von hier oben nicht. Anfrage 3: Der Bremer Mehrwegservice – für wen fährt das Spülmobil? Anfrage der Abgeordneten Hartmut Bodeit, Dr. Wiebke Winter und Fraktion der CDU vom 17. Juni 2026 Herr Bodeit, stellen Sie Ihre Anfrage!
Hartmut Bodeit CDU
Wir fragen den Senat: 1. Wie oft wurde der Bremer Mehrwegservice (Spülmobil und Mehrweggeschirr) seit Beginn der Einweihung von welcher Organisation eingesetzt? 2. Welche Einnahmen wurden dadurch für welche Träger bis heute erzielt und in welchem Verhältnis steht der Erfolg zum Anschaffungspreis? 3. Nach welchen Kriterien wird der Bremer Mehrwegservice verliehen und welchen Organisationen in Bremen und Niedersachsen wurde aus welchen Gründen abgesagt?
Ralph Saxe
Für den Senat wird diese Anfrage von Bürgermeister Dr. Bovenschulte beantwortet.
Dr. Andreas Bovenschulte
Herr Präsident, meine Damen und Herren, für den Senat beantworte ich die Anfrage wie folgt: Zu Frage 1: Seit Projektstart Ende August 2024 wurde der Bremer Mehrwegservice von 19 Organisationen auf insgesamt 24 Veranstaltungen genutzt. Dazu gehören unter anderem die Musikszene Bremen beim Überseefestival, das Neustadt Stadtteilmanagement beim Summer Sounds, die Neue Gruppe Kulturarbeit für La Strada, die Breminale, aber auch Sportvereine wie der BSV oder ATS Buntentor. Hinzu kommen Organisation wie der Muslimische Hochschulbund Bremen, DLRG Niedersachsen oder der BUND Bremen. Zu Frage 2: Der Bremer Mehrwegservice wird von Musikszene Bremen e.V. verwaltet. Mit dem Mehrwegservice ist keine Gewinnerzielungsabsicht verbunden. Um nachhaltige Veranstaltungen zu ermöglichen, wird lediglich eine Nutzungsgebühr zur Deckung der laufenden Kosten wie KfzVersicherung, Steuer, Wartung oder TÜV erhoben. Die Gebührenhöhe ist gestaffelt und für gemeinwohlorientierte Organisationen geringer als für Unternehmen. Sie liegt aktuell zwischen 150 und 300 Euro pro Tag. In Summe betragen die Einnahmen durch den Verleih per Juli 2026 5 300 Euro. Der Erfolg des Bremer Mehrwegservice im Vergleich zum Anschaffungspreis ist ökonomisch und ökologisch zu bemessen. Zum einen konnten Veranstalter:innen durch ein verringertes Müllaufkommen, die geringere Miete des Mehrweggeschirrs und den Verzicht auf einen Großküchenservice zum Spülen des Geschirrs Kosten einsparen. Durch das Vor-Ort-Spülen entfielen die Transporte zu den Dienstleistern, zum Beispiel nach Hannover, wodurch neben den Kosten auch CO -Emissionen eingespart wurden. Zum anderen hat der Einsatz des Bremer Mehrwegservice die Sauberkeit auf den genutzten Flächen verbessert und somit die Aufenthaltsqualität erhöht. Besucherinnen und Besucher der Veranstaltungen empfanden das Mehrwegsystem als sehr positiv im Vergleich zu Einweggeschirr. Darüber hinaus kann es als Erfolg gewertet werden, dass viele Gastronominnen und Gastronomen eigene Mehrweglösungen einsetzen. Zu Frage 3: In erster Linie wird der Mehrwegservice, wie mit Anschaffung vorgesehen, an die Festivals in Bremen zur umwelt- und ressourcenschonenden Durchführung vermietet. Darüber hinaus steht der Service ebenfalls gemeinwohlorientierten Initiativen, Vereinen, Verbänden und sozialen Einrichtungen zur Verfügung. Durch eine Kooperation mit dem „Bündnis für Mehrweg“ können auch die entsprechenden Mitgliedsunternehmen den Mehrwegservice in Anspruch nehmen. Darüber hinaus gibt es keine festen Kriterien. Bisher mussten sechs Anfragen abgelehnt werden. Dies geschah in den meisten Fällen aufgrund von Terminüberschneidungen mit Festivals in Bremen, welche Vorrang bei den Buchungen haben. Bedauerlicherweise musste den unterstützenswerten Veranstaltungen wie dem Sommerfest auf der Stadtteilfarm Huchting oder dem Sodenmattseefest abgesagt werden. – So weit die Antwort des Senats!
Ralph Saxe
Herr Kollege, gibt es eine Zusatzfrage? – Bitte sehr!
Hartmut Bodeit CDU
Sie sagten gerade oder ich habe das Ihrer Antwort so entnommen, dass erst mal geguckt wird, dass kein Gewinn erzielt wird, aber dass die Kosten tatsächlich reingeholt werden sollen. Sie hatten auch damals in dem Zeitungsbericht gesagt, dass dieser Zuschuss – der war damals bei 50 000 insgesamt, wenn ich das richtig eruiere – aber durch die Verleihung wieder eingebracht werden soll. Wie weit ist man da oder auf welchem Weg befinden Sie sich da?
Dr. Andreas Bovenschulte
Wir haben zuerst die Erfahrung gemacht, dass die Kosten, die Nutzungsgebühren zu gering sind und man nur die laufenden Kosten wieder reinholt. Da hatten wir eine kleine Differenz zum Beispiel im Jahr 2025. Dann haben wir die Kosten von 100 auf 150 Euro für die gebührenreduzierten Nutzer erhöht; 300 Euro sind es für die nicht gebührenreduzierten Nutzer geblieben. Dadurch haben sich die Einnahmen 2026 im ersten Halbjahr schon positiv entwickelt. Ob wir dadurch einen nennenswerten Refinanzierungsbeitrag für die Rückzahlung des Zuschusses erwirtschaften können, das bleibt abzuwarten. Das erste Halbjahr war jedenfalls schon eine Steigerung gegenüber 2025 im vergleichbaren Zeitraum.
Ralph Saxe
Herr Kollege, haben Sie eine weitere Zusatzfrage? – Bitte sehr!
Hartmut Bodeit CDU
Mich würde noch mal interessieren: Wie haben Sie das Spülmobil in der Stadt bei den Vereinen und den Institutionen beworben? Ich höre oft, dass verschiedene Institutionen gar nicht wissen, dass es so was gibt.
Dr. Andreas Bovenschulte
Wir versuchen natürlich über die Kanäle von Veranstaltungszusammenschlüssen und im Kulturbereich, aber auch im wirtschaftlichen Bereich – da gibt es Überschneidungen bei den Veranstalterinnen und Veranstaltern – immer wieder deutlich zu machen, dass es das gibt. Das spricht sich auch bei dem Festivalbetreiberinnen und Festivalbetreibern herum. Ich will aber nicht ausschließen, dass es auch noch Betreiberinnen und Betreiber gibt, die davon nicht gehört haben. Insofern bleibt es eine dauerhafte Aufgabe, immer wieder darauf hinzuweisen und deutlich zu machen, dass es diese Möglichkeit gibt. Grundsätzlich kann aber ein Eigeninteresse der Veranstalterinnen und Veranstalter unterstellt werden, weil das für die eine kostengünstige Möglichkeit ist, das zu organisieren; das muss denen nicht aufgezwängt werden. Sie haben abr recht, mehr Öffentlichkeitsarbeit kann bestimmt nicht schaden.
Ralph Saxe
Herr Kollege Bodeit, hat sich noch eine Zusatzfrage ergeben? – Bitte sehr!
Hartmut Bodeit CDU
Das mit mehr Werbung kann ich nur unterstützen. Wir sprechen ja auch darüber und deswegen hatten wir auch gefragt, wer genau es macht, damit wir den Hinweis auf die Webseite geben können. Mich würde in dieser Hinsicht interessieren, weil das auch Fragen sind, die oft von außen gestellt werden: Inwiefern stellt sich hier ein Wettbewerb zur freien Wirtschaft dar? Es gibt auch Leute, die professionell Geschirrspülwagen oder Spülmaschinen vermieten, aber nicht subventioniert sind, sondern das auf eigenes Risiko machen. Inwiefern sehen Sie da eine Wettbewerbsverzerrung oder einen Wettbewerb überhaupt?
Dr. Andreas Bovenschulte
Theoretisch ist das sicherlich möglich. Wir haben da allerdings noch keine konkreten Auseinandersetzungen, geschweige denn rechtliche Auseinandersetzungen. Das ist möglicherweise vom Umfang, in dem das gegeneinandersteht, dann doch zu gering, weil die entsprechenden professionellen Anbieter wahrscheinlich zu Recht davon ausgehen, dass Summer Sounds und Breminale und die anderen Anbieter dann einfach gar nichts beauftragen würden, anstatt zur Konkurrenz zu gehen. Deshalb ist mein Eindruck nicht, dass wir uns den Markt streitig machen, sondern da sind wir, wenn ich ganz ehrlich bin, im Vergleich zu professionellen Anbietern in einer Nische tätig.
Ralph Saxe
Weitere Zusatzfragen sehen wir von hier oben nicht. Anfrage 4: Entwicklung der Fahrgastzahlen bei der BSAG Anfrage der Abgeordneten Tim Sültenfuß, Sofia Leonidakis und Fraktion Die Linke vom 17. Juni 2026 Die Anfrage stellt der Kollege Sültenfuß!
Tim Sültenfuß Die Linke
Wir fragen den Senat: 1. Wie haben sich die Fahrgastzahlen bei der BSAG im Jahr 2025 entwickelt? 2. Wie haben sich die Fahrgastzahlen in den ersten fünf Monaten des Jahres 2026 bei der BSAG entwickelt und kann daraus schon eine Prognose für das Gesamtjahr 2026 abgeleitet werden? 3. Welche Auswirkungen haben Entwicklungen der Fahrgastzahlen auf die Netzplanung der BSAG?
Ralph Saxe
Die Anfrage wird beantwortet von Staatsrat Dr. Baumheier.
Dr. Ralph Baumheier
Herr Präsident, sehr geehrte Damen und Herren! Für den Senat beantworte ich die Anfrage wie folgt: Zu Frage 1: Im Jahr 2025 beförderte die BSAG 108,3 Millionen Fahrgäste. Dieses ist eine Steigerung um rund 200 000 Fahrgäste gegenüber dem Vorjahr. Damit wurde der bisherige Fahrgastrekord aus dem Jahr 2024 nochmals übertroffen. Zu Frage 2: Die Fahrgastzahlen liegen im ersten Halbjahr 2026 etwas niedriger als im Vorjahreszeitraum. Dieses wird maßgeblich auf die Sperrung der Bürgermeister-Smidt-Brücke für den ÖPNV in den Monaten Januar bis April 2026 zurückgeführt. Im Sommer dieses Jahres werden weitere Angebotsausweitungen umgesetzt, sodass die BSAG aktuell für das Gesamtjahr 2026 von einem ähnlichen Fahrgastaufkommen wie 2025 ausgeht. Zu Frage 3: Die BSAG verfolgt bei der Netzplanung einen stufenweisen Ansatz, der im Verkehrsentwicklungsplan der Stadt Bremen definiert ist. Im Mittelpunkt stehen die Erschließung und Optimierung nachfragestarker Strecken auf den Hauptachsen des Straßenbahn- und Busnetzes in den Stufen 1 und 2. Ziel ist es, die Kapazitäten und das Angebot dort weiter zu stärken, wo die größte Nachfrage besteht. Somit orientiert sich der Netzausbau an der Fahrgastnachfrage. In weiteren Stufen werden gezielt Angebotsplanungen für bestimmte Nutzergruppen entwickelt, beispielsweise für die Anbindung von Gewerbegebieten oder Quartieren. So wird mit Anpassungen im Netz flexibel auf die unterschiedlichen Mobilitätsbedürfnisse in Bremen reagiert und eine flächendeckende Erreichbarkeit gewährleistet. – So weit die Antwort des Senats!
Ralph Saxe
Herr Kollege, gibt es Zusatzfragen? – Bitte sehr!
Tim Sültenfuß Die Linke
Ich würde gerne wissen, ob Sie angesichts der diversen geplanten Angebotsausweitungen im Jahr 2027 auch schon für das nächste Jahr eine Prognose wagen würden.
Dr. Ralph Baumheier
Eine Prognose, was die Fahrgastzahlen angeht? Wir gehen davon aus, oder die BSAG geht davon aus, dass trotz der brückenbedingten Probleme in den ersten Monaten dieses Jahres durch die Angebotsausweitungen zum Herbst hin, die jetzt in diesen Tagen dann freigeschaltet sind, entsprechend das sehr gute Ergebnis des Vorjahres wieder erreicht wird. Von daher würde ich mir jetzt mit allen Vorbehalten trotzdem einen gewissen Optimismus gönnen, dass wir auch im nächsten Jahr von entsprechend guten Zahlen ausgehen können. Eine konkrete Zahl, da bitte ich um Verständnis, die würde ich mir jetzt aber nicht zutrauen.
Ralph Saxe
Herr Kollege, haben Sie noch eine Zusatzfrage? – Bitte sehr!
Tim Sültenfuß Die Linke
Konkrete Zahlen habe ich nicht erwartet, aber das heißt, wir können schon davon ausgehen, dass nächstes Jahr, wenn dann die Erweiterung Linie 1 fertig ist, dass dann die Fahrgastzahlen steigen werden und dass auch die Metrobusse zu einer Steigerung der Fahrgastzahlen führen ab nächstem Jahr? Davon würden Sie schon ausgehen?
Dr. Ralph Baumheier
Davon gehe ich auf jeden Fall aus. Ich denke, das ist auch die Haltung der BSAG, und das ist letztlich auch insgesamt die Zielsetzung, die wir mit der Angebotsoffensive uns vorgenommen haben, dass wir damit insgesamt den ÖPNV noch attraktiver machen.
Ralph Saxe
Weitere Zusatzfragen liegen nicht vor. – Wir bedanken uns für die Beantwortung. Anfrage 5: Wie ist der Stand beim Kulturflächenkataster? Anfrage der Abgeordneten Ole Humpich, Thore Schäck und Fraktion der FDP vom 17. Juni 2026 Bitte sehr, Herr Kollege!
Ole Humpich FDP
Wir fragen den Senat: 1. Wie ist der aktuelle Stand bei der Erfassung von Kulturorten, und welche Akteure sind beteiligt? 2. Durch wen wird das Kulturflächenkataster gepflegt und aktuell gehalten? 3. Inwiefern wird es vom Bauressort herangezogen, um Nutzungskonflikte zu erkennen, und inwieweit informiert das Tool, wenn Bebauungspläne in unmittelbarer Nähe von Kulturorten entstehen oder geändert werden?
Ralph Saxe
Beantworten darf diese Anfrage für den Senat Staatsrat Dr. Baumheier.
Dr. Ralph Baumheier
Herr Präsident, sehr geehrte Damen und Herren! Für den Senat beantworte ich die Anfrage wie folgt: Zu Frage 1: Die Erfassung der Kulturorte ist mittlerweile abgeschlossen. Die Veröffentlichung des Kulturflächenkatasters ist nach der Sommerpause 2026 geplant. Die zugrundliegenden Daten stammen aus der ersten Jahreshälfte 2025 und wurden unter Einbeziehung der bremischen Kulturszene erhoben. Eingebunden waren unter anderem die Verbände der Kulturszene, die Kulturorte entsprechend der Erhebung vertreten. Zudem sind die Einträge mit dem Senator für Kultur abgestimmt. Zu Frage 2: Es wird in Zukunft eine regelmäßige Erhebung der Kulturorte stattfinden, vergleichbar mit der Erhebung von Einzelhandelsdaten. Der Turnus hierfür wird aktuell zwischen den Ressorts abgestimmt. Die Federführung für die Erhebung liegt bei der Senatorin für Bau, Mobilität und Stadtentwicklung und erfolgt in enger Zusammenarbeit mit dem Senator für Kultur sowie den Kulturverbänden auf Basis der Beteiligungs- und Förderberichte des Senats. Zu Frage 3: Das Kataster wurde als Grundlage für die Erarbeitung des Berichts zur Kulturflächenentwicklung erarbeitet und dient der Stadtgemeinde Bremen als Übersicht bestehender Kulturorte. Eine rechtsverbindliche Wirkung im Rahmen von Baugenehmigungsverfahren entfaltet es nicht. Es soll als Indikator dienen, um mögliche Vorhabenkonflikte frühzeitig zu erkennen. In der Bauleitplanung soll das Kataster als Belang kultureller Bedürfnisse gleichwohl Berücksichtigung finden. Eine automatisierte Schnittstelle zwischen dem BauleitplanInformationssystem und dem Kulturflächenkataster ist derzeit noch nicht vorgesehen. – So weit die Antwort des Senats!
Ralph Saxe
Herr Kollege, gibt es Zusatzfragen? – Bitte sehr!
Ole Humpich FDP
Wenn Sie über Kulturorte sprechen – in der Deputation sind es meistens klassischerweise Theater –, sind auch die Clubs wie Schlachthof beispielsweise oder Tower mitintegriert und mitgemeint in diesem Kulturkataster?
Dr. Ralph Baumheier
Es sind grundsätzlich alle Kulturorte, die Publikumsverkehr erzeugen, gemeint. Insofern ist es schon ein sehr breiter Blick auf die Kulturlandschaft in der Stadt Bremen. Insoweit ist auch die Frage nach der regelmäßigen Aktualisierung eine, die einen entsprechenden Aufwand erzeugt. Deswegen sind wir da noch in der Abstimmung, wie oft wir uns das dann gemeinsam zutrauen. Der Blick an sich und das, was man jetzt in Kürze dann auch im entsprechenden Geodatenportal sich anschauen kann, das ist aber schon ein sehr breiter Blick auf die kulturelle Landschaft in Bremen.
Ralph Saxe
Weitere Zusatzfragen liegen nicht vor. – Wir bedanken uns für die Beantwortung. Anfrage 6: Wie fördert der Senat den inhabergeführten Einzelhandel in der Innenstadt? Anfrage des Abgeordneten Dr. Emanuel Herold und Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN vom 18. Juni 2026 Bitte sehr, Herr Kollege!
Dr. Emanuel Herold GRÜNE
Wir fragen den Senat: 1. Mit welchen Instrumenten und auf Basis welcher übergreifenden Strategie fördert der Senat die Ansiedlung von Einzelhändlern in der Innenstadt? 2. Welche Ansiedlungen in der Innenstadt konnten in den letzten drei Jahren erfolgreich unterstützt werden, und in welchen Fällen handelt es sich bei den Neueröffnungen um Filialen von Einzelhandelsketten und in welchen um inhabergeführte Betriebe? 3. In welchen Fällen erfolgte nach der Ansiedlung mittlerweile eine Schließung, und sieht der Senat den Bedarf, Instrumente und Strategien zur Förderung insbesondere des inhabergeführten Einzelhandels in der Innenstadt weiterzuentwickeln?
Ralph Saxe
Diese Anfrage wird beantwortet für den Senat von Senatorin Vogt.
Kristina Vogt
Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Abgeordnete! Für den Senat beantworte ich die Anfrage wie folgt: Vorbemerkung des Senats: Die Bremer Innenstadt steht vor der größten Transformation seit der Nachkriegszeit. In Anlehnung an den Aktionsplan „Centrum Bremen 2030+“ werden mehrere Großprojekte wie der Umbau des Karstadt-, des C&A- und des ehemaligen Horten-Gebäudes, der Abriss und Neubau auf dem Areal des Parkhauses Mitte sowie die Ertüchtigung des Konzerthauses „Die Glocke“ und Neuentwicklung des Balgequartiers den mehrjährigen Umbau des Zentrums prägen. Das historische Sparkassengebäude am Brill wird auch neu entwickelt. Hinzu kommen weitere Bauvorhaben zur Klimaanpassung, Digitalisierung sowie der Ausbau des Fernwärmenetzes, die Umwandlung von Gewerbe in Wohnraum sowie weitere, kleinere Bauvorhaben in zentraler Lage. Ziel ist die Umwandlung von reinem Einzelhandel in einen lebendigen Stadtraum, der ergänzt wird um Wohnen, Kultur, Gastronomie sowie neue Wegebeziehungen. Dies wird als Chance verstanden, um die Innenstadt für die Herausforderungen der kommenden Jahre weiterzuentwickeln. Zu Frage 1: In der durch den Senat Ende 2021 beschlossenen Strategie „Bremen Centrum 2030+“ wird im Handlungsfeld 3 „Nutzen und Erleben“ die Entwicklung neuer Handelskonzepte und -lagen aufgeführt. Dies soll unter anderem durch die Aktivierung leerstehender Immobilien für gewerbliche Concept-Stores, Pop-up-Stores et cetera erfolgen. Hiermit soll auch der Nutzungsmix gefördert werden. Die WFB Wirtschaftsförderung Bremen GmbH (WFB) verfügt über ein professionelles Ansiedlungsmanagement, mit dem sie den Kontakt zu Betreibern von sowohl filialbetriebenen als auch inhabergeführten Konzepten sucht und eine Ansiedlung in Bremen beziehungsweise der Bremer Innenstadt aktiv unterstützt. Des Weiteren ergänzten temporäre Nutzungen insbesondere während der Coronazeit die klassischen Sortimente der Innenstadt. Hier hatte die WFB mit Pop-Up-Store-Wettbewerben agiert, unter anderem, um das Thema Zwischennutzung langfristig zu etablieren. Durch das von der WFB betriebene Leerstandsmanagement werden Leerstände gefüllt und belebt. Der Ansatz war und ist in erster Linie die Impulsfunktion und eine möglichst nachhaltige Entwicklung. Es wird insbesondere darauf geachtet, dass es sich um wirtschaftliche Konzepte handelt, aber auch um neue, innovative Ansätze, die das Potenzial haben, sich zu etablieren. Dazu zählen zum Beispiel das Konzept Contemporary Crafts Studio, eine zweijährige Nutzung einer Fläche mit Kreativschaffenden und Nutzungen, die neue Zielgruppen und Akteur:innen in die Innenstadt holen. Zudem wurden in der Vergangenheit Akteur:innen bei der Umsetzung neuer innerstädtischer Nutzungsformen auch durch Bundesmittel finanziell unterstützt, indem sie für einen begrenzten Zeitraum eine vergünstigte Miete – Herleitung auf Basis der Ladenfläche pro Quadratmeter – innerstädtischer Immobilien angeboten bekamen. Die Maßnahmen der letzten Jahre wurden unter anderem finanziert über das Aktionsprogramm Innenstadt (API) 2020/2021, den Zukunftsfonds Innenstadt (ZFI) 2021-2023 und das Bundesprogramm Zukunftsfähige Innenstädte und Zentren (ZIZ) 2023-2025. Die Anschubfinanzierung soll auch weiterhin im Rahmen einer Richtlinienförderung im Auftrag von SWHT durch die WFB umgesetzt werden. Die Förderung wird als Anschubfinanzierung für Investitionskosten konzipiert, um Ansiedlungshürden in der kritischen Anfangsphase zu mindern und weiterhin Anreize für die Neueröffnung beziehungsweise Neuansiedlung von Einzelhandelsgeschäften, Gastronomie-, Handwerks- oder kundenorientierter Dienstleistungsbetriebe in der Bremer Innenstadt zu schaffen. Ziel ist es, die neue Fördergrundlage im Herbst 2026 zu veröffentlichen. Neben den Aktivitäten der WFB haben sich Immobilieneigentümer:innen der Gebiete Ansgarikirchhof, Sögestraße, Hanseatenhof und Balgequartier dazu entschieden, ihre Quartiere auch mit eigenen Mitteln aufzuwerten. Durch das Instrument der BIDs (Business Improvement Districts) wird aus diesen privaten Mitteln von insgesamt knapp 4 Millionen Euro den Besucher:innen unter anderem mehr Sauberkeit, eine höhere Aufenthaltsqualität sowie ein besseres Sicherheitsgefühl geboten. Nicht zuletzt erfolgt derzeit die Sanierung und Aufwertung des Ansgarikirchhofs mit LuKIFG-Mitteln im Auftrag der SWHT, umgesetzt durch die WFB. Mehr Aufenthaltsqualität, Barrierefreiheit und Infrastruktur für verschiedenste Veranstaltungen werden dem Einzelhandel und der Innenstadt zugutekommen. Zu Frage 2: Durch finanzielle Unterstützung konnten seit 2023 die folgenden Filialen für die Bremer Innenstadt gewonnen werden: Motel a Miio, Cinnamood, tepeMen, Rooks & Rocks, HiFi Klubben und Pincho Nation. Ebenfalls durch finanzielle Unterstützung konnten die folgenden inhabergeführten Betriebe in der City angesiedelt werden: Sebastian Fahrrad, ROSA PINK, (Con)temporary Crafts Studio (CCS), Innovations- und Kreativkontor von syniotec (mit Farsø), Gastrobetrieb Frölichs (VHS), Café Vinyl (Am Wall). Durch Unterstützung der WFB, die bei der Vermittlung geeigneter Flächen behilflich ist oder ihre Lotsenfunktion in Bezug auf die Zusammenarbeit mit Behörden übernimmt beziehungsweise Hilfen bei Genehmigungsverfahren anbietet, konnten Filialen von NEW YORKER (Umzug an den Ansgarikirchhof), TK Maxx und Søstrene Grene in der Bremer Innenstadt angesiedelt beziehungsweise gehalten werden. Darüber hinaus hat die WFB in den vergangenen Jahren auch Bestandskunden-Wettbewerbe durchgeführt, die sich gezielt an die inhabergeführten Geschäfte der Bremer Innenstadt gerichtet haben. Insgesamt konnten drei Wettbewerbe durchführt und dabei fünfzehn Unternehmen gefördert werden. Beim jüngsten Wettbewerb konnten dann allerdings mangels Beteiligung nicht mehr alle Preise vergeben werden, sodass dieses Instrument zunächst nicht fortgeführt wurde und derzeit analysiert wird. Zu den Bestandskunden-Gewinnern der letzten Jahre zählten unter anderem (Auszug): Made in Bremen (damals noch an der Stadtwaage), HUDDY (Bischofsnadel), Ristedt (Ansgarikirchhof), Schnitträume (Am Wall) und Café Minkens. Das ist, glaube ich, hier im Katharinenklosterhof? Zu Frage 3: Unter den neu angesiedelten Einzelhandelsunternehmen erfolgte beim Unternehmen tepeMen inzwischen eine Schließung. Durch die weiterhin auf dem Markt herrschende Dynamik im Einzelhandel ist der Bedarf für die Beratung durch die WFB sowie die Nutzung von Ansiedlungsinstrumenten weiter groß. Das Interesse an Bremen und der Innenstadt ist seitens Einzelhandels- und Gastronomiefilialisten weiterhin hoch. Dies wird auch durch die sehr gute Akzeptanz der Veranstaltungsformate der WFB belegt. Hier sind insbesondere der regelmäßig stattfindende Immobilienwirtschaftliche Dialog als Austauschformat mit Immobilieneigentümer:innen der Innenstadt sowie das ebenfalls regelmäßig stattfindende Expansionsleiter:innentreffen hervorzuheben. Letzteres enthält einen Rundgang durch die Innenstadt, die Präsentation von aktuell leerstehenden Flächen sowie der aktuell in Planung befindlichen Bauvorhaben, Fachvorträge sowie das anschließende Networking mit den Expansionsleiter:innen. Durch die Anschubfinanzierungen der vergangenen Jahre konnte die Innenstadt mit neuen Angeboten belebt werden. Dieses Instrument für innovative Handelskonzepte wird aufgrund anhaltender wirtschaftlicher Unsicherheiten auch weiterhin für die im Umbau befindliche Innenstadt benötigt. Das Förderinstrument stellt zwar keinen Garanten dar, dass jegliche Konzepte dauerhaft verwirklicht werden können, dennoch haben die vergangenen Jahre gezeigt, dass mit den Beratungs- und Vermarktungsbemühungen der WFB passende und innovative Nutzungen gewonnen und unterstützt werden konnten, die überwiegend nachhaltig Bestand haben. – So weit die Antwort des Senats!
Ralph Saxe
Herr Kollege Herold, haben Sie noch Zusatzfragen? – Bitte sehr!
Dr. Emanuel Herold GRÜNE
Es zieht sich ja an den vielen durchaus erfolgreichen Aktivitäten durch das Motiv der Leerstandsbekämpfung. Ich wollte jetzt einmal noch fragen: Ist es in praktischer Hinsicht so, dass durch die WFB an den Stellen, wo bisher Einzelhandel war, auch wieder prioritär Einzelhandel etabliert werden soll? Oder wird strategisch tatsächlich daran gearbeitet, dass man sich in bestimmten Lagen von dieser Nutzung verabschiedet und stattdessen andere Funktionen, ob es nun Gastronomie oder Dritte Orte sind, etabliert? Genau das Letztere haben wir mit einigen
Kristina Vogt
Wettbewerben versucht. Wir haben allerdings festgestellt, auch schon bei Wettbewerben vor zwei oder drei Jahren, dass es sehr, sehr schwierig war, für Einzelhandelsflächen anschließend zum Beispiel Gastronomiebetriebe zu gewinnen. Wir hatten tatsächlich Wettbewerbe, die sich ausschließlich an Gastronomie gewandt hat, ich glaube, damals noch aus dem Aktionsprogramm Innenstadt oder dem Aktionsfonds, also einem der ersten beiden Landesinstrumente, und haben festgestellt, dass wir zwar leerstehende Immobilien hatten, aber der Aufwand, diese in gastronomische Immobilien umzuwandeln mit allem, was gebraucht wird – Küche, Tresen, Kühlmöglichkeiten – von den Investitionen her sehr hoch ist. Deswegen ist das eigentlich nur mäßig erfolgreich gewesen. Ich glaube, eine Transformation ist geglückt, bei allen anderen war es dann eher so, dass sich die Gastronomie, also die Bewerbenden dann eher für Immobilien interessiert haben, in denen schon gastronomische Betriebe waren, weil der Investitionsaufwand deutlich geringer ist. Nichtsdestotrotz ist das immer Bestandteil, weil wir auch wissen, dass nur der vernünftige Mix die Innenstadt am Laufen halten wird. Es ist zwar immer noch so, dass insbesondere das Bremer Umland und auch die Besucher:innen der Innenstadt aus den entfernteren Stadtteilen bei Befragungen als erstes Ziel immer „Shoppen“ angeben, das wird aber deutlich weniger und verlagert sich mehr hin zu einem Gesamterlebnis mit Kultur, auch mit Gastronomie. Umgekehrt wissen wir, dass die Einzelhändler:innen nur dann langfristig Erfolg haben werden, wenn Menschen sich aufhalten. Das gilt sowohl für konsumfreie wie auch Angebote für Konsumenten, und da zählt natürlich ganz klar die Gastronomie zu. Ohne Kneipen weniger Einzelhandel, würde ich mal sagen, oder ohne Restaurants oder Cafés.
Ralph Saxe
Herr Kollege hat sich noch eine Zusatzfrage ergeben? – Bitte sehr!
Dr. Emanuel Herold GRÜNE
Ich hätte noch eine Zusatzfrage, was die Welt des Einzelhandels selbst betrifft. Sie haben auch das Beispiel der Schließung von tepeMen in den Antworten genannt. Das Unternehmen ist finanziell gefördert worden und hat dann nach relativ kurzer Zeit wieder geschlossen. Es war ein dritter Herrenausstatter, nachdem es schon zwei in der Innenstadt gab. Meine Frage ist: Wie achtet die WFB darauf, dass solche Bestandskonkurrenzen vermieden werden, damit sich so was nicht wiederholt? Gibt es über die Bekämpfung des Leerstandes hinaus auch so was wie einen kuratorischen Blick auf die Gesamtheit des Einzelhandels in der Innenstadt?
Kristina Vogt
Den gibt es. Was wir allerdings nicht machen werden, ist sozusagen einen VEB (Volkseigener Betrieb) Einzelhandel, weil ein paar Sachen sind natürlich auch marktgetrieben, und wir werden eine gewisse Konzentration nicht verhindern können, ob nun mit oder ohne WFB. Wenn man jetzt an den Ansgarikirchhof guckt, da hatte man mit Ristedt einen inhaberbetriebenen Einzelhandel im Bereich DOB (Damenoberbekleidung). Dann kam Appelrath Cüpper, ohne, dass es jeweils eine Förderung dazu gegeben hat und jetzt der NEW YORKER. Da kann man sagen: Okay, ist das auf so engem Raum gut? Es ist aber auch der Markt, und am Ende des Tages glaube ich, dass es insgesamt richtig ist, dass wir überhaupt DOB oder auch Herrenoberbekleidung in der Innenstadt haben, weil ich denke nicht, dass die Menschen nur wegen eines einzigen Angebots in die Innenstadt kommen. Das halte ich für eine Illusion, weil die Leute wollen auch mal gucken und entscheiden können, und auch gucken: Ist es irgendwo günstiger? Haben die andere Marken? Ich denke nicht, dass wir gut beraten sind, da Vorgaben zu machen. Ich weiß aber nicht, ob die – –. Die WFB hat natürlich klare Kriterien, aber ob sie wirklich Vorgaben hat, soundso viel Textilien oder soundso viel Spielwarenhändler dürfen in die Innenstadt, das wage ich zu bezweifeln. Das würde ich auch für kontraproduktiv halten.
Ralph Saxe
Herr Kollege Herold, gibt es noch eine Zusatzfrage?
Dr. Emanuel Herold GRÜNE
Eine letzte kurze Nachfrage, da das jetzt ein bisschen ein Missverständnis war, glaube ich, in dem, was ich nachgefragt habe: Sind wir uns darin einig, dass wir es vermeiden wollen, Ansiedlungen finanziell zu fördern, die dann nach kurzer Zeit wieder in Schließung enden?
Kristina Vogt
Ja, natürlich sind wir da – –, aber man kann das nicht ganz ausschließen. Nicht jede Förderung ist erfolgreich, und ich glaube auch, man muss mit Förderungen immer in Maßen umgehen. Es war aber trotzdem richtig, angesichts dieser großen Herausforderung der Transformation der Innenstädte, die auch schon vor Corona unter Druck standen, durch den Onlinehandel, mit Konzepten zu begegnen. Wir haben in Bremen das Glück gehabt, in der Coronazeit weitaus weniger Leerstand zu haben durch diese Maßnahme als andere Innenstädte, was dazu geführt hat, dass wir in die Bundesförderung gerutscht sind. Das Geld haben wir natürlich gerne genommen. Ich glaube aber, alles wird man nicht steuern und fördern können und wie gesagt, ich würde das auch nicht für zielführend halten.
Ralph Saxe
Noch eine Zusatzfrage gibt es vom Kollegen Fricke.
Holger Fricke BA-Gruppe
Wir von der BA-Gruppe haben Einzelhändler und Markthändler in der Innenstadt besucht, und sie haben sich bei uns besonders über die extrem lautstarken Demos an den Wochenenden beschwert. Einige haben sogar drüber nachgedacht, ihr Geschäft aufzugeben, weil sie das so fertig gemacht hat. Ich weiß, das Demonstrationsrecht ist ein extrem hohes Gut unserer Demokratie. Wird da über Abhilfe nachgedacht, dass man vielleicht die Demonstrationsstrecken umlegt oder dass man sie auf andere Tage verlegt?
Kristina Vogt
Ehrlich gesagt ist das nicht mein Ressort, da kann ich nichts zu sagen, aber ich würde jetzt sagen, dass Demonstrationen mit Sicherheit ein hohes Gut sind oder überhaupt Versammlungen. Öffentliche Versammlungen sind durch das Grundgesetz geschützt. Die Frage müssten Sie vielleicht tatsächlich an das Innenressort richten, weil wir führen diese Verhandlungen nicht.
Kristina Vogt
Wir sind nicht das Innenressort. Wir führen keine Verhandlungen mit Anmeldern von Demonstrationen oder öffentlichen Veranstaltungen. Selbst bei Veranstaltungen, die keinen Demonstrationscharakter haben, gibt es Genehmigungen durch das Ordnungsamt und nicht durch die Wirtschaftsbehörde. (Abgeordneter Elombo Bolayela [SPD]: Das muss man doch wissen!)
Ralph Saxe
Herr Kollege, gibt es noch eine Zusatzfrage? Wissen Sie denn von diesen
Holger Fricke BA-Gruppe
Problemen? Sind Einzelhändler auch an Sie ran getreten?
Kristina Vogt
Es stand nun schon mehrfach in der Zeitung. Natürlich sind wir damit konfrontiert, und ich lese den Weser-Kurier auch. Die Einzelhändler, mit den ich persönlich zu tun habe – und das sind eine ganze Menge – haben aber tatsächlich im Moment vorwiegend auch andere Sorgen, die auch übrigens weniger auf die Bremer Innenstadt bezogen sind, sondern tatsächlich eher auf ein konkurrierendes Umfeld. Das ist vor allen Dingen tatsächlich der Onlinehandel. Der nimmt zu. Ich meine, ich bin – –, ich kann mal – –. Gestern war ich bei Karstadt, weil ich Schuhe brauchte, kann ich hier ja freimütig erzählen, und da waren Frauen in meinem Alter, die haben sich die Schuhe angezogen, fotografiert und sind dann rausgegangen, um sie sich online zu bestellen. Das ist etwas, was mir sehr, sehr viele Schuhhändler und Schuhhändlerinnen schon seit Jahren berichtet haben. Deswegen haben auch Läden wie Meineke et cetera aufgehört, weil sie gesagt haben, sie können sich die hohen Ladenmieten und das Personal nicht mehr leisten. Damals haben sie immer gesagt, die „jungen Deerns“, aber jetzt sind es offensichtlich auch schon 60-Jährige, die das machen. Das wird dazu führen, dass man irgendwann mal keine Schuhe mehr anprobieren kann, weil es keine Schuhhändler mehr gibt. Ich glaube, das ist das größere Problem, und das Bewusstsein. Alle meckern darüber, dass es zu wenig Einzelhändler gibt und dass man keine Anzüge mehr anziehen kann. Wenn mir aber Vorstände sagen, dass sie die Anzüge hier anprobieren und dann im Internet bestellen, dann wird es irgendwann schwierig, das kriegt man auch durch politische Verordnungen nicht in den Griff. Ich will nicht sagen, dass Demonstrationen nicht problematisch sind. Das ist immer – –. Wenn man in der Straßenbahn sitzt und kommt nicht weiter, ist jeder irgendwann mal genervt. Trotzdem ist es ein hohes Gut. Ich glaube aber, der Hauptgrund für die Situation vom Einzelhandel in Innenstädten, aber auch in Quartieren ist tatsächlich vor allen Dingen der Onlinehandel. Frau Senatorin, weitere Zusatzfragen sehe ich
Ralph Saxe
nicht, machen wir weiter mit der Anfrage Nummer 7. Anfrage 7: Bearbeitungsstau im Migrationsamt: Senat muss rechtssichere Verfahren gewährleisten Anfrage der Abgeordneten Sigrid Grönert, Dr. Wiebke Winter und Fraktion der CDU vom 23. Juni 2026 Frau Grönert, Sie stellen die Fragen.
Sigrid Grönert CDU
Wir fragen den Senat: 1. Wie viele Einbürgerungsanträge sind in den Jahren 2024 und 2025 jeweils eingegangen, wie viele Verfahren wurden abgeschlossen, und wie hoch war der Bestand offener Verfahren jeweils zum Jahresbeginn oder Jahresende? 2. Wie lange betrug die durchschnittliche Bearbeitungsdauer von Einbürgerungsverfahren in Bremen in den Jahren 2024 und 2025, wie viele Verfahren waren zum Jahresende 2025 länger als 12 beziehungsweise 24 Monate anhängig, und wie erklärt der Senat den starken Rückgang erledigter Verfahren im Jahr 2025 von fast 25 Prozent? 3. Wie hat sich die personelle Ausstattung im Migrationsamt in den letzten drei Jahren entwickelt, und wird sie aktuell für ausreichend gehalten? Welche organisatorischen Maßnahmen hat der Senat ergriffen, um Rückstände abzubauen, ohne Abstriche bei der Prüfung der Einbürgerungsvoraussetzungen zu machen?
Ralph Saxe
Die Anfrage wird für den Senat beantwortet von Senatorin Dr. Eva Högl.
Dr. Eva Högl
Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete! Für den Senat beantworte ich die Anfrage wie folgt: Zu Frage 1: Im Jahr 2024 gingen 6 200 Einbürgerungsanträge ein, im Jahr 2025 waren es 5 147. Im Jahr 2024 wurden insgesamt 4 367 Verfahren erledigt. Davon endeten 4 041 mit einer positiven Einbürgerungsentscheidung, 17 mit einer Ablehnung und 309 aus sonstigen Gründen, beispielsweise durch die Rücknahme des Antrags oder einen Wegzug. Im Jahr 2025 wurden insgesamt 2 921 Verfahren erledigt. Davon endeten 2 613 mit einer positiven Einbürgerungsentscheidung, 18 mit einer Ablehnung und 290 aus sonstigen Gründen. Der Bestand offener Verfahren kann aufgrund von Beschränkungen bei der statistischen Auswertung aus dem IT-Fachverfahren des Migrationsamtes nicht vollständig automatisiert erhoben werden. Die Erhebung des Fallbestandes erfolgt daher durch manuelle Zählung. Bei den folgenden Angaben handelt es sich deshalb um Näherungswerte. (Präsidentin Antje Grotheer übernimmt den Vorsitz.) Der Bestand offener Verfahren umfasste demnach zum 31. Dezember 2023 circa 9 500, zum 31. Dezember 2024 circa 11 300 und zum 31. Dezember 2025 circa 13 500, wovon sich rund 3 900 Fälle in der vertieften Prüfung befanden. Zu Frage 2: Zur Wahrung der Gleichbehandlung aller Antragstellerinnen und Antragsteller werden Einbürgerungsanträge grundsätzlich in der Reihenfolge ihres Eingangs bearbeitet. Im Migrationsamt Bremen werden derzeit noch Anträge aus dem dritten Quartal 2023 in die abschließende Bearbeitung genommen. Die durchschnittliche Dauer der vertieften Prüfung eines Einbürgerungsantrags wird nicht statistisch erfasst. Wann ein Verfahren abgeschlossen werden kann, hängt wesentlich vom jeweiligen Einzelfall ab. Verzögerungen können insbesondere entstehen, wenn erforderliche Nachweise fehlen, die Voraussetzungen für die Sicherung des Lebensunterhalts noch nicht abschließend beurteilt werden können oder eine weitergehende Identitätsklärung erforderlich ist. Die betreffenden Verfahren können bis zur Vorlage und Prüfung dieser Belege nicht abgeschlossen werden und werden daher in Absprache mit den Antragstellerinnen und Antragstellern zurückgestellt, um eine zwischenzeitliche Ablehnung des Antrages zu vermeiden. Wesentliche Ursachen des Rückgangs waren ein gestiegener Prüfaufwand in komplexen Verfahren, insbesondere aufgrund der verschärften gesetzlichen Anforderungen zum Nachweis der Lebensunterhaltsicherung des im Juni 2024 in Kraft getretenen Staatsangehörigkeitsmodernisierungsgesetzes und ein nicht in entsprechender Dimension steigerbares Personalvolumen. Zu Frage 3: Das Beschäftigungsvolumen des Migrationsamtes ist seit 2023 von rund 140 VZE auf rund 156 VZE im Juli 2026 gestiegen. Bis zum Jahresende 2026 wird es auf rund 160 VZE erhöht. Dies entspricht gegenüber 2023 einem Zuwachs von 20 VZE. Bezogen auf den Einbürgerungsbereich wurde das Personalvolumen seit 2023 von 14,08 VZE auf 36,51 VZE in 2026 erhöht. In dem Aufwuchs des Einbürgerungsbereichs sind auch 10 VZE enthalten, die dem Migrationsamt seitens des Senators für Finanzen für das Front Office zur Verfügung gestellt wurden. Aufgrund der deutlich angestiegenen Fallzahlen im Migrationsamt sind weitere Maßnahmen der Prozessoptimierung und Digitalisierung in der Entwicklung vorgesehen, um mit dem Personalvolumen zukünftig die Bearbeitungsmenge bewältigen zu können. Dazu zählen OZG-Anträge und der Einsatz von KI. – So weit die Antwort des Senats!
Antje Grotheer
Frau Abgeordnete, haben Sie eine Zusatzfrage? – Bitte sehr!
Sigrid Grönert CDU
Frau Senatorin, die Vorgaben sind ja überall gleich, in allen Bundesländern. Was machen denn die anderen Bundesländer anders, dass dort der Rückstand bei Weitem nicht so hoch ist wie bei uns?
Dr. Eva Högl
Der Hauptgrund für unseren Rückstand – und das betrachten Sie, meine Damen und Herren Abgeordnete, jetzt bitte nicht als Klage über zu wenig Personal –, der Hauptgrund ist, dass wir seit Jahren im Migrationsamt zu wenig Personal haben. Wenn ich nur mal den Bereich der Einbürgerung mir anschaue, dann haben sich die Anträge auf Einbürgerung – und das ist eine gute Nachricht – seit 2017 vervierfacht. Wir haben auch sehr dafür geworben, dass Menschen, die die Voraussetzungen erfüllen, sich bereiterklären und den Antrag stellen, Deutsche werden zu wollen. Im Migrationsamt ist in exakt dieser Zeit, also seit 2017, das Personal aber lediglich verdoppelt worden. Das kann nicht funktionieren. Wir haben deutlich zu wenig Personal, insbesondere im Bereich Einbürgerung, und das ist Ihnen, meine Damen und Herren Abgeordnete, auch bekannt, dass wir versucht haben, mit Front Office mit den zehn VZE, die ich eben erwähnt habe, die Anträge zügig abzuarbeiten, die Halde zu reduzieren. Wir haben jetzt die E-Akte eingeführt, zum 13. Juli dieses Jahres, wir arbeiten jetzt daran, Künstliche Intelligenz einzuführen, und wir nutzen alle Möglichkeiten, die wir haben, aber ich sage es ganz deutlich: Wir könnten viel besser sein und viel schneller sein, wenn wir in Sachen Personal auskömmlich ausgestattet wären.
Antje Grotheer
Frau Abgeordnete, haben Sie eine Zusatzfrage? – Bitte sehr!
Sigrid Grönert CDU
Das mit dem Personal gebe ich mal an die Senatsfront weiter, daran werde ich nichts ändern können. Wird denn den Antragstellenden, die sehr lange warten müssen, zwischendrin, um Unsicherheiten zu minimieren, auch mal eine Rückmeldung über den Bearbeitungsstand gegeben?
Dr. Eva Högl
Ja, wir versuchen das selbstverständlich. Wir versuchen, im Austausch mit den Antragstellerinnen und Antragstellern zu sein, wir fragen auch nach. Das erhöht natürlich auch den Stress für die Kolleginnen und Kollegen im Migrationsamt, das will ich Ihnen ganz deutlich so sagen, wie es ist. Denn die Zeit, die sie am Telefon Fragen beantworten oder E-Mails beantworten, die fehlt ihnen für die Prüfung der Anträge. Deswegen versuchen wir auch, die Prozesse fortlaufend zu optimieren: auch der Einsatz von Künstlicher Intelligenz, auch die Nutzung der Anträge, die online eingereicht werden können. Gerade im Bereich von Einbürgerung darf uns aber nichts durchrutschen, ich sage das ganz deutlich. Das heißt, wir müssen wirklich sehr sorgfältig prüfen. Die Kolleginnen und Kollegen im Migrationsamt prüfen jeden Antrag sorgfältig, und sie machen das mit dem klaren Ziel: Wenn die Voraussetzungen vorliegen, soll die Person eingebürgert werden. Man könnte, glaube ich, auch schneller mal den einen oder anderen Antrag abbügeln. Das ist aber nicht unser Anspruch, sondern wir prüfen alle Urkunden, die vorgelegt werden, alle Voraussetzungen, auch zum Beispiel die Sicherung des Lebensunterhaltes, sehr gründlich und sehr sorgfältig, um den Personen gerecht zu werden.
Antje Grotheer
Frau Abgeordnete, haben Sie eine Zusatzfrage? – Bitte sehr!
Sigrid Grönert CDU
Da bin ich voll bei Ihnen, Frau Senatorin, dass geprüft werden muss. Manchen Antragstellenden entstehen aber ja Nachteile. Sie verbinden mit dem Antrag des Öfteren Ziele, unter anderem, dass sie wählen können, vielleicht aber auch wirtschaftlicher Art. Können Sie bitte benennen, welche Nachteile manchen Menschen entstehen und inwiefern Sie das wirklich für nachteilig halten?
Dr. Eva Högl
Ich halte das für ein riesengroßes Problem, dass wir derart lange Bearbeitungszeiten im Bereich Einbürgerung in unserem Migrationsamt haben. Das ist ein sehr ernstes Problem, das hier auch schon seit vielen Jahren bekannt ist und an dem wir gemeinsam mit einer gemeinsamen Kraftanstrengung arbeiten müssen. Ich möchte sehr gerne erreichen, dass die Anträge auf Einbürgerung sorgfältig – ich betone das noch mal –, aber zügig geprüft werden. Dazu sind wir im Moment leider nicht in der Lage. Das ist kein guter Zustand in unserem Migrationsamt, die Kolleginnen und Kollegen leisten mehr, als man eigentlich erwarten kann. Denen ist das ein Anliegen. Ich meine, der größte Nachteil ist, wenn ich Ihnen das so sagen darf, die Geringschätzung, die vermutet wird oder die Missachtung oder das Nichtgewollt-Werden für die betreffenden Personen. Denn es ist ja meistens ein Prozess. Eine Person überlegt sich: Jetzt bin ich soweit. Ich bin lange in Deutschland, ich spreche Deutsch, ich fühle mich hier wohl – jetzt möchte ich Deutscher oder Deutsche werden. Das ist individuell ein Prozess. Dann, finde ich, sollte es auch zügig gehen. Denn daran haben wir in Deutschland auch ein Interesse, dass die Personen, die hier lange leben, sich wohlfühlen in unserem Land, sich verbunden fühlen mit Deutschland, dass wir denen die deutsche Staatsangehörigkeit geben, wenn sie die Voraussetzungen erfüllten. Natürlich hat es aber auch andere Nachteile. Wir haben alle ein Interesse daran, dass möglichst viele Menschen an unseren Wahlen teilnehmen können, und auch wirtschaftlicher Erfolg hängt nicht selten auch an der Staatsangehörigkeit. Deswegen halte ich die langen Wartezeiten auf eine Einbürgerung für ein großes Problem. Ich will das überhaupt nicht kleinreden, ich möchte Ihnen aber mitgeben, dass wir wirklich alles tun im Migrationsamt, um die Zeiten zu verkürzen, und ich hoffe auch, dass jetzt durch die E-Akte und den Einsatz von KI wir ein Stück vorwärtskommen.
Antje Grotheer
Frau Senatorin, eine Zusatzfrage des Abgeordneten Humpich. – Bitte sehr!
Ole Humpich FDP
Frau Senatorin, gibt es eine Vorgabe, was Reaktionszeiten auf E-Mails oder beispielsweise Anrufe angeht, innerhalb des Migrationsamts?
Dr. Eva Högl
Wir sind gehalten, jeden Anruf und jede E-Mail zügig zu beantworten. Das heißt, jeder Stau ist etwas, der nicht sein sollte, das ist völlig klar. Das ist nur manchmal nicht zu bewerkstelligen, weil die Zeit fehlt, weil dann die Arbeit an anderer Stelle liegen bleiben muss. Die Kolleginnen und Kollegen im Migrationsamt sehen aber zu, dass sie möglichst allen, die ein Anliegen haben und nachfragen, wo ihr Anliegen steht, wie weit sie sind, dass sie das zügig beantworten. Das ist der Anspruch. Wir versuchen, dem gerecht zu werden. Deswegen auch zehn Personen im Front Office, weil wir genau da sehr niedrigschwellig mit den Antragstellerinnen und Antragstellern in Kontakt treten wollen. Je mehr wir digital machen können, je mehr wir die Urkunden digital prüfen können, je mehr wir die E-Mails digital beantworten können – das ist ja nicht so schlimm, wenn man zum Beispiel eine Eingangsbestätigung automatisiert hat –, umso besser wird es und umso mehr können wir unsere Halde auch abbauen.
Antje Grotheer
Herr Abgeordneter haben Sie eine Zusatzfrage? – Bitte sehr!
Ole Humpich FDP
Frau Senatorin, halten Sie sechs Monate Reaktionszeit für angemessen?
Dr. Eva Högl
Natürlich nicht, und ich weiß, dass es dazu kommt. Deswegen: Das wird kein fiktives Beispiel sein. Ich bin mir dessen bewusst, und ich sage es Ihnen noch mal: Es ist nicht akzeptabel, dass wir so lange Laufzeiten haben, und wir haben die Schwierigkeiten im Migrationsamt nicht nur im Bereich der Einbürgerung, sondern wir haben sie auch im Bereich der sonstigen Themen, also zum Beispiel Aufenthaltserlaubnisse. Ich habe jetzt aus dem gesamten Bereich der Behörde für Inneres noch mal Personal zusammengezogen aus allen Bereichen, also auch bei mir aus dem Stab, das betone ich ausdrücklich, also wirklich aus dem ganzen Bereich Personal zusammengezogen, um hier auch noch mal Halden abzubauen, um zu gucken, dass wir noch schneller werden können, E-Mails zügig zu beantworten, zu den jeweiligen Vorgängen zu sortieren. Wir sind wirklich – das kann ich Ihnen sagen und hoffe sehr, dass Sie mir das auch abnehmen – unter Hochdruck dran. Ich hätte nichts lieber als ein bestfunktionierendes Migrationsamt, das zügig die Fragen der Bürgerinnen und Bürger auch beantwortet. Da sind wir leider im Moment noch nicht.
Antje Grotheer
Herr Abgeordneter haben Sie eine Zusatzfrage? – Bitte sehr!
Ole Humpich FDP
Frau Senatorin, wie viele Fälle sind Ihnen denn bekannt, in denen Personen ihre Aufenthaltstitel verloren haben, somit illegal hier bei uns waren, obwohl sie integriert in Ausbildungsplätzen, in Sportvereinen unterwegs waren und aufgrund von viel zu langen Bearbeitungszeiten dann illegal hier bei uns in Bremen waren?
Dr. Eva Högl
Ich habe dazu keine Zahlen, weil wir in dem Moment, wo eine Aufenthaltserlaubnis droht, zu enden, sofort auf Wiedervorlage hier haben, dass wir eine Fiktionsbescheinigung ausstellen. Das heißt, wir prüfen dann in dem Moment nicht, ob die Aufenthaltserlaubnis verlängert werden kann, obwohl das das richtige Vorgehen wäre, sondern wir stellen erst mal eine Fiktionsbescheinigung aus, damit die Person nicht ihre Aufenthaltsberechtigung verliert, damit sie möglichst keine Nachteile hat. Ich weiß sehr wohl, dass trotzdem damit Nachteile verbunden sind, weil zum Beispiel nicht bei allen Arbeitgebern – das betrifft auch ausländische Studierende –, nicht bei allen Vermietern und Vermieterinnen, aber auch zum Beispiel bei einer Reise ins Heimatland und Wiedereinreise eine Fiktionsbescheinigung nicht immer vollständig anerkannt wird und deswegen auch zu Nachteilen führt. Ich bin mir dessen bewusst, auch das ist kein guter Zustand.
Antje Grotheer
Herr Abgeordneter haben Sie eine Zusatzfrage? – Bitte sehr!
Ole Humpich FDP
Frau Senatorin, diese Fiktionsbestätigung oder Fiktionsvorlage, wann wird die denn eingestellt und wann wird der Termin vereinbart? Wenn es zu spät ist oder vorher noch?
Dr. Eva Högl
Natürlich vorher. Die Personen bekommen rechtzeitig die Aufforderung, sich zu melden, um gegebenenfalls ihre Aufenthaltserlaubnis zu verlängern. Ich sage Ihnen aber auch ganz offen: Es gelingt nicht immer. Manchmal läuft sie ab, und dann wird es auch schwierig, die Fiktionsbescheinigung rechtzeitig zu erhalten. Das heißt, wir haben auch manchmal ein Gap zwischen Ende der Aufenthaltserlaubnis und Erstellung der Fiktionsbescheinigung. Genau deshalb habe ich jetzt auch noch mal zugesehen, dass dieses Gap nicht entsteht, dass wir noch mal mit einer gemeinsamen Kraftanstrengung zumindest da keine Lücke entstehen lassen.
Antje Grotheer
Weitere Zusatzfragen liegen nicht vor. – Wir bedanken uns für die Beantwortung. Damit ist die Fragestunde beendet.(Die vom Senat schriftlich beantworteten Seite 53045.) Wir kommen zum Tagesordnungspunkt 2: Aktuelle Stunde Für die Aktuelle Stunde liegen fünf Themen vor, und zwar erstens auf Antrag der Abgeordneten Heiko Strohmann, Marco Lübke, Dr. Wiebke Winter und Fraktion der CDU: „,Piep(e) egal?‘ – warum mehr als 2 000 Bürgerstimmen eine ernsthafte Antwort des Senats verdienen“; zweitens auf Antrag des Abgeordneten Thore Schäck und Fraktion der FDP: „Space Tech Expo verlässt Bremen: Welche Strategie hat der Senat für den Messestandort?“; drittens auf Antrag der Abgeordneten Volker Stahmann, Elombo Bolayela, Mustafa Güngör und Fraktion der SPD: „Ein starkes Signal für Bremens Kultur: Gemeinsam die Zukunft der Glocke gestalten“; viertens auf Antrag der Abgeordneten Kai-Lena Wargalla, Dr. Emanuel Herold und Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN das Thema: „CSD Bremen sicher und sichtbar: Versammlungsfreiheit schützen und queerfeindlicher Gewalt entschlossen entgegentreten“; und fünftens auf Antrag der Abgeordneten Sofia Leonidakis, Nelson Janßen und Fraktion Die Linke: „Gegen den Verfall: Wohnkonzerne in die Pflicht nehmen und Bremer Mieter:innen schützen“. Hinsichtlich der Reihenfolge der Themen wird nach der Reihenfolge des Eingangs verfahren. Ich höre keinen Widerspruch. Ich rufe jetzt das erste Thema der Aktuellen Stunde auf: ,Piep(e) egal?‘ – warum mehr als 2 000 Bürgerstimmen eine ernsthafte Antwort des Senats verdienen Dazu als Vertreter des Senats Senatorin Högl. Die Beratung ist eröffnet. Als erste Rednerin erhält die Abgeordnete Dr. Winter das Wort.
Dr. Wiebke Winter CDU
Sehr geehrte Frau Präsidentin, meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen! Bremen hat ein wachsendes Problem mit der offenen Drogenszene. An mehreren Orten erleben Menschen Drogenkonsum, -handel, Vermüllung und ein zunehmendes Gefühl von Unsicherheit im öffentlichen Raum. Auf der Beteiligungsplattform „BREMEN HANDELT“ haben sich viele Bürgerinnen und Bürger mit Orten gemeldet, an denen sie sich mittlerweile unsicher fühlen, vom Ziegenmarkt über den Findorff-Tunnel und die Wallanlagen bis hin zum Hauptbahnhof. An einem Ort zeigt sich das Problem besonders deutlich: an der Piepe in der Neustadt. Für uns als CDU ist klar: Wir wollen, dass sich alle Menschen in Bremen sicher fühlen können. (Beifall CDU) Vor einigen Tagen waren wir deshalb in der Neustadt vor Ort und haben uns mit den Bürgerinnen und Bürgern die Situation genau angesehen. Dabei kam ein Herr auf mich zu, der gar nicht lange politische Diskussionen führen wollte. Er erzählte mir einfach von seinem Alltag, von seiner Frau, die sich inzwischen in ihrem eigenen Stadtteil nicht mehr sicher fühlt, weil sie sexuell belästigt werden würde. Sie mag deshalb kaum noch rausgehen. Für uns ist klar: Das ist nicht akzeptabel. Wir wollen, dass Frauen sich zu jeder Tageszeit geschützt fühlen. (Beifall CDU) Eine Gewerbetreibende sagte ganz schlicht: „Ich habe hier Angst.“ Sie laufe nur noch mit einem Schlüssel in der Hand vom Auto in ihre Läden und achte darauf, wo sie ihr Auto parkt. Für uns ist klar: Wir wollen, dass die Bremerinnen und Bremer sicher zur Arbeit kommen können und sich so auch fühlen. (Beifall CDU) Anwohner berichten weiter von Urin und Fäkalien vor ihren Türen, von Diebstählen. Eine Bäckerei berichtet von aggressiver Bettelei und älteren Kunden, die inzwischen Angst bekommen. Selbst das Rotes Kreuz Krankenhaus braucht zusätzlichen Reinigungs- und Sicherheitsaufwand und findet Drogenutensilien in seiner Tiefgarage. Meine Damen und Herren, ich wünsche mir, dass wir uns alle in Bremen wohlfühlen können. Das geht nur, wenn wir gemeinsam dafür sorgen, dass Bremen sicher und sauber gehalten wird. (Beifall CDU) Über 2 000 Menschen haben sich zusammengeschlossen, weil sie gemeinsam wollen, dass die Piepe ein solcher sicherer und sauberer Ort ist, und wir stehen an ihrer Seite. Dabei ist die Forderung der Petition nicht „Augen zu und die Menschen irgendwohin verdrängen“, sondern, wie der Titel selbst sagt, die Auflösung des heutigen Szenetreffs. Dahinter steht die Erwartung, dass Politik einen Zustand, der ein ganzes Quartier belastet, nicht einfach verstetigt. Es gibt Orte wie die Friedrich-Rauers-Straße, wo Menschen einen Raum für den Drogenkonsum finden. Vor allem sollte es uns als Politik darum gehen, drogenabhängige Menschen beim Ausstieg zu unterstützen, anstatt immer neue Orte für den Konsum zu schaffen. (Beifall CDU) Was die Menschen in der Neustadt besonders frustriert: Trotz ihres großen Engagements wird die Situation immer schlimmer. Zwar wurden die Vorkommnisse an der Piepe im Beirat mehrfach beraten, ein runder Tisch wurde einberufen und der grüne Beiratssprecher bezeichnete die Situation vor Ort als „brutal“. Meine sehr geehrten Damen und Herren, wenn selbst der Beiratssprecher die Belastung als brutal bezeichnet, dann müssen wir über die Realität an der Piepe wohl nicht mehr streiten. Was allerdings dennoch nicht passiert ist: dass sich die Situation für die Menschen in der Neustadt verbessert hätte. Das ist das Problem, meine Damen und Herren. (Beifall CDU) Ich möchte daher heute dafür plädieren, dass wir den Menschen vor Ort zuhören, dass sie wissen: Wir sind da, Politik ist da, denn die momentane Situation schafft nur eins: Frust. Die Menschen wollen keine schönere Verwaltung des Problems. Sie wollen die Beendigung des Szenetreffs an diesem Standort. Sie engagieren sich, und wir sollten ihr Engagement ernst nehmen. (Beifall CDU) Sehr geehrte Damen und Herren, für uns ist klar: Der öffentliche Raum gehört uns allen. Niemand darf sich daher abfinden müssen, dass Drogenhandel, Angst und Verwahrlosung zum normalen Alltag eines Stadtteils werden. Wir wollen ein Bremen, das sicher ist, das sauber ist, in dem sich die Menschen wohlfühlen – egal ob am Feierabend, auf dem Weg zur Schule, zur Arbeit oder in die Kita. Meine sehr geehrten Damen und Herren, wir müssen uns heute die Frage stellen: Finden wir uns mit Problemen ab oder lösen wir sie? Ich habe eine klare Haltung: Wir müssen den Szenetreff an der Piepe auflösen. Bremen braucht keine Politik, die erklärt, warum etwas nicht geht. Bremen braucht eine Politik, die handelt, und wir müssen jetzt gemeinsam mit den Bürgern in der Neustadt für Sicherheit sorgen. Gemeinsam machen wir Bremen stark. – Vielen Dank! (Beifall CDU)
Antje Grotheer
Als nächster Redner der Abgeordnete Degenhard. Abgeordneter Cord Degenhard (BIW): Sehr geehrte Frau Präsidentin, meine Damen und Herren! Seit über anderthalb Jahren erleben die Menschen in der Neustadt, in der Südervorstadt und im Buntentor, wie sich ihr Alltag verändert. Über 2 000 Bürgerinnen und Bürger haben eine Petition unterzeichnet, weil sie nicht mehr zusehen wollen, wie ihr Quartier zum Schauplatz von offenem Drogenhandel, Beschaffungskriminalität und Gewalt wird. Ein Schusswaffengebrauch im Mai, Messerangriffe, tätliche Angriffe auf Frauen, aggressives Betteln vor der Oberschule am Leibnizplatz, vor dem Krankenhaus, das ist die Realität an der Piepe, keinesfalls Panikmache von Anwohnern. Die sehr umfangreiche und detaillierte Petition liest sich phasenweise wie das Szenario eines düsteren Endzeitfilms. Was macht der Senat? Ein runder Tisch, bei dem stolz Pflasterung, Zaun und ein fester Unterstand präsentiert werden – so, als ginge es hier um Stadtmöblierung und nicht um die Sicherheit von Kindern, Patienten und Patientinnen und Geschäftsleuten. (Beifall BIW) Die Stellungnahme der Sozialsenatorin liest sich wie eine Nichtantwort. Kein festes Angebot vor Ort, Streetwork auf freiwilliger Basis, und zur zentralen Forderung der Petition, der Auflösung des Szenetreffs, schweigt der Senat sich vollständig aus. Selbst die eigene Bürgerbeauftragte musste nach erneuten Bränden in der Neustadt per E-Mail nachfragen, wann der Petitionsausschuss sich endlich mit dem Fall befasst. Bis heute gibt es keinen Termin. Meine Damen und Herren, das ist genau die Politik, die den Menschen vor Ort das Gefühl gibt: Ihre Stimme zählt nicht. (Beifall BIW) Der Antrag der CDU trägt den treffenden Titel „Piep(e) egal“, und ich kann diese Frage nach allem, was wir gehört haben, nur bestätigen. Ja, den zuständigen Ressorts scheint es egal zu sein. Bemerkenswert ist auch die Doppelmoral, die in den Unterlagen der Petentin dokumentiert ist. Dasselbe Beiratsmitglied, das 2023 mit der Petition „Gebt uns die Lucie zurück“ die Verlegung der offenen Drogenszene vom Lucie-Flechtmann-Platz durchgesetzt hat, verteidigt heute den Verbleib der Szene an der Piepe mitten in einem Quartier mit Schule, Kindertheater, Seniorenheim und Krankenhaus. Die Anwohner haben recht, wenn sie eine rechtliche und ordnungspolitische Gleichstellung mit der Lucie einfordern. Für BÜRGER IN WUT ist klar: Wir stellen uns nicht gegen suchtkranke Menschen. Wir stellen uns dagegen, dass ein informeller Treffpunkt mitten in einem Wohnquartier ohne fachliche Standortprüfung faktisch zu einer Toleranzfläche verstetigt wird. (Beifall BIW) In der Nähe einer Schule, eines Krankenhauses und zweier Spielplätze. Wer Hilfe organisieren will, muss das an einem geeigneten Ort tun, nicht an einem der lautesten Konfliktpunkte der Stadt. Wir fordern deshalb erstens eine klare Entscheidung des Senats statt Vertagung auf September, zweitens einen dezentralen, verkehrsgünstig angebundenen Akzeptanzort abseits sensibler Einrichtungen, drittens konsequente Durchsetzung von Platzverweisen und Hausverboten und viertens echte Unterstützung für die betroffenen Gewerbetreibenden, die bereits Umsatzeinbußen und Ladenleerstand befürchten. Sicherheit, Sauberkeit und echte Hilfe schließen sich nicht aus. Sie entstehen aber nicht durch Pläne für einen hübscheren Unterstand. Die Menschen an der Piepe haben lange genug gewartet. Jetzt ist der Senat am Zug. Wir werden genau hinsehen, ob er handelt oder weiter nur zuhört. – Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! (Beifall BIW)
Antje Grotheer
Als nächster Redner der Abgeordnete Saxe.
Ralph Saxe GRÜNE
Frau Präsidentin, meine Damen und Herren! Frau Dr. Winter, Sie haben den grünen Beiratssprecher zitiert, der gesagt hat: Das ist brutal, was dort stattfindet. Ich glaube aber, Sie haben nicht mit ihm gesprochen, nehme ich an. Ich habe das getan. Der war bei uns in der Fraktionssitzung total aufgebracht über die Aktuelle Stunde, die Sie hier eingebracht haben. Das gehört zur Wahrheit auch dazu. (Abgeordneter Piet Leidreiter [BIW]: Na, das kann ich verstehen!) Den Treffpunkt an der Piepe gibt es seit Jahrzehnten, das wissen Sie auch. Das war wie an vielen Stellen in der Stadt eigentlich ein Treff für Menschen, die trinken. Der Kiosk ist auch da um die Ecke. Das ist etwas, was wir in der ganzen Stadt beobachten können, zum Beispiel auch da, wo ich viel unterwegs bin, am Elefanten, dass sich die Trinkerszene mit der Drogenszene mischt. (Abgeordneter Piet Leidreiter [BIW]: Gefährlich!) Ich sage, das kann gefährlich sein, das ist nun mal aber ein Fakt, dass es so ist, und man muss die Kraft des Faktischen dann irgendwie auch akzeptieren. Klar ist auch, dass das dort dadurch, dass da jetzt zwei Szenen sind, ein Ausmaß angenommen hat, das man so nicht akzeptieren kann. Das ist vollkommen klar. Trotzdem ist es so, dass das nun mal so ist. Wir haben diese Debatten um Drogenpolitik schon ganz oft geführt. Da haben Sie eigentlich im Prinzip gar nichts darüber gesagt. (Zuruf Abgeordneter Heiko Strohmann [CDU]) Wir haben bei den Drogen eine Veränderung. Wir haben Opioide mit dabei, die 40-, 50-mal stärker sind, als es zum Beispiel Heroin ist, die ganz stark wirken und die für die Menschen lebensbedrohlich sind. Da haben wir den entscheidenden Unterschied. Wir sagen nämlich, Schritt eins in der Drogenpolitik ist, dass wir erst mal dafür sorgen müssen, dass die Menschen überleben. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SPD, Die Linke) Das blenden Sie immer wieder aus. Ich glaube, ich weiß nicht, wann Sie zuletzt tatsächlich in der Friedrich-Rauers-Straße 22 gewesen sind, „Friedrich 22“ heißt das jetzt, und mit den Mitarbeitern dort gesprochen haben. Ich war am Freitag da. Ich habe mit denen gesprochen. Das ist eine wunderbare Einrichtung. Zwar ist es so, dass die CDU irgendwie so eine Allergie gegen „Comeback“ hat, das weiß ich auch. Die machen das aber super, und auch die Mitarbeiter:innen vor Ort machen das super. Die haben ganz klar gesagt: Wir machen hier in der Friedrich-Rauers-Straße Substitution. Wir machen einen Treffpunkt. Da können die Leute Tischfußball spielen. Wir haben einen Drogenkonsumraum, der sehr professionell aufgestellt ist. Die haben gesagt: Das, was da wieder vorgeschlagen wird, ist immer wieder dasselbe. Es wird verdrängt, ohne dass man eine Alternative findet an dieser Stelle, und das ist problematisch, (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) denn man wird diese Leute erst damit bekommen, dass sie eine Therapie machen, wenn man sie erst mal stabilisiert hat, und dafür braucht es solche Einrichtungen. Das verschweigen Sie völlig. Sie lassen die Menschen, die vom Tode bedroht sind, die süchtig sind, allein im Regen stehen. (Abgeordneter Rainer Bensch [CDU]: Quatsch!) Ich habe doch gar nichts gegen Therapie. Das machen die doch da. Wer macht denn Substitution? Das findet in der Friedrich-Rauers-Straße 22 statt. Schritt eins ist aber erst mal der Schritt, dass man die Leute fähig macht, dass sie therapiefähig werden. Das blenden Sie völlig aus, (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNE, SPD, Die Linke – Zuruf Abgeordneter Heiko Strohmann [CDU]) und das ist empathielos. Das ist wirklich empathielos. Sie lassen die Menschen allein und im Regen stehen. Das ist der ganz entscheidende Unterschied. Ich bin auch dafür, dass Drogendealer hart angefasst werden. Da gibt es doch überhaupt keinen Dissens. Ich bin natürlich dafür, dass es Therapie geben muss, dass es Ausstiegsangebote geben muss. Nur den Schritt, wie man da hinkommt, den haben Sie komplett ausgeblendet. Das ist tatsächlich ein Ausblenden eines entscheidenden Schrittes der Drogenpolitik nämlich: Wie schaffen wir es, dass die Leute da hinkommen, dass sie nicht mehr solche Treffpunkte missbrauchen und dass so etwas passiert, wie es da passiert ist? Dafür braucht es dezentrale Angebote. Wir haben hier alle miteinander debattiert einen Beiratsantrag, den haben wir auch weitgehend angenommen. Genau da haben wir den Beirat Neustadt gelobt, dass er Verantwortung übernimmt. Das hat er am Lucie-Flechtmann-Platz getan, da hat es dann eine Verlagerung zum Hohentorsplatz gegeben – ein gutes Beispiel. Heute wird das schön entsiegelt, da freue ich mich als Grüner auch darüber, ein tatsächlich super Projekt. Das ist aber das, was wir brauchen. Wir suchen doch in der Neustadt nach solchen Orten. Nur fragen Sie doch mal jemanden, der vermietet, ob er begeistert davon ist, dass wir so einen dezentralen Ort da schaffen. Das ist schwierig. Danach suchen wir. Händeringend suchen wir danach, dass wir solche Orte finden, um tatsächlich die Situation dort vor Ort auch zu verbessern. Wie gesagt, diesen Ort gibt es lange. Ich erkenne an, dass die Situation sich erheblich verschärft hat, dass wir etwas tun müssen. Natürlich muss es Streetworking an der Stelle geben. Natürlich muss man für Sauberkeit sorgen. Natürlich muss man dafür sorgen, dass dieser Platz nicht ausufert, indem man ihn begrenzt. Das sind alles auch nicht nur Lippenbekenntnisse. Das macht dieser Senat auch. Dieser Ort ist aber seit langer, langer Zeit akzeptiert. Wir müssen ihn so weit einhegen, dass es dort wieder funktioniert. Liebe CDU, stellen Sie sich der Verantwortung dieses ersten und viel größten Schrittes einer wirksamen Drogenpolitik: Wie schaffen wir es, dass die Menschen überleben und dass wir sie wirklich therapiefähig bekommen? Da bleiben Sie uns die Antwort immer wieder schuldig. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SPD, Die Linke – Abgeordneter Piet Leidreiter [BIW]: Aber wir schaffen es doch nicht!)
Antje Grotheer
Als nächster Redner – –. (Abgeordnete Dr. Wiebke Winter [CDU]: Ich würde gern eine Kurzintervention machen.)
Dr. Wiebke Winter CDU
Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrter Herr Kollege Saxe! Sie haben die Schwierigkeiten und Probleme hier sicherlich gut beschrieben. Es ist so, dass sich die Drogenszene auch an der Piepe immer weiter mit der Alkoholszene vermischt. Sie beschreiben natürlich auch richtig, dass es überall Schwierigkeiten gibt, was insbesondere die Substitution von neueren Drogen angeht. Bei all dem, was Sie hier beschrieben haben, blenden Sie aber eine Sache vollkommen aus, nämlich, dass es in Bremen ganz viele Menschen gibt, die einfach jeden Tag zur Arbeit gehen wollen, die zum Bäcker gehen wollen, die einfach sicher in ihrer Umgebung leben wollen und die auch ein Recht darauf haben, dass sie sicher in dieser Stadt leben können. Das haben Sie in Ihrer Rede nicht einmal erwähnt, (Beifall CDU) und manchmal frage ich mich dann wirklich, in welcher Stadt Sie eigentlich leben. (Abgeordnete Katharina Kähler [SPD]: Menschen verschwinden nicht einfach, Frau Winter! – Abgeordneter Nelson Janßen [Die Linke]: Vom Bahnhof weg und wieder zurück! – Zuruf Abgeordneter Volker Stahmann [SPD])
Antje Grotheer
Als nächster Redner erhält der Abgeordnete Zimmer das Wort.
Olaf Zimmer Die Linke
Frau Präsidentin, meine Damen und Herren! Mehr als 2 000 Menschen haben die Petition zur Situation an der Piepe unterschrieben. Diese Menschen haben ein Recht darauf, dass wir sie, ihr Anliegen und ihren Wunsch nach Sicherheit ernst nehmen. Genauso klar ist aber: Vertreibung, wie sie die CDU in der Neustadt offen fordert, ist keine Lösung. Damit verlagern wir das Problem nur 100 Meter weiter. (Beifall Die Linke, SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Wir müssen genau hinschauen. Wir sehen an der Oberfläche ein Drogenkonsumproblem, dahinter aber vor allem Verelendung. Menschen haben sich zu allen Zeiten berauscht, und das ist ihr gutes Recht. Entscheidend ist, unter welchen sozialen Bedingungen sie konsumieren. Wer Geld hat, eine Wohnung, einen Beruf, ein stabiles Umfeld, dessen Kokainkonsum bleibt meist unsichtbar hinter verschlossenen Türen, da kann man Manager oder Minister werden. An der Piepe hingegen sehen wir diejenigen, bei denen Sucht auf Armut trifft, auf Wohnungslosigkeit, auf psychische Erkrankung, auf ein Leben ohne gesichertes Einkommen. Der Bremer Senat schreibt in seinem Sachstandsbericht zur Drogenhilfestrategie über die Menschen in der offenen Drogenszene: Anhaltende gesellschaftliche Krisen und veränderte Drogenmärkte haben zu einem Aufkommen von Crack geführt, was die Verelendung dieser Menschen verstärkt und beschleunigt hat. Genau darum geht es. Auf der einen Seite ein globaler Milliardenmarkt, die Europäische Drogenagentur stellt in ihrem Bericht 2026 fest – die Kokainproduktion befindet sich auf einem historischen Höchststand, die Verfügbarkeit in Europa ist hoch –, und sie stellt ausdrücklich einen Zusammenhang her. Crack bleibt in mehreren europäischen Städten ein sichtbares und wachsendes Problem, begünstigt durch die hohe Verfügbarkeit von Kokain und die einfache Herstellung von Crack aus Kokainpulver. Auf der anderen Seite stehen Menschen, die durch unsere sozialen Netze gefallen sind. An Orten wie der Piepe treffen diese beiden Entwicklungen aufeinander. Die CDU schreibt, wir müssen suchtkranken Menschen Wege aus der Abhängigkeit eröffnen. Das klingt gut. Wie stellen Sie sich das praktisch vor? Glauben Sie ernsthaft, wir geben unseren Streetworkern die Telefonnummer einer Therapieeinrichtung, die gehen dann zur Piepe und sagen: Hey, ruf da doch mal an. Und ein Mensch, der seit Jahren auf der Straße lebt, Crack konsumiert und schwer erkrankt ist, sagt: Jo, Mann, gute Idee, bin ich gar nicht darauf gekommen. Oder geht es Ihnen am Ende um etwas ganz anderes? Ich habe den Verdacht, hinter Ihrer vermeintlich einfachen Lösung steckt eine autoritäre Antwort auf ein soziales Problem: Polizei, Verdrängung, Zwang. Diesen Dreiklang lehnen wir ab. (Beifall Die Linke, SPD) So funktioniert Suchthilfe nicht. Bevor ein Mensch überhaupt über Therapie nachdenken kann, braucht er häufig etwas viel Elementareres: einen Ort zum Schlafen, eine Dusche, etwas zu essen, medizinische Versorgung und Menschen, zu denen Vertrauen gewachsen ist. (Abgeordneter Heiko Strohmann [CDU]: Das findet da statt!) Deshalb brauchen wir niederschwellige Drogenhilfe – nicht, weil wir Sucht verharmlosen, sondern weil wir Menschen erst wieder in die Lage bringen müssen, ihr Leben zu gestalten. Nebenbei, werte Kolleg:innen von der CDU, Ihre Kürzungs- und Sanktionsorgane in Berlin wirken auf dieses Problem wie ein Brandbeschleuniger. Wer Probleme individualisiert, statt gesellschaftliche Ursachen zu erkennen beziehungsweise zu bekämpfen, wer soziale Sicherung schwächt und anschließend beim Einzelnen nach Therapie und Verhaltensänderung ruft, produziert die Verhältnisse mit, die er anschließend beklagt. (Beifall Die Linke, SPD) Ja, wir brauchen Sicherheit, und Drogenhandel in der jetzigen Form muss bekämpft werden. Bitte, wir überlassen einen Milliardenmarkt vollständig der Organisierten Kriminalität und wundern uns anschließend, dass Kriminelle ihn organisieren. Wer Dealern wirklich das Geschäft entziehen will, darf deshalb auch kontrollierte Abgabemodelle nicht tabuisieren. Das ersetzt Drogenhilfe nicht, aber es gehört zu einer ehrlichen Debatte. Zurück zur Piepe: Wir haben in Bremen eine Drogenhilfestrategie, deren Richtung stimmt. Die Beirätekonferenz hat im Frühjahr einstimmig ihre Umsetzung gefordert. Dazu gehören Therapie- und Ausstiegshilfen aber auch dezentrale Hilfen, Streetwork, medizinische Versorgung und Indooraufenthaltsmöglichkeiten. Genau da liegt unser konkretes Problem auch in der Neustadt. Wir brauchen Räume – Räume, um Menschen ein Dach über dem Kopf zu geben, sie drinnen zu versorgen und Wege von der Straße zu ermöglichen. Das hilft den Betroffenen, und es entlastet am Ende die Anwohner:innen. Das Gesundheitsressort sucht gemeinsam mit dem Beirat nach einer geeigneten Immobilie. Wenn uns aber Räume für soziale Infrastruktur fehlen, während gleichzeitig Gebäude wie das seit Jahren leerstehende Güldenhaus von Herrn Bremermann leerstehen bleibt, der mit Boden spekuliert, dann dürfen wir das nicht einfach als Naturgesetz hinnehmen. Eine Stadt ist mehr als ein Portfolio von Immobilienwerten. Wenn uns die Räume fehlen, während andere in dieser Stadt mit Leerstand und Boden spekulieren, dann sage ich: Holen wir sie uns doch einfach! – Besten Dank! (Beifall Die Linke, SPD)
Antje Grotheer
Als nächste Rednerin die Abgeordnete Kähler.
Katharina Kähler SPD
Sehr geehrte Frau Präsidentin, meine Damen und Herren! Die Situation an der Piepe beschäftigt die Menschen in der Neustadt, und sie belastet sie. Das nehmen wir genauso wie Sie, liebe CDU-Fraktion, sehr ernst. (Beifall SPD) Anwohnende, Gewerbetreibende, Besuchende und auch die häufig suchterkrankten Menschen vor Ort haben unterschiedliche Lebenslagen, Lebensweisen, und Politik muss diese zusammenbringen und darf dabei niemanden aus dem Blick verlieren. (Beifall SPD) Deshalb ist eines klar: Wir handeln in alle Richtungen. Wir lassen die Menschen vor Ort mit ihren Sorgen nicht allein. Unmittelbar sind ressortübergreifend wichtige Maßnahmen ergriffen worden. Die Reinigungsarbeiten wurden ausgeweitet, Streetwork und die Neustadtläufer sind verstärkt vor Ort, und auch Polizei und der Ordnungsdienst begleiten die Situation sehr intensiv und schreiten konsequent handelnd ein. Zudem wurde zeitnah ein runder Tisch mit breiter Beteiligung der relevanten Akteur:innen vor Ort initiiert, nicht, um Interessen wegzureden, nein, sondern um diese Interessen aufzunehmen und um gemeinsam Maßnahmen zu entwickeln. Das heißt nicht, dass nun schon alles gut ist. Genau das ist aber der richtige Weg, meine Damen und Herren. Denn eins sollten wir uns hier nicht vormachen: Die Situation an der Piepe lässt sich nicht mit einem einzelnen Beschluss vollständig auflösen. Menschen lösen sich nicht auf und verschwinden nicht einfach nur, weil jemand einen Ort oder einen Treffpunkt auflösen möchte. (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Die Linke) Hier wirken gesellschaftliche Ursachen zusammen, die an ganz vielen unterschiedlichen Stellen in unserer Stadt als soziale Spaltung spürbar werden. Wer diese Realität ignoriert, der wird der Lage vor Ort nicht gerecht. (Beifall SPD) Für uns gilt: Die Interessen der Anwohnenden sind genauso ernst zu nehmen wie die Würde und die Rechte der suchterkrankten Menschen vor Ort. Ordnung und soziale Verantwortung sind keine Gegensätze. Ein sauberer und sicherer öffentlicher Raum und ein menschenwürdiger Umgang mit Suchterkrankten, meine Damen und Herren, gehören zwingend zusammen. Das bedeutet aber nicht, dass wir einfach abwarten. Im Gegenteil, wir sorgen kurzfristig für Sicherheit, Sauberkeit und Entlastung. Gleichzeitig müssen wir mittel- und langfristig die Ursachen bearbeiten. Dazu gehört die niedrigschwellige soziale und gesundheitliche Hilfe in der Neustadt wie eine Einrichtung der Suchthilfe. Wir haben vorhin schon über das Thema der langen Immobiliensuche gehört, für die bislang leider noch kein geeigneter Standort gefunden werden konnte. Solange das so ist, werden wir auch im Umfeld die alltäglichen Situationen vor Ort nicht vollständig auflösen können, auch nicht rein ordnungsrechtlich. Dafür braucht es Orte, wo die Menschen hinkönnen. (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Die Linke) Genauso braucht es dafür auch ein hohes Fachverständnis von Suchterkrankungen, die nicht durch einfache Willensentscheidungen oder gar durch Zwang überwunden werden können. Genau dieses Fachverständnis, liebe CDU-Fraktion, haben wir hier im gesamten Diskurs der letzten Wochen und Monate von Ihnen immer wieder vermisst. (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Die Linke) Im Übrigen gehört für uns nicht dazu, soziale Träger der Suchthilfe, die Verantwortung vor Ort übernehmen für das Miteinander in unserer Stadt, und die wertvolle und wichtige fachliche Überlebenshilfe leisten, als aufgeblähte Sozialindustrie zu beschimpfen. Auch das ist nicht hilfreich. (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Die Linke) Wir verstehen sehr gut, dass die Belastungen vor Ort das Zusammenleben erschweren und haben einen hohen Respekt vor Ortsamt, Beirat und allen beteiligten Bürgerinnen und Bürgern vor Ort, die sich für die Piepe engagieren und sind sehr dankbar für die enge Zusammenarbeit. Deshalb erwarten wir natürlich auch von unserem Senat, hier weiter im engen Dialog zu bleiben und die bisherigen Maßnahmen konsequent umzusetzen und bedarfsgerecht weiterzuentwickeln, und haben auch keinen Zweifel, dass genau dies geschehen wird. Ihre Aktuelle Stunde aber, liebe CDU-Fraktion, ist ein komplett durchschaubares oppositionelles Manöver, mal wieder gegen unsere integrierte (Abgeordnete Dr. Wiebke Winter [CDU]: Die kriegen sie aber nicht von Ihnen!) Drogenhilfestrategie zu schießen. Die Piepe braucht kein politisches Getöse, sondern gut koordinierte Maßnahmen und Zusammenarbeit. Genau dafür stehen wir, und genau dafür steht dieser Senat. Er handelt, (Abgeordnete Dr. Wiebke Winter [CDU]: Wann waren Sie das letzte Mal da?) und er nimmt die Menschen ernst, genauso wie wir das tun. – Vielen Dank! (Unruhe CDU – Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Die Linke – Abgeordneter Heiko Strohmann [CDU]: Wir sind Ihnen einfach nicht gewachsen! Wir geben auf!)
Antje Grotheer
Als nächster Redner der Abgeordnete Humpich.
Ole Humpich FDP
Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Wir müssen heute einmal sehr deutlich aussprechen, was viele Menschen rund um die Piepe bewegt: Sie wollen diese Zustände nicht länger hinnehmen – den offenen Drogenkonsum vor ihren Haustüren, Spritzen und Müll, Kot und Urin in ihren Einfahrten, das Gefühl, bestimmte Orte und Wege meiden zu müssen und schon gar nicht, dass ihnen seit Monaten, wenn nicht gar Jahren erklärt wird, warum sie all dies so akzeptieren müssen. Die Menschen vor Ort erwarten zu Recht, dass ihre Interessen genauso ernst genommen werden wie die der Konsumierenden. Auch den Anwohnern und angrenzenden Einrichtungen steht Unterstützung zu, eben auch wie den Konsumierenden. Das Problem an der Piepe ist nicht vom Himmel gefallen. Der Bremer Senat reagiert nur noch panisch, statt proaktiv im Sinne der Bürgerinnen und Bürger zu handeln. Am Hauptbahnhof wurde der Druck erhöht, und die Drogenszene hat sich verlagert. Heute sehen wir neue Belastungsschwerpunkte in Findorff, im Viertel, am Hohentorspark und auch an der Piepe. Das, meine Damen und Herren, ist keine erfolgreiche Drogenpolitik, sondern dies ist nur eine Problemverschiebung. (Beifall FDP) Jetzt kommt der nächste Schritt. Anstatt dafür zu sorgen, dass dieser Zustand endlich beendet wird, diskutieren wir darüber, wie wir Aufenthaltsorte für Drogenkonsumierende noch angenehmer gestalten können. Da sagen wir ganz klar, meine Damen und Herren: Das kann doch nicht wirklich Ihr Anspruch sein! Die Menschen in der Neustadt erwarten von ihrem Staat nicht, dass der Drogenkonsum vor ihrer Haustür hübscher organisiert wird. Sie erwarten, dass er das Problem löst. Natürlich, meine Damen und Herren, braucht ein suchtkranker Mensch Hilfe. Drogenabhängigkeit ist eine Krankheit, und deshalb muss diesen Menschen auch geholfen werden. Das ist und bleibt weiterhin unsere Haltung als FDPFraktion, aber Hilfe bedeutet doch nicht, einen Zustand möglichst angenehm auf Dauer zu stellen. Hilfe muss eine Perspektive haben, und diese Perspektive muss am Ende der Ausstieg sein. Wenn ein Mensch bereit ist, aus der Sucht herauszukommen, dann brauchen sie schnell einen Therapieplatz. Sie brauchen Entgiftungsplätze und diese auch innerhalb von 24 Stunden. Es braucht am Ende nahtlose Übergänge in Therapie und auch Rehabilitation, und es braucht jemanden, der diese Menschen durch diesen gesamten Prozess begleitet. Genau dort müssen wir am Ende auch unsere Energie hineinstecken und nicht in die Frage: Wie machen wir den nächsten Konsumort angenehmer? Sondern: Wie bekommen wir die Menschen von der Straße aus der Sucht und zurück in ein selbstbestimmtes Leben? Genauso klar müssen wir aber auch sagen: Der öffentliche Raum gehört allen. Die Piepe ist kein Drogenkonsumplatz. Sie ist ein Ort für Menschen in der Neustadt, für Familien, für Kinder, für Nachbarn, für Menschen, die dort einfach sitzen und ihren Stadtteil genießen wollen. So in der Wunschvorstellung. Aktuell ist dies eher das Gegenteil. Diese Menschen haben auch ein Recht darauf, gehört zu werden. Wir dürfen nicht immer erst dann reagieren, wenn die Situation völlig eskaliert. Genau dieses Muster erleben wir seit vielen Jahren. Beschwerden werden größer, der Druck steigt, und irgendwann reagiert der Senat. Deshalb brauchen wir jetzt an der Piepe Hilfe und Ordnung gleichzeitig, Streetwork, schnelle Ausstiegsangebote, konsequentes Vorgehen gegen Dealer, Präsenz von Ordnungsdiensten, Sauberkeit und eine verbindliche Einbringung der Anwohner und am Ende, ja, auch eine Räumung des Platzes an der Piepe, denn die Menschen dort in der Neustadt verlangen nichts Unmögliches. Sie wollen nur ihren Stadtteil zurück, und wir finden, das ist nicht zu viel verlangt. (Beifall FDP)
Antje Grotheer
Weitere Wortmeldungen aus den Reihen der Abgeordneten liegen mir nicht vor. Deswegen erhält jetzt Senatorin Dr. Högl das Wort.
Dr. Eva Högl
Sehr geehrte Frau Präsidentin, meine sehr geehrten Damen und Herren Abgeordnete! Es ist schon gesagt worden, aber ich wiederhole das auch noch mal für den Senat: Das Anliegen von mehr als 2 000 Bürgerinnen und Bürgern, die sich mit ihrer Unterschrift für eine Veränderung am Szenetreff an der Piepe einsetzen, das nehmen wir als Senat sehr ernst, und das geht auch gar nicht anders. Insbesondere die drei Senatorinnen, die gerade hier sind, Senatorin für Gesundheit, für Soziales und für Inneres, wir kümmern uns sehr engagiert um die Umsetzung der Drogenhilfestrategie und um ganz konkrete Hilfe vor Ort und auch um eine Lösung von Problemen, die an einzelnen Standorten entstehen. Ich war am 15. Juli vor Ort an der Piepe im Gespräch mit den Petenten und Petentinnen, mit den Bürgerinnen und Bürgern dort. Ich habe einen Rundgang gemacht und mir die Lage angeschaut, so gehört sich das, so machen wir das, und ich verstehe die Sorgen der Anwohnerinnen und Anwohner und auch der Gewerbetreibenden sehr gut. Ich verstehe das. Es ist auch gut, dass wir heute darüber diskutieren. Wir haben gemeinsam darüber gesprochen, und die Anwohnerinnen und Anwohner haben ihre Lage erläutert, und sie haben mir auch gezeigt, wie sie die Lage empfinden, was sich verändert hat, wofür sie sich einsetzen und was sie erwarten. Meine Damen und Herren, ohne diesen Dialog geht es nicht. Wir müssen darüber gemeinsam miteinander sprechen. Das heißt aber nicht, dass wir immer alle einer Meinung sind. Wir haben unterschiedliche Ansätze, wir suchen und ringen um tragfähige Lösungen. Die Lage wie an der Piepe haben wir an einigen Stellen in unserer wunderschönen Stadt. Das ist so. Die haben wir, und das ist eine Belastung für alle Menschen drum herum. Wir haben Müll, wir haben Lärm, wir haben aggressives Verhalten durch Erkrankung oder durch Drogenkonsum, und wir haben damit auch ein Risiko für unsere Sicherheit, aber wir reagieren darauf, wir handeln, wir ergreifen Maßnahmen, wir nehmen das nicht tatenlos hin, sondern wir haben einen Ansatz und eine integrierte Strategie. Bezogen auf die Piepe kann ich Ihnen sagen: Wir kontrollieren regelmäßig. Das, was Sie, Herr Humpich, eingefordert haben, zu Recht, das findet statt. Der Ordnungsdienst ist dort regelmäßig (Abgeordneter Ole Humpich [FDP]: Deshalb läuft das ja auch so wunderbar!) und macht regelmäßige Kontrollen. Ich habe nicht gesagt, dass alles schon gut ist. Das habe ich nicht gesagt. Ich habe gesagt, wir reagieren mit Maßnahmen darauf, weil uns unterstellt wurde, dass wir zusehen und nichts tun. Die Polizei ist regelmäßig vor Ort, (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Die Linke) und wir haben auch eine gemeinsame Streife von Polizei und Ordnungsdienst. Wir haben gezielte Einsätze gegen Drogenhandel, wir haben Aktionen, dass der Müll weggeräumt wird, wir haben soziale Einrichtungen, die dort vor Ort sind, Streetwork, und wir haben auch eine ganze Reihe von präventiven Angeboten. Damit – ich betone es noch mal – sage ich nicht, dass alles gut ist, aber dass wir die Probleme sehen und dass wir zusehen, dass wir sie in den Griff bekommen. Das machen wir mit Polizei, mit Ordnungsdienst, mit dem Gesundheitsressort, mit der Stadtreinigung und mit dem Umweltbetrieb. (Vizepräsidentin Christine Schnittker übernimmt den Vorsitz.) Wir sorgen für Ordnung und Sicherheit, und wir wollen gleichzeitig Hilfe und Unterstützung anbieten, denn das Ziel muss sein – und ich sage es noch mal, es gibt keine einfache Lösung – eine Stadt, in der sich alle sicher fühlen und alle sicher sind, jederzeit und überall. Wir wollen saubere öffentliche Räume, wir wollen aber auch, dass Drogenabhängigen, Obdachlosen und psychisch Kranken geholfen wird. Die Menschen verschwinden nicht, meine Damen und Herren, wenn wir einen Treffpunkt plattmachen. Dann sind die Menschen nicht weg, sie sind weiter da. (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Die Linke) Ich sage das für den Senat noch mal: Die Bremer Drogenhilfestrategie ist richtig. Wir sind damit auf dem richtigen Weg, weil wir eine Kombination – dafür stehe ich heute hier – aus Polizei, Ordnungsdienst, also Sicherheit, haben, aber auch Sozialraum, Läuferinnen und Läufern und sorgen im besten Fall für ein gutes Umfeld. Ich will auch noch einen Satz zum Beirat sagen, meine Damen und Herren. Ich habe eben von Dialog gesprochen. Der Beirat kümmert sich. Er reagiert verantwortlich, und er bezieht alle Beteiligten ein. Es gibt einen runden Tisch. Der runde Tisch tagt, und – das kann man jetzt falsch finden, aber – der runde Tisch ist zum Ergebnis gekommen, dass es nicht richtig ist, dass es nicht zielführend ist, den Szenetreff an der Piepe vollständig aufzulösen. Das ist das Ergebnis des Beirates gewesen. Ich finde, wir müssen gucken, wie wir mit Augenmaß und mit Verantwortung eine gute Lösung hinbekommen, und vor allen Dingen sind erst mal alle Personen vor Ort gefragt. Deswegen nehme ich das ganz ernst, was der runde Tisch des Beirates entschieden hat und was er besprochen hat, und ersetze das nicht durch etwas anderes, sondern ich rufe noch mal dazu auf, und das ist das Grundproblem: Wir brauchen Flächen und Orte und Räume, wo Menschen sich treffen können und wo ihnen geholfen werden kann. Das möchte niemand in seiner oder ihrer Nachbarschaft, aber wir brauchen diese Räume. (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Die Linke) Deswegen sage ich noch mal: Nur durch eine Kombination aus all diesen Maßnahmen – für Polizei und Ordnungsdienst sage ich, wir sind am Start –, plus eine verantwortungsvolle Wahrnehmung dessen, was da ansteht, kommen wir zu einer möglichst guten Lösung. Das wird nicht eine Lösung sein, die allen gefällt. Ich hatte bei meinem Gespräch – letzter Satz – mit den Anwohnerinnen und Anwohnern, mit den Petentinnen und Petenten aber den Eindruck, dass sie offen sind für ein Gespräch, dass sie offen sind für diesen Dialog und dass sie das auch sehr gut fanden und wahrgenommen haben, dass der Senat, aber auch die Abgeordneten sich um ihre Anliegen kümmern. – Vielen Dank! (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Die Linke)
Christine Schnittker
Als Nächste hat das Wort die Abgeordnete Dr. Winter.
Dr. Wiebke Winter CDU
Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Ich glaube, wir müssen hier einmal festhalten, dass trotz der erheblichen Investitionen, die Sie hier bestreiten, man einfach feststellen muss, dass Sie den Menschen in Bremen – weder den Menschen, die abhängig sind, noch den Menschen, die sich hier aufhalten – eine Lösung angeboten haben, (Abgeordneter Volker Stahmann [SPD]: Sie doch auch nicht durchs Auflösen! Wo ist denn Ihre Lösung?) denn das Drogenproblem verschärft sich immer weiter, und das kann nicht angehen, sehr geehrte Damen und Herren! (Beifall CDU) Selbstverständlich müssen wir Hilfe finden für die Menschen, die drogenabhängig sind. Das ist etwas, was auch wir als CDU immer wieder betonen. Diese Menschen haben ein Recht auf Hilfe, aber sie haben kein Recht darauf, sich jeden Ort in der Stadt nehmen zu können und sich ihn auszusuchen, sondern es gibt Orte in Bremen, wo ihnen schon jetzt geholfen wird, und das ist die Friedrich-Rauers-Straße und nicht mitten in der Stadt an der Piepe, wo so viele Menschen zur Schule gehen wollen, in die Kita gehen wollen, einkaufen oder arbeiten wollen, meine sehr geehrten Damen und Herren. (Beifall CDU) Sehr geehrte Frau Senatorin Högl, ich glaube Ihnen sogar, dass Sie versuchen, mit der Polizei und dem Ordnungsdienst dort Abhilfe zu schaffen, selbst wenn das Ihren linken Kollegen, glaube ich, gar nicht immer passt. So habe ich jedenfalls Herrn Zimmer gerade vernommen. Grundsätzlich aber ist auch das keine langfristige Lösung, denn wir sehen, dass sich die Situation immer weiter verschärft. Deswegen müssen wir darüber reden, dass wir den Szenetreff abschaffen, dass wir neue Orte finden, die nicht in der Mitte der Stadt sind, sondern dass wir die designierten Räume, die wir in dieser Stadt schon haben, nutzen, um den Menschen vor Ort zu helfen, damit jeder in Bremen gerne wohnt. – Vielen herzlichen Dank! (Beifall CDU)
Christine Schnittker
Meine Damen und Herren, weitere Wortmeldungen liegen mir nicht vor. Deswegen beende ich jetzt das erste Thema der Aktuellen Stunde. Bevor ich das zweite Thema aufrufe, gebe ich noch mal die Restredezeit bekannt. Das ist für die SPD-Fraktion 15 Minuten, 45 Sekunden; CDU: 13 Minuten, 33 Sekunden; BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: 14 Minuten, 48 Sekunden; Die Linke 15 Minuten, 3 Sekunden; BIW: 15 Minuten, 24 Sekunden; FDP: 16 Minuten, 16 Sekunden: BA-Gruppe: 10 Minuten, Senat: 14 Minuten, 10 Sekunden. So, wir kommen zum zweiten Thema: Space Tech Expo verlässt Bremen: Welche Strategie hat der Senat für den Messestandort? Dazu als Vertreterin des Senats Frau Senatorin Vogt. Die Beratung ist eröffnet. Als Erster hat der Abgeordnete Schäck das Wort.
Thore Schäck FDP
Frau Präsidentin, sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Wir sprechen hier viel zu selten über das Thema Messen. Wir würden ganz gern an dieser Stelle mit Ihnen über die Space Tech Expo sprechen. Wenn wir über diese Messe sprechen, dann reden wir nicht über irgendeine Veranstaltung, sondern über ein Zukunftsthema, nämlich über das Zukunftsthema Raumfahrt. Wir reden über Europas größtes B2B-Event der Raumfahrtindustrie. Bei der Premiere vor einigen Jahren sprachen wir von über 2 600 Teilnehmern; heute, einige Jahre später, sprechen wir von über mehr als 12 000 Teilnehmern aus 67 Ländern. In diesem Jahr werden erstmals alle Flächen der ÖVB-Arena bis zur Halle 7 belegt sein. Das große Problem ist: Diese Messe ist bald weg. Ab 2027 wird sie in Frankfurt stattfinden. Warum ist das so? Der Veranstalter nennt als Grund für den Wechsel die begrenzten Kapazitäten des Bremer Messezentrums. Dieses Wachstum dieser Messe aber, was wir auch bei anderen Messen erlebt haben, das kam nicht über Nacht. Die Teilnehmerzahl hat sich seit der Premiere verfünffacht über viele Jahre. Deswegen ist doch die entscheidende Frage: Ab wann war eigentlich absehbar, dass die Messe an ihre Kapazitätsgrenzen stößt? Welche Alternativen wurden geprüft? Vor allem, mit Blick in die Zukunft: Wie kann es uns zukünftig gelingen, solche Messen gerade für solche Zukunftsthemen in Bremen zu halten? Das muss doch unser Ziel sein. Wir müssen hier in Bremen ein internationaler Messestandort sein, und wir müssen vor allem auch ein internationaler Messestandort bleiben, sehr geehrte Damen und Herren. (Beifall FDP) Das Ganze trifft Bremen als einen der stärksten Luft- und Raumfahrtstandorte Deutschlands. 140 Unternehmen, mehr als 20 Institute, 12 000 Beschäftigte, mehr als 4 Milliarden Euro Jahresumsatz für diese Branche. Gemessen an der Einwohnerzahl hat Bremen bundesweit die höchste Beschäftigungsdichte in der Luft- und Raumfahrt. Eine aktuelle Prognos-Studie zeigt Nettoumsätze in Deutschland von knapp 30 Milliarden Euro in einem durchschnittlichen Messejahr und allein 5,4 Milliarden Euro an Steuereinnahmen. Diese Zahlen zeigen noch einmal, welche Wirtschaftskraft in dem Faktor Messe steckt und wie viel Wirtschaftskraft und übrigens auch Steuereinnahmen mit Messen verbunden sind. Diese Messe, die für uns in Bremen so wichtig war und auch weiterhin wichtig sein sollte, die ist jetzt weg. Was sich dort abgespielt hat, das ist kein Einzelfall. Wir haben vor kurzer Zeit die Bremer Hydrogen Technology Expo 2023 erlebt. Sie war ausverkauft, mehr als 550 Aussteller aus aller Welt. Auch hier ein Zukunftsthema, es ging um das Thema Wasserstoff. 2024, vor zwei Jahren, ist sie nach Hamburg gewechselt, ausdrücklich mit dem Ziel, dass die Messe weiter wachsen möchte mit noch mehr internationalen Besuchern, was hier in Bremen nicht möglich gewesen wäre. Wir reden hier über zwei unterschiedliche Themen, zwei unterschiedliche Branchen, aber am Ende über dasselbe Ergebnis: Die Messe ist weg aus Bremen, und die Zukunft findet mal wieder woanders statt. Was wir uns hier in Bremen nicht leisten können, sehr geehrte Damen und Herren, ist, dass Messen in Bremen groß werden, dass sie erfolgreich werden, dass sie wachsen, dass sie Strahlkraft entwickeln, dass sie weiter wachsen wollen und dass sie dann aus Bremen abwandern, weil sie hier nicht mehr wachsen können. Das, sehr geehrte Damen und Herren, führt uns zur selben strategischen Frage: Was können wir tun und wie wollen wir dafür sorgen, dass wir zukünftig auch in Bremen weiterhin internationale Fachmessen halten, dass wir sie entwickeln können, dass sie hier wachsen können? Darauf, sehr geehrte Damen und Herren, weil es kein Einzelfall ist, muss der Senat eine Antwort finden. Wir wissen, dass Sie sehr bemüht waren beim Thema Space Expo, aber wir können uns doch nicht damit abfinden, dass Messen, die erfolgreich sind, gerade bei Zukunftsthemen dann irgendwann so groß geworden sind, dass wir schulterzuckend das hinnehmen und sagen: Dann sind sie halt weg. Wir müssen uns darüber Gedanken machen, wie es uns gelingen kann, diese Messen in Bremen zu halten, damit die Zukunftsthemen nicht nur in Frankfurt oder in Hamburg stattfinden, sondern auch weiterhin hier in Bremen, wo diese Themen groß geworden sind. – Vielen Dank! (Beifall FDP)
Christine Schnittker
Als Nächstes hat das Wort der Abgeordnete Tuncel. Sehr geehrte Frau Präsidentin,
Cindi Tuncel Die Linke
liebe Kollegen! Es ist traurig, dass die Space Expo aus Bremen auszieht. Die Space Expo ist in Bremen geboren worden, vor elf Jahren. Sie hat Bremen geprägt, und Bremen hat die Space Expo geprägt, mit großem Erfolg. Dazu hat die Raumfahrtentwicklung in Bremen beigetragen, dazu hat auch das Wirtschaftsressort beigetragen und auch Kristina Vogts persönliches Engagement für die Raumfahrt. Genau dieser Erfolg führt jetzt dazu, dass die Space Expo nicht mehr in unsere Messe passt. Das ist nicht das erste Mal, Herr Kollege, Sie haben das auch gesagt, dass so etwas passiert. Wahrscheinlich wird es auch nicht das letzte Mal sein. Bremen ist ein hervorragender Standort für Start-up-Messen. Das kann bedeuten: Irgendwann sind unsere Kapazitäten zu klein. Die Veranstalter sagen klar: Bremen ist ein super Standort. Der einzige Grund für den Wechsel ist der fehlende Platz. Da haben wir einfach Grenzen. Es ist sehr gut, dass mit der Veranstaltung darüber gesprochen wird, ob es vielleicht einen Ableger der Space Expo geben könnte, ein Spin-off, das dann wieder in Bremen stattfindet. Bremen profiliert sich sehr stark als Messestandort. Die KI-Messe gerade ist ein anderes hervorragendes Beispiel. Das leistet einen starken Beitrag zum Standort Bremen, und das muss uns auch ein bisschen was wert sein, meine Damen und Herren. Im Herbst findet die Space Expo noch einmal in Bremen statt. Darüber sollten wir uns freuen und sehen, was als Nächstes kommt, aber wenn die Wohnung zu klein ist, muss man ausziehen. Daran können auch wir nichts ändern, lieber Kollege. – Vielen Dank! (Beifall Die Linke, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Christine Schnittker
Als Nächstes hat das Wort der Abgeordnete Schellenberg. Abgeordneter Sven Schellenberg (BIW): Sehr geehrte Frau Präsidentin, verehrte Kolleginnen und Kollegen, werte Besucher! Über die Anfrage oder vielmehr ja Aktuelle Stunde der FDP haben wir uns, muss ich ganz ehrlich gestehen, wirklich gefreut, weil wir verbinden das mit der Frage: Welche Strategie hat der Senat eigentlich wirklich für den Messestandort Bremen? Meine Antwort darauf ist zunächst erst einmal sehr ernüchternd, denn wenn es eine Strategie gibt, dann hat sie jedenfalls nicht verhindert, dass eine der wichtigsten internationalen Fachmessen Bremens den Standort verlässt. Die Space Tech Expo ist schließlich nicht irgendeine Messe. Sie ist über elf Jahre von 150 Ausstellern und 2 600 Besuchern auf zuletzt rund 950 Aussteller und 12 000 Besucher gewachsen. Was sagt der Senat dazu? Bürgermeister Bovenschulte spricht vom Opfer unseres eigenen Erfolges. Das nenne ich – er ist jetzt leider nicht hier –wirklich mal wahre Chuzpe. Darauf muss man erst mal verfallen. Aber wann genau hat man eigentlich festgestellt, dass der eigene Erfolg irgendwann dann doch mal mehr Platz benötigt? Dieses Wachstum war doch definitiv über Jahre sichtbar. Wenn eine Messe kontinuierlich wächst, muss Politik irgendwann mal anfangen, die notwendigen Rahmenbedingungen für dieses Wachstum auch zu schaffen. Stattdessen heißt es jetzt ganz profan, meine Damen und Herren: Das Messegelände ist zu klein, und sorry, wir wissen irgendwie auch gar nicht, warum. Meine Damen und Herren, das ist keine seriöse Standortpolitik. Deshalb müssen wir über den Einzelfall Space Tech Expo auch mal hinausblicken. Wir reden über einen Raumfahrtstandort, der sich international behaupten will. Gleichzeitig stehen Produktionsverlagerungen bei OHB im Raum. Die Entwicklung der Horner Spitze als zusätzlicher Gewerbestandort ist dank grüner Politik ökosozialistisch gescheitert. Mit dem Wegfall der LufthansaVerbindung nach Frankfurt verschlechtert sich jetzt zudem ausgerechnet auch noch die überregionale Erreichbarkeit Bremens. (Abgeordneter Dr. Emanuel Herold [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sie haben ja richtig viele Ideen für die Messe!) Jeder einzelne Punkt, Herr Herold, hören Sie gut zu, (Abgeordneter Dr. Emanuel Herold [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Nee!) mag seine eigene Erklärung haben, aber irgendwann muss man die Summe auch mal betrachten. Deshalb brauchen wir endlich eine verbindliche Messe- und Veranstaltungsstrategie für Bremen. Der Senat sollte gemeinsam mit M3B und den Veranstaltern einen konkreten Ausbau- und Flächenplan vorlegen. Welche Veranstaltungen wollen wir in Bremen halten? Welche Wachstumsreserven brauchen diese? Welche Flächen können wir kurzfristig, mittelfristig und langfristig planerisch bereitstellen? Wir brauchen ein echtes Standortpaket für internationale Fachmessen. Dazu gehören nicht nur Messehallen, sondern auch Erreichbarkeit, Verkehrsanbindung, Hotelkapazitäten und geeignete Gewerbe- und Veranstaltungsflächen selbstredend, denn ein internationaler Wirtschaftsund Technologiestandort braucht nicht nur kluge Köpfe und erfolgreiche Unternehmen. Er braucht die Infrastruktur, die diesen Erfolg überhaupt erst einmal ermöglicht. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, warum die Space Tech Expo Bremen verlässt. Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Warum hat Bremen nicht rechtzeitig dafür gesorgt, dass sie hierbleiben und weiter wachsen kann? (Beifall BIW) Opfer des eigenen Erfolgs zu sein, wollen Sie als Koalition jetzt also der Öffentlichkeit verkaufen. Das nimmt Ihnen niemand ab, aber politischen Erfolg misst man auch nicht daran, wie schön man den Verlust eines Erfolges erklären kann. Man misst ihn daran, ob man Erfolg für die Zukunft in der Lage ist zu sichern. Genau daran muss sich der Senat beim Messestandort Bremen mehr oder weniger messen lassen. Deshalb sind wir einigermaßen gespannt darauf, wie Sie die Kuh jetzt noch vom Eis kriegen wollen für die Zukunft. Wenn jemand Bremen verlässt, findet er leider Gottes in aller Regel zumeist andernorts bessere Bedingungen als hier bei uns, beziehungsweise dem, wozu Sie Bremen als Regierungsparteien gemacht haben. Da kommt in aller Regel niemand wieder freiwillig zurück, zumal wir Ihnen auch nicht zutrauen, dass Sie die inzwischen anliegende Problematik Messestandort Bremen irgendwann mal wieder in den Griff bekommen. Es ist Ihnen, sagen wir mal, erfolgreich entglitten. – Vielen Dank, meine Damen und Herren! (Beifall BIW)
Christine Schnittker
Meine Damen und Herren, bevor ich den nächsten Redner aufrufe, möchte ich ganz herzlich auf der Besuchertribüne eine Gruppe Teilnehmende des SPD-BeiräteMentoringprogramms begrüßen. – Seien Sie herzlich willkommen! (Beifall) Als Nächstes hat das Wort der Abgeordnete Dr. Herold.
Dr. Emanuel Herold GRÜNE
Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, liebe Gäste! Diese ganze Schaumschlägerei hier kann man in einer Frage zusammenfassen: Wer hier im Saal hat eine konkrete Idee, wo für die Messe Bremen die nächsten 10 000 bis 20 000 Quadratmeter herkommen? Genau, niemand. Es ist wirklich völlig inhaltsleer, (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SPD – Abgeordneter Thore Schäck [FDP]: Sag ich Ihnen!) sich hier hinzustellen: Wir können alle die Bedeutung dieser Fachmessen referieren, wir können alle sagen, wie wichtig die Messe Bremen ist, und wir können auch alle abstrakt irgendwie Kataloge aufstellen, was man denn alles tun müsste, damit irgendwas hier in die Wolken wächst, aber die Messe Bremen ist da in der Stadt, wo sie ist, zwischen Bürgerpark, Bürgerweide und dem Bahnhof. So. Wo kommen die nächsten 10 000 bis 20 000 Quadratmeter her, damit wir wirklich wachsen könnten und solche Technologiemessen nicht nur ein oder zwei Jahre, sondern wirklich länger halten könnten? Ich würde sagen, das ist leider, weil die Messe in Bremen da ist, wo sie ist, nicht möglich. In einem Ranking der 15 größten Messestandorte in Deutschland ist Bremen auf Platz 14. Wir haben 40 000 Quadratmeter. Die Hamburger sind doppelt so groß wie wir. Mit dieser doppelt so großen Fläche sind sie auch nur auf Platz 10. Frankfurt, da wo die Space Tech Expo jetzt hinzieht, ist mehr als zehnmal so groß wie wir. So. Jetzt ist die Frage, ob wir uns gegenseitig hier dauernd irgendwie auftragen, doch mal bitte Flächen zu prüfen, obwohl es keine offenkundige Lösung gibt – ich habe bisher keinen Vorschlag gehört, – oder ob wir feststellen, wir unsere Stellung in dem Messekonzert dieser Republik einmal anerkennen und als eine Rolle begreifen müssen. (Abgeordneter Volker Stahmann [SPD]: So ist das!) Die Aufgabe ist nicht, dass wir hier die Illusion wecken, wir könnten mit diesen boomenden Messen irgendwie mitwachsen. Die Aufgabe ist, dass wir die nächsten Zukunftsthemen erkennen und so, wie wir die Space Expo und die Hydrogen Expo gegründet haben, hier das nächste Format und die nächsten Technologien und die nächsten Themen an den Start bringen, die dann vielleicht auch irgendwann wieder abwandern. Das ist aber kein Untergang, denn die Netzwerke, die daraus entstehen für Unternehmen hier am Standort, die bleiben auch danach. Deswegen, lassen Sie uns aus der Not eine Tugend machen und hier nicht solche abstrakten Referate halten! – Vielen Dank! (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SPD, Die Linke)
Christine Schnittker
Als Nächstes hat das Wort der Abgeordnete Stahmann.
Volker Stahmann SPD
Liebe Kolleginnen und Kollegen, verehrte Gäste! Im Grunde hat Dr. Herold alles gesagt. Frau Präsidentin! Verzeihen Sie, Frau Präsidentin! Ich will noch einmal auf einen Punkt hinweisen. Das von der Größe und dem Ranking will ich jetzt nicht wiederholen, weil das ist einfach so, dass wir begrenzt sind. Die Frage ist: Welches Konzept entwickeln wir daraus? Was heißt das eigentlich? Wir machen auch gute Sachen, auch das will ich mal sagen. Nächste Woche beginnt in Düsseldorf die größte Caravan-Ausstellung der Welt. Wir können damit nicht konkurrieren. Das ist völlig ausgeschlossen, aber das Konzept Caravan, Reiselust und Fisch und Feines in einem zusammenzupacken und damit eine gute Messe für Bremen zu halten, ist innovativ, und zwar in den kleinen Möglichkeiten, die wir haben. Darum geht es. Es geht nicht immer, was Neues, was zu entwickeln und in Größe zu machen. Das, was wir neu machen, wird wachsen. Dann sind wir erfolgreich, und dann wird das kommen, was Dr. Herold beschrieben hat, nämlich andere haben mehr Platz, andere haben andere Möglichkeiten. Trotzdem finde ich das, was von der FDP gesagt worden ist, richtig. Es ist ärgerlich, gerade in der Frage Luft- und Raumfahrt, weil wir einer der besten und hervorragendsten Luft- und Raumfahrtstandorte sind. Das nützt uns aber nichts. Wir haben Themen zum Beispiel auch in der Frage der Logistik. Wenn Sie mal Logistikmesse googeln, was kommt dann? Dann kommt erst mal Logistikmesse in München, Hamburg, Stuttgart, Berlin, Hannover und Dortmund, weil das ein Thema ist, das sehr breit gefächert ist. Wenn man sich dann als kleinerer Messestandort nicht auch gegenüber den großen, die ich gerade gesagt habe, spezialisiert, wenn man da nicht sagt, wir machen aber etwas Spezielles, was dem Hafen näherkommt, was dem Umschlag näherkommt, so, wie Bremen das gemacht hat, und wir haben am 27. März noch die Heavy Lift hier in Bremen, obwohl ein Teil nach Rotterdam weggegangen ist – –. Das sind Konzepte, die wir brauchen und nicht das Gejammer über den Standort und was macht der Senat. (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Ich habe irgendwie auch das Gefühl, auf der einen Seite will man 400 000 Quadratmeter, auf der anderen Seite darf es aber nichts kosten. Das soll dann auch noch alles selbstkostentragend sein und bitte keinen Zuschuss aus dem Haushalt erfordern. Das ist eine Illusion. – Herzlichen Dank! (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Die Linke)
Christine Schnittker
Als Nächste hat das Wort die Abgeordnete Theresa Gröninger.
Theresa Gröninger CDU
Sehr geehrte Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Gäste hier vor Ort und an den Bildschirmen! Ich muss sagen, lieber Herr Stahmann, lieber Herr Herold, es hat sich so ein bisschen angehört wie: Wir brauchen Ideen, wir brauchen am Ende wahrscheinlich einen Arbeitskreis, (Abgeordneter Volker Stahmann [SPD]: Wir haben Ideen! Ich habe Sie doch gerade genannt! Wir sind innovativ!) und wenn es dann zur Chefsache wird, dann ist das Problem erst recht richtig groß. Wenn wir uns das angucken, dann hat Herr Schäck das gerade sehr, sehr deutlich gesagt: Wir verlieren keine x-beliebige Messe, sondern es war tatsächlich ein europäisches Flaggschiff einer Zukunftsbranche. Ich weiß selber, wie doll die Space Tech Expo Europe mit und für Bremen in diese Branche hineingestrahlt hat, in die gesamte Wirtschaft in Bremen. Ich habe am Wochenende überlegt: Was ist denn ein gutes Bild? Was kann man denn vermitteln, was bedeutet der Verlust? Ich habe Karten gespielt, und ich bin der festen Überzeugung, mit der Space Tech Expo Europe hatten wir einen super Joker in der Hand. Den müssen wir nun abwerfen, und das ist am Ende schädlich für den Spacestandort Bremen. Um das ganze Thema Raumfahrt ist in den letzten Jahren, insbesondere in den letzten drei Jahren, ein riesiges Wettrennen entstanden. Ich meine, wir haben alle sehr geschmunzelt, als Markus Söder mit der Bavaria One aufgetaucht ist während Corona. Es sind die Bundesländer, es sind aber auch die Kommunen. Das heißt, NRW guckt da drauf: Wie kann ich SpaceUnternehmen ansiedeln? Sachsen guckt da drauf: Wie kann ich SpaceUnternehmen ansiedeln? Das Saarland guckt da drauf: Wie kann ich SpaceUnternehmen ansiedeln? Es ist am Ende ein Wettrennen geworden, und Bremen muss seine Hausaufgaben machen, um am Ende auch Spacehauptstadt zu bleiben. Da ist der Verlust der Space Tech Expo Europe tatsächlich etwas, was ein Problem darstellen kann. Wenn wir im internationalen und im nationalen Wettbewerb bestehen wollen, dann brauchen wir mehr als gute Standortfaktoren, denn Zufälle und Traditionen reichen am Ende nicht aus. Da reicht am Ende auch kein Patriotismus. Da brauchen wir vor allen Dingen auch Erreichbarkeit – Erreichbarkeit per Bahn, Erreichbarkeit per Auto. Wir stehen aktuell so viel vor den Brücken im Stau. Wir brauchen Erreichbarkeit mit dem Flugzeug. Das ist tatsächlich ein Faktor, wonach auch Messeaussteller ihre Standorte auswählen. Dann habe ich mir angeguckt: Welche Städte sind denn vergleichbar? Weil man immer gesagt hat, Messen sind überall immer ein Defizitgeschäft. Das ist mitnichten der Fall. Nürnberg ist größentechnisch tatsächlich vergleichbar mit Bremen. Die sind mit der Spielwarenmesse dort gewachsen. Die haben vor Jahren erkannt, dass die Überlebensstrategie ist, mit der Messe mitzuwachsen, stetig wieder hinein zu investieren, um keinen Investitionsstau entstehen zu lassen. Das ist auch etwas, was wir uns in Bremen überlegen müssen. Was ist unsere Strategie? Was wollen wir mit unserem Messestandort? Wollen wir investieren, oder wollen wir uns was anderes überlegen? Ist es wirklich die Nischenrolle, die wir spielen wollen und wo wir kreativ werden müssen? Das ist tatsächlich eine Frage, die wir, glaube ich, nicht hier, sondern in der Deputation für Arbeit und Wirtschaft werden diskutieren müssen. Der Joker ist abgeworfen. Es kommt darauf an, wie die nächste Karte aussieht oder ob man zuschaut, wer am Tisch gewinnt. Ich würde mich sehr dafür interessieren, dass wir mal eine Runde spielen, gewinnen und Bremen wieder strahlen kann. – Vielen Dank! (Beifall CDU)
Christine Schnittker
Als Nächster hat das Wort der Abgeordnete Thore Schäck.
Thore Schäck FDP
Frau Präsidentin, sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Dass das passiert ist, wie es passiert ist, das ist bedauerlich, und es wäre schön, wenn das nicht passiert wäre, aber entscheidend ist doch die Frage: Welche Ideen gibt es denn, damit so etwas in Zukunft nicht mehr passiert? Sämtliche Reden, die wir heute aus den Reihen der rot-grün-roten Koalition gehört haben, sind eine gelebte Mittelmäßigkeit im eigenen Anspruch. Sie haben keinerlei Ideen, wie Sie dieser Situation Herr werden können und wie Sie dafür sorgen können, dass so etwas in Zukunft nicht mehr passiert, und sei es nur, dass wir vorübergehende Lösungen finden. In einem Artikel von „buten un binnen“ wurde über den Bau der Halle 8 gesprochen, dass die leider jetzt so schnell nicht fertiggestellt werden kann. Okay, hätte man früher geplant, hätte man sich Gedanken machen können. Man kann mobile Traglufthallen nutzen, man kann auch den Außenbereich nutzen. Man kann sogar darüber nachdenken, so wie jedes Messegelände irgendwann mal neu geplant wurde und entstanden ist, vielleicht irgendwann mal darauf zu setzen und daran zu arbeiten, dass wir ein größeres Messegelände in Bremen bekommen. Dann sind wir aber immer bei den Diskussionen, die wir mit Ihnen haben und insbesondere mit Ihrer Fraktion, Herr Herold. (Abgeordneter Dr. Emanuel Herold [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Machen Sie doch einen Vorschlag für eine Fläche, machen Sie ja nicht!) Wenn es darum geht, Gewerbeflächen auszuweisen, damit dort Wirtschaft entstehen kann oder auch Messen entstehen können, dann reden wir darüber, dass wir hier, wie beispielsweise bei der Hansalinie, am Ende wegen irgendwie ein paar Meter Wald wieder monatelange, jahrelange Diskussionen haben, weil es angeblich wichtiger sei, diesen Wald zu erhalten, anstatt ihn irgendwo anders zu pflanzen, anstatt dass wir dafür sorgen, dass hier in Bremen Wirtschaft entstehen kann. (Zurufe Dr. Maike Schaefer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]) Genau das ist die Verhinderungspolitik, die Sie immer wieder machen. Wir haben in Bremen genügend Flächen, die entwickelt werden könnten. Am Ende redet man, egal, ob bei der Horner Spitze oder bei der Hansalinie – –. Am Ende geht es immer um irgendwelche kleinen Trallala-Themen, die angeblich im Weg stehen, die dafür sorgen, dass wir dort keine Wirtschaft florieren lassen können. Genau das ist das Klein-Klein, was ich gerade meinte, (Glocke) was wir hier eben live wieder erfahren haben. – Vielen Dank! (Beifall FDP – Zuruf Abgeordnete Dr. Maike Schäfer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Vizepräsidentin Christine Schnittker: Tut mir leid, zu spät! Ja, die Kollegin Schaefer zur Kurzintervention. Abgeordnete Dr. Maike Schaefer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Ich wollte nur darauf hinweisen: Gerade bei dem Wald der Hansalinie ist eine Kompensation in der gleichen Größe geschaffen worden. Damit wurde das Ganze beschleunigt, denn wenn der BUND geklagt hätte, hätte das deutlich zu einer Verzögerung geführt, als so, wo es jetzt pragmatisch gelöst wurde. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SPD) Vizepräsidentin Christine Schnittker: Meine Damen und Herren, weitere Wortmeldungen aus Ihren Reihen liegen nicht vor. Deswegen erhält jetzt Senatorin Kristina Vogt das Wort. Senatorin Kristina Vogt: Frau Präsidentin, werte Abgeordnete, sehr geehrte Gäste auf der Tribüne! Um es vorweg zu sagen: Natürlich bin ich total traurig, dass die Space Tech Expo Europe weggeht. Ich habe sie sehr aufwendig betreut, wir haben uns massiv dafür eingesetzt, auch mein Haus, nicht erst in den vergangenen zwei Jahren, seitdem Smarter Shows verkauft worden ist. Dazu will ich gleich zumindest, um ein bisschen der Legendenbildung entgegenzuwirken, zwei, drei Sachen historisch einordnen und dann gucken: Wie gehen wir nach vorne? Die Entwicklung der Space Tech Expo Europe ist tatsächlich eine Erfolgsgeschichte. Sie hat angefangen im Jahr 2015 mit 2 600 Teilnehmer:innen aus ungefähr 50 Ländern und ungefähr 200 Ausstellern. Jetzt sind wir 12 000 Gäste, 950 Ausstellende. Von Beginn an war der Senat, war mein Ressort, war die WFB, war die M3B aber auch AVIASPACE immer mit den Veranstaltern im engen Austausch, und es drückte sich unter anderem darin aus, dass wir jede Space Tech Expo Europe mit einem Senatsempfang begleitet haben, dass ich persönlich, obwohl immer Bürgerschaft ist in der Zeit, die ich zwischen den Debatten aufbringen konnte, immer wieder zur Space Tech Expo Europe gerauscht bin, Zeitveranstaltungen besucht habe, Abendveranstaltungen, dass wir Minister begleitet haben, Ministerinnen und natürlich auch die großen Agenturen sowie die Unternehmen. Wir haben immer auch strukturell unterstützt zum Beispiel mit einem für die Teilnehmenden und die Veranstalter kostenfreiem B2B-Batchmaking, was sich zu einem erheblichen Attraktivitätsfaktor für die Messe entwickelt hat, weshalb wir Partnerkooperationen mit der Region Südholland, mit Schottland haben, die darüber erst entstanden sind. Deswegen müssen wir auch nicht drumherum reden: Der Verlust dieser Messe ist für Bremen wirklich hart, das sage ich ganz offen, weil, er betrifft einen der wichtigsten industriellen Kerne unseres Bundeslandes. Natürlich bringen erfolgreiche Fachmessen auch immer Tausende von Besucherinnen und Besuchern. Das freut die Hotels, das freut die Gastronomie, das freut sogar den Einzelhandel, weil es natürlich weitere Wertschöpfung generiert. (Beifall Die Linke, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Wir haben, Herr Schellenberg, selbstverständlich alles getan, um zu verhindern, dass die Messe weggeht. Bevor ich jetzt nach vorne gucke: Es ist ja die Frage gekommen: Seit wann wissen wir das? Wir wissen, dass Smarter Shows verkauft worden ist, seit circa zwei Jahren, also nicht ganz zwei aber fast zwei Jahre, an einen US-Veranstalter. Der US-Veranstalter hat unter anderem im Portfolio die Dubai Airshow. Das ist deren Range. Deren Range ist nicht Frankfurt. Deren Range ist die Dubai Airshow. Die setzen auf unbegrenztes Wachstum. Seitdem wir das wussten, haben wir alles Mögliche getan, inklusive meiner Person, Videocalls mit den Veranstaltern, die übrigens auch teilweise sehr emotional waren, weil sich die Veranstalter hier sehr wohlgefühlt haben. Wir haben gefragt: Braucht ihr was an Unterstützung? Braucht ihr was an Support? Braucht ihr finanzielle Unterstützung? Wurde immer gesagt: Nein, das ist nicht das Ding. Wir brauchen Platz. Wir haben über neue Termine verhandelt, damit sie nicht in Konflikt kommen mit dem Portfolio des Erwerbers von Smarter Shows. Wir haben alles gesagt, Eigenveranstaltungen werden wir canceln, damit die Space Tech Expo einen neuen Platz kriegt. Wir haben mit den Unternehmen geredet. Wir hatten eine Unternehmensabfrage, eine Agenturabfrage: Wann passt es euch am besten, um das mit dem neuen Eigentümer hinzubekommen. Wir haben jede Fläche der ÖVB Arena angeboten, wir haben das Foyer angeboten, wir haben im letzten Jahr schon eine Space Tech Expo gemacht, wo Ausstellende auf den Fluren waren. Wir haben angeboten, hochwertige Pavillons zu kaufen – keine Zelte, sondern die, die auch auf der ILA oder auf der Paris Airshow im Portfolio sind, um zusätzliche Flächen zu haben, und wir haben die vorhandenen Flächen verdichtet. Diese Gespräche fanden nicht nur auf Arbeitsebene statt. Sie fanden auch unter Beisein meiner Staatsrätin statt und unter meiner Beteiligung und zum Schluss auch unter Beteiligung des Bürgermeisters. Der Veranstalter hat uns letztendlich aber gesagt, dass sie auf ein Wachstum setzen, was mit unseren 38 000 Quadratmetern plus allen Maßnahmen, die wir angeboten haben, nicht zu gewährleisten ist. Das ist bitter, ist auch für die Industrie bitter. Sabine von der Recke von OHB hat dazu in Social Media geteilt: „Wir waren von Beginn an auf der Space Tech Expo dabei, und ohne dass sich die Bremer, angefangen von dem Senat und der Messegesellschaft aber auch der gesamten Raumfahrt-Community der City of Space so sehr dafür eingesetzt hätten, wäre sie nicht so ein großer Erfolg geworden.“ Das führt ein bisschen zu der Rekapitulation des Bürgermeisters, dass er sagt: Wir sind auch Opfer unseres eigenen Erfolgs. Ja, das hatten wir mit der Hydrogen auch. Nebenbei: In Hamburg ist sie nicht so gewachsen, wie sie sich erhofft haben, weil die Begleitung, die ganzen Unternehmen, Agenturen et cetera so an die Hand zu nehmen, wie wir das hier immer machen, das haben sie in Hamburg nicht bekommen. Wir können mit den 400 000 Quadratmetern in Frankfurt nicht standhalten, und wir müssen uns auch klarmachen, dass das jetzt nicht vom Zufall gefallen ist, weil nach Jahren der Stagnation wächst die Raumfahrt – weltweit, durch Wettbewerb, durch Agenturen, durch globale Entwicklung –, und sie wächst auch in Deutschland und in Europa, aber sie wächst auch ganz stark in Deutschland nicht zuletzt deswegen, weil es auch Mittel des Verteidigungsministeriums gibt. Davon ist natürlich der Veranstalter getrieben und sagt: Wir gehen woanders hin. Jetzt zu dem Thema, Herr Schäck, was Sie eben gesagt haben: Die Halle 8, das war in Gänsefüßchen. Das war nicht ernst gemeint, weil eine neue Halle 8 bauen, würde bedeuten, Osterwiese und Freimarkt fallen weg, oder man macht den Bürgerpark ein bisschen kleiner. Da sagen Sie „Ja“. Heiko Strohmann hat eben gesagt, er ist gespannt, was für einen Vorschlag Sie machen, aus persönlicher Betroffenheit. Das finden andere nicht so witzig. Da sind wir in Konkurrenzen. Neben der Frage allerdings – und das hat mein Staatsrat gemeint –, ob man das irgendwo darstellen kann, (Zuruf Abgeordneter Dr. Marcel Schröder [FDP]) denn wir haben die Veranstalter sowohl der Hydrogen als auch der Space Tech Expo gefragt: Können wir die Veranstaltung teilen? Wollten sie nicht, weil sie wollten kompakt an einem Ort bleiben und nicht an unterschiedlichen Veranstaltungsorten. Hat mein Staatsrat gesagt: Selbst, wenn es das Geld gegeben hätte und den Platz, wäre aber eine Halle natürlich nicht innerhalb von einem Jahr fertig geworden, eine neue Messe. Es ist aber auch so, dass auf der Bürgerweide wir wahrscheinlich keine Debatte gewinnen werden, wenn wir sagen, wir halbieren die Bürgerweide und machen statt Tote Hosen oder Iron Maiden nur noch irgendwas, was kleiner ist, (Abgeordneter Heiko Strohmann [CDU]: Shanty-Chor!) und Freimarkt machen wir irgendwo anders. So, jetzt kommen wir aber mal dazu, was wir machen müssen: Wir brauchen, und das meine ich jetzt sehr ernst, und Frau Gröninger, Sie haben zu Recht gesagt, nein, Herr – –, einer von Ihnen hat gesagt, wir müssen das – –. Sie haben das gesagt, in der Wirtschaftsdeputation, nicht in der Arbeits- aber Wirtschaftsdeputation: Es ist tatsächlich so, dass wir einen Transformationsprozess der Messe vor uns haben. Wir können noch nicht beziffern, wie hoch der Zuschussbedarf durch den Wegfall der Space Tech Expo ist. Dazu müssen uns natürlich die Ergebnisse vorliegen. Wir müssen aber das Messegeschäft strategischer und wirtschaftlicher aufstellen, weil viele kleine Formate – übrigens auch die Verbrauchermessen, die oft gelobt werden, die man aber nicht abschaffen darf, weil sonst kann man ja keinem Bremer erzählen, dass man eine Messegesellschaft hat, wenn man keine Verbrauchermessen hat –, die sind ein Verlustgeschäft. Gewinne machen Messen in Deutschland nur mit großen internationalen Sachen und die Veranstalter auch. Deswegen ist das Drittgeschäft so heiß umkämpft und wird auch abgeworben mit Geld. Wir haben auch Fördermittel für die Akquise von internationalen Veranstaltungen, aber die bringen Geld rein. Das ist nämlich die Frage, und die müssen wir jetzt eruieren: Kriegen wir mit Eigenveranstaltungen etwas hin, wo wir uns unabhängiger machen von Drittveranstaltungen, obwohl man im bundesweiten Konzert zumindest festhalten kann, die Eigenveranstaltungen sind nicht so lukrativ wie das Drittgeschäft? Wie schaffen wir es dann trotzdem, mehr Perspektive für Drittgeschäft zu machen? Smarter Shows hat uns angeboten, Spin-offs zu machen, übrigens nicht nur im Raumfahrtbereich, sondern insgesamt auch für industrielle Bereiche, die für Bremen und umzu interessant und wirtschaftlich sind. Das werden wir natürlich mit denen verhandeln, aber wir werden auch, sage ich ganz offen, mit Wettbewerbern sprechen, weil das können wir uns gar nicht leisten, nur mit einem Veranstalter zu reden. Wir werden neue Formate weiterentwickeln müssen, und der Schwerpunkt wird auf Bremer Kompetenzfeldern liegen: Logistik, Food, Maritime Wirtschaft, Luft- und Raumfahrt. Mit dem Format LogisticsConnect sind wir schon einen Schritt in diese Richtung gegangen, weil nämlich die Bremer Logistikunternehmen längst keine Lust mehr hatten, die teuren Preise der Breakbulk zu bezahlen und gesagt haben: Wir brauchen lieber was Passgenaueres für diese Region, wo wir zu Abschlüssen kommen, wo wir Vertragsabschlüsse hinbekommen und wo wir nicht irre viel Standgebühren zahlen und horrende Hotelpreise für das Personal, was wir mitnehmen müssen. Deswegen müssen wir auch die Frage zusätzlicher Messeflächen strategisch beantworten, weil es ist so, dass wir nicht nur zwei große Veranstaltungen im Jahr haben können, und den Rest der Zeit stehen die Messehallen leer. Das erlebt Frankfurt oft, das erlebt Hannover oft, das erlebt sogar München, das erlebt auch Leipzig. Deswegen sind Messen auch immer ein Zuschussgeschäft. Wären sie das übrigens nicht, dann wären sie längst privat, aber es gibt keine private Messegesellschaft. Ich glaube, dass wir uns in der Konkurrenz der Mittel und der Konkurrenz der Flächen das nicht leisten können, eine große Halle dazu zu bauen, die nur zweimal im Jahr von einem großen Format für eine Woche genutzt wird oder für drei Tage, sondern wir müssen uns was Intelligenteres einfallen lassen, und das muss zu dieser Portfoliostrategie passen, die ich eben genannt habe. (Beifall Die Linke) Insofern hoffen wir auch, dass wir mit dem Veranstalter Smarter Shows noch was Neues auf die Beine stellen, und ja, es kann sein, dass das in zehn Jahren, wenn es denn klappt, so erfolgreich ist, dass dann 38 000 oder 40 000 oder 42 000 Quadratmeter, wenn uns nämlich mit dem Kongresszentrum noch etwas Intelligentes einfällt, dann auch wieder zu klein sind. Das ist ein Los, was wir mit anderen Messestandorten in dieser Größenordnung teilen. – Ich danke Ihnen! (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Die Linke) Vizepräsidentin Christine Schnittker: Meine Damen und Herren, weitere Wortmeldungen sehe ich nicht. Deswegen ist auch das zweite Thema der Aktuellen Stunde beendet. Ich gebe die Restredezeiten bekannt. Ich gebe noch mal zum Hinweis: Wir haben noch drei Themen für die Aktuelle Stunde. Die Restredezeiten sind: SPD-Fraktion: 13 Minuten, 16 Sekunden; CDUFraktion: 10 Minuten, 28 Sekunden; Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: 12 Minuten, 28 Sekunden, Fraktion Die Linke: 13 Minuten, 19 Sekunden; Fraktion BIW: 10 Minuten, 54 Sekunden; Fraktion der FDP: 9 Minuten, 58 Sekunden; BA-Gruppe: 10 Minuten und der Senat 3 Minuten, 5 Sekunden. So, nun kommen wir zum dritten Thema der Aktuellen Stunde: Ein starkes Signal für Bremens Kultur: Gemeinsam die Zukunft der Glocke gestalten Dazu als Vertreterin des Senats Frau Senatorin Vogt. Die Beratung ist eröffnet. Als Erstes hat das Wort der Abgeordnete Stahmann. Abgeordneter Volker Stahmann (SPD): Frau Präsidentin, verehrte Gäste! Jetzt erleben wir mal eine Debatte, bei der ich davon ausgehe, dass sich das Haus von Koalition und Opposition einig ist, nämlich über die Frage der Glocke. Doch, ich bin da optimistisch, selbst mit den Freien Demokraten. Man soll ja die Hoffnung nicht aufgeben. Worüber reden wir bei der Frage der Glocke? Ich glaube, dass das allgemein bekannt ist, dass das Herausforderndste an dieser Glocke ihr Zustand ist. Wir haben einen Renovierungsbedarf, der vom Brandschutz – –. Wenn Sie Richtung Bibelgarten gehen, sehen Sie eine Holznottreppe, damit diejenigen, wenn es da mal brennt, auch gerettet werden können, als erste kurzfristige Maßnahme. Der Brandschutz hat dafür gesorgt, dass da in der Glocke die Plätze von 1 500 auf 1 000 reduziert werden mussten. Das heißt, im Moment können wir gar nicht so viel Publikum da reinlassen. Wir haben eine veraltete Elektrik, wir haben Künstlerräume im Untergeschoss und im hinteren Bereich, die als Sanitär- und Sozialräume in keinem Betrieb mehr durchgehen würden. Wir haben Räumlichkeiten in der Glocke, wenn man Künstler hat, die sich einspielen wollen, die da auf den Fluren sitzen, und wir haben eine Anlieferungssituation neben der Straßenbahnhaltestelle durch eine schmale Tür. Ich weiß nicht, ob sie 100 Zentimeter breit ist oder breiter, aber viel ist es nicht. Das heißt, der Renovierungsbedarf der Glocke ist immens. Wenn wir die Glocke als Konzerthaus erhalten wollen, dann müssen wir da viel Geld und Zeit in die Hand nehmen. (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Die Linke) Auf der anderen Seite haben wir ein Durchschnittsalter der Besucher der Glocke – die Glocke erhebt das regelmäßig selber – von über 60 Jahren. (Abgeordnete Bettina Hornhues [CDU]: Ups.) Wir haben ein Durchschnittseinkommen, auch das wird gefragt, in der Glocke, der Besucher, von 5 200 Euro. Das heißt, wir haben eine Klientel dort, die nicht, ich sage mal, die Stadtgesellschaft widerspiegelt, sondern wir haben ein ganz bestimmtes musikalisches Segment, und wir haben eine ganz bestimmte Ansprache. Was wir aber brauchen, ist eine Öffnung der Glocke auch darüber hinaus. Das bringt mich zu dem dritten Saal. Der dritte Saal hätte die Möglichkeit, auch da weitergehende Öffnungen zu machen. Der dritte Saal hätte die Möglichkeit, anderes Publikum, jüngeres Publikum, andere Musik, andere Kunst und Kultur anzusprechen. Der dritte Saal hätte die Chance, dort etwas zu machen. Was heißt das von den Kosten? Die Glocke ist unglaublich teuer. Die Schätzungen liegen im Moment – genauere Planungen sollen jetzt im Herbst kommen – bei 110 Millionen Euro. Davon ist der dritte Saal mit 20 Millionen relativ wenig, relativ wenig, würde uns aber die Möglichkeit geben, den Bundeszuschuss von 40 Millionen Euro in Anspruch zu nehmen, weil der Bundeszuschuss wird nicht gewährt, wenn es um eine bloße Renovierung geht, sondern er wird gewährt, wenn es für Kultur und die Kulturschaffenden ausgebaut wird. Insofern wäre es eine Investition, die sich lohnt. Wie kommen wir jetzt an das Geld? Das haben wir mehrfach rauf- und runterdiskutiert. Es gibt drei Formen von Spendenmöglichkeiten. Erste Form, das sind die Großspenden. Da haben wir in der letzten Woche gelesen, dass NORDMETALL – das ist der Arbeitgeberverband der Metallindustrie in Hamburg – bereit ist, hier eine Großspende – Summe haben sie nicht genannt – zu tätigen. Wir haben auch erfahren, dass auch Unterwesermetall, also der Arbeitgeberverband hier in Bremen, einen Teil dazu beitragen wird. Wir haben Zusagen von Großspendern, sodass ein großer Teil der zusätzlichen Kosten gesichert ist. Was wir aber nicht haben, was mich in dem Artikel des Weser-Kuriers richtig erstaunt hat, ist die Tatsache, dass wir aus der Zivilbevölkerung, also der Spendenaufruf an uns alle – –. Jetzt rede ich gar nicht über die Summe, sondern ich rede über, wie viele Menschen haben da gespendet. Mir ist es wichtig, dass man sagt, diese Stadtgesellschaft will diese Glocke und will den dritten Saal und will dieses Projekt. Wenn da jeder nur fünf Euro gibt, dann ist das auch okay. Die Anzahl der Spender ist für mich aber ein Indikator, ob die Glocke ein Teil dieser Gesellschaft ist, ein Teil von Bremen ist und ob wir das – und das muss man sich wirklich auf der Zunge zergehen lassen, die Glocke ist ein Konzerthaus von internationalem Rang – erhalten wollen. Denn insofern glaube ich, dass wir hier ein erstes All-Hands-an-DeckManöver brauchen, und die Spendenbereitschaft ist von mir ausdrücklich ein Appell: Lasst uns in die Zivilgesellschaft gehen! Bevor die Frage kommt: Ja, ich habe schon gespendet. (Abgeordneter Martin Michalik [CDU]: 5 Euro?) Nein, 300. Nicht 500, nicht 5 Euro, sondern 300. Das Wichtige ist aber, dass wir diese Glocke jetzt vorantreiben und nicht, wie die Bremer das sonst immer machen, alles zerreden. – Herzlichen Dank! (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Vizepräsidentin Christine Schnittker: Als Nächstes hat das Wort der Abgeordnete Fricke. Abgeordneter Holger Fricke (BA-Gruppe): Sehr geehrte Frau Präsidentin, meine Damen und Herren! Die große Liebe vieler Bremer zu ihrer Stadt scheint überstrapaziert zu sein. Das sehen wir beim jüngsten Aufruf zu einer Spendenaktion für die Glocke. Insgesamt werden wohl 110 Millionen Euro benötigt. Zusammen kamen bis letzte Woche 25 000 Euro, eine eher lachhafte Summe. Jetzt sieht die SPD sich genötigt, noch mal für die Spendenaktion in dieser Aktuellen Stunde zu trommeln. Dabei heben Sie, liebe Sozialdemokraten, besonders hervor, dass der Arbeitgeberverband NORDMETALL sehr nebulös angekündigt hat, über weiteres Sponsoring für die Glocke nachzudenken. (Abgeordneter Volker Stahmann [SPD]: Nein, das ist nicht nebulös.) Man verlangt dafür vonseiten des Siegfest-Großsponsors einen fairen Umgang. Nicht ganz einfach, wenn die SPD-Bundesvorsitzende Bärbel Baas die Arbeitgeber zu Feinden erklärt, nachdem sie wegen ihrer unqualifizierten Rede auf dem Arbeitgebertag mit Recht ausgelacht wurde. (Abgeordnete Ute Reimers-Bruns [SPD]: Dummes Zeug! – Abgeordneter Volker Stahmann [SPD]: Was hat das mit der Glocke zu tun? – Zuruf Abgeordneter Kevin Lenkeit [SPD]) Meine Damen und Herren, Sie haben bestimmt schon bei Karin und Uwe Hollweg nachgefragt, also bei der Stiftung, oder bei den spendenfreudigen Lürßen-Brüdern. Hat anscheinend nicht wirklich was gebracht. Der Vorschlag meiner BA-Gruppe: Verabschieden wir uns vom dritten Saal der Glocke! Mit dem Tourismus und der internationalen Strahlkraft des Konzerthauses wird es auch nicht einfacher, seit die Frankfurt-Flüge von und nach Bremen eingestellt wurden. Dank der Politik unserer glanzvollen Koalition verkommt die einst so stolze Hansestadt zu einer drittklassigen Stadt mit unzähligen Problemen. Da rettet uns auch kein dritter Konzertsaal der Glocke. – Meine Damen und Herren, ich danke für Ihre Aufmerksamkeit! (Beifall BA-Gruppe – Abgeordneter Kevin Lenkeit [SPD]: Der Weihnachtsmann will seinen Anzug zurück!) Vizepräsidentin Christine Schnittker: Als Nächstes hat das Wort der Abgeordnete Degenhard. Abgeordneter Cord Degenhard (BIW): Frau Präsidentin, meine Damen und Herren! Wer den Antrag der SPD zur Aktuellen Stunde liest, könnte meinen, in Bremen herrsche kulturpolitische Eintracht, und die Zukunft der Glocke sei bereits gesichert. Die Ankündigung des Arbeitgeberverbandes NORDMETALL, sich langfristig an dem Projekt zu beteiligen, ist tatsächlich ein positives Signal. Dafür gebührt dem Verband unser ausdrücklicher Dank. Ein Antrag aber, der sich in Selbstlob erschöpft, während die eigentlichen Probleme des Projekts – –. (Abgeordneter Volker Stahmann [SPD]: Das ist eine Aktuelle Stunde und kein Antrag!) Das ist ein Antrag auf Aktuelle Stunde, lesen Sie das Druckstück nach! Wenn die unerwähnt bleiben, wird man der Realität in dieser Stadt nicht gerecht. Reden wir zunächst über den Zustand der bremischen Kassen: Der Stabilitätsrat hat für Bremen eine drohende Haushaltsnotlage festgestellt. Der Schuldenstand wächst in diesem Jahr auf rund 23,6 Milliarden Euro – mit Abstand die höchste Pro-Kopf-Verschuldung aller Bundesländer. (Zuruf Abgeordneter Volker Stahmann [SPD]) Der Doppelhaushalt 2026/2027, den SPD, Grüne und Linke (Abgeordneter Volker Stahmann [SPD]: Und Sie wollen eine größere Messe bauen!) gegen unsere Stimmen durchgesetzt haben, wird erneut über den Griff in die Rücklagen und neue Schulden finanziert. Über ein millionenschweres Kulturprojekt zu sprechen, ohne ein Wort zur Finanzierbarkeit zu verlieren, ist in dieser Lage nicht Kulturpolitik. Das ist Realitätsverweigerung. Zweitens, die Glocke lässt sich nicht losgelöst von der Domsheide betrachten. Dort herrscht seit mehr als einem Jahrzehnt Stillstand. Der Senat selbst hat wiederholt erklärt, dass eine Planung aus einem Guss für Glocke und Domsheide nötig sei. Doch genau diese Planung ist nicht zuletzt auch durch das gescheiterte Schlichtungsverfahren mit den Behindertenverbänden gefährdet. Mittlerweile ist Klage erhoben worden. (Beifall BIW) Das ist kein Naturereignis. Das ist das Ergebnis jahrelanger chaotischer Planung dieses Senats. Drittens, meine Damen und Herren: Ist ein dritter Saal an der Glocke überhaupt notwendig? Der Senat selbst hat seine Zustimmung nur unter der Bedingung erteilt, dass mindestens 20 Millionen Euro an privaten Spenden zusammenkommen – ein Betrag, der bislang nicht annähernd gesichert ist. Fachleute stellen offen die Frage, ob nicht die Sanierung des großen Saals und der Bühnentechnik wichtiger wäre als eine kleinteilige Erweiterung um einen zusätzlichen Kammermusiksaal. Wer schon bei der Grundfinanzierung auf Spendenbereitschaft angewiesen ist, sollte nicht zugleich neue kostspielige Wünsche formulieren. Für BÜRGER IN WUT ist klar: Wir stehen zur Glocke als kulturellem Leuchtturm dieser Stadt und wir begrüßen jedes ernst gemeinte privatwirtschaftliche Engagement dafür, aber wir lassen uns nicht blenden und feiern Erfolge, wo eigentlich Baustellen sind. (Beifall BIW) Bevor der Senat neue Erweiterungspläne verkündet, muss er erstens die Domsheide-Frage endlich rechtssicher und einvernehmlich lösen, zweitens eine belastbare Finanzierung ohne neue Risiken für den Landeshaushalt vorlegen und drittens ehrlich klären, ob ein dritter Saal wirklich Priorität hat oder die Mittel nicht dringender in die Sanierung des Bestands gehören. (Glocke) Vizepräsidentin Christine Schnittker: Herr Kollege, lassen Sie eine Zwischenfrage des Abgeordneten Stahmann zu? Abgeordneter Cord Degenhard (BIW): Ja. Vizepräsidentin Christine Schnittker: Bitte schön! Ist Ihnen bewusst, dass bei der Abgeordneter Volker Stahmann (SPD): Finanzierung der 110 Millionen mit dem Zuschuss aus Berlin von 40 Millionen der dritte Saal nur 20 Millionen kostet? (Abgeordneter Piet Leidreiter [BIW]: Aber wenn man die nicht hat, ist das auch doof!) Das heißt, wenn man den dritten Saal macht, dann finanziert sich darüber auch ein Teil der Renovierungskosten. Ich glaube, wir können auf die Glocke nicht verzichten. Wir haben 200 000 Besucher im Jahr, in der Glocke, 200 000. Ist Ihnen bewusst, dass das mathematisch, betriebswirtschaftlich sinnvoll ist? Abgeordneter Cord Degenhard (BIW): Ich habe hier 20 Millionen auch genannt, und niemand bestreitet den Erhalt der Glocke, das habe ich doch deutlich gesagt. Ich verstehe jetzt Ihre Frage nicht. Abgeordneter Volker Stahmann (SPD): Die Frage ist ganz einfach. Abgeordneter Cord Degenhard (BIW): Wir sind für den Erhalt der Glocke. Wir streiten – –, wir zweifeln nur die Sinnhaftigkeit des dritten – –. Abgeordneter Volker Stahmann (SPD): Wenn wir den nicht bauen – –. Vizepräsidentin Christine Schnittker: Herr Stahmann, so geht das nicht! Abgeordneter Cord Degenhard (BIW): Nur noch eins dazu, Herr Stahmann, zu Ihrem Einwurf vorhin, mit dem Antrag: Es ist ein Antrag für die Aktuelle Stunde. Lesen Sie das, gucken Sie sich das Druckstück an! Oben steht Antrag. Verstehen Sie? Deswegen war der Einwurf völlig überflüssig. Ich komme zum Schluss. Kultur braucht Verlässlichkeit, und die entsteht nicht durch Pressetermine, sondern durch seriöse Planung. – Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! (Beifall BIW) Vizepräsidentin Christine Schnittker: Als Nächster hat das Wort der Abgeordnete Humpich. Abgeordneter Ole Humpich: Frau Präsidentin, sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Ich gebe zu, ich war im ersten Moment etwas erstaunt über die Aktuelle Stunde, denn so richtig aktuell ist die eigentliche Debatte ja eher weniger, denn dass die Glocke saniert werden muss, wissen wir. Dass Bremen dieses herausragende Konzerthaus erhalten muss, ist relativ unstrittig, und dass private Partner bereit sind, über eine Beteiligung zu sprechen, ist ein gutes Signal. Genau darauf stützt sich am Ende auch Ihre Aktuelle Stunde, wenn ich Sie richtig verstanden habe, Kollege Stahmann. Sie schauen noch etwas skeptisch. Ein Gesprächsangebot ist aber noch keine Finanzierung. Sie sprechen mittlerweile über ein Projekt von rund 110 Millionen Euro. Deswegen ist es auch gut, dass es im Übrigen ein Gemeinschaftsprojekt aus Wirtschaft und Kultur ist, denn ich wüsste nicht, wo im Kulturhaushalt rund 53 Millionen Euro vom Land zu finden sein sollten. (Abgeordneter Claas Rohmeyer [CDU]: Stadtmusikantenhaus!) Das Stadtmusikantenhaus gehört nämlich eigentlich zur Wirtschaft und nicht zur Kultur oder gar nicht nach Bremen. 40 Millionen Euro sollten vom Bund kommen, und für den dritten Saal müssen mindestens 20 Millionen Euro privat zusammenkommen. Deshalb müssen wir doch am Ende des Tages wissen: Wie belastbar sind diese privaten Zusagen wirklich? Reden wir über Spenden, Sponsoring oder bislang über freundliche Gesprächsbereitschaft? Denn wenn wir 20 Millionen Euro privates Kapital wollen, dann brauchen wir am Ende des Tages professionelles Fundraising, Unternehmenspartnerschaften, Mäzene und konkrete Modelle, und wir brauchen vor allem Transparenz darüber, was am Ende bisher wirklich zugesagt worden ist. Die viel wichtigere Frage, die sich für uns am Ende stellt: Was passiert eigentlich mit der Domsheide? Solange dieser Punkt nicht geklärt ist, einer der zentralen Verkehrsknotenpunkte direkt vor der Glocke, wie dieser zukünftig aussehen soll, müssen wir sehr genau überlegen, welche Baumaßnahmen wann wie sinnvoll sind. Glocke und Domsheide dürfen nicht unabhängig voneinander geplant werden, gerade auch vor dem Hintergrund der Vielzahl an Baustellen in den nächsten Jahren im Bereich der Innenstadt. Schließlich fehlt uns als Fraktion noch etwas viel Grundsätzlicheres: eine Strategie für die gesamte Bremer Kulturlandschaft. Wo wollen wir hin? Welche Häuser brauchen welche Investitionen? Was hat Priorität, und was können wir uns eigentlich noch leisten? Die gesamte Kulturlandschaft braucht dabei eine Perspektive, ob und wie es weitergeht. Der dritte Saal soll für die Kultur weiterhin offen sein, soll ein breiteres Publikum erreichen. Genau das haben wir mit dem Saal der Philharmoniker bereits unerfolgreich im Tabakquartier probiert, denn dort kann die freie Kulturszene – die Kulturszene abgesehen von den Philharmonikern – nicht unterkommen. Die Glocke, meine Damen und Herren, ist wichtig, aber gerade deshalb darf sie nicht zu einer Bremer Elbphilharmonie werden – ein Projekt, das immer größer, immer teurer und am Ende kaum noch steuerbar wird. Meine Damen und Herren, deshalb: Glocke sanieren: ja, Zukunft ermöglichen: ja, aber mit einer belastbaren Finanzierung, abgestimmt mit der Domsheide und eingebettet in eine echte Kulturstrategie hier in Bremen. – Vielen Dank! (Beifall FDP) Vizepräsidentin Christine Schnittker: Als Nächstes hat das Wort der Abgeordnete Dr. Herold. Abgeordneter Dr. Emanuel Herold (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, liebe Gäste! Die Glocke steht vor einer Vielzahl von Herausforderungen. Die letzte Sanierung liegt etwa dreißig Jahre zurück. Dementsprechend muss das gesamte Gebäude baurechtlich und funktional den neuesten Anforderungen angepasst werden. Wie groß der Stapel von Aufgaben ist, ist in der bisherigen Debatte schon deutlich geworden. Zugleich soll aus Anlass dieser notwendigen Modernisierung die Glocke weiterentwickelt werden als Konzerthaus mit einer zukunftsweisenden Erweiterung. An der Stelle vielleicht der Hinweis: Es wird manchmal vom „dritten Saal“ gesprochen. Das erweckt den Eindruck, als ob es wirklich darum ginge, einen weiteren klassischen dritten Konzertsaal hinzuzufügen. Die Erweiterung ist aber etwas komplexer und deswegen gerade interessant. Der Musikerlebnisraum, der dort geplant ist, ist ein sehr flexibel nutzbarer Veranstaltungsraum, der ganz neuartige Formate an dieser Stelle der Innenstadt ermöglicht. Er sorgt auch für eine Neuordnung der Gastronomie, er enthält Workshop-Räume und vieles andere. Das heißt, dadurch würde es möglich werden, dass man dieses Haus nicht nur weiterhin an den Abenden erfolgreich bespielt, sondern auch tagsüber Nutzungen verstärkt und damit die Innenstadt belebt. Wir haben einen Siegerentwurf aus einem Planungswettbewerb, der sehr viel Zuspruch geerntet hat. Das Preisschild für diese große Vision ist jetzt schon mehrfach genannt worden. Es sind nach den aktuellen Kostenschätzungen 110 Millionen Euro. Ich finde es bei solchen Dimensionen absolut nachvollziehbar, dass der eine oder andere fragt: Kann eine Stadt, die Sanierungsstau hat bei Schulen, bei Hochschulen, bei anderen Kultureinrichtungen, die diverse Herausforderungen hat beim Klimaschutz, bei Klimaanpassungen und vielem anderen, sich so eine umfangreiche Konzerthausmodernisierung leisten? Ein Teil der Antwort auf diese Frage steckt zunächst mal in folgender Feststellung: Etwa 90 Millionen Euro werden dafür gebraucht, die Glocke zu modernisieren und zu sanieren, um sie überhaupt erhalten zu können. Einige Stichworte hat der Kollege Stahmann schon genannt. Wir reden über Entfluchtung, wir reden über Brandschutz, wir reden über die mangelnde akustische Isolation der Konzertsäle vom städtischen Umfeld. Das geht weiter bis hin zu Einspielräumen für Musikerinnen und Musiker, die nicht in ausreichender Zahl vorhanden sind, weswegen die Künstler teilweise auf dem Flur sich einspielen müssen. Geheizt wird das altehrwürdige Haus mit einem wohl mindestens so altehrwürdigen Gaskessel. Auch das ist nicht gerade ein Ausweis für ein Konzerthaus des 21. Jahrhunderts. Da muss man also schnellstmöglich ran, und in der Tat, wir haben eine Bundesförderung in Höhe von 40 Millionen Euro, und wir haben Mittel aus dem Sondervermögen des Bundes, die es uns erlauben, diese zwingend notwendigen Aufgaben anzugehen. Der Senat hat, was die Erweiterung angeht, beschlossen, Spenden einzuwerben in der Höhe von 20 Millionen Euro, und unsere Fraktion steht ausdrücklich zu dieser Maßgabe. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Natürlich kann der Senat nicht einfach beschließen, buchstäblich, dass es 20 Millionen Euro private Spenden geben soll, und dann kommen die auch. Das Ganze ist natürlich ein eindringlicher Appell an unsere Stadtgesellschaft und insbesondere an diverse Großspenderinnen und Großspender. Unterstützen Sie die Glocke darin, ein neues Kapitel aufzuschlagen, ein neues Potenzial für Musikkultur in Bremen zu heben und damit über das, was einfach das Notwendige ist, hinauszugehen! Ich bin überzeugt, dass Senat und Stadtgesellschaft hier Hand in Hand vorangehen können, um das erfolgreich zu schaffen. – Vielen Dank! (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SPD, Die Linke) Vizepräsidentin Christine Schnittker: Als Nächste hat das Wort die Abgeordnete Strunge. Abgeordnete Miriam Strunge (Die Linke): Sehr geehrte Frau Präsidentin, meine Damen und Herren! Die Glocke braucht dringend ein Update. Das Gebäude ist nicht barrierefrei, weder für das Publikum noch für die Künstler:innen, der Brandschutz kann aktuell nur durch ein dauerhaft installiertes Außengerüst garantiert werden, es fehlen die Publikumstoiletten und bei voller Saalauslastung ist das Abholen von Jacken an der Garderobe tatsächlich eine Zumutung. Es fehlen genügend Einspielräume für große Orchester und auch die Garderoben der Künstler:innen sind in die Jahre gekommen. Ebenso muss das Haus energetisch und klimaneutral umgebaut werden. Das muss jetzt passieren, denn die Glocke ist ein tolles Haus. Die Akustik ist klasse, beide Orchester der Stadt spielen umjubelte und sehr positiv besprochene Konzerte. Gerade jetzt findet das Musikfest statt – das jährliche klassische Musik-Highlight mit Strahlkraft für ganz Norddeutschland – und der zentrale Spielort ist die Bremer Glocke. Es gibt also dringenden Handlungsbedarf, um die Glocke zukunftssicher aufzustellen. Deswegen laufen auch bereits intensiv die Planungen für die Sanierung und die Modernisierung, für die auch eine finanzielle Unterstützung des Bundes in Höhe von vierzig Millionen Euro gesichert werden konnte. Was mit diesem Geld plus den erheblichen Investitionen aus dem Landeshaushalt passieren soll, das ist klar. Der Eingangsbereich für das Publikum wird etwas verlagert und neu gestaltet. Backstage wird alles anders und auch für Technik und Verwaltung des Konzerthauses sollen neue Büros entstehen. Brandschutz und Barrierefreiheit sind natürlich gewährleistet. Die Entwürfe versprechen ein Konzerthaus, das den modernsten Ansprüchen genügt und garantiert, dass in Bremen weiterhin und dauerhaft auf höchstem Niveau musiziert werden kann. Das ist eine gute Nachricht für die Glocke und eine gute Nachricht für Bremen. (Beifall Die Linke, SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Spannend wird es aber gerade an dem Punkt, der noch nicht geklärt ist: der dritte Saal, der auch Musikerlebnisraum genannt wird. Ob der dritte Saal kommt, ist derzeit offen. Es ist auch möglich, dass die Glocke ohne dritten Saal modernisiert werden wird. Der Senat hat beschlossen, dass ein dritter Saal wünschenswert wäre, aber nur realisiert werden kann, wenn die Investitionskosten von Großspendern getragen werden. Dieser Beschluss ist ziemlich klar. Das ist auch richtig, denn die öffentliche Hand legt bereits einen Kraftakt mit der Sanierung und der Modernisierung hin und kann nicht noch zusätzliche viele Millionen Euro für den Musikerlebnisraum ausgeben. Das ist in so einem knappen Haushalt einfach nicht drin, auch dann nicht, wenn der Saal in den Planungen wirklich sehr schick aussieht. Die Stadtgesellschaft ist aufgefordert, den zusätzlichen Saal über Spenden, Mäzenatentum und Sponsoring zu finanzieren. Nur so werden die erheblichen Kosten zu leisten sein, die das Projekt insgesamt verursachen wird. Die ursprüngliche Planung in Höhe von achtzig Millionen Euro wird sich schon jetzt nicht mehr halten lassen. Aktuell liegt die Kostenkalkulation bei hundertzehn Millionen Euro. Das ist für Bremen eine immense Belastung. Neben der Unterstützung des Bundes in Höhe von vierzig Millionen Euro brauchen wir hier zwingend auch den privaten Einsatz. Umso erfreulicher ist es natürlich, dass sich der Arbeitgeberverband NORDMETALL finanziell an der Sanierung der Glocke beteiligen möchte. Das ist ein gutes Signal, und das ist ein wichtiger Schritt hin zu einer externen Finanzierung des neuen Musikerlebnisraums. Diese Zusage wird aber nicht reichen, wir brauchen weitere Spender:innen, die sich entschließen, in den Musikerlebnisraum und in die Glocke zu investieren. Wenn viele Schultern die Kosten tragen, wird es gelingen, so viele Mittel bereitzustellen, dass der Bau eines dritten Saales für die Glocke ermöglicht werden kann. Wenn nicht, dann kann die öffentliche Hand hier nicht einspringen. Aktuell sind wir noch nicht über den Berg, deshalb würde ich auch raten, sich mit Freudenschreien zurückzuhalten und die Spendenakquise konsequent weiterzuführen. Unabhängig von der Frage nach dem dritten Saal gilt aber: Die Glocke bekommt das nötige Update, das sie braucht, und Bremen kann sich auf ein runderneuertes Konzerthaus freuen. – Herzlichen Dank! (Beifall Die Linke, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Vizepräsidentin Christine Schnittker: Als Nächste hat das Wort die Abgeordnete Gröninger. Abgeordnete Theresa Gröninger (CDU): Sehr geehrte Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Gäste hier vor Ort und an den Bildschirmen! Volker Stahmann hat gesagt, heute geht ein Zeichen aus. Miriam Strunge hat gesagt, wir brauchen weitere Spender, um am Ende dieses Konzept zu ermöglichen. Weil wir als CDU gerne die Worte der SPD mit Kraft und Tat unterstützen, habe ich für alle Abgeordneten einen Zettel mitgebracht, auf dem die IBAN steht. Hetav Tek wird sie verteilen. Warum? Weil dreißig Einzelspenden auch bedeuten, dass nicht jeder Abgeordnete einen Euro in den Topf gelegt hat, obwohl wir alle spenden wollen. Ich habe selbst während meines Bachelor-Musikstudiums auf der Bühne in der Glocke gesessen und ich habe es geliebt. Ich habe es geliebt, die Akustik, das Gefühl, im Saal zu spielen, vergisst man nicht. Ich weiß daher aus eigenem Erleben, wovon wir reden, wenn wir über die Zukunft dieses Hauses entscheiden. Ohne die CDU gäbe es die Bundesmittel für die Glocke nicht. Elisabeth Motschmann hat die 40 Millionen Euro im November 2020 im Haushaltsausschuss des Bundestages durchgesetzt. (Beifall CDU) Das war kein Luxusprojekt, sondern die Antwort auf echten Sanierungsstau, Brandschutz, Barrierefreiheit, fehlende Lager- und Funktionsräume und unzureichende Anlieferungen. Wenn wir heute darüber sprechen, dass das Durchschnittsalter in der Glocke, was haben Sie gesagt, 62 ist, (Abgeordneter Volker Stahmann [SPD]: 60,4) 60,4 ist, und ich regelmäßig Gast bin, heißt das, ich ziehe wahrscheinlich den Altersdurchschnitt sogar schon, dann wäre der dritte Saal eine Chance, um am Ende auch die Zielgruppe der Gäste in der Glocke deutlich zu erweitern. Warum? Weil dort Musikerlebnis entsteht. Ob Punkmusik, ob Vinylplatten, ob am Ende alle möglichen Stile von Musik, all das kann dort akustisch optimiert seinen Platz finden. Deswegen halte ich den dritten Saal für wichtig. Ich halte es auch für wichtig, dass wir hier, und ich habe früher meine Hausarbeiten in der Uni auch so geschrieben – –. Wir wussten seit 2020, dass die Entscheidung bis Ende Dezember 2026 getroffen werden muss. Wir haben jetzt Ende August, die Zeit naht. Ich weiß aus der Zeit in der Uni, dass man Hausarbeiten schnell schreiben kann, dass man sie präzise schreiben kann, aber die Zeit ist knapp, und am Ende ist es jetzt an der Zeit, dass wir die Entscheidung treffen, dass die Entscheidung pünktlich eingereicht wird und dass wir uns am Ende alle gemeinsam dafür entscheiden, dass die Glocke zu einem neuen Leuchtturm für Bremen wird – vom Bund mitfinanziert – und am Ende deutlich mehr Leute als heute schon in deutlich mehr Altersstufen dort Gast sein werden. – Vielen Dank! (Beifall CDU) Vizepräsidentin Christine Schnittker: Als Nächster hat das Wort der Abgeordnete Rohmeyer. Abgeordneter Claas Rohmeyer (CDU): Die Glocke, meine Damen und Herren, Frau Präsidentin, ist einer unserer bekanntesten und wichtigsten Kulturorte, aber er ist bei Weitem nicht der einzige. Die Glocke ist ein Kulturort, mit dem das Kulturressort, mit dem die Kulturdeputation herzlich wenig zu tun haben. Das hat sich in den letzten Jahrzehnten so entwickelt und darum ist es die Wirtschaftssenatorin, die dieses Projekt vorantreibt. Theresa Gröninger hat es gerade gesagt: Elisabeth Motschmann hat als bekennende Kulturpolitikerin in ihrer Eigenschaft als Abgeordnete des Deutschen Bundestages 2020 wesentlich mit dafür gesorgt, dass dieses Geld zur Verfügung steht. Bremen ist eine Stadt, in der Bürgerinnen- und Bürgerengagement in der Vergangenheit nicht nur im Bereich Handel und Wirtschaft viel erreicht hat, sondern auch im Bereich der Kultur. Ich will an die Erweiterung – vor 15 Jahren fand die Eröffnung statt – der neuen Kunsthalle, des Erweiterungsbaus der Kunsthalle erinnern, will an viele andere Projekte erinnern, die mit Bürgersinn, auch mit mäzenatischem Unternehmertum möglich geworden sind. Wir finden es gut – ich möchte mal sagen, Kleinvieh macht auch Mist –, dass alle Menschen, nicht nur Ehrenbürgerinnen und Ehrenbürger, Unternehmen, sondern alle Menschen hier die Gelegenheit bekommen, dieses wichtige Projekt, diesen Kulturort Glocke, weiterzuentwickeln. Das Kulturressort glänzt leider wieder mal durch Abwesenheit. Ich würde mich noch mehr freuen, wenn wir im Kulturbereich – Kolleginnen und Kollegen aus der Deputation sind da – mal über eine Spielstättenkonzeption nachdenken, weil eine Solitärglocke natürlich keinen Sinn macht. Man hätte sich den Wahnsinn im Tabakquartier sparen können, was da für Geld verbrannt wird, dann hätten wir schon mehrere Millionen Euro mehr, Frau Senatorin, aus dem Kulturbeutel für die Glocke. – Herzlichen Dank! (Beifall CDU) Vizepräsidentin Christine Schnittker: Weitere Wortmeldungen liegen nicht vor. Deswegen erhält jetzt Frau Senatorin Vogt das Wort. Senatorin Kristina Vogt: Frau Präsidentin, werte Abgeordnete! Um es mal vorweg gleich einzuordnen: Letzte Woche war ich in Berlin in einem aufkleberübersäten Konzertschuppen, würde ich mal sagen, und habe eine Band gesehen, die ich so häufig gesehen habe wie keine in meinem Leben, die Ihnen wahrscheinlich nichts sagt. Sie kommen aus den USA, machen Garage-Punk – großartig! Ich gehe aber auch genauso gern in die Glocke. Ich liebe diesen Jugendstil-Saal und ich liebe auch unsere beiden Philharmonien. Ich bin auch sehr froh, dass wir eine Philharmonie haben, die mal Weltorchester des Jahres geworden ist, vor Kurzem. (Beifall Die Linke) Da, finde ich, kann man auch mal klatschen, ja! Ohne Zweifel ist die Glocke eine herausragende Institution, nicht nur wegen des Jugendstil-Saals, sondern weil sie auch für Bremen und das Bremer Umland – und das ist hier in der Debatte gar nicht angeklungen – auch kulturelle Identität bedeutet. Viele Menschen im Bremer Umland hatten immer Abos. Was meine Mutter hier als junge Dern an Jazzkonzerten gesehen hat – da ist ja nicht nur Klassik –, das war wirklich vom Allerfeinsten. Diejenigen, die sich mit Jazz auskennen, werden sich denken: Wow, das hat es hier gegeben? Die Leute kamen vom Land, die hatten Abos für die Glocke. Sie hat einfach eine Strahlkraft, die weit über die Region hinausgeht. Es gibt viele Menschen, die kommen wegen Konzertbesuchen der Glocke und verbinden das mit einem langen Wochenende in Bremen oder mit einem längeren Aufenthalt in Bremen. Ja, 30 Jahre nach der letzten Sanierung ist klar, sie ist in die Jahre gekommen. Ich will das gar nicht wiederholen, der Abgeordnete Stahmann hat das alles erwähnt. Wer einmal in der Glocke war und da ein Orchester begleitet hat oder eine Band und dann merkt, dass sie nachher die Backstage-Party mit Freunden in einem Keller machen müssen, der fast an den Konzertort, an dem ich letzte Woche in Berlin eine GarageBand gesehen hat, erinnert – fast, nicht ganz –, der schämt sich nur noch. (Präsidentin Antje Grotheer übernimmt den Vorsitz.) Wir haben so ein großartiges Konzerthaus. Es muss saniert werden, und darüber waren ja hier alle einig. Jetzt kommt es aber zum Aber und das Aber – ich versuche es jetzt auch, kurz zu halten – ist, dass wir in der Tat 40 Millionen Euro Zusage vom Bund haben, vom BKM (Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien). Da war in der Tat die Abgeordnete Elisabeth Motschmann federführend. Das war auch verbunden mit dem sogenannten dritten Saal, und jetzt kommt das Aber: Unser Ressort hat im Zuge der Machtbarkeitsstudie auch mit dem BKM so verhandelt, dass das Geld generell für die Glocke angewandt werden kann, auch für die Sanierung. Das ist gut. (Beifall SPD, Die Linke) Aber das steht unter dem Konzept, mehrere Abers: Die Sanierung kostet 93 Millionen Euro. Der Musikerlebnisraum, und das ist richtig dargestellt worden: Es geht darum, neue Klientel zu finden, neue Milieus zu öffnen, also die Glocke für neue Milieus, sie tagsüber zu öffnen, Musikpädagogik zu machen, auch mal was anderes da drin zu machen als das, was bisher läuft, Klassik aus dem Alter und der Range zu holen. (Glocke) Junge Leute kennen alle Klassik, aber immer nur Hans Zimmer und merken es noch nicht mal. Das kostet 17 Millionen Euro. Der Senat hat den Beschluss gefasst: Bis zu 20 Millionen Euro für den Musikerlebnisraum sollen durch private Spenden zustande kommen. Es ist bekannt, dass ich diesen Beschluss nicht glücklich finde, weil ich denke: Was ist, wenn wir weniger kriegen? Vergeben wir uns die Chance, wenn wir sowieso schon 93 Millionen da reinstecken müssen, dieses Mehr zu machen? Wir werden es diskutieren. NORDMETALL hat jetzt gesagt, die Unternehmensverbände, sie werden spenden. Ich hoffe, dass denen auch noch mehrere folgen. Einen Satz noch muss ich sagen: Herr Fricke, die Crowdfunding-Kampagne, die soll die Großspenden nicht ersetzen, überhaupt nicht. Das ist eine Ergänzung, die auch aus dem Milieu der Glocke-Nutzerinnen, übrigens auch aus den Medien kam: Lasst es doch auch zu einem Projekt der Stadtgesellschaft machen, weil wer nicht so viel Geld hat, um 2 Millionen zu spenden, aber vielleicht 200 Euro, der macht die Sache auch zu seinem eigenen Projekt. Darum geht es. Der Rest ist natürlich dann auch die Frage: Wie wird es bespielt? Gemeinsame Intendanz mit dem Musikfest et cetera? Das sind alles die Ausrichtungen, die man diskutieren muss. Ja, da wird dann auch die Kulturdeputation gefordert sein und nicht nur die Wirtschaftsdeputation. Insofern hoffe ich aber, um die Hausaufgaben, die Frau Gröninger angesprochen hat, auch zu einem Ende kommen zu lassen, dass wir in den nächsten zwei Monaten noch mehr Großspenden einwerben und dann auch eine weitreichende Entscheidung für Bremen treffen. Denn Bremen braucht auch etwas, nicht nur, um die kulturelle Seite seiner Bewohnerinnen zu hätscheln, sondern auch etwas, um die Einnahmeseite zu stärken. Wir haben ein paar Unique Selling Points, und die Glocke und das Universum gehören dazu. Das sollten wir bei der ganzen Debatte nicht außer Acht lassen. Es geht auch darum, dass wir Einnahmen nach Bremen bringen, die dann auch unserem Haushalt wieder zugutekommen. Dafür werbe ich auch. Insofern bedanke ich mich für die Debatte und hoffe, dass wir in den nächsten zwei Monaten Klarheit haben, wie es weitergeht. – Danke schön! (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Die Linke) Präsidentin Antje Grotheer: Weitere Wortmeldungen liegen nicht vor. Wir kommen damit zum vierten Thema der Aktuellen Stunde. Meine Damen und Herren, ich würde Ihnen jetzt die Redezeiten bekannt geben. Da der Senat bereits überzogen hat und ich gerade erst sekündlich weiß, was es ist, rechnen Sie zu den Zeiten, die ich jetzt bekannt gebe, bitte 2 Minuten und 16 Sekunden hinzu! Ich mache das gleich auch, aber ich muss jetzt erst mal Ihnen sagen, was Sie hätten, ohne diese 2 Minuten und 16 Sekunden. So schnell kann ich es nämlich nicht. Die SPD hat 7 Minuten, 56 Sekunden, plus 2 Minuten, 16 Sekunden; die CDU hat 5 Minuten, 52 Sekunden, plus 2 Minuten, 16 Sekunden; BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN haben 8 Minuten, 52 Sekunden, plus 2 Minuten, 16 Sekunden; Die Linke: 8 Minuten, 42 Sekunden, plus 2 Minuten, 16 Sekunden; BIW: 7 Minuten, plus 2 Minuten, 16 Sekunden; FDP: 6 Minuten, 44 Sekunden, plus 2 Minuten, 16 Sekunden; BA-Gruppe: 8 Minuten, 19 Sekunden, plus 2 Minuten, 16 Sekunden; der Senat hat eigentlich keine Redezeit mehr. Das heißt, jede weitere Äußerung des Senats verlängert die Redezeit der Fraktionen und der Gruppe um diese entsprechende Zeit. So, jetzt kommen wir zum, (Zuruf) Augenblick, vierten Thema der Aktuellen Stunde: CSD Bremen sicher und sichtbar: Versammlungsfreiheit schützen und queerfeindlicher Gewalt entschlossen entgegentreten Dazu als Vertreterin des Senats Senatorin Dr. Högl. Als erste Rednerin bekommt die Abgeordnete Wargalla das Wort. Abgeordnete Kai-Lena Wargalla (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Sehr geehrte Frau Präsidentin, liebe Kolleg:innen! Bremen hat am Samstag ein wirklich starkes Zeichen gesetzt. Über 30 000 Menschen, so viele wie noch nie zuvor in Bremen, haben auf dem CSD gemeinsam demonstriert für queeres Leben, für Vielfalt, für Sichtbarkeit, Freiheit und Selbstbestimmung. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SPD, Die Linke) Unter dem Eindruck des schrecklichen Anschlags auf den CSD in Berlin haben so viele Menschen in Bremen gesagt: Jetzt erst recht! Mein und unser tiefes Mitgefühl gilt den Opfern des Anschlags in Berlin, ihren Angehörigen und allen, die diese Tat miterleben mussten. Auch hier in Bremen stellte sich die Frage: Wie schützen wir die Menschen auf dem CSD, ohne den CSD selbst einzuschränken? Wie bieten wir Sicherheit und gewährleisten gleichzeitig grundrechtliche Freiheiten? Neu ist diese Frage nicht. Auch im vergangenen Jahr gab es beim CSD hier in Bremen eine sehr konkrete Bedrohungslage. Dass der CSD im letzten und in diesem Jahr trotzdem sicher und ohne merkliche Einschränkungen stattfinden konnte, war eine große gemeinsame Leistung von den Veranstalter:innen, über Ordnungsamt und Polizei bis zu Sanitäter:innen, Awarenessteams und den vielen, vielen Ehrenamtlichen vor Ort. Ich möchte allen dafür danken, die dazu beigetragen haben. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SPD, Die Linke) Ich betone das so, weil die Antwort auf einen solchen Terroranschlag nicht sein darf: Dann macht das Ganze doch diesmal ein bisschen kleiner, dann ist die Route eben ein bisschen kürzer, dann seid vielleicht mal nicht ganz so laut! Damit hätten diejenigen Erfolg, die mit Gewalt genau diese Sichtbarkeit verhindern wollen. Aber wir dürfen nicht zulassen, dass diejenigen, die queere Menschen angreifen und bedrohen, am Ende darüber bestimmen, wie sichtbar queeres Leben sein darf. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SPD, Die Linke) Als Demonstration steht der CSD unter dem Schutz der Versammlungsfreiheit – ein elementares Grundrecht unserer Demokratie; vor Kurzem erst haben wir das hier debattiert. Es ist Aufgabe unseres demokratischen Rechtsstaats, Versammlungen und damit auch den CSD zu ermöglichen und zu schützen. Deshalb muss unser Anspruch immer sein, Sicherheit nicht gegen Freiheit auszuspielen, nicht mit Sicherheitsmaßnahmen die Menschen in der Ausübung ihrer Grundrechte einzuschränken, sondern Sicherheit zu schaffen, damit Menschen ihre Grundrechte wahrnehmen können. Am Montag nach dem Anschlag in Berlin war ich bei der Mahnwache hier auf dem Marktplatz. In all den Reden dort fiel nicht einmal, nicht ein einziges Mal das Wort Islamismus, aber der Anschlag in Berlin war ein islamistischer Anschlag und islamistisch motivierte Gewalt muss auch als solche klar benannt werden! (Beifall) Für queere Menschen ist Islamismus eine ganz konkrete Gefahr. Islamistische Ideologien richten sich gegen queeres Leben, gegen Vielfalt und Selbstbestimmung, gegen eine offene Gesellschaft und gegen unsere Demokratie. Deshalb gehört Islamismus mit aller Kraft, ohne Relativierung bekämpft. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, BIW) Gleichzeitig, und darüber freut sich jetzt die rechte Seite wahrscheinlich nicht, gleichzeitig – und das gehört immer mit dazu – ist die rassistische Instrumentalisierung von rechts absolut inakzeptabel. (Abgeordneter Piet Leidreiter [BIW]: Das finde ich auch! Hat auch keiner gesagt!) Es muss klar sein: Islamismus ist nicht der Islam, Muslim:innen sind keine Islamisten. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SPD, Die Linke) Es darf keine pauschalen Zuschreibungen geben. Deshalb müssen wir immer beides gleichzeitig tun, Islamismus benennen und bekämpfen und uns antimuslimischem Rassismus entgegenstellen. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SPD, Die Linke, BA-Gruppe) Um das auch ganz deutlich zu sagen: Rassistische Narrative, rechte Parteien und Rechtsextremismus sind nicht die Antwort auf Islamismus. Auch in rechten Ideologien ist queeres Leben nichts wert. Eine freie, vielfältige, offene und demokratische Gesellschaft muss die Antwort auf islamistischen Terror sein, nicht Grundrechtseinschränkungen und nicht die rassistische Hetze von rechts. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SPD, Die Linke) Deshalb ist es so eine wichtige Botschaft, dass der CSD am Samstag auf seiner angemeldeten Route wie geplant laut und bunt durch Bremen ziehen konnte, mit mehr Menschen als jemals zuvor. Jetzt erst recht! – Genau das ist die richtige Antwort. Die Botschaft an queere Menschen darf nicht sein: Seid lieber etwas leiser, seid lieber nicht so auffällig, geht vielleicht lieber nicht auf die Straße, sondern die Botschaft aus diesem Parlament soll sein: Ihr habt jedes Recht, hier zu sein, ihr habt das Recht, sichtbar zu sein, ihr habt das Recht, laut zu demonstrieren. Wenn es dafür besonderen Schutz braucht, dann ist es die Aufgabe des Staates, diesen Schutz zu gewährleisten. Alle queeren Bremer:innen sollen wissen: Wir stehen immer und unerschütterlich an eurer Seite. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SPD, CDU, Die Linke) Präsidentin Antje Grotheer: Als nächster Redner der Abgeordnete Degenhard. Abgeordneter Cord Degenhard (BIW): Frau Präsidentin, meine Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen von den Grünen! Sie schreiben, es sei, ich zitiere, “ein alarmierendes Signal, dass der Christopher Street Day nur noch unter aufwendigen Schutzmaßnahmen und erhöhtem Polizeischutz stattfinden kann“, und Sie beklagen, ich zitiere weiter: „Queerfeindliche Bedrohung und Gewalt, insbesondere auch aus dem islamistischen Spektrum, hätten ein Ausmaß erreicht, das die freie Wahrnehmung von Grundrechten gefährdet“. Da haben Sie leider recht. Nur ist diese Bedrohungslage nicht vom Himmel gefallen, an ihrer Entstehung sind Sie, liebe Grüne, nicht ganz unbeteiligt. (Beifall BIW – Zuruf Abgeordnete Kai-Lena Wargalla [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]) Sie selbst haben das bundesweite Rückführungsverbesserungsgesetz ausdrücklich als den politisch falschen Weg bezeichnet. Als im Dezember 2024 ein ausreisepflichtiger Mann abgeschoben werden sollte, sprachen Ihre eigene Grüne Jugend und Ihre damalige Fraktionsvorsitzende Henrike Müller von einem Tabubruch. Wer bei jeder einzelnen konsequenten Abschiebung, bei jeder Verschärfung der Sicherheitsgesetze auf die Bremse tritt, der trägt eine Mitverantwortung an dem Ausmaß der Bedrohung, das Sie selbst beschreiben und beklagen. (Beifall BIW) Das ist kein Vorwurf an Geflüchtete, das ist ein Vorwurf an Ihre Politik. (Beifall BIW) Sie fordern heute mehr Polizeischutz und haben gleichzeitig mit Ihrer eigenen rot-grün-roten Koalition ein Versammlungsfreiheitsgesetz durchgesetzt, das genau diese Polizei schwächt. (Beifall BIW) Vermummungsverstöße werden zur bloßen Ordnungswidrigkeit heruntergestuft, Videoüberwachung muss offen erkennbar sein, der Drohneneinsatz wird eingeschränkt. (Abgeordneter Dr. Emanuel Herold [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Der ist bisher gar nicht möglich!) Die Gewerkschaft der Polizei nennt das Gesetz realitätsfern und sicherheitspolitisch fahrlässig. Meine Damen und Herren, das ergibt in der Summe ein klares Bild: Wer die Werkzeuge der Sicherheitsbehörden über Jahre schwächt, bei der Migrationssteuerung wie bei der Polizeiarbeit, und dann, wenn die Folgen sichtbar werden, eine Aktuelle Stunde beantragt, der bekämpft nicht die Ursachen, sondern nur noch die Symptome. (Beifall BIW) Sicherheit entsteht nicht durch Beschwörungsformeln, sondern durch konsequentes Handeln bei Abschiebungen ebenso wie bei Ausstattung und Rahmenbedingungen für die Polizei. Das wird man von den Grünen wohl auch in Zukunft nicht erwarten können. – Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! (Beifall BIW) Präsidentin Antje Grotheer: Als nächster Redner der Abgeordnete Fricke. Abgeordneter Holger Fricke (BA-Gruppe): Sehr geehrte Frau Präsidentin, meine Damen und Herren! Liebe Grüne, ich zitiere aus Ihrem Antrag zur Aktuellen Stunde: „Der islamistisch motivierte Anschlag am Rande des Berliner CSD Ende Juli hat die Bedrohung queerer Veranstaltungen auf erschütternde Weise vor Augen geführt. Queerfeindliche Bedrohung und Gewalt, insbesondere aus dem islamistischen und dem rechtsextremistischen Spektrum, haben ein Ausmaß erreicht, das die freie Wahrnehmung von Grundrechten gefährdet.“ Meine Damen und Herren, Sie liegen mit fast allem richtig, es handelt sich allerdings bei der Gefahr zurzeit ausschließlich um Islamisten. (Zurufe SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und Die Linke: Das stimmt nicht! – Abgeordnete Selin Arpaz [SPD]: Wer greift denn die CSDs im Osten an?) Ich kann mir im Moment nur schwer vorstellen, dass eine Alice Weidel ihre Anhänger dazu ermuntert, einen Anschlag auf den Christopher Street Day durchzuführen. Der Berliner Täter war zwar in Deutschland geboren, doch in seiner islamistischen Parallelwelt konnte er sich in aller Ruhe radikalisieren. Meine Damen und Herren, es sind die Geister, die wir riefen, Zuwanderer aus archaischen, streng islamistisch geprägten Gesellschaften, die niemals hier ankommen werden. (Abgeordneter Piet Leidreiter [BIW]: Ja, so ist das!) Für viele dieser Menschen ist das Bunte, das Nackte, das Schrille, das Queere einfach nur Haram und Dreck, der bekämpft werden muss. Wie hilflos die Politik dieser Gefahr gegenübersteht, zeigt uns mal wieder Kanzler Friedrich Merz. Beim Gedenkgottesdienst zum Anschlag sagte er, schlechte Witze und dumme Redensarten sollen angeblich der Nährboden für Anschläge wie in Berlin sein. Finde den Fehler! Auch in Bremen wurden queere Menschen von den arabischen Jugendgruppen angegriffen und verprügelt. Die jungen Täter zeigten damit ihren Ekel und ihren Hass vor queeren Menschen. Meine Damen und Herren, auch wir von der BA-Gruppe stehen ohne Wenn und Aber zur queeren Community, für Toleranz und Akzeptanz. Bei den Tätern dürfen wir uns keinen falschen Tabus hingeben. Wenn am Ende die Abschiebung steht, dann muss der Täter abgeschoben werden, zurück in eine Lebenswelt, die seinen Werten entspricht. Die Wahrheit tut manchmal weh. Alles andere wäre suizidale Empathie. Wir opfern mit unserer falsch verstandenen Toleranz unsere offene und bunte Gesellschaft, für die wir so lange gekämpft haben. – Meine Damen und Herren, vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! (Beifall BA-Gruppe, BIW) Präsidentin Antje Grotheer: Als nächster Redner der Abgeordnete Lenkeit. Abgeordneter Kevin Lenkeit (SPD): Sehr geehrte Frau Präsidentin, Kolleginnen und Kollegen! Vielen Dank an meine Kollegin Frau Arpaz, die mir diese Debatte hier heute überlassen hat, damit ich nicht die ganze Woche langweilig da hinten sitze. (Abgeordneter Heiko Strohmann [CDU]: Und Zwischenrufe mache!) „Generationen voller Pride – glücklich, sichtbar, stark“, das war vergangenen Samstag das Motto. Hoffentlich glücklich, aber definitiv sichtbar und stark waren, sagen wir, über 30 000 Menschen dabei, die gemeinsam ein Zeichen für Vielfalt, Akzeptanz und Gleichberechtigung gesetzt haben. Mehr als 30 000 Menschen bei Regen, bei norddeutschem Schietwetter und unter Bedingungen, die in diesem Jahr eben nicht selbstverständlich waren, denn über diesem CSD lag ein Schatten. Nur wenige Wochen zuvor – die Kollegin Wargalla hat es angesprochen – wurde der Christopher Street Day in Berlin Ziel eines islamistischen Terroranschlages. Eine Frau wurde getötet und zahlreiche weitere Menschen wurden zum Teil schwer verletzt. Deshalb war die Frage vor dem CSD Bremen in diesem Jahr nicht nur: Wird das Wetter halten? Die Frage war auch: Kann unter solchen Voraussetzungen eine Veranstaltung stattfinden mit mehreren 10 000 Menschen, die durch unsere Innenstadt ziehen? Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich glaube, mehr als 30 000 Menschen haben am Samstag eine deutliche Antwort auf diese Frage gegeben. Sie sind nämlich gekommen, sie haben demonstriert, sie haben gefeiert und sie waren sichtbar. Dafür möchte auch ich ausdrücklich „Danke“ sagen. (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Danke an alle, die gekommen sind, aber danke vor allem an jene, die nach den schrecklichen Bildern aus Berlin vielleicht einen Moment gezögert haben und sich dann doch entschieden haben, auf die Straße zu gehen. Denn genau diese Menschen haben gezeigt, was eine offene Gesellschaft ausmacht. Freiheit bedeutet eben nicht, dass es niemals Gefahren geben kann. Freiheit bedeutet, dass wir uns von denen, die sie bedrohen, nicht vorschreiben lassen, wie wir leben, wen wir lieben oder ob wir sichtbar sind oder nicht. Meine Damen und Herren, damit Menschen diese Freiheit leben können, braucht es auch andere, die sie schützen. Deswegen möchte ich an dieser Stelle einen weiteren Dank ansprechen an unsere Polizistinnen und Polizisten. Kolleginnen und Kollegen, Polizistinnen und Polizisten mit Langwaffen zum Schutz einer Demonstration sind zum Glück die absolute Ausnahme. Ich weiß auch um das Bedauern der Polizei Bremen, dass sie aufgrund des Personaleinsatzes in diesem Jahr nicht selber mit einem Wagen am CSD wie in der Vergangenheit hat teilnehmen können. Aber die Sicherheitslage nach dem Anschlag in Berlin hat es nötig gemacht, sie ist in die Einsatzplanung eingeflossen. Straßen wurden gesichert, Zufahrten wurden geschützt und die Demonstration mit robusten Kräften begleitet. Mehrere Hundert Polizistinnen und Polizisten waren im Einsatz. Am Ende lautete die Bilanz: Der CSD war eine friedliche, ausgelassene Demonstration und es gab keine größeren Störungen. Das fällt nicht vom Himmel. Dahinter stehen Planung, Vorbereitung und vor allem viele Menschen, die an diesem Tag ihren Dienst getan haben, vom Polizeiführer bis zum Cop, der die Demonstration begleitet hat. Deshalb sage ich im Namen meiner Fraktion und ich maße mir an, im Namen aller: Danke der Polizei Bremen für diesen tollen Einsatz! (Beifall) Ja, wir müssen auch klar benennen, dass unsere Freiheit bedroht wird. Islamistischer Terror, das wurde hier schon angesprochen, richtet sich gegen unsere Art zu leben, gegen unsere Demokratie, gegen Gleichberechtigung und ganz besonders auch gegen queere Menschen. Wo ich dann aber doch ins Stocken kam, war bei den Redebeiträgen manch eines Einzelabgeordneten beziehungsweise Fraktionen hier von der rechten Seite. Kolleginnen und Kollegen, wer sich jetzt hinstellt und sagt, dass queere Menschen, dass der Christopher Street Day ausschließlich von Islamisten bedroht wird, der hat anscheinend vergessen, dass es im letzten Jahr eine Situation gab, dass in Ostdeutschland, unter anderem in Bautzen, Christopher Street Days nur unter Polizeischutz stattfinden konnten, weil Rechte gegen Demonstrationen Störungen angemeldet hatten. (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Die Linke) Auch dem, Kolleginnen und Kollegen, werden wir entschlossen entgegentreten. Wir werden nicht zulassen, dass Extremisten und Terroristen darüber entscheiden, wer sich in unseren Städten zeigen darf. Wir werden auch nicht zulassen, dass Angst unsere Straßen leerer macht. Im Gegenteil: Der größte CSD der Geschichte Bremens – die Kollegin Wargalla hat es gesagt – hat am vergangenen Samstag eine wunderbare Antwort darauf gegeben. Bremen war bunt, Bremen war laut und Bremen war frei. Wer auch immer glaubt, mit Hass, Drohungen oder Gewalt Menschen aus unserer Öffentlichkeit verdrängen zu können, dem können wir in dieser Stadt nur eine ganz einfache Botschaft mit auf den Weg geben: Vielfalt hatte einen Platz in Bremen, Vielfalt hat einen Platz in Bremen und Vielfalt wird auch immer einen Platz in Bremen haben. – Haben Sie vielen Dank für die Aufmerksamkeit, Kolleginnen und Kollegen! (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Die Linke) Präsidentin Antje Grotheer: Als nächster Redner der Abgeordnete Dr. Schröder. Abgeordneter Dr. Marcel Schröder (FDP): Frau Präsidentin, meine sehr geehrten Damen und Herren! Auch wir als FDP waren am vergangenen Wochenende auf dem CSD dabei und das aus Überzeugung. Bürger- und Menschenrechte sind uns ein Herzensthema. Deswegen kann ich mich dem Dank anschließen. Es hat mich sehr gefreut, dass so viele Menschen dort vor Ort waren und dort ein Zeichen gesetzt haben für Freiheit, für Menschenrechte und für Vielfalt. Auch mir ist aufgefallen, was für ein großes Polizeiaufgebot dort vor Ort war. Besonders beeindruckend fand ich, als wir den Sielwall entlang hinuntergegangen sind und wirklich in jeder einzelnen Seitenstraße ein Polizeiwagen stand, der auch jede noch so kleine Zuwegung versperrt hat, plus zwei Polizisten, die jeweils dann auch noch vor dem jeweiligen Streifenwagen standen. Die Polizei hat wirklich an diesem Wochenende einen riesigen Job gemacht mit einen riesigen Aufgebot. Da an der Stelle auch von meiner Fraktion ein Riesendank an die Polizei für diesen starken Job! (Beifall FDP, SPD, CDU, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Auf der anderen Seite, und das wurde auch schon angesprochen, ist es natürlich traurig, dass das überhaupt erforderlich ist. Der Grund, der muss klar ausgesprochen werden, und da bin ich der Kollegin Wargalla dankbar, dass auch sie das so klar ausgesprochen hat: Der Grund ist Islamismus, nicht diffus Hass oder Hetze, Islamismus. Dieser ist mittlerweile in westlichen Gesellschaften die größte Gefahr für die Sicherheit von queeren Menschen. Ja, es gibt in Teilen Deutschlands insbesondere auch von rechter Seite Bedrohungen, auch da müssen CSDs geschützt werden, aber insgesamt muss man ganz klar sagen, dass strukturell der Islamismus die größte Gefahr für queere Menschen ist. (Abgeordneter Olaf Zimmer [Die Linke]: Nein!) Das ist hoffentlich nach dem Anschlag in Berlin auch allen klar. Insofern, wie gesagt: Vielen Dank an die Kollegin Wargalla, weil das hat mich bei der Mahnwache hier in Bremen auch gestört, dass es da viele Vertreter gab, die meinen das nicht böse, aber das ist eben aus falsch verstandener Toleranz, da wird Islamismus nicht klar benannt. Da muss man auch noch mal differenzieren. Islamismus hat mit Islam nichts zu tun. Islamismus ist eine Form von Extremismus. Wenn man Islamismus verurteilt, dann heißt das in keinster Weise, dass man alle Musliminnen und Muslime damit über einen Kamm schert. Islamismus ist wie jede andere Form des Extremismus eine Gefahr für unsere freiheitliche Lebensweise und insbesondere auch von queeren Menschen. Deswegen muss dieser mit allen rechtsstaatlichen Mitteln bekämpft werden. (Beifall FDP) Noch besser wäre aber, liebe Grünen, wenn Sie das nicht nur klar benennen, sondern wenn Sie auch, wenn wir hier Lösungen vorschlagen gegen Islamismus, konkrete Maßnahmen, dem dann zustimmen, denn ich erinnere mich noch gut, bei der letzten Debatte zum Thema Islamismus wurden wir sehr hart angegangen von Ihrem Kollegen Herrn Labetzke. Vielleicht können Sie sich mit dem mal absprechen, dass Sie sich da mal einigen. Es ist gut, dass Sie das jetzt so klar benannt haben, aber dann würde ich mir auch wünschen von Ihnen, liebe Grünen, dass Sie dann auch dabei sind, wenn wir hier Lösungen vorschlagen zum Thema Islamismus. (Beifall FDP) Das Letzte, auch hier haben mich einige Aussagen unserer Wutbürger gewundert: Der Attentäter in diesem Fall in Berlin, der war Deutscher. Natürlich gab es im Bereich Islamismus schon viele Fälle, wo es sich um Ausreisepflichtige handelte. Das stimmt. Aber in diesem Fall, wo es doch ein deutscher Staatsbürger war, nur über Abschiebungen zu diskutieren, zeigt doch, dass das Thema Abschiebung für Sie eher ein Reflex ist bei diesem Thema und Sie sich damit eigentlich inhaltlich gar nicht auseinandergesetzt haben. – Vielen Dank! (Beifall FDP, SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Präsidentin Antje Grotheer: Jetzt ist er leider fertig, deswegen können Sie ihn nichts mehr fragen. Aber Sie hätten Gelegenheit für eine Kurzintervention, wenn Sie wollen. Abgeordneter Cord Degenhard (BIW): Muss ich das mal versuchen. Schönen Dank, Frau Präsidentin! Herr Dr. Schröder, Sie wissen, ich schätze Sie sehr, aber wie Sie auf diese Äußerung eben gekommen sind – –. Ich habe den Christopher Street Day in Berlin mit keiner einzigen Silbe erwähnt. (Abgeordneter Dr. Marcel Schröder [FDP]: Ja, das war das Problem!) Ja, eben. Und Sie unterstellen mir, ich hätte da was verwechselt mit einem deutschen Täter. Ich habe den überhaupt nicht erwähnt. – Schönen Dank, Frau Präsidentin! Präsidentin Antje Grotheer: Gut. Dann ist jetzt als Nächstes der Abgeordnete Janßen dran. Abgeordneter Nelson Janßen (Die Linke): Sehr geehrte Präsidentin, sehr geehrte Abgeordnete, sehr geehrte Gäste! Der CSD in Bremen war eine eindrucksvolle Demonstration für queere Sichtbarkeit, für queeres Leben und dafür, sich nicht einschüchtern zu lassen, sich nicht zu verstecken und auch dafür die politischen Forderungen der queeren Bewegung in die Öffentlichkeit zu tragen. Der CSD ist keine hedonistische Party, sondern der Ausdruck eines politischen Kampfes. Die queere Bewegung musste sich jeden Schritt der Entkriminalisierung, der Anerkennung und der immer noch unzureichenden Gleichberechtigung erkämpfen – gegen Widerstand, gegen Spott und gegen anhaltende Versuche, sogar Anschläge auf sie für andere Zwecke zu instrumentalisieren. Der Angriff eines Islamisten auf dem Berliner CSD steckt der queeren Szene genauso wie ihren Verbündeten noch immer in den Knochen. Ich bin daher dankbar für alle, die vor, während und nach der Demonstration für Sicherheit und Schutz gesorgt haben. Die Polizei musste am Wochenende mehrere komplexe Lagen gleichzeitig bewältigen und zu ansonsten schon geschützten CSDs in der Vergangenheit war das Sicherheitskonzept diesmal noch deutlich verstärkt. Daher gilt auch mein Dank an dieser Stelle den Einsatzkräften, insbesondere der Polizei. – Vielen Dank! (Beifall Die Linke, SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Ja, man muss den Angriff, den Anschlag als einen islamistischen Anschlag bezeichnen, denn das war er. Er ist ideologisch begründet, er begründet sich auf Ausgrenzung, auf Hass, der eine ideologische Grundlage hat. Aber wenn hier geäußert wird, dass dies die einzige oder die größte Gefahr ist, dann würde ich gerne auf das Lagebild des Bundeskriminalamtes verweisen – einer Behörde, die nachweist und auch Straftaten dokumentiert –, aus dem ersichtlich wird, wie viele der queerfeindlichen Angriffe, die übrigens extrem zugenommen haben, in den letzten Jahren auf das Konto von Rechtsradikalen gehen. Die tagtäglich das Leben von queeren Menschen derart erschweren, dass Viele ganze Landstriche verlassen müssen, weil es für sie einfach zu gefährlich ist, sich dort aufzuhalten. Das liegt an organisierten Nazis und damit, ja, doch an Weidels Jungs. (Beifall Die Linke, SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Ja, politisch ist es relativ einfach, über den CSD zu laufen und Bilder für Social Media zu machen, und ja, das ist auch ein wichtiger Beitrag für die Sichtbarkeit von queerem Leben. Als Politiker:innen ist es aber unsere Aufgabe, die Forderungen der Szene zu hören und uns dazu zu verhalten. Ich halte die Forderung für richtig – –. (Beifall Die Linke, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Ich halte beispielsweise die Forderung für richtig, dass die geschlechtliche Identität und Sexualität im Grundgesetz geschützt gehört. Ich halte die aktuellen Kürzungen der GroKo gegen queere Jugendorganisationen für eine Katastrophe. Sie müssen zurückgenommen werden. (Beifall Die Linke, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Auch die Tatsache, dass das Vielfältigkeitskriterium bei „Demokratie leben!“ gestrichen werden soll, ist aus meiner Sicht kein Zufall, sondern Ausdruck von Unterwürfigkeit im aktuellen Rechtsruck. Dagegen aufzustehen, ist deutlich schwieriger, als einmal über den CSD zu laufen. (Beifall Die Linke, SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Wenn wir uns sonst hier auch einig sind, und das ist ja auch schon ein Wert, dann muss man schon sagen, wenn man sich dann zehn Minuten später wieder über das Selbstbestimmungsgesetz lustig macht, dann schafft man auch die Basis dafür, dass andere gewalttätig werden. Das gehört zur Debatte dann auch dazu. (Beifall Die Linke, SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Ja, es ging letztes Wochenende um Sichtbarkeit. Das reicht nicht, es geht auch um die Durchsetzung von berechtigten Interessen. Es geht um den Schutz vor Diskriminierung, um Schutz vor Gewalt, um echte Gleichberechtigung und darum, einfach so sein zu dürfen, wie man ist. Daher möchte ich allen Organisator:innen herzlich danken und zu dieser eindrucksvollen Demonstration gratulieren. – Danke schön! (Beifall Die Linke, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Präsidentin Antje Grotheer: Als nächste Rednerin die Abgeordnete Tek. Abgeordnete Hetav Tek (CDU): Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleg:innen! Der CSD am vergangenen Samstag war friedlich, er war sichtbar und er war sicher. Deshalb möchte auch ich an dieser Stelle ausdrücklich den Einsatzkräften der Polizei unseren Dank ausrichten! (Beifall CDU) Liebe Kollegin Wargalla, ich bin da zutiefst bei Ihnen und nicht nur ich, auch meine Fraktion, Versammlungsfreiheit ist ein hohes Gut und sie darf nicht deshalb eingeschränkt werden, weil diejenigen, die friedlich demonstrieren wollen, bedroht werden. Gerade wenn Menschen für ihre Freiheit, für ihre Akzeptanz und gegen Diskriminierung auf die Straße gehen, muss unser Staat alles dafür tun, dass sie diese Grundrechte sichtbar und sicher wahrnehmen können. Zu dieser Wahrheit gehört für mich aber auch eine zweite: Wer die Versammlungsfreiheit gewährleisten will, muss Gefahrenlagen ernst nehmen. In Bremen hatten wir zum Glück in diesem Jahr im Vergleich zum letzten Jahr keine konkrete Gefahrenlage, aber die Sicherheitsbehörden können nicht so tun, als gebe es Entwicklungen außerhalb von Bremen nicht. Die Ereignisse des CSD in Berlin waren noch sehr präsent. Deshalb ist es richtig, dass Polizei und Sicherheitsbehörden mögliche Gefahren ernst nehmen und entsprechende Schutzmaßnahmen vorbereiten. Unsere Debatte darf damit nicht am Ende des Demonstrationszuges aufhören, denn queere Menschen sind nicht nur am Christopher Street Day queer. Sicherheit und Sichtbarkeit müssen an 365 Tagen im Jahr möglich sein. Es reicht nicht, wenn gleichgeschlechtliche Paare am Samstag beim CSD selbstverständlich Hand in Hand durch die Innenstadt gehen können, sie müssen das auch am Montagabend auf dem Heimweg tun können, ohne Angst beleidigt, bedroht oder angegriffen zu werden. Unser Anspruch muss es sein, dass jeder Mensch in Bremen sein Leben frei und selbstbestimmt führen kann – im Viertel, am Bahnhof oder in der Straßenbahn. Dabei müssen wir – und auch da bin ich Ihnen sehr dankbar, Kollegin Wargalla – die Ursachen benennen, das ist völlig richtig: Das ist der Rechtsextremismus und das ist der Islamismus. Queerfeindlichkeit bleibt Queerfeindlichkeit, unabhängig davon, aus welcher politischen, religiösen oder gesellschaftlichen Richtung sie kommt. (Beifall CDU, SPD, Die Linke) Danke schön! Der CSD am Samstag war ein Erfolg für die Teilnehmer:innen, für die Veranstalter und für unsere Einsatzkräfte. Dafür sagen wir Danke! Aber unser Anspruch muss weiterhin sein, dass dies über den Samstag hinausgeht. Freiheit braucht Sicherheit, Sichtbarkeit braucht Sicherheit, Versammlungsfreiheit braucht einen Staat, der personell in der Lage ist, sie zu gewährleisten. Das muss am CSD gelten und an jedem anderen Tag des Jahres. – Vielen Dank! (Beifall CDU) Präsidentin Antje Grotheer: Weitere Redner:innen vonseiten der Abgeordneten sehe ich nicht, deswegen erhält jetzt Frau Senatorin Dr. Högl das Wort. Senatorin Dr. Eva Högl: Sehr geehrte Frau Präsidentin, meine sehr geehrten Damen und Herren Abgeordnete! Der Christopher Street Day ist nicht nur die größte Versammlung in Bremen, sondern ein zentrales gesellschaftliches Ereignis, das für Vielfalt, Akzeptanz und die Rechte queerer Menschen steht. Diesen Samstag mit 30 000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern beim Demonstrationszug und 15 000 bei der Abschlusskundgebung war der CSD ein wirklich sichtbares Zeichen für gelebte Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Es ist schon gesagt worden, ich betone es noch mal, die Versammlungsfreiheit nach Artikel 8 unseres Grundgesetzes schützt diese Versammlung und diese Veranstaltung in ganz besonderer Weise. Die Sichtbarkeit im öffentlichen Raum ist dabei kein bloßes Beiwerk, sondern ein wesentlicher Bestandteil des CSD. Es ist unsere gemeinsame Aufgabe, diese Sichtbarkeit zu ermöglichen und zu schützen. (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Wir stehen gemeinsam vor der Herausforderung, die Sicherheit aller Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu gewährleisten, und das ist immer auch eine Abwägungssache. Die Gefährdungslage für Versammlungen, die sich für queere Rechte einsetzen, ist weiterhin abstrakt hoch, nicht zuletzt nach dem islamistischen Angriff beim CSD in Berlin. Auch wenn es für Bremen keine konkreten Hinweise auf eine erhöhte Gefährdung gab, haben wir die Schutzmaßnahmen angesichts der allgemeinen Lage verstärkt. Das war notwendig und richtig. Die Polizei Bremen hat eine besondere Aufbauorganisation eingerichtet und führte fortlaufend Gefährdungsbeurteilungen durch. In enger Abstimmung mit der Versammlungsbehörde und dem Veranstalter wurde ein umfassendes Einsatzkonzept entwickelt. Dazu gehören ein durchdachtes Verkehrskonzept, Raumschutzmaßnahmen und eine erhöhte und sichtbare – und das ist in der Debatte schon erwähnt worden – Polizeipräsenz sowie der gezielte Einsatz von Fahrzeugsicherheitsbarrieren, das haben alle wahrgenommen, insbesondere am Kundgebungsort. Auch – das ist mir sehr wichtig, das zu erwähnen – die queersensible Anzeigenaufnahme und die proaktive Presse- und Öffentlichkeitsarbeit unserer Polizei sind Teil dieses Konzepts. Alle verfügbaren Polizeikräfte waren, unterstützt durch Einsatzkräfte aus Hamburg und SchleswigHolstein, im Einsatz dabei, auch Feuerwehr, Rettungsdienst. Weitere Maßnahmen: Wir haben Lkws angemietet, um den Zug zu schützen und einen Zufahrtsschutz zu gewährleisten. Das war insgesamt das Sicherheitskonzept. Meine Damen und Herren, wir haben dieses Einsatzkonzept und das Sicherheitskonzept nach dem Anschlag auf den CSD in Berlin selbstverständlich auch noch mal überarbeitet. Wir haben geschaut, ob wir an alles gedacht haben, ob wir alles berücksichtigt haben. Uns war insbesondere wichtig, auch das subjektive Sicherheitsgefühl aller Teilnehmerinnen und Teilnehmer gezielt zu stärken. Dazu dient immer auch Polizeipräsenz, deswegen die zusätzlichen Kräfte. Ich denke, das war auch richtig. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Wir arbeiten immer nach der Entscheidung zum Verhältnismäßigkeitsgrundsatz. Wir prüfen natürlich immer, was verhältnismäßig ist, und müssen – und machen es auch – das mildeste Mittel wählen, um die Versammlungsfreiheit so wenig wie möglich zu beeinträchtigen und sie zu gewährleisten. Deswegen gab es keine Änderung an der Route, das war zwischenzeitlich mal ein Gerücht, 5,5 Kilometer war die Route. Wir haben aber natürlich fortlaufend darüber diskutiert, wie wir diese Sicherheit gewährleisten und gleichzeitig die Sichtbarkeit ermöglichen können, aber es gab keine Einschränkung bei Dauer oder Teilnehmerzahl oder Ähnlichem. Meine Damen und Herren, liebe Abgeordnete, Ordnungsamt und Polizei haben ihre Verantwortung sehr ernst genommen und alles getan, um das zu ermöglichen. Dafür haben sie heute hier in der Debatte auch zu Recht Lob bekommen. Er war ein Erfolg, der CSD, er war sichtbar und er konnte sicher durchgeführt werden. Deswegen ist es uns gelungen, auch die Wahrung der Versammlungsfreiheit, den Schutz der Teilnehmerinnen und Teilnehmer gut zu gewährleisten und gleichzeitig auch eine bunte und fröhliche Veranstaltung zu gewährleisten. Ich sage noch mal Danke, natürlich insbesondere Polizei und Ordnungsamt, aber ich sage auch allen Beteiligten herzlichen Dank, denn es war eine starke Leistung aller Beteiligten. (Abgeordneter Thore Schäck [FDP]: Das stimmt! – Beifall SPD, CDU, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Die Linke, FDP) Das können wir gar nicht oft genug sagen, es haben ganz viele mitgewirkt! Meine Damen und Herren, ich darf Ihnen auch sagen, genau so machen wir weiter. Das war jetzt ein Erfolg, darauf ruhen wir uns nicht aus, aber darüber freuen wir uns. Das nächste Großereignis steht bevor und so ein fröhliches Fest mit ausreichend Sicherheit wollen wir auch am 3. Oktober. – Herzlichen Dank! (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Die Linke) Präsidentin Antje Grotheer: Weitere Wortmeldungen zu diesem Thema der Aktuellen Stunde liegen nicht vor, deswegen kommen wir jetzt zum fünften Thema der Aktuellen Stunde. Wenn Sie wissen, wie Ihre restlichen Redezeiten sind, ist es diesmal einfach. Es kommen nämlich fünf Minuten drauf. Die SPD hat damit 9 Minuten,16 Sekunden; die CDU 9 Minuten, 12 Sekunden; BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: 9 Minuten, 3 Sekunden; Die Linke: 11 Minuten, 32 Sekunden; BIW: 11 Minuten, 21 Sekunden; FDP: 10 Minuten, 11 Sekunden; BA-Gruppe: 13 Minuten, 17 Sekunden; der Senat immer noch 0. Meine Damen und Herren, ich rufe das nächste Thema der Aktuellen Stunde auf: Gegen den Verfall: Wohnkonzerne in die Pflicht nehmen und Bremer Mieter:innen schützen Dazu als Vertreterin des Senats Senatorin Ünsal. Als erste Rednerin erhält die Abgeordnete Leonidakis das Wort. Abgeordnete Sofia Leonidakis (Die Linke): Sehr geehrte Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen! Es gibt diesen Spruch, der ganz gut passt, wie ich finde: Im Wohnungsteich gibt es die Goldfische und es gibt die Immohaie. Die Goldfische sind die vielen kleinen Vermieter:innen, die eine, zwei Wohnungen vermieten, sich um ihre Mieter und die Wohnungen kümmern und oft eine echt soziale Miete verlangen. Die anderen, die Immohaie, sind die Großen und oft Ruchlosen. Es sind die Wohnkonzerne, für die nur die Dividende zählt und der Wohnraum eine Ware ist. Die machen den betroffenen Mieter:innen und uns allen das Leben schwer. Sie lassen die Häuser verfallen, sie verletzen Mieter:innenrechte und setzen darauf, dass die sich schon nicht zur Wehr setzen werden. Sie spekulieren mit unserem Zuhause und ziehen die Stadtteile und die Allgemeinheit in Mitleidenschaft. Wenn wir über Mieter:innenrechte und Mieter:innenschutz sprechen, dann sprechen wir nicht nur über das Recht auf Wohnen und den Schutz vor Wohnungsverlust, sondern auch über das Recht auf eine korrekte Nebenkostenabrechnung. (Beifall Die Linke, SPD) Dieses Recht scheint für die Mieter:innen der Vonovia-Mietshäuser in Hemelingen Hinter den Ellern allerdings nicht zu gelten. Die Linke hat dort über mehrere Monate Gespräche mit Mieter:innen geführt. Ich war auch mal dabei und was die Mieter:innen dort berichten, das klang so ganz anders als nach einem zuverlässigen Vermieter. Unter anderem verstößt die Vonovia dort systematisch gegen geltendes Recht bei der Heizkostenabrechnung – 700 Menschen sind davon betroffen. Einige Mieter:innen sind dagegen vorgegangen, haben ihre Ansprüche geltend gemacht und Warmwasser- und Heizkostenrückzahlungen erwirken können. Doch viele Mieter:innen trauen sich nicht, ihre Rechte einzufordern, oder kennen ihre Rechte nicht. Deswegen fordert der Beirat Hemelingen in einem von uns eingebrachten Antrag die Vonovia auf, allen Mieter:innen die ihnen zustehende Heizkosten-Nachrechnung zurückzuzahlen, ohne den Widerspruch jeder einzelnen Mietpartei abzuwarten. (Beifall Die Linke) Die Vonovia will dieser demokratisch-mehrheitlich geschlossenen Forderung nicht nachkommen – vielleicht, weil sie dann 20 000 Euro an die Mieter:innen zurückerstatten müsste, die sie einbehält. An dieser Stelle hören die Probleme in den Vonovia-Mietshäusern nicht auf. Wasserschäden, Schimmelprobleme und im Winter immer wieder ausfallende Heizungen, während sie im Sommer auf Stufe 5 ballern. Reparaturen unternimmt die Vonovia, die im vergangenen Jahr annähernd eine Milliarde Euro an ihre Aktionäre ausgeschüttet hat, nur schleppend. Die negativen Folgen dieses fahrlässigen Nichthandelns, darunter gesundheitliche Schäden, müssen die Mieter:innen tragen. Es gibt immer noch die Vonovia-Fans, die sagen, es sind alles nur Einzelfälle. Komischerweise gibt es so wahnsinnig viele angebliche Einzelfälle, ich kann Ihnen sagen, das hat System, weil exakt das das Geschäftsmodell ist. (Beifall Die Linke) Die Liste der Wohnungsverwahrlosungen durch Immohaie ist lang. Ob Vonovia, LEG, Peach Property, Grand City Property, Swiss Life oder DOMICIL: Immer wieder kommen massive Missstände in den Wohnanlagen dieser Konzerne in Bremen, und nicht nur in Bremen, ans Licht: defekte Heizungen und Aufzüge, Müllchaos, fehlende Nebenkostenabrechnungen, marode Häuser und Schimmel, Entmietungen, Mietabzocke. Gleichzeitig berichten zahlreiche Mieter:innen, dass die vermietenden Konzerne für sie nicht erreichbar sind, die Gebäude verfallen und teilweise leer stehen, anstatt sich zuverlässig um die Instandhaltung zu kümmern. In der Bahnhofsvorstadt steht die derzeit vielleicht berühmteste Bremer Schrottimmobilie, das Bröckelhaus am Rembertiring; noch immer mit einem Baugerüst versehen, aber es wird nicht gebaut. Passant:innen sollen vor den nach wie vor herabfallenden Fassadenteilen geschützt werden, die Fahrstühle fallen ständig aus, das Gesundheitsamt musste messen, ob die abgebrochenen Fassadenteile und Asbestplatten eine Gesundheitsgefährdung darstellen. Die Balkone sind seit bald zwei Jahren gesperrt und die Mieter:innen haben nicht mal eine Mietsenkung dafür angeboten bekommen. 160 Wohnungen werden offen dem Verfall ausgesetzt, mitten in der Stadt vor unser aller Augen. Die Mieter:innen werden auch noch mit überhöhten Mieten ausgepresst wie Zitronen, weil auch hier der Schweizer Kapitalkonzern genau weiß, dass wenige sich wehren werden. Um die Ecke das sogenannte Brandhaus. Dort musste eine Anordnung durch die Behörde verhängt werden, bis sich Jahre später was tut. Der Eigentümer Swiss Life – klingt nach Rotwein am Genfer See – ist hier eine seit sechs Jahren ausgebrannte Ruine mitten in der Stadt. Wir sollten die Bahnhofsvorstadt deshalb zum Sanierungsgebiet machen. Wir brauchen Instandsetzungsgebote, die auch durchgesetzt werden, und die entsprechenden Ressourcen dafür in der Verwaltung. Wir brauchen kommunale Vorkaufsrechte und die Mittel, die Stadtentwicklung denen zu übertragen, die es können: den städtischen Bau- und Stadtentwicklungsgesellschaften. (Beifall Die Linke, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Die Wohnkonzerne, liebe Kolleginnen und Kollegen, haben ausreichend unter Beweis gestellt, dass sie es nicht wollen – sei es am Rembertiring, an der Groner Düne oder Hinter den Ellern. Eins muss klar sein: Hinter jeder Problemimmobilie steckt ein Problemvermieter. So sieht es auch der Beirat Hemelingen und hat uns aufgefordert zu prüfen, also uns, die Stadt, ob die betroffenen Wohnblocks in die kommunalen Wohnungsbaugesellschaften zurückgeführt werden können. Begründen tut das der Beiratsbeschluss wie folgt, ich zitiere: „Wohnungen dürfen keine Ware sein, sondern erfüllen ein Menschenrecht. Sollten die Vonovia und andere Wohnungsgroßkonzerne ihre unlauteren Machenschaften in Bremen und bundesweit nicht beenden, müssen endlich politische Konsequenzen gezogen werden. Neben einem bundesweiten Mietendeckel kann dazu auch die Enteignung gehören.“ Liebe Kolleginnen und Kollegen, dem ist eigentlich gar nicht so viel hinzuzufügen, außer vielleicht das noch: Ein Vergesellschaftungsverbot, wie es die Bundesregierung plant, geht völlig an der Realität vorbei und ist aus der Zeit gefallen. Wir brauchen nicht weniger, sondern mehr Handhabe gegen Wohnausbeutung ohne Tabus. Immohaie verstoßen systematisch gegen Gesetze und werden ihrer Pflicht nicht gerecht, die mit dem Eigentum einhergeht. In der Lüssumer Heide oder in der Neuwieder Straße, in der Robinsbalje oder beim Stubu ist die Kommune eingesprungen, auch in Ersatzvornahme. Die Allgemeinheit musste die Schäden beheben, die durch die Profitmaximierung der Eigner entstanden sind. Angesichts dieser Bereicherung auf Kosten von Mieter:innen und Allgemeinheit ist es das Letzte, was man tun sollte, sich der Möglichkeiten zu berauben, dagegen vorzugehen – schon gar nicht gegen den Willen demokratischer Abstimmung. Wir brauchen den gesamten Instrumentenkasten im Umgang mit Immohaien. Von uns wird es deshalb ein klares Nein zur Abstimmung im Bundesrat geben. – Danke schön! (Beifall Die Linke, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Präsidentin Antje Grotheer: Als nächster Redner der Abgeordnete Fricke. Abgeordneter Holger Fricke (BA-Gruppe): Sehr geehrte Frau Präsidentin, meine Damen und Herren! „Überlasst die Stadt nicht den Investoren!“ Kennen Sie den Spruch, Frau Leonidakis? Das war eine linkspopulistische Parole, mit der die Bremer Linke vor sieben Jahren in den Wahlkampf zog. Wem sollen wir die Stadt überlassen? Ihnen und Ihren Enteignungsfantasien, liebe Frau Leonidakis? Jetzt haben Sie mal wieder Ihren Erzfeind ausgemacht, (Abgeordnete Sofia Leonidakis [Die Linke]: Wir sind uns treu geblieben!) die Vonovia, weil Heizungen nicht repariert wurden und einige Heizabrechnungen fehlerhaft waren. Diese üblen Konzerne, sie pressen die Mieter aus, ziehen die armen Mieter mit falschen Heizungsabrechnungen über den Tisch, und dann lassen diese bösen Kapitalisten ihre Opfer im Winter in der Kälte zurück. (Beifall Die Linke) Kaputte Heizungen werden einfach nicht repariert. Sie haben dazu eine Haustürbefragung Hinter den Ellern in Hemelingen gemacht. Frau Leonidakis, ich wohne in Schwachhausen, dort stehen auch viele VonoviaBauten. Ich kenne Leute, die dort leben, Beschwerden sind dort eher selten (Abgeordnete Sofia Leonidakis [Die Linke]: Ja, die haben Risse in den Wänden. – Zuruf Abgeordneter Tim Sültenfuß [Die Linke]) und ich sehe dort auch regelmäßig Vonovia-Technikerfahrzeuge. Das deutsche Mietrecht ist extrem streng. Der Vermieter, auch der Kleinvermieter, hat kaum Rechte. Das haben wir gerade wieder in Gröpelingen erlebt, wo ein Mieter mithilfe der Polizei vor die Tür gesetzt wurde. Der Mann hat nicht nur monatelang seine Miete nicht gezahlt, zweimal brach in seiner Wohnung ein Feuer aus; als er noch seine Nachbarn bedrohte, zog der gutmenschliche, der wirklich gutmenschliche Vermieter die Notbremse und setzte den gefährlichen Mann nach langem gerichtlichen Hin und Her vor die Tür – (Abgeordnete Sofia Leonidakis [Die Linke]: Das ist nicht das Thema!) unter den Protesten Ihrer Anhänger, liebe Linke. Heinrich Zille hatte recht, als er in den 1910er-Jahren über die Berliner Mietkasernen sagte: „Man kann mit einer Wohnung einen Menschen genauso gut töten wie mit einer Axt.“ Zum Glück sind diese Zeiten vorbei. Mieter müssen dazu gebracht werden, Eigenverantwortung zu übernehmen. Aber das wollen Sie gar nicht, liebe Frau Leonidakis. Sie wollen einen Nanny-Staat, der alles im Griff hat, der sich um alle kümmert, der dem bösen Vermieterkapitalisten auch gern mal auf die Finger haut. Doch mit Ihrer Politik vertreiben Sie Investoren und Bauherren! Durch Ihre geplante weitere Entrechtung der Vermieter, mit Ihrem immer aufwendigeren Baurecht und Mietrecht, mit Ihrem bizarren und überhaupt nicht durchgerechneten Enteignungsfetisch entsteht keine einzige neue Wohnung in Bremen. Hören Sie bitte auf, die Schuld ausschließlich bei den Vermietern zu sehen! In Bremen zahlen Vonovia-Mieter im Schnitt 7,27 Euro pro Quadratmeter. (Abgeordneter Tim Sültenfuß [Die Linke]: Ja, weil die in Schrottwohnungen leben!) Das ist ein guter und angemessener Preis. – Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! (Beifall BA-Gruppe, BIW) Präsidentin Antje Grotheer: Als nächster Redner der Abgeordnete Dr. Yazıcı. Abgeordneter Dr. Oğuzhan Yazıcı (CDU): Frau Präsidentin, meine sehr geehrten Damen und Herren! Fangen wir mit dem an, worüber kein Streit bestehen dürfte: Wenn Menschen in Wohnungen leben mit Schimmel, wenn Aufzüge nicht funktionieren, wenn Abrechnungen falsch sind und Eigentümer auf berechtigte Anliegen nicht reagieren, dann ist das nicht hinnehmbar. Mir ist völlig egal, ob es sich dabei um Vonovia, andere Aktiengesellschaften oder private Vermieter handelt: Wer Wohnraum vermietet, trägt eine ganz besondere Verantwortung. Da gibt es keine zwei Meinungen, meine Damen und Herren. (Beifall CDU) Wenn wir uns den Beiratsantrag aus Hemelingen anschauen – darauf bezieht sich ja die Aktuelle Stunde im Kern –, dann geht es um die Frage, ob die Vonovia Heizkosten ordnungsgemäß abgerechnet hat oder nicht und ob den Mietern deshalb ein Kürzungsrecht von fünfzehn Prozent zusteht. Das ist erst mal eine zivilrechtliche Fragestellung, die geklärt werden muss. Wenn dem so ist, muss das – –. (Abgeordnete Sofia Leonidakis [Die Linke]: Das ist geklärt!) Nein, das ist nicht geklärt, Frau Leonidakis. (Abgeordnete Sofia Leonidakis [Die Linke]: Das ist nicht zulässig! Die, die Widerspruch eingelegt haben, bekommen auch was zurück.) Ob ihnen fünfzehn Prozent zustehen, ist zivilrechtlich noch nicht geklärt, Frau Leonidakis. Wenn dem so ist, muss das natürlich korrigiert werden. Auch darüber gibt es keine zwei Meinungen. Sie haben auch einen Punkt, wenn Sie sagen, dass einzelne Mieter und ein börsenorientierter Wohnungskonzern sich nicht auf Augenhöhe begegnen. Ja, das stimmt. Diese Machtasymmetrie ist real und darüber müssen wir sprechen. Wir müssen vor allem darüber sprechen, wie wir die Schwächeren besser schützen und unterstützen, etwa durch bessere Rechtsdurchsetzung, etwa durch eine einfachere kollektive Durchsetzung von Ansprüchen oder stärkerer Verbraucherberatung. Über all diese Themen müssen wir sprechen. Aber genau an dieser Stelle haben wir offenbar einen Dissens. Denn wie kommen Sie eigentlich von einer falschen Heizkostenabrechnung zu einer Schlussfolgerung, dass Bremen im Zweifel den Wohnungsbestand der Vonovia besitzen sollte? Diesen wilden Gedankensprung kann ich ehrlicherweise nicht nachvollziehen, meine Damen und Herren. (Beifall CDU, BA-Gruppe) An dieser Stelle verlieren Sie mich total. Sie wollen die Machtkonzentration bei Konzernen bekämpfen, aber schieben dann die Konzentration auf den Staat. Wir haben eine andere Schlussfolgerung: Wir wollen die Macht der Mieter stärken, wir wollen – –. Sie haben von Machenschaften gesprochen; wenn es diese Machenschaften gibt, müssen diese konsequent und sehr empfindlich sanktioniert werden, meine Damen und Herren. Das heißt, wir brauchen einen Rechtsstaat, der dort hart eingreift, wo gegen Gesetze verstoßen wird. Genau das aber ist das Problem hier, dass es nicht klappt! (Beifall CDU) Wir müssen vor allem dafür sorgen, dass die Menschen auf dem Mietmarkt eine Wahlmöglichkeit haben, (Abgeordnete Sandra Ahrens [CDU]: Genau!) das heißt, im Zweifel dem Vermieter den Rücken kehren können. Deshalb ist die seit Jahren viel zu geringe Neubauleistung des Senats nicht irgendein Thema, sondern sie gehört unmittelbar in diese Debatte über Mietermacht, meine Damen und Herren! (Beifall CDU) Denn Sie haben letztlich mit Ihrer Politik in den letzten Jahren ungewollt diese Marktasymmetrie zementiert und dafür tragen Sie die politische Verantwortung – das gehört zur Realität! (Beifall CDU, FDP, BA-Gruppe) Zur Verantwortung des Senats gehört natürlich auch der Vollzug. Ich möchte gar nicht behaupten, dass es einfach ist, Recht gegenüber Aktienkonzernen durchzusetzen, aber der Vollzug ist die Mindestpflicht eines Staates. Da haben wir erhebliche Probleme. Wir haben vor wenigen Monaten noch darüber gesprochen: Die Wohnungsaufsicht hat gerade einmal zwei Vollzeitstellen, sie haben gar keine Ressourcen, um beispielsweise Bußgeldbescheide zu erlassen. Sie haben eben, Frau Leonidakis, fünf Minuten geredet, welche Probleme Sie in der Stadt einfach nicht gelöst haben. Das ist doch das Problem, um das es hier geht! (Beifall CDU, BIW) Dann möchte ich auf einen Punkt zu sprechen kommen, der mir ganz besonders aufstößt, (Zuruf Abgeordnete Sandra Ahrens [CDU]) und das ist eigentlich der Kern dieser Aktuellen Stunde: Das Thema Vonovia ist nicht vom Himmel gefallen, weder in Hemelingen noch hier; das ist Teil einer bundesweiten Medienkampagne der Linken aus Berlin. In den eigenen Strategiepapieren heißt es dazu: Lokale Konflikte suchen, den politischen Gegner benennen, insbesondere die Vonovia-Fälle zusammensuchen, bundesweit Druck erzeugen und die Konflikte in die Parlamente tragen. Genau dieses Skript wird hier heute abgearbeitet, und die Sozialdemokraten und die Grünen lassen sich vor den Karren spannen. Das ist die eigentliche Story der Aktuellen Stunde, meine Damen und Herren! (Beifall CDU, BIW, FDP) Ich sage Ihnen klar: Sie können natürlich diese Kampagne führen, das ist Ihr demokratisches Recht, und Sie können auch Ihre sozialistischen Enteignungsfantasien vortragen, aber Sie sollten die Sorgen und Nöte der Menschen in Hemelingen nicht zur Kulisse für Ihre Kampagnen machen. Dieses Hohe Haus ist nicht die Außenstelle Ihrer Kampagnenpolitik. (Abgeordneter Piet Leidreiter [BIW]: Ja, da gibt es Widerspruch!) Da stellen wir uns entschieden entgegen! (Beifall CDU, BIW – Zuruf Abgeordneter Falk-Constantin Wagner [SPD]) Die entscheidende Frage lautet doch: Was kann die Enteignung, von der Sie eben wortwörtlich gesprochen haben, Frau Leonidakis, konkret besser als eine konsequente Rechtsdurchsetzung, als eine Stärkung der Mieterrechte, wirksame Sanktionen, mehr Wettbewerb und vor allem mehr Wohnungsbau? Diese Antwort sind Sie uns eben schuldig geblieben! Genau an diesem Punkt wird Ihr Mieterschutz zu einem Klassenkampf, meine Damen und Herren! Mieterschutz braucht aber keinen Klassenkampf, sondern er braucht einen Senat, der Recht wirksam durchsetzt, meine Damen und Herren. – Vielen Dank! (Beifall CDU, BIW, BA-Gruppe) Präsidentin Antje Grotheer: Als nächster Redner der Abgeordnete Sültenfuß zur Kurzintervention. Abgeordneter Tim Sültenfuß (Die Linke): Vielen Dank, Frau Präsidentin! Herr Yazıcı, Sie haben gerade gesagt, also behauptet, es wäre nicht entschieden, diese zivilrechtliche Frage, was mit den fünfzehn Prozent ist. Das ist Unfug. Die Heizkostenverordnung hat das entschieden und der Bundesgerichtshof mehrfach bestätigt, letztes Mal im Juli 2023: Wenn nicht nach dem Verbrauch abgerechnet wird, sondern pauschal und es keine Wärmemengenzähler gibt, dann haben die Mieter:innen einen pauschalen Anspruch auf fünfzehn Prozent Rückzahlung. Ich war in der Beiratssitzung. Sie schütteln den Kopf. (Zuruf Abgeordneter Dr. Oǧuzhan Yazıcı [CDU]) Herr Tebbe von der Vonovia hat gesagt: Ja, das stimmt, diesen Anspruch gibt es. Jeder, der diesen Widerspruch gegen die Herzkostenabrechnung einlegt, bekommt fünfzehn Prozent. Er hat aber auch gesagt, die Leute müssen sich schon bei der Vonovia melden. Genau das ist das Problem, dass die Leute sich selbst bei der Vonovia melden müssen, obwohl sie abgezockt werden und eigentlich den Anspruch auf Rückzahlung hätten. (Abgeordneter Dr. Oǧuzhan Yazıcı [CDU]: Aber das kann man doch verlangen. – Abgeordneter Piet Leireiter [BIW]: Das ist doch normal im Wirtschaftsleben!) Das zeigt mal wieder: Vonovia – weil die das nämlich in Schachhausen nicht macht, das wurde auch gerade gesagt – macht das da, wo die Leute nicht in der Lage sind, sich zu wehren, weil sie nicht starke Anwälte hinter sich haben oder sonst was. Dass die CDU immer wieder von irgendwelchen sozialistischen Enteignungsfantasien schwafelt – –. (Abgeordneter Heiko Strohmann [CDU]: Ja!) Herr Strohmann, Sie grinsen auch noch so blöd, (Unruhe, Widerspruch CDU, BIW, FDP – Abgeordneter Piet Leidreiter [BIW]: Ha! Das war eine Beleidigung! Das war eine Beleidigung!) also wirklich – das ist immer dasselbe. Im Beirat hat genau dieselbe Story – –. Die CDU enteignet die ganze Zeit irgendwelche Autobahnen, wenn aber enteignet werden soll, weil ein Vermieter sein Gebäude nicht in Stand hält und Leute da im Winter zu neunt – die haben mit neun Leuten in einer Wohnung gelebt, weil die Heizung nicht ging – –. (Glocke) Präsidentin Antje Grotheer: Herr Sültenfuß, 90 Sekunden für eine Kurzintervention, (Abgeordneter Tim Sültenfuß [Die Linke]: Heuchelei ist das! Heuchelei!) es tut mir leid, und Abgeordnete zu beleidigen, ist hier nicht in Ordnung. (Beifall CDU, FDP, BIW, BA-Gruppe) Ihre Fraktion hat aber noch erhebliche Redezeit. Es gibt also noch die Möglichkeit, auf die genannten Argumente einzugehen. Als nächster Redner hat der Abgeordnete Saxe das Wort. Abgeordneter Ralph Saxe (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Frau Präsidentin, meine Damen und Herren! Ich fange erst mal mit dem an, was uns eint. Sie haben gesagt, Mieterrechte stärken, weil es keine Gleichheit gibt. Da gibt es das schöne Zitat, Regeln sind nicht das Gegenteil von Freiheit, Regeln sind Voraussetzung dafür, dass Freiheit nicht nur für die Starken gilt. Ich glaube, bei dem Punkt sind wir uns relativ einig, (Abgeordneter Thore Schäck [FDP]: Das stimmt.) dass wir versuchen, da zumindest eine Gleichheit herzustellen. Schimmel, verdreckte Treppenhäuser, Müll. Wo haben wir das gehabt? Das haben wir gehabt in der Lüssumer Heide, 2019. Wem gehörten die Wohnblocks dort, 224 Wohneinheiten? (Abgeordnete Sofia Leonidakis [Die Linke]: Der Vonovia.) Das war die Vonovia. Wenn man sich das Umfeld dort angeguckt hat, dann wird man feststellen, dass ein ganzer Bereich drohte, abzukippen. Das wissen wir auch: Wenn so etwas passiert, wenn größere Wohneinheiten tatsächlich dem Verfall preisgegeben werden und verschmutzen, dann hat man Situationen, die zum Abkippen von ganzen Quartieren und ganzen Stadtteilen führen können. Von daher haben wir die Aufgabe, auch als Staat, da zu gucken: Wie können wir dort stabilisieren? Es war toll, dass wir die GEWOBA haben, die gesagt hat: Da wollen wir Verantwortung übernehmen, da wollen wir Stabilität in dieses Quartier reinbekommen. Wer heute dahingeht, der wird feststellen, dass das stabilisiert ist, dass das gewirkt hat. Deswegen, glaube ich wirklich – Sie wollten ja ein Argument dafür finden, warum es Sinn macht, dort mehr Staat zu wagen –, den großen Feldversuch, den haben wir dort in Lüssum erlebt. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Die Linke) Ich will jetzt gar nicht – –. Dieses Thema Enteignung, das ist vielleicht irgendwann in bestimmten Fällen die Ultima Ratio. Ich glaube, da haben wir noch eine ganze Menge mehr, (Zuruf Abgeordneter Dr. Oğuzhan Yazıcı [CDU]) was wir am Ende machen können. (Abgeordneter Thore Schäck [FDP]: Da hat er recht.) Wir müssen aber zur Kenntnis nehmen, woanders gibt es defekte Fahrstühle, woanders laufen Ratten herum. Es gibt diese maroden Balkone, die auch irgendwelchen Leuten auf den Kopf fallen können, wenn sie daran vorbeigehen. Das sind wirklich unhaltbare Zustände. Da werden Sie aber auch, so, wie ich Sie kenne, gar nichts gegen haben. Dagegen müssen wir was tun. (Abgeordnete Sandra Ahrens [CDU]: Na klar! Da gibt es ja keinen Dissens!) Wer so handelt und dort nichts macht, und das ist nicht nur die Vonovia, da gibt es noch ein paar mehr, die so handeln, da müssen wir sehen, dass wir die Instrumente schärfen. Die Frage stellt sich: Was macht denn eigentlich die Bundesregierung, um diese Rechte der Menschen zu stärken, die die Hilfe brauchen, wo es die Gleichheit nicht gibt? Ja, da kürzen wir das Wohngeld um ein Drittel im Ergebnis. Das ist das, was die Bundesregierung gemacht hat. Das gehört zur Wahrheit – –. (Abgeordnete Sandra Ahrens [CDU]: Was machen Sie denn hier in Bremen? Wie schnell wird denn das Wohngeld ausgezahlt?) Es gibt noch so viel Zeit, Frau Ahrens, (Abgeordnete Sandra Ahrens [CDU]: Wenn Sie mit dem Finger auf andere zeigen, gucken Sie sich erst mal selbst an!) es gibt noch so viel Zeit. Machen Sie eine Kurzintervention! Es ist überhaupt kein Problem. Ich rede jetzt und habe auch einen Kontext hergestellt auf die Bundesebene, weil da ist auch (Abgeordnete Sandra Ahrens [CDU]: Ich habe auch einen Kontext hergestellt!) ganz deutlich eine Regelungsebene, wo so was stattfinden muss. Präsidentin Antje Grotheer: Frau Ahrens, bitte! Abgeordneter Ralph Saxe (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Jetzt gemach, wirklich gemach! Es geht darum, dass wir bei der Abzockpolitik, die von einigen Wenigen betrieben wird, auch wirksamere Instrumente finden. Da haben Sie recht, dass wir die Instrumente nutzen, die es schon gibt. Dazu werde ich gleich noch ein paar Sachen sagen. Es muss mehr gehen Richtung Gemeinwohlorientierung von Bauen und Wohnen und Vermieten. Dagegen werden Sie im Grundsatz wahrscheinlich auch nichts haben. Nur, wenn es gegen die Gemeinwohlorientierung verstößt, was machen wir dann? Dann kann man sicherlich den Weg Instandsetzungsgebot wählen. Ich bin auch dafür, dass wir viel schneller zu dieser Keule greifen, um Leute, (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Die Linke – Abgeordneter Heiko Strohmann [CDU]: Warum klappt das denn in Hamburg?) die wissentlich gegen Recht verstoßen, wirklich zu animieren, damit sie dafür sorgen, dass die Menschen sicher wohnen können. Es ist Daseinsvorsorge, über die wir reden. (Zuruf Abgeordneter Dr. Oğuzhan Yazıcı [CDU]) Menschen halten sich manchmal den ganzen Tag, weil sie sich nicht mehr bewegen können, in solchen Wohneinheiten auf. Deswegen haben wir als Staat, finde ich, da eine ganz besondere Aufgabe. Tatsächlich haben wir schon einige Instrumente zum Beispiel in der LBO, die wir gerade verabschiedet haben. Darin steht unter anderem: Werden Anlagen im Widerspruch zu öffentlich-rechtlichen Vorschriften genutzt, kann diese Nutzung untersagt werden. Ich bin dafür, dass wir diese Instrumente nutzen. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Darin steht auch: Soweit bauliche Anlagen nicht genutzt werden und im Verfall begriffen sind, kann die Bauaufsichtsbehörde den Abbruch oder die Beseitigung anordnen. Da bin ich erst mal dafür, dass wir diese Instrumente, die da drinstehen, vielleicht noch ein bisschen schärfen und dann versuchen, zu gucken, ob wir die Ultima Ratio wirklich brauchen. Dass es aber im Einzelfall Fälle gibt, in denen der Staat eingreifen muss, wie – und da komme ich zu dem Anfang meiner Rede zurück – in der Lüssumer Heide, um Quartiere zu stabilisieren, das ist doch vollkommen klar. Die GEWOBA ist ein Segen für diese Stadt. Das haben nicht alle in allen Zeiten so gesehen. Wir haben aber einen großen Wohnungsmarkt, der noch unter dem Satz der Vonovia liegt, der bezahlbaren Wohnraum in sehr großer Anzahl bereithält. Da bin ich schon dafür, wenn wir es können, solche Sachen zu machen, wie wir sie in der Lüssumer Heide mit der GEWOBA gemacht haben. Das ist segensreich für diese Stadt, das auszubauen und die GEWOBA zu stärken und die BREBAU zu stärken. Das ist jedenfalls der Ansatz unserer Fraktion, um das Wohnen bezahlbar zu lassen und auch die Rechte der Mieterinnen und Mieter zu stärken. Eins wollte ich noch dazu sagen, das kommt ja wirklich in jeder Debatte, dass Sie sagen: Dieser Senat hat versagt. (Abgeordneter Heiko Strohmann [CDU]: Ja!) Er baut nicht genug. Ja, und wie ist das im Bund, und wie ist es in anderen Bundesländern? (Abgeordneter Piet Leidreiter [BIW]: Das ist doch egal!) Das ist im Augenblick die Situation. Wenn Sie mit Bauträgern reden, da brauchen Sie gar nicht den Kopf zu schütteln, Frau Winter, wenn Sie das tun würden, mit Bauträgern zu reden, (Widerspruch CDU, BIW) dann werden die sagen: Etwas anderes als geförderten Wohnungsbau bei den Preisen, die im Augenblick da sind, können wir nicht mehr machen. Da haben wir die Instrumente erheblich ausgeweitet und da kann ich den Senat wirklich nur loben! Da ist sehr viel Geld in die Hand genommen worden, damit wir überhaupt noch bauen, dort, wo es geht. (Abgeordneter Piet Leidreiter [BIW]: Wer baut denn? Die gehen doch pleite!) Dieser Vorwurf, der greift wirklich ins Leere. – Vielen Dank, meine Damen und Herren! (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Die Linke – Abgeordnete Dr. Wiebke Winter [CDU]: Nein, die fehlenden Wohnungen, die sind das Problem!) Präsidentin Antje Grotheer: Als nächster Redner der Abgeordnete Leidreiter. Abgeordneter Piet Leidreiter (BIW): Sehr geehrte Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen! Die Linke beklagt in ihrer Aktuellen Stunde marode Häuser, defekte Heizungen, Schimmel und mangelhafte Instandhaltungen. Es gibt aber auch Mietverträge und in denen sind Rechte und Pflichten geregelt. Wer Wohnungen vermietet, muss seine vertraglichen und auch die strengen gesetzlichen Regeln erfüllen. Dazu gehört auch selbstverständlich eine ordentliche Nebenkostenabrechnung. Liebe Frau Leonidakis, (Abgeordnete Sofia Leonidakis [Die Linke]: Nicht lieb für Sie!) unser Mieter Norman weiß das auch, aber hat ein Rechtsdurchsetzungsproblem. Er ist einfach nicht so gebildet, dass er seine Rechte wahrnehmen kann. Aus diesem Grund müsste man zum Beispiel Mietervereine wesentlich stärken. Sie verwechseln die Folgen mit den Ursachen. Wer den Verfall von Wohnraum verhindern will, darf nicht Rendite zum Schimpfwort erklären. (Beifall BIW) Gewinnerzielung und Rendite sind dabei wichtige wirtschaftliche Anreize in der sozialen Marktwirtschaft. Wer arbeitet, investiert, Risiken übernimmt und Kapital zur Verfügung stellt, muss davon auch einen Vorteil haben. Leistung muss sich lohnen und Investitionen müssen sich rechnen. Denn die Wahrheit ist: Ohne Rendite keine Investitionen, ohne Investitionen keine Sanierung und ohne Investitionen auch keine neuen Wohnungen. Merksatz für die Linke: Private Investoren bauen Wohnungen nicht aus Nächstenliebe. Sie setzen eigenes Kapital ein, tragen Finanzierungs-, Bauund Marktrisiken und erwarten zu Recht eine angemessene Rendite. Das ist keine moralische Verfehlung, das ist soziale Marktwirtschaft, meine Damen und Herren. (Beifall BIW – Abgeordneter Olaf Zimmer [Die Linke]: Das ist Kapitalismus!) Deshalb sind auch die immer wieder aufkommenden ideologischen Enteignungsfantasien der Linken nicht zielführend. Die Linke fordert in der Aktuellen Stunde ausdrücklich, die Überführung privater Wohnblocks in kommunale Trägerschaft zu prüfen und Renditeinteressen zurückzustellen. Wer privaten Investoren ständig mit Enteignung, Mietendeckel und zusätzlichen Belastungen droht, darf sich nicht wundern, wenn diese ihr Geld anderswo investieren. Jetzt komme ich mal zu den Zahlen: Die durchschnittliche Bruttomietrendite bei Wohnimmobilien in Deutschland liegt im Durchschnitt bei circa 4 Prozent. Vonovia bietet 6,25 Dividendenrendite plus/minus die Kursveränderung, und der Kurs hat sich im letzten Jahr minus 28,45 Prozent entwickelt. Ich sage mal, das ist keine gute Verzinsung. (Abgeordnete Sofia Leonidakis [Die Linke]: Die Armen!) Ein breit gestreuter MSC World-ETF zum Beispiel erzielt langfristig eine höhere Durchschnittsrendite bei deutlich besserer Risikostreuung. Wir halten fest, Frau Leonidakis: Es sind keine Riesengewinne für die Eigentümer. Oma Erna, wenn sie ihre 100 000 Euro in Borgfeld angelegt hat, bekommt für die 100 000 Euro (Abgeordneter Thore Schäck [FDP]: Eine Garage!) 6 250 Euro Rendite bei Vonovia, und Oma Erna ist kein böser Kapitalist. Sie kauft nämlich ihre Lebensmittel davon. Das müssen wir mal zur Kenntnis nehmen. Wenn Sie linkspopulistisch mit Riesenzahlen hier argumentieren – ich kann natürlich jede kleine Zahl mit Tausenden von Aktionären malnehmen –, dann bekomme ich diese großen Zahlen. Das ist aber linkspopulistisch. Bremen braucht deshalb das Gegenteil: bessere steuerliche Abschreibungsmöglichkeiten für Neubau und Sanierung, schnellere Genehmigungen, weniger Bürokratie und auch verlässliche Rahmenbedingungen. (Beifall BIW) Wir müssen auch über die Nachfrageseite sprechen. Wer über Wohnungsknappheit redet, darf die Auswirkungen der Zuwanderung nicht ausblenden. (Widerspruch SPD) Ja, hören Sie mal gut zu, dann verstehen Sie es vielleicht. Jeder zusätzliche Einwohner benötigt Wohnraum. Stimmt es? Ich höre: Ja, okay. (Zuruf Abgeordneter Volker Stahmann [SPD]) Wächst die Bevölkerung schneller als der Wohnungsbestand, steigt die Nachfrage und damit der Druck auf die Mieten. Stimmt es? Ich denke, ja. Das ist keine Frage der Herkunft. Das ist schlicht eine Folge der Preisbildung am Markt, die von Angebot und Nachfrage abhängig ist. (Abgeordneter Volker Stahmann [SPD]: Ja, und es gibt keinen Klimawandel.) Sagen Sie. Ich sage das anders. Deshalb muss sich die Zuwanderung auch an der tatsächlichen Aufnahmefähigkeit unserer Städte orientieren. Zuwanderung muss in einem verträglichen Maß stattfinden. Der Mietendeckel ist auch keine Lösung. Ein Mietendeckel baut keine Wohnung. Er saniert kein Dach und finanziert auch keine neue Heizung, meine Damen und Herren. Wir haben in der DDR erlebt, wo Ihre Vorgängerpartei, nein, es war die gleiche Partei, SED, geherrscht hat, wohin politisch niedrig gehaltene Mieten zusammen mit fehlenden wirtschaftlichen Investitionsanreizen führen können: zu Investitionsstau und verfallener Bausubstanz, meine Damen und Herren. Das sollten Sie sich mal hinter die Ohren schreiben. (Beifall BIW) Eine vernünftige wirtschaftliche Antwort muss lauten: Leistung belohnen, Rendite ermöglichen, Investitionen steuerlich fördern, Eigentum schützen, Zuwanderung an der Aufnahmefähigkeit orientieren und, was auch wichtig ist, schwarze Schafe unter den Vermietern konsequent zur Verantwortung zu ziehen. Denn der beste Mieterschutz ist ein ausreichendes Angebot. Wohnraum entsteht nicht durch Ideologie und Enteignung. Wohnraum entsteht, wenn Leistungen und Investitionen sich wieder lohnen, meine lieben Kollegen und Kolleginnen von den Linken. – Vielen Dank für die Aufmerksamkeit! (Beifall BIW) Präsidentin Antje Grotheer: Als nächster Redner der Abgeordnete Schäck. Abgeordneter Thore Schäck (FDP): Frau Präsidentin, sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Ich habe jetzt noch über zehn Minuten, und auf diese zehn Minuten freue ich mich besonders. (Heiterkeit CDU) Vielleicht müssen wir das mal ein bisschen einordnen. Wir haben doch in Bremen auch Statistiken darüber, wie viele Wohnungen es überhaupt gibt. Wir reden über ungefähr 300 000 Wohnungen. Wir wissen, dass rund die Hälfte davon Privatpersonen gehört, die darin auch größtenteils selbst wohnen. Wir haben ungefähr 25 Prozent Wohneigentümergemeinschaften, kommunale Wohnungsunternehmen irgendwas über 40 000. Privatwirtschaftliche Wohnungsunternehmen, das sind ja die, über die wir jetzt hier gerade gesprochen haben, sind ungefähr 20 000 Wohnungen, das sind also 6 bis 7 Prozent. Wir wissen aus verschiedenen Statistiken, dass wir in Bremen eine relativ geringe Leerstandsquote haben. Die liegt ungefähr bei 2,1 oder 2,2 Prozent. Im Bundesdurchschnitt ist sie doppelt so hoch. Es gibt sogar Fachleute, die sagen, sie ist zu niedrig. Eine Leerstandsquote von 3 Prozent ist gesund für einen Markt. Warum? Weil Wohnungen natürlich auch teilweise mal ein paar Monate leerstehen, wenn sie saniert werden. Eine zu geringe Leerstandsquote bedeutet erstens, es wird nicht mehr in den Bestand investiert, und zweitens fehlt auch die Mobilität im Markt. Nämlich da, wo keine Wohnungen frei sind, können Menschen auch nicht mehr umziehen. Wo ich total dabei bin, und das ist hier jetzt schon mehrfach gesagt worden, ist: Es ist total ätzend, wenn einzelne Unternehmer oder Unternehmen große Wohnblöcke verfallen lassen. Daran kann doch niemand ernsthaft ein Interesse haben. (Abgeordnete Sofia Leonidakis [Die Linke]: Doch, die Aktionäre.) Das sind übrigens oft große, häufig international agierende Immobilienfonds, die wenig Interesse an Bremen und auch wenig Interesse an Deutschland haben. Das ist so. Ich habe mir vor wenigen Wochen einen dieser Blöcke auch mal angeguckt. Bei einer Nachtschicht mit der Polizei sind wir in diese Wohnblöcke am Hauptbahnhof rein. Wer sich das mal angeguckt hat, der weiß, wie fürchterlich der Zustand dort ist. Es liegt dort Unrat rum, Türen sind kaputt, auch Wohnungstüren teilweise kaputtgetreten, Fäkalien, Menschen übernachten dort in den Hausfluren. Es stinkt bestialisch und man fragt sich: Wie können dort Menschen eigentlich noch wohnen? Da sind noch Klingelschilder, dort laufen auch Menschen zu ihren Wohnungen und insbesondere auch mit kleinen Kindern. Das ist kein Zustand, der zu tolerieren ist. Sie haben eben auch das Thema angesprochen mit fehlerhaften Nebenkostenabrechnungen. Das ist doch auch ein klares Thema: Jemand, der vermietet, der ist verpflichtet, eine vernünftige Nebenkostenabrechnung zu machen. Wenn der sich verrechnet, dann muss der eben nachzahlen oder das noch mal neu berechnen, das ist doch gar nicht die Frage. Aber, und das ist der große Punkt: Wir müssen uns doch mal die Frage stellen, wie groß das Problem eigentlich bei uns in Bremen ist? Das fragen Sie ja regelmäßig auch in der Deputation für Bau und Verkehr ab. Sie wollen regelmäßig wissen: Wie groß ist das Problem mit Problemimmobilien in Bremen? Sie kriegen auch regelmäßig die Antwort, dass sich die Zahl der Problemimmobilien in Bremen in Grenzen hält. Es ist schlichtweg kein flächendeckendes Problem. Es sind Einzelfälle! Einzelfälle sind ätzend, aber es ist kein flächendeckendes Problem. Ich verstehe total, dass Sie das jetzt als Wahlkampfthema für sich entdeckt haben, das ganze Thema „Böse Vermieter“, so ein bisschen Klassenkampf, ein bisschen Hass und Hetze säen, ein bisschen Spaltung der Gesellschaft. Das kann man alles im Wahlkampf machen, wenn Sie das für richtig halten. Das wird nur das eigentliche Problem nicht lösen. Das ist das, was Herr Kollege Yazıcı eben angesprochen hat: Wir müssen doch dafür sorgen, dass wir in Bremen mehr Wohnraum haben, dass Mieter selbst entscheiden können, welche Wohnung sie nutzen möchten. Wenn das, was der Vermieter da tut, mir nicht passt, dann kann ich mir eine neue Wohnung suchen. Alles, was Sie in den letzten Jahren und Jahrzehnten getan haben, an immer noch mehr Bürokratie, an immer noch mehr Vorschriften, hat dafür gesorgt, dass genau dieser neue Wohnraum hier in Bremen nicht entstanden ist, sehr geehrte Damen und Herren. (Beifall FDP, BIW) Jetzt haben wir immer wieder die ganzen Diskussionen, und das macht auch die Linksfraktion in Berlin offensichtlich sehr erfolgreich, diese ganzen Enteignungsdiskussionen. Das sind dann so Ideen, die man in den Raum stellt, und dann wird gefragt: Liebe Bürger, wollt ihr, dass wir Wohnungskonzerne enteignen? Dann sagt der Bürger: Ja, warum nicht? Die ehrliche Frage wäre aber, zu sagen: Pass auf, das kostet nach Schätzungen dreißig bis vierzig Milliarden Euro, es ändert sich an deiner wahrscheinlich teilweise verschimmelten Wohnung nichts, es ändert sich nur die IBAN, wo die Miete in Zukunft hingeht. Das Geld ist weg und es geht auf Kosten und zulasten von Bildung, von Kitaplätzen, von Straßen, von Sicherheit. Das wäre eine ehrliche Umfrage gewesen und dann wäre die anders ausgefallen. Diese ganze Erzählung „Wir enteignen“: Was soll denn dann besser werden? Auch diese Idee, dass der Staat in Zukunft immer mehr Wohnungen anbietet und wir irgendwann einen komplett staatlichen Wohnungsmarkt haben – –. Mir ist kein Beispiel aus der Geschichte bekannt, wo das irgendwie gut ausgegangen wäre. (Abgeordneter Piet Leidreiter [BIW]: DDR! Super!) Im Gegenteil, das Problem, das dann entstanden ist, ist, dass der Wohnraum verfallen ist, es ist nirgendwo jemals besser geworden. Ja, lassen Sie uns – –, und da sind wir sofort dabei – –. Sie haben einen Instrumentenkasten. Nutzen Sie diesen Instrumentenkasten gegen diejenigen, die sich nicht ordentlich verhalten. Das ist das große Problem, über das ich jetzt sprechen möchte: Sie tun genau das nicht. Sie versagen letztendlich auf beiden Seiten. Auf der einen Seite haben Sie sich doch einen Instrumentenkasten geschaffen, mit Wohnraumschutzgesetz und verschiedenen Maßnahmen. Irgendwie kommt der hier nicht zur Anwendung. Da wären wir ja sofort dabei, wenn jemand über Jahre oder Jahrzehnte einen Wohnraum verfallen lässt, dass man irgendwann sagt, da müssen wir jetzt mal gegen agieren. Das ist doch nicht das Problem. Das tun Sie aber nicht, Sie reichen hier eine Aktuelle Stunde ein, um groß darüber zu debattieren, aber das Problem kriegen Sie nicht gelöst. Auf der anderen Seite genauso: Wenn ein Vermieter einen Mieter hat, der über Monate oder Jahre keine Miete mehr bezahlt, der den Wohnraum verfallen lässt, dann kriegt dieser Vermieter oft seinen Mieter über lange Zeit nicht aus der Wohnung raus. Sie versagen also auf beiden Seiten. (Abgeordneter Piet Leidreiter [BIW]: Richtig.) Das ist doch das Problem. Fangen Sie doch mal an, die Mittel, die Sie haben, einzusetzen. Dazu gehört, wenn jemand sich nicht ordentlich um seinen Wohnraum kümmert, dann muss er zur Verantwortung gezogen werden. Aber es bedeutet genauso, wenn ein Mieter keine Miete mehr bezahlt oder wenn er den Wohnraum verkommen lässt, dann fliegt er aus dieser Wohnung raus. Auch Vermieter haben Rechte, sehr geehrte Damen und Herren. (Beifall FDP, BIW) Präsidentin Antje Grotheer: Herr Abgeordneter, gestatten Sie eine Zwischenfrage des Abgeordneten Sültenfuß? Abgeordneter Thore Schäck (FDP): Gern, ich bringe Ihnen gern noch was über den Wohnungsmarkt bei. (Abgeordnete Sofia Leonidakis [Die Linke]: Ach, darauf haben wir gewartet!) Abgeordneter Tim Sültenfuß (Die Linke): Ich habe eine Frage, vielleicht können Sie mich da aufklären. Herr Schäck, glauben Sie, dass ein Wohnungseigentümer, der nicht profitorientiert arbeitet, wie zum Beispiel die GEWOBA, monatlich mehr Geld für die Instandhaltung zur Verfügung hat als ein Wohnungseigentümer, der, wie die Vonovia, pro Monat im Durchschnitt 166 Euro pro Wohnung an seine Aktionäre ausschütten muss? (Abgeordneter Heiko Strohmann [CDU]: Die GEWOBA macht doch auch Gewinne!) Abgeordneter Thore Schäck (FDP): Ich hoffe, ich habe jetzt Ihre Frage richtig verstanden. Sie sagen, dass ein gemeinnütziges Unternehmen, das keine Gewinne macht oder nicht auf Gewinne abzielt, (Abgeordneter Piet Leidreiter [BIW]: GEWOBA ist kein gemeinnütziger Verein, es ist eine AG!) im Zweifelsfall mehr Geld (Abgeordneter Tim Sültenfuß [Die Linke]: Nicht profitorientiert.) hat, um damit die Wohnung instand zu halten, als ein privatwirtschaftliches Unternehmen. Habe ich Ihre Frage richtig verstanden? (Zurufe: Ja!) Gut, ich wollte nur sicherstellen, dass ich auf die Frage auch die richtige Antwort gebe. Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich weiß nicht, ob das in Ihren Reihen nicht klar ist, aber die GEWOBA macht Gewinne und Bremen profitiert auch davon, und zwar nicht zu knapp. (Unruhe Die Linke – Abgeordneter Piet Leidreiter [BIW]: Das ist eine Aktiengesellschaft!) Mir sind zahlreiche Unternehmen bekannt, die auf dem Wohnungsmarkt aktiv sind, kleine und große. Die machen Gewinne, die bieten vernünftige Mieten an, die halten auch ihre Wohnungen in Schuss. (Zuruf Abgeordneter Dr. Oğuzhan Yazıcı [CDU]) Es geht alles, es ist immer nur die Frage, wie man es umsetzt, und es ist keine Frage von irgendeiner ideologischen Diskussion. (Beifall FDP, CDU, BIW – Zuruf Abgeordneter Tim Sültenfuß [Die Linke]) Ich muss mich dann doch sehr wundern, wenn die Kollegin Leonidakis jetzt Oma Erna zitiert, die kleine Vermieterin. Oma Erna scheint hier schon einen festen Platz in unserem Hohen Hause zu haben. Die kleine Vermieterin, die zwei, drei Wohnungen für die Altersvorsorge geschaffen hat, dass wir die stärken müssen, da sind wir sofort dabei. Das sagen wir doch seit Jahren. Aber alles, was Sie tun, sorgt doch dafür, dass diese kleinen Vermieter geknechtet werden, so, dass sie sagen, dieses immer größere Maß an Bürokratie, an Vorschriften, an Einschränkungen lohnt sich nicht mehr, ich mache mir den Stress nicht mehr mit einer Mietwohnung. Es ist gerade vor wenigen Wochen eine Umfrage rausgekommen. Zwei Drittel genau dieser kleinen Vermieter denken darüber nach, ihre Mietwohnungen zu verkaufen, weil sie sagen: Diesen Quatsch gebe ich mir nicht mehr, ich mache damit überhaupt keinen Gewinn mehr, ich mache nur noch Verluste, ich habe nur noch Stress und ich verkaufe diese Wohnung. Wo landen die im Zweifelsfall? Bei den großen internationalen Konzernen, die Sie auch wieder kritisieren. Sie wissen doch gar nicht, wo Sie hinwollen. Im Zweifelsfall ist es doch wahr, wir brauchen einen vernünftigen Mietmarkt mit vielen kleinen Vermietern, mit einigen großen. Aber hören Sie endlich auf, (Zuruf Abgeordneter Falk-Constantin Wagner [SPD]) alle Vermieter – das ist das Hauptproblem, womit Sie Wahlkampf machen –, egal, ob klein oder groß, immer in eine Schmuddelecke zu stellen, immer alle pauschal zu verurteilen. Es mag einige wenige geben, gegen die können wir vorgehen. Ansonsten leben wir davon und wir leben sehr gut davon als Gesellschaft, dass wir einen Großteil, einen ganz, ganz großen Teil an Vermietern haben, die sich ordentlich verhalten, die im Zweifelsfall auch ein größeres Interesse daran haben, eine vernünftige Beziehung zu ihrem Mieter zu haben, als noch die letzten drei Cent an Miete rauszukratzen und rauszuquetschen. Auf diese Menschen sollten wir stolz sein. Die haben investiert, die sind ins Risiko gegangen, die bieten Wohnraum an, den Sie hier in Bremen niemals anbieten könnten. Ich finde es eine Frechheit, diese Menschen ständig und immer wieder unter Pauschalverdacht zu stellen. – Vielen Dank! (Beifall FDP) Präsidentin Antje Grotheer: Als nächster Redner der Abgeordnete Wagner. Abgeordneter Falk-Constantin Wagner (SPD): Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen! Große Wohnanlagen gehören in die Hand der Stadt (Beifall SPD, Die Linke) oder auch eines anderen sozial orientierten Vermieters wie Genossenschaften oder Stiftungen. Denn das Risiko, das von großen Wohnanlagen ausgeht, wenn sie von einem unseriösen Vermieter verwaltet werden, ist einfach viel zu groß. Dann leiden viele Mieterinnen und Mieter auf einmal, aber es leiden auch Nachbarschaften, in großen, besonders großen Fällen ganze Stadtteile. Aus diesem Grund ist es für Bremen auch ein Segen, dass wir in unserer Stadt in der Lage sind, den Menschen jede fünfte Mietwohnung in Bremen aus der Hand der Stadt anbieten zu können. Da gibt es faire Mieten, da gibt es gepflegte Wohnungen und einen Vermieter, der immer erreichbar ist. So funktioniert gutes Wohnen, liebe Kolleginnen und Kollegen. Ja, diese Wohnungen sind sehr begehrt. Sie sind inzwischen nicht nur sehr beliebt, sondern auch sehr knapp. Deswegen ist der Kurs, den diese Koalition fährt, an dieser Stelle auch eindeutig: Die Wohnungen in der Hand der Stadt werden jedes Jahr mehr. (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Wo es jetzt gravierende Missstände gibt, da reagiert dieser Senat durch Bekämpfung von Problemimmobilien Stück für Stück, systematisch und entschlossen, und zwar mit dem Ziel, kurzfristig Probleme zu lindern und langfristig dafür zu sorgen, dass diese Immobilien in gute Hände kommen. Denn wenn die Lebensrealität der Menschen Schimmel, Müll und „das Einzige, das verlässlich kommt, ist die Mieterhöhung“, ist, dann muss sich das ändern. (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Die Linke) Das haben wir geändert bekommen in der Lüssumer Heide mithilfe der GEWOBA, das haben wir geändert bekommen in Tenever, in der Neuwieder Straße 3 – Stadt und GEWOBA auch hier zusammen –, das haben wir geändert bekommen in der George-Albrecht-Straße, wo wir in Blumenthal dank des Sanierungsgebiets einen sehr problematischen Immobilienbestand erwerben konnten und jetzt gemeinsam mit den Menschen im Stadtteil für die Zukunft planen können. (Beifall SPD) Liebe CDU und liebe FDP, warum machen wir das so? – Weil die Menschen dort bleiben möchten! Sie haben eine wirklich abenteuerliche Vorstellung präsentiert, wie Sie gedenken, dieses Problem zu lösen. (Beifall Die Linke) Sie sagen nämlich – ich gebe es mal in meinen Worten wieder, Sie korrigieren mich, wenn ich das ganz falsch verstanden habe –, das lösen wir ganz marktwirtschaftlich, wir bauen einfach genug Wohnungen und wem es dann bei seinem Vermieter nicht mehr passt, der kann ja umziehen. (Zuruf Abgeordneter Kevin Lenkeit [SPD]) Das ist doch völlig bar jeder Lebensrealität! (Abgeordneter Heiko Strohmann [CDU]: Ja, gerade in Bremen.) Ich sage Ihnen mal was: Die Leute wollen nicht umziehen. Das kann auch nicht der Anspruch sein, mit dem wir ihnen begegnen, sondern der Anspruch muss doch sein, dass sie in ihrer Wohnung, die sie gern haben, in einer Nachbarschaft, in der sie gern wohnen, dauerhaft bleiben können, Kolleginnen und Kollegen. (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Die Linke) Das funktioniert übrigens auch! Ich möchte gern noch darauf hinweisen: Es gibt übrigens auch viele Menschen, gerade in den betreffenden Wohnanlagen, die sind manchmal ein paar Tage älter, die können nicht mehr umziehen. Übrigens haben diese Immobilien auch Nachbarn. Was schlagen Sie denn jetzt vor? Dass die Nachbarn dieser Immobilien sich den Verfall einfach ewig weiter angucken sollen? Kolleginnen und Kollegen, das ist doch ein Vorschlag aus der Rubrik elitäre Kälte. (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Die Linke – Zuruf Abgeordnete Sandra Ahrens [CDU]) Wir werden deshalb auf diesem Kurs weitermachen. Wir hoffen, dass er eines Tages auch Erfolg hat bei der Groner Düne, wo sich Grand City Property für immer wieder astronomische Nebenkostenabrechnungen verantwortlich zeichnet. Das ist ein Vorwurf, den sich in nicht ganz so extremer Form auch die Vonovia gefallen lassen muss. Hier gibt es immer wieder Probleme mit den Nebenkostenabrechnungen, nicht nur in Hemelingen. Das Ganze ist kein Einzelfall, die Vonovia hat einen auffällig hohen Anteil ihrer Umsätze im Nebenkostenbereich, auch dadurch, dass die Vonovia für viele wohnungsnahe Dienstleistungen eigene Tochterfirmen beschäftigt. Das hat den Effekt, dass man sich bei den Kosten, die man auf die Mieter umlegen kann, die Rechnung praktisch selbst schreiben kann. Vor diesem Hintergrund raten auch die Mietervereine immer wieder dazu, die Nebenkostenabrechnungen der Vonovia zu hinterfragen. Ich will übrigens gar kein Pauschalbashing machen. Das Geschäftsmodell der Vonovia hat sich gegenüber früheren Jahren an vielen Stellen auch gebessert, das heißt aber nicht, dass es nicht nach wie vor Probleme an einigen Stellen geben würde. Deshalb möchte ich mich dem Appell auch anschließen: Kontrollieren Sie Ihre Nebenkostenabrechnungen! Fordern Sie zu viel gezahltes Geld zurück! Ja, das Ganze ist kompliziert, aber deshalb der zusätzliche Appell: Nehmen Sie auch Hilfe in Anspruch, dafür ist sie da! (Beifall SPD) Die gibt es in Bremen zum Glück sehr niedrigschwellig. Sie können beim Deutschen Mieterbund am Bremer Hauptbahnhof – ein Beispiel von vielen Mieterberatungsstellen – für einen wirklich sehr günstigen Jahresbeitrag professionelle Hilfe bekommen. Nehmen Sie die gern wahr, in Bremen sind Sie nicht allein! Die Stadt und der Senat werden ihrerseits bei den hartnäckigen Problemimmobilien weiterhin hartnäckig vorgehen. Özlem Ünsal und Eva Högl führen diesen Kampf, und ich kann Ihnen sagen, wir werden ihn an anderer Stelle in der Bahnhofsvorstadt und anderswo in der Stadt weiterführen. Der Senat hat dabei die volle Rückendeckung der SPD! – Vielen herzlichen Dank! (Beifall SPD, Die Linke) Präsidentin Antje Grotheer: Als nächster Redner der Abgeordnete Schäck zur Kurzintervention. Abgeordneter Thore Schäck (FDP): Vielen Dank, Frau Präsidentin! Herr Kollege Wagner, Sie sagten eben sinngemäß, dass unsere Idee, dass man einfach mehr bauen müsste, weil wenn es mehr Wohnungen gibt, die Menschen auch Auswahl haben und im Zweifelsfall zumindest mal die Möglichkeit haben, auszuziehen und sich eine neue Wohnung zu suchen – –. Sie sagten daraufhin, die Menschen wollen aber dort wohnen bleiben, wo sie jetzt sind. Das Problem im aktuellen Mietmarkt ist doch genau das gegenteilige. Wir haben – und dazu gibt es jede Menge Untersuchungen – einen Lock-in-Effekt, so dass beispielsweise Familien, die aufgrund von Nachwuchs in eine größere Wohnung ziehen müssten, sagen, es geht nicht, weil man entweder, wenn man umzieht, deutlich mehr Miete zahlen muss oder es einfach kein Angebot gibt. Gehen Sie mal auf Immobilienscout24 und schauen Sie sich an, wie viele Angebote dort noch existieren. Andersrum genauso, dass ältere Menschen, die vielleicht in einer zu großen Wohnung wohnen, sagen: Ich würde mich ja verkleinern, aber auch ich finde nichts, das für mich passt. Das sorgt im Moment für eine fehlende Mobilität auf dem Mietmarkt. Das heißt, es gibt kaum Bewegung und die Menschen haben gerade keine Möglichkeit, in eine neue Wohnung auszuweichen. Das ist doch das beste Indiz dafür, dass wir nicht weniger Wohnungen brauchen, sondern wir mehr Wohnungen, mehr Angebote brauchen, damit die Menschen wieder die Wohnung für sich und ihre Lebenssituation raussuchen können, die sie brauchen. – Vielen Dank! (Beifall FDP) Präsidentin Antje Grotheer: Als nächste Rednerin die Abgeordnete Leonidakis. Abgeordnete Sofia Leonidakis (Die Linke): Sehr geehrte Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen! Von dieser Seite des Hauses fand ich die Empathie für die Immohaie wirklich herzerwärmend, das muss ich echt sagen. Sogar von Hass und Hetze gegen sie wurde geredet, also wirklich Applaus, was für eine Empathie Sie da an den Tag legen. Dass Sie es aber nicht mal über die Lippen kriegen, zu sagen, dass es einem Konzern zumutbar ist, einem Konzernmulti, der über eine Milliarde an seine Aktionäre ausschüttet, Wärmemengenzähler an Heizungen anzubringen und fehlerhafte Heizkostenabrechnungen zurückzuerstatten, und zwar an alle, (Abgeordneter Thore Schäck [FDP]: Das habe ich doch wortwörtlich gesagt!) und das nicht individualrechtlich auf den einzelnen Mieter und die einzelnen Mieterinnen abzuschieben, (Abgeordneter Thore Schäck [FDP]: Hören Sie doch mal zu!) dass Sie sich auch im Beirat nicht dazu durchringen können, einer solchen Forderung zuzustimmen, das zeigt doch, wie ihr Herz wirklich tickt. (Abgeordneter Thore Schäck [FDP]: Ganz schlechter Stil!) Nämlich nicht für die Mieterinnen und Mieter, nicht für die Betroffenen, auch im Rembertiring, wo Sie waren, nicht für die Betroffenen, sondern für die großen Konzerne und für deren Profitmaximierung. (Abgeordnete Sandra Ahrens [CDU]: Ne, definitiv nicht!) Es wurde gesagt, Sie möchten, dass wir einen Rechtsstaat haben, der Recht durchsetzt. Kollege Oğuzhan Yazıcı, erinnere ich mich richtig, dass Sie gegen die Einrichtung einer Mietmeldestelle gestimmt haben? Ich glaube, das war so. Das war genau der Punkt, an dem wir gesagt haben, wir wollen die Mieter:innenrechte stärken und zwar auch die Durchsetzung dieser Rechte. Denn es gibt ja die Rechte im Mietrecht, es gibt den Mietwucherparagrafen in § 291 Strafgesetzbuch, es gibt § 5 des Wirtschaftsstrafgesetzes, der überhöhte Mieten und Mietwucher unter Strafe stellt. Bisher setzen diese Immohaie doch darauf, dass niemand sich dagegen zur Wehr setzen wird oder nur sehr, sehr wenige und dass der Staat nicht dazu in der Lage ist, sie dabei zu unterstützen. Da, wo wir Strukturen schaffen, zum Beispiel mit der Mietwucherstelle, da sind Sie dann dagegen. Das ist Ihr echtes Gesicht! (Beifall Die Linke – Abgeordnete Sandra Ahrens [CDU]: Wo ist denn die Mietwucherstelle jetzt? – Abgeordneter Thore Schäck [FDP]: Spaltung! Spaltung! Spaltung!) Ja, da geht es nämlich dann darum, geltendes Recht durchzusetzen. Wo ist denn Ihr Law-and-Order-Ansatz, wenn es darum geht, Mieterinnen und Mieter gegen ausbeuterische Wohnkonzerne zu schützen? Denn das hat System. Es hat System und es ist kein Zufall, dass ein Milliardenkonzern keinen Wärmemengenzähler einbaut. Das tut er nicht, weil er seinen Profit maximieren will, weil er an die Aktionäre denkt und nicht an die Mieterinnen und Mieter. Wir wollen genau diese Rechtsdurchsetzung stärken, wir wollen den Staat und die staatlichen Organisationen so aufbauen und so aufstellen, dass sie geltendes Recht durchsetzen können. (Abgeordneter Thore Schäck [FDP]: Aber stattdessen reichen Sie erst einmal eine Aktuelle Stunde ein!) Das ist Law-and-Order im Sinne der Mieterinnen und Mieter, weil sie gegen solche Konzern-Multis wie die Vonovia, LEG und Co. einen Kampf „David gegen Goliath“ kämpfen. Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich kann Ihnen sagen, woher dieser verwegene und wilde Gedankensprung von fehlerhaften Nebenkostenabrechnungen zur Vergesellschaftung kommt. Dieser verwegene Gedankensprung kommt daher, dass wir mit offenen Augen durch die Quartiere gehen. Das Beispiel wurde bereits gesagt: Ich war vor kurzem in der Lüssumer Heide, da hat die GEWOBA über zweihundert Wohnungen von der Vonovia übernommen, die vorher absolut heruntergekommen und heruntergewirtschaftet waren, auch da wieder von einem Konzernmulti, einem Milliarden-Konzern. Auch das kein Zufall: Seit die GEWOBA da ist, sagen uns die Quartiersmanager, haben wir eine Stabilisierung, haben wir einen Vermieter, der sozial ist, der sich um die Mieterinnen und Mieter und um die Instandhaltung der Wohnungen kümmert. Nebenan ist leider noch ein Block der LEG, der weiterhin vor sich hin marodiert und wo Müll und sonstige Vernachlässigungsphänomene nach wie vor ein riesiges Problem sind. Auch hier kein Zufall: Von der Vonovia vergesellschaftet an die GEWOBA übergeben und daneben die LEG, wo nach wie vor der Konzern ist, da ist nach wie vor ein Problemhaus. Genau diese Dinge haben Systematik und deswegen, liebe Kolleginnen und Kollegen, sind wir einfach mal Verfassungsultras. Denn in der Verfassung stehen dieser sozialistische Gedanke und diese Ideologie der Vergesellschaftung. Schauen Sie mal in Artikel 14 und 15, da haben die Väter und Mütter (Abgeordnete Dr. Wiebke Winter [CDU]: Artikel 15 ist aber noch nie angewendet worden. Wie wollen Sie das denn bezahlen?) des Grundgesetzes genau die Möglichkeit angelegt, aus Gründen, (Abgeordnete Dr. Wiebke Winter [CDU]: Aber wie wollen Sie das denn bezahlen, Frau Leonidakis? Das ergibt doch gar keinen Sinn!) weil die Daseinsvorsorge, so was wie Wohnen, öffentlich sein muss. Was Sie wollen, ist nicht die verstärkte Durchsetzung des Rechts, sondern Sie wollen die öffentliche Hand und die Allgemeinheit auch noch weiter dieser Möglichkeit berauben. Das ist absoluter Quatsch. (Abgeordnete Dr. Wiebke Winter [CDU]: Wir wissen halt, was in der DDR nicht funktioniert hat.) Wir brauchen nicht weniger, sondern mehr Instrumente, mehr Entschiedenheit, mehr Ressourcen in der öffentlichen Verwaltung, um gegen diese Mietabzocke vorzugehen. – Danke schön! (Beifall Die Linke, SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Abgeordneter Ole Humpich [FDP]: Mal mehr Wohnungen, das wäre gut.) Präsidentin Antje Grotheer: Weitere Wortmeldungen aus den Reihen der Abgeordneten sehe ich zurzeit nicht, deswegen erhält jetzt für den Senat Senatorin Ünsal das Wort. Senatorin Özlem Ünsal: Sehr geehrte Frau Präsidentin, meine sehr geehrten Abgeordneten, verehrte Gäste! Ich finde, die angeregte Debatte zeigt einmal mehr, dass Wohnen, der Wohnraum die soziale Frage unserer Zeit bleibt. Deshalb ist es auch folgerichtig und gut, dass dieses Parlament in fast jeder Befassung in seiner Runde genau dieses Thema immer wieder aufruft, die Wohnraumförderung auf hohem Niveau fortsetzt, die Städtebauförderung weiterhin gut im Blick hat und auch den Bremer Weg so beschreitet, wie er beschieden wurde, nicht zuletzt durch die Landesbauordnung, die Reform, die vor wenigen Tagen von uns verkündet worden ist. Ja, verehrte Kolleginnen und Kollegen, liebe Abgeordnete, Eigentum verpflichtet gegenüber der Gemeinschaft. So steht es auch in unserer Verfassung in Artikel 13. Einen Artikel weiter steht auch, dass jede Bewohnerin, jeder Bewohner in unserer Freien Hansestadt Bremen Anspruch auf eine angemessene Wohnung hat. Das eine verpflichtet den Eigentümer, die Eigentümerin, das andere verpflichtet uns als Staat, als öffentliche Hand. Das gilt umso stärker, wenn es sich um Eigentum handelt, das insbesondere für Wohnzwecke angelegt ist. Der Wohnraum ist ein besonderes Gut, ein besonderes Schutzgut. Ich glaube, das stellt keine und keiner in diesem Raum auch nur ansatzweise infrage. Wenn wir auf Bremen gucken, dann sehen wir, dass rund sechzig Prozent der Bremerinnen und Bremer in diesem Bundesland zur Miete wohnen, dies einmal vorweggenommen, und das in den meisten Fällen, das kann ich auch sehr deutlich sagen, in guten Mietverhältnissen, denn unsere Stadt ist überwiegend geprägt von verantwortungsvollen Eigentümerinnen und Eigentümern. Das gilt, wir haben es gehört, für die städtischen Gesellschaften, aber auch für den genossenschaftlichen Wohnungsbau, aber auch für viele private Vermieterinnen und Vermieter, die ebenfalls unser Bundesland in besonderer Weise, auch im Ländervergleich, prägen. Sie alle werden, das ist meine Beobachtung, überwiegend und meistens dem Anspruch an das Wohnen gerecht, stehen für gute Nachbarschaften, kümmern sich um ihre Immobilie und damit auch um den langfristigen Erhalt in ihren Beständen. Unsere gemeinwohlorientierten bremischen Unternehmen sind und bleiben in dieser ganzen sozialen Frage natürlich bis auf Weiteres entscheidende Partner auf unserem Wohnungsmarkt. Ich will ausdrücklich noch mal betonen: Der Großteil unserer Eigentümerlandschaft handelt mit hoher Verantwortung und das ist auch gut so! (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Die Linke) Wenn aber genau diese Verantwortung nicht wahrgenommen wird, Missstände daraus entstehen, und die gibt es natürlich auch in Bremen, Gott sei Dank nicht flächendeckend, in Einzelfällen, dann muss die öffentliche Hand, dann müssen wir handeln. Denn Problemimmobilien schaden nicht nur den Bewohner:innen und dem ganz konkreten Gebäude, am Ende schaden sie einem ganzen Umfeld, wir haben es gehört, dem Image und am Ende schaden sie auch einer ganzen Stadt. – Das will keiner von uns. Deshalb verfolgen wir in Bremen einen sehr konsequenten und zugleich ganzheitlichen Ansatz im Senat und deutlich darüber hinaus, weil wir natürlich auch wichtige Partnerinnen und Partner an unserer Seite wissen. Wir setzen auf Kommunikation, auf Kooperation, nutzen aber zugleich auch die Möglichkeiten der Eingriffe, die uns das Gesetz zur Hand gibt, wenn sie denn erforderlich sind. Unser Ziel dabei ist klar: Problemimmobilien wieder in Wert setzen, Wohnraum sichern und Quartiere stärken. Dass das gelingen kann, zeigen die Beispiele, die Sie genannt haben: Lüssumer Heide, Neuwieder Straße 3, die George-Albecht-Straße, aber auch das Koschnik-Haus und viele weitere Projekte, die wir gemeinsam, ich mit meinen Senatskolleg:innen, sehr genau im Blick halten. Diese Erfolge sind uns gelungen, nicht alleine, sondern weil wir Hand in Hand mit vielen wichtigen Partnern zusammengearbeitet haben. Dann gibt es genau diejenigen Konzerne, im Gegensatz zu diesen verantwortungsvollen Vermieterinnen und Vermietern, die mit der Ware, leider auch Wohnen, ihr Geld verdienen. Das ist im ersten Schritt nichts Verwerfliches, hier sind aber vor allem insbesondere für große Konzerne, oft ganze Gesellschaften Wohnungen, Wohnimmobilien eben Renditeobjekte, Handelsobjekte. Hier steht eindeutig der Cashflow im Vordergrund und der Wert richtet sich primär nach der zu erreichenden Rendite. Viele dieser Unternehmen sind börsennotiert, arbeiten mit Beständen in ganz Europa und haben oftmals kaum bis gar keine regionale Bindung. Herr Schäck, Sie haben es gesagt, wir erreichen sie ja zum Teil auch gar nicht. Die Folgen kennen wir alle, im Kleinen wie im Großen, die Instandhaltung wird vernachlässigt, Mängel nicht behoben, und die Kommunikation mit den Mietenden ist extremst begrenzt oder besteht gar nicht. Das ist ein echtes Problem. Das können wir so auch nicht hinnehmen, wenn niemand ansprechbar ist, wenn kein Rückruf und keine Klärung erfolgen und sich folglich diese Missstände besonders gravierend abzeichnen. Für den Konzern mag das ein Posten weniger sein, für die Betroffenen, Familien, jeweils die einzelnen Mietenden ein besonderes Problem, ganz besonders – –. (Abgeordneter Piet Leidreiter [BIW] meldet sich zu einer Zwischenfrage. – Glocke) Das ist nicht hinnehmbar und dazu tun wir einiges. Ich will ein paar Blitzlichter aus meinem Zuständigkeitsbereich, dem Ressort nennen, aber natürlich auch deutlich darüber hinausschauen. Wir dokumentieren, wir ordnen an und ja, wenn es notwendig ist, sanktionieren wir auch. Das kann man auch gut verfolgen, darüber berichten wir regelmäßig. Das Wohnaufsichtsgesetz ist ein entsprechendes Instrument der Bauaufsicht, mit dem wir gezielt und systematisch Mängel dokumentieren und konkrete Maßnahmen zur Beseitigung erlassen können. Das kann im Zweifelsfall bis zu einer treuhänderischen Verwaltung gehen, wie es das Ordnungsamt gemeinsam mit der GEWOBA beispielsweise in der Robinsbalje sehr prominent und sehr transparent durchgeführt hat. Wir haben ein zweites Instrument, das in meinem Ressort liegt, das ist nämlich das Bremische Wohnraumschutzgesetz. Leerstand von mehr als beispielsweise sechs Monaten ist kein Kavaliersdelikt, verehrte Abgeordnete, sondern eine Ordnungswidrigkeit. Wer Wohnungen dem Markt entzieht, um auf bessere Zeiten zu spekulieren, wird von uns hören. Das sage ich in der Konsequenz und auch Resolutheit, denn unser Ziel ist es, die Wohnverhältnisse nicht zu verschlechtern oder das zuzulassen, sondern dauerhaft zu verbessern. Darauf haben wir einen sehr, sehr genauen Blick, insbesondere auf diese Konzerne, die das möglicherweise auch hier vor Ort zelebrieren. In einigen Fällen ist aber auch ein Ankauf der Immobilie, und der liegt mir auch sehr am Herzen, durchaus angezeigt. Wir haben dies in den letzten Jahren bereits mehrfach erfolgreich umgesetzt. Ich will die Beispiele nicht wiederholen, wir haben sie auch schon mehrfach genannt. Wir können mit den Eingriffsinstrumenten – und ich will das mit einem persönlichen Dank gleich an meine beiden Senatorinnenkolleginnen verbinden, einmal an unsere Innensenatorin, aber auch an unsere Sozialsenatorin und natürlich an die Gesellschaften hier in der Stadt, die das sehr erfolgreich mit uns umsetzen – dort, wo angezeigt, dort, wo möglich, verantwortungsvoll und im Sinne des Gemeinwohls handeln. Aber nicht um jeden Preis, auch das betrifft den Ankauf, denn wir haben verantwortungsvoll mit Steuergeldern umzugehen. Wer seine Immobilie jahrzehntelang herunterwirtschaftet, kann nicht erwarten, darf nicht am Ende darauf spekulieren, zum Wunschpreis an die Stadt zu veräußern. Das ist jedenfalls nicht mein Bild der Ankaufsstrategie. (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Die Linke) Verehrte Abgeordnete, wir zahlen den Wert des Zustandes, nicht den Wert der Hoffnung auf Profit. Das soll auf keinen Fall am Ende dabei rauskommen. Jeder Euro, den wir zu viel zahlen, fehlt an anderer Stelle bei der Sanierung, und das merken vor allem die Mieterinnen und Mieter. Das ist nicht die Strategie, deshalb kommt zuerst das Ordnungsrecht und der Ankauf zuletzt, das ist die übliche Verfahrensweise. Manchmal entwickeln sich natürlich auch Dynamiken, die können wir nicht immer strategisch vorhersehen. Künftig setzen wir aber auf eine Initiative, das Vorkaufsrecht so weit zu erweitern, dass es uns möglich wird, dieses bereits bei Mängeln zur Anwendung zu bringen. Das liegt mir besonders am Herzen. Ein Vorkaufsrecht bei Mängeln senkt den Preis, statt ihn weiter zu treiben. Wir haben bereits ein Ankaufprogramm aufgelegt und in der Bürgerschaft beschlossen, dafür auch noch mal ein großes Dankeschön an Sie! Was uns fehlt, sind die erforderlichen Mittel für die Folgekosten. Denn neben dem Ankauf werden meistens, und das ist vor allem der größere Posten, erhebliche Mittel für die Instandhaltung und die Modernisierung erforderlich. Dafür werden wir aber auch ein entsprechendes Instandsetzungsprogramm für solche Immobilien vorschlagen, ich glaube, das braucht es ganz zwingend, die aufgrund ihrer Bewirtschaftung erhebliche Mängel aufweisen und damit zusätzliche Investitionen auslösen. Meine sehr geehrten Damen und Herren – ich komme gleich zum Schluss, Frau Präsidentin –, lassen Sie mich das abschließend noch einmal auf den Punkt bringen: In fünf Jahren haben wir über vierhundert Wohnungen aus dem Verfall geholt. Das ist keine geringe Zahl, wenn man unser Bundesland kennt, wenn man unsere Struktur kennt. Wer in dieser Stadt mit Wohnungen Geschäfte macht, soll sehr klar wissen: Wir haben Sie sehr genau im Blick und lassen Sie auch nicht aus Ihrer Verantwortung, und im Zweifel sanktionieren wir auch. Ich glaube aber auch, dass es vor allem seitens der Eigentümerinnen und Eigentümer eine Eigenverantwortung noch stärker gibt, als es das ohnehin schon gibt, in Bezug auf Transparenz, vor allem bei diesen Konzernen, was Auflagen angeht. Auch da können wir, glaube ich, noch besser werden, gemeinsam zu schauen: Wo braucht es solche Auflagen für bestimmte Konzerne, für große Konzerne in diesem Volumen mit dieser Vernachlässigung, wo haben wir auch den Anspruch auf Veröffentlichung von Vertragsinhalten, vielleicht bis hin zur transparenten Abrechnung oder eben rechtskonforme Modernisierungsankündigungen? All das gehört für mich zu einem guten Paket dazu. Wir werden das sehr, sehr intensiv weiterbearbeiten und natürlich alle gut im Blick halten, die dieser Eigentumsverpflichtung, -verantwortung nicht nachkommen. – Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Die Linke) Präsidentin Antje Grotheer: Weitere Wortmeldungen liegen nicht vor. Damit ist die Aktuelle Stunde geschlossen. Meine Damen und Herren, interfraktionell wurde vereinbart, danach Schluss zu machen. (Abgeordneter Heiko Strohmann [CDU]: Das war ja wieder ein erfolgreicher Tag.) Ich wünsche Ihnen einen guten Heimweg und schließe die Sitzung! (Schluss der Sitzung um 18:45 Uhr) Schriftlich vom Senat beantwortete Anfragen aus der Anfrage 8: Neubau einer Schwerpunktwehr in Burglesum Anfrage der Abgeordneten Frank Imhoff, Marco Lübke, Bettina Hornhues, Dr. Wiebke Winter und Fraktion der CDU vom 24. Juni 2026 Wir fragen den Senat: 1. Wie soll mit dem derzeit favorisierten Grundstück und den weiteren Bewerbungen im Verfahren zum Neubau einer Schwerpunktwehr in Burglesum zur organisatorischen Zusammenführung der Freiwilligen Feuerwehren Burgdamm, Grambkermoor und Lesumbrok weiter verfahren werden und wie gestaltet sich der Zeitplan für die weitere Umsetzung (Standortauswahl und -entscheidung unter Einbeziehung der betroffenen Wehren, Planung, Realisierung et cetera)? 2. Wie gestaltet sich die Finanzierung des Neubaus vor dem Hintergrund, dass die Stadt eine langfristige Anmietung anstrebt: Inwiefern ist diese im Haushalt abzubilden und wie werden dabei Einspar- beziehungsweise Gegenfinanzierungseffekte durch die Aufgabe der bisher genutzten drei Standorte berücksichtigt? 3. Wie bewertet der Senat das Vorhaben im Kontext anderer Investitionen in die Feuerwehrinfrastruktur (zum Beispiel Neubau einer Feuerwache in Bremen-Osterholz), inwiefern bestehen hier Zielkonflikte, Priorisierungserfordernisse oder das Risiko einer gegenseitigen Schwächung („Kannibalisierung“) von Ressourcen? Antwort des Senats: Zu Frage 1: Die Immobiliensuche und Vorauswahl der eingegangenen Angebote für den Neubau der Schwerpunktwehr in Burglesum ist erfolgreich verlaufen. Auf Basis der eingereichten Unterlagen und Informationen ist ein sowohl fachlich als auch wirtschaftlich zu favorisierendes Angebot vorausgewählt worden. Nunmehr sind vertiefende Gespräche und Feinplanungen einzuleiten, die zu einem belastbaren Angebot führen. Die konkrete Umsetzungsplanung und somit der Bauzeitenplan ergeben sich im weiteren Verfahren. Zu Frage 2: Die Finanzierungsoptionen für das Neubauvorhaben werden im Rahmen der zukünftigen Haushaltsaufstellungen senatsseitig zu prüfen sein. Die jetzigen Immobilen der Freiwilligen Feuerwehren Burgdamm, Grambkermoor und Lesumbrok sind dem Sondervermögen Immobilien und Technik zugeordnet und können nach Fertigstellung und Bezug des Neubaus verwertet werden. Die hierdurch eingesparten Mieten bei der Feuerwehr in Höhe von ungefähr 25 000 Euro jährlich plus Betriebskosten können für die neue Schwerpunktwehr eingesetzt werden. Zu Frage 3: Der Bereich der Feuerwehrinfrastruktur ist – wie in anderen Infrastrukturbereichen – geprägt durch hohe Finanzierungsbedarfe. Hierzu zählt auch die Realisierung der Schwerpunktwehr Burglesum aber auch anderweitige Investitionsbedarfe und konsumtive Bedarfe beispielsweise im Kontext der neuen Feuerwehrschule. Die derzeit genutzten Mietflächen in der Scharnhorst-Kaserne werden absehbar von der Bundeswehr benötigt, weshalb ein neuer Standort für die Feuerwehrschule gefunden werden muss. Welche Maßnahmen innerhalb des verfügbaren Haushaltsrahmens wie umgesetzt werden, wird senatsseitig im Rahmen künftiger Haushaltsaufstellungen auch mittels Prioritätensetzung zu entscheiden sein. Anfrage 9: Schlagloch- und Stolperfalle Senat Bovenschulte – wann wird die Arster Landstraße saniert? Anfrage der Abgeordneten Michael Jonitz, Dr. Wiebke Winter und Fraktion der CDU vom 6. Juli 2026 Wir fragen den Senat: 1. Wie bewertet der Senat den baulichen Zustand der Arster Landstraße im Hinblick auf Verkehrssicherheit, Barrierefreiheit, Zustand der Fahrbahn, Rad- und Fußwege sowie Entwässerung, und welche kurzfristigen Unterhaltungsmaßnahmen (zum Beispiel Ausbesserungen, Flickarbeiten) wurden in den letzten fünf Jahren durchgeführt beziehungsweise sind für 2026/2027 vorgesehen? 2. Welche mittelfristigen Sanierungs- oder Neugestaltungsmaßnahmen plant der Senat für die Arster Landstraße und wie sehen die zeitliche Planung und Priorisierung dieser Maßnahmen aus? 3. Welche Haushaltsmittel sind für diese Maßnahmen eingestellt oder vorgesehen, in welchen Jahren sollen sie abgeflossen sein und wie bewertet der Senat die Angemessenheit der Mittel im Verhältnis zum ermittelten Sanierungsbedarf? Antwort des Senats: Die Fragen 1 und 2 werden zusammenhängend beantwortet: Die Arster Landstraße wird regelmäßig kontrolliert, um Schäden schnellstmöglich zu beseitigen. Sie befindet sich grundsätzlich in einem verkehrssicheren Zustand. Großflächige Erhaltungsmaßnahmen sind 2026 nicht geplant. Eine Aussage über die Anzahl der in den letzten fünf Jahren auf der Arster Landstraße erfolgten „Ausbesserungen und Flickarbeiten“ kann nicht gegeben werden, da eine entsprechende Erhebung zu statistischen Zwecken nicht vorgenommen wird. Zu Frage 3: Den einzelnen Erhaltungsbezirken werden Haushaltsmittel für das gesamte Aufgabenspektrum der Erhaltung zugewiesen. Diese orientieren sich an der Länge des vorhandenen Straßennetzes. Die Erhaltungsmittel werden zumeist für kleinteilige Erhaltungsmaßnahmen wie zum Beispiel Schlaglochbeseitigungen eingesetzt. Auf dieser Grundlage ist die Aufrechterhaltung der Betriebs- und Verkehrssicherheit gewährleistet. Über die Verhältnismäßigkeit der Mittel wird eine Bewertung erst infolge des bereits angekündigten Straßenzustandsberichtes, der Festlegung einer zweckmäßigen Zielstellung, wie der angestrebte Erhaltungszustand, sowie einer ergänzenden und differenzierten Betrachtung zwischen Erhaltungsund Neubaumaßnahmen möglich sein. Anfrage 10: Ist der OP-Bereich am Klinikum Bremen-Ost voll einsatzfähig? Anfrage der Abgeordneten Ole Humpich, Thore Schäck und Fraktion der FDP vom 6. Juli 2026 Wir fragen den Senat: 1. Inwiefern ist es in den vergangenen zwölf Monaten zu Einschränkungen im OP-Bereich des Klinikums Bremen-Ost gekommen; in welchem Umfang genau, und aus welchen Gründen? 2. Welche Fachabteilungen und Leistungsbereiche waren von den Einschränkungen betroffen und wie viele Operationen mussten deshalb verschoben, abgesagt oder an andere Standorte verlagert werden? 3. Inwiefern standen oder stehen die Einschränkungen im Zusammenhang mit personellen Engpässen und welche Maßnahmen wurden ergriffen, um Funktionsfähigkeit und Betrieb wiederherzustellen? Antwort des Senats: Zu Frage 1: Nach Angaben der Gesundheit Nord gGmbH (GeNo) liegen für die vergangenen zwölf Monate keine belastbaren Daten zu Einschränkungen im OP-Bereich des Klinikums Bremen-Ost vor, da eine systematische Erfassung erst ab 2026 erfolgt. Insgesamt gab es in den letzten sieben Monaten lediglich in einem geringen Umfang Einschränkungen (siehe auch Antwort zu Frage 2). Diese waren auf kurzfristige, krankheitsbedingte Personalausfälle, fehlendes Material oder Doppelbuchungen im System zurückzuführen. Die OPKapazitäten konnten dennoch nahezu durchgängig regelhaft bereitgestellt werden. Zu Frage 2: Am Klinikum Bremen-Ost verfügen nur die Abteilungen der Klinik für Dermatologie sowie der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie über eigene OP-Kapazitäten. Hinzu kommt ein ambulantes Operationszentrum (AOZ), in dem Allgemeinchirurgen, Gynäkologen und Unfallchirurgen weiterer GeNo-Standorte ambulant operieren. In allen drei Bereichen kam es zu geringen Einschränkungen. In den letzten sieben Monaten mussten von insgesamt 1 839 stationären und ambulanten Operationen 13 aufgrund von Einschränkungen abgesagt werden, sodass noch nicht feststand, ob und wann sie nachgeholt werden. Acht davon aufgrund kurzfristiger, krankheitsbedingter Personalausfälle, vier aufgrund von Doppelbuchungen im System und eine wegen fehlendem Materials. Darüber hinaus wurden 139 Eingriffe zeitlich verschoben. Im ambulanten Operationszentrum kam es zu einem einmaligen Ausfall eines Operationsaals für einen Tag, da ein Notfall operiert werden musste. Dadurch wurden zwei geplante ambulante Eingriffe verschoben. Die OPBereitschaft konnte jedoch an jedem Tag sichergestellt werden. Weitere Gründe für Verschiebungen werden nicht systematisch erfasst. Auch kann nicht differenziert werden, inwieweit die Eingriffe sich zeitlich verschoben haben oder ob diese an einen anderen Standort verlagert wurden. Im Verhältnis zur Gesamtzahl der durchgeführten Operationen bewegten sich die Absagen und Verschiebungen im niedrigen einstelligen Prozentbereich und im Vergleich zu anderen Krankenhäusern in einem üblichen Rahmen. Zu Frage 3: Die geringfügigen Einschränkungen standen teilweise im Zusammenhang mit kurzfristigen, krankheitsbedingten personellen Engpässen. Zur Gegensteuerung setzt die Gesundheit Nord gGmbH verschiedene Vertretungsmodelle ein. In der Pflege steht das GeNo-Flexteam zur Verfügung, aus dem Personal bei Ausfällen gebucht werden kann. Zusätzlich können Mitarbeitende auf freiwilliger Basis aus der dienstfreien Zeit gegen eine Einspringprämie kurzfristig einspringen. Besonders im Bereich der OP- und Anästhesiepflege sind akute, krankheitsbedingte Ausfälle aufgrund der erforderlichen Qualifikationen auch mit den bestehenden Vertretungsmodellen nur schwer kurzfristig zu kompensieren. Im ärztlichen Dienst wird geprüft, ob kurzfristig eine Kollegin oder ein Kollege aus dem gleichen Fachbereich einspringen kann. Insbesondere im ärztlichen Anästhesiedienst hat sich das standortübergreifende Vertretungsmodell bewährt, sodass in den vergangenen sieben Monaten stets eine Vertretung aus dem Klinikum Bremen-Mitte einspringen konnte. Anfrage 11: Schutzkonzepte für Beschäftigte im Amt für Soziale Dienste Anfrage der Abgeordneten Sofia Leonidakis, Nelson Janßen und Fraktion Die Linke vom 7. Juli 202 Wir fragen den Senat: 1. Welche Schutzkonzepte (jenseits von Amtshilfe durch die Polizei) liegen für Beschäftigte beim Amt für Soziale Dienste beziehungsweise Jugendamt vor, wenn diese in Außenterminen oder Hausbesuchen im Einsatz sind? 2. Welche Schulungsangebote, Notrufe oder Security-Services gibt es für die Beschäftigten beim öffentlichen Träger und welche werden den freien Trägern refinanziert? 3. Strebt der Senat den Abschluss einer Dienstvereinbarung zum Schutz von öffentlich Beschäftigten mit Bürger:innenkontakt allgemein oder konkret für Sozialarbeitende beim öffentlichen Träger an, wenn ja, wann und mit welchem Inhalt, wenn nein, warum nicht? Antwort des Senats: Zu Frage 1: Die Sicherheit der Mitarbeitenden des Amtes für Soziale Dienste (AfSD) hat für den Senat höchste Priorität. Das gilt sowohl innerhalb der Dienstgebäude des AfSD als auch bei der Wahrnehmung von Außenterminen. Dem Publikum des AfSD wird schon beim Betreten der Gebäude durch entsprechende Aushänge das Motto „Null Toleranz bei Gewalt!“ signalisiert. Dem präventiven Schutz gegen Gewalt dienen zum einen bauliche Maßnahmen wie Fluchttüren und ein Notrufsystem und zum anderen individuelle Sicherheitskonzepte und regelmäßige Sicherheitskonferenzen in den einzelnen Sozialzentren und Fachdiensten. In besonders gefährdeten Bereichen können beim Einwohnermeldeamt Auskunftssperren für Mitarbeitende erwirkt werden. In allen Sozialzentren gibt es Sicherheitsdienste. Hausbesuche bei unbekannten Personen werden grundsätzlich zu zweit durchgeführt. Bei kritischen Gesprächen werden Leitungskräfte, Sicherheitsdienst und/oder Polizei hinzugezogen. Für das Verhängen von Hausverboten wurde eigens ein Leitfaden erstellt. Zum Schutz vor Gewalt gibt es für alle Fachbereiche entsprechende Schulungsangebote. Das Thema wird regelmäßig im Arbeitsschutzausschuss beraten. Alle Maßnahmen werden mit den Sicherheitsbeauftragten der Häuser und den zuständigen Fachkräften für Arbeitssicherheit abgestimmt. Zum Verhalten in Akutsituationen werden Mitarbeitende dahingehend geschult, sich möglichst deeskalierend zu verhalten, Fluchtwege zu finden oder Hilfe herbeizuholen. Bei der Nachsorge stehen Themen wie Stressverarbeitung, Psychoedukation und die Aktivierung von Bewältigungsstrategien sowie die Vermittlung in entsprechende Hilfeangebote im Fokus. Die hohe Bedeutung der Sicherheit der Mitarbeitenden wurde erst kürzlich auf der Sitzung der städtischen Deputation für Soziales, Jugend und Integration verdeutlicht, als über die Einführung Betrieblicher psychologischer Ersthelfer (BpE) berichtet wurde, die nach psychisch belastenden oder potenziell traumatischen Ereignissen als erste interne Station für betroffene Kolleg:innen zur Verfügung stehen. Zu Frage 2: Das AfSD verfügt an allen Standorten über Security-Kräfte, über ein mit Tastenkombinationen auszulösendes Hilferufsystem sowie über Amok-Alarm-Meldewege. In Bereichen mit entsprechendem Publikumsverkehr sind die Büros über Zwischentüren verbunden. Es werden Schulungen zu Themen wie Deeskalation, Selbstbehauptung und Selbststärkung angeboten, vielfach auch in Kooperation mit dem Präventionszentrum der Polizei oder der Unfallkasse. Elementare Elemente sind hierbei praktische Gesprächs- und Deeskalationsübungen. Sofern bei freien Trägern ein fachlicher Bedarf für den Einsatz von SecurityServices besteht (zum Beispiel aufgrund der Größe einer Einrichtung oder der Zielgruppe), werden diese bei den Leistungserbringern finanziert. In der Vergangenheit war dies unter anderem in Einrichtungen für unbegleitete minderjährige Ausländer:innen, Notunterkünften für wohnungslose Menschen und speziellen Wohnangeboten des SGB IX der Fall. Bedarfsgerechte Fortbildungen und Supervisionen werden bei freien Trägern ebenfalls über die Entgelte finanziert. Zu Frage 3: Der Senat strebt derzeit keine ressortübergreifende zentrale Dienstvereinbarung zum Schutz von öffentlich Beschäftigten mit Bürger:innenkontakt an. Die Situation in den verschiedenen Bereichen der öffentlichen Verwaltung mit Bürger:innenkontakt ist sehr heterogen und kann nur durch die jeweilige Dienststelle angemessen eingeschätzt werden. Die Dienststellen verfügen in der Regel über individuelle Gewaltpräventionskonzepte, die bauliche Sicherheitsstandards, Deeskalationsschulungen und festgelegte Notfallketten umfassen. In vielen Dienststellen sind zudem bereits Sicherheitsdienste tätig, die hinzugezogen werden können. Innerhalb der Verwaltung unterstützt unter anderem die Unfallkasse Freie Hansestadt Bremen Dienststellenleitungen und Beschäftigte aktiv mit Präventionsmaßnahmen und der Kampagne #GewaltAngehen. Ergänzend zu den Antworten auf die Berichtsbitte wird auf die Beantwortung der Großen Anfrage der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN zum Thema „Gewaltschutz für Beschäftigte des öffentlichen Dienstes“ vom 22. April 2025 (Drucksache 21/1031) verwiesen. Anfrage 12: Offene Drogenszene in der Bremer Neustadt: Welche Strategie verfolgt der Senat? Anfrage der Abgeordneten Ole Humpich, Dr. Marcel Schröder, Thore Schäck und Fraktion der FDP vom 8. Juli 2026 Wir fragen den Senat: 1. Wie bewertet der Senat die Hinweise von Anwohnern und Gewerbetreibenden über zunehmende Beschaffungskriminalität, aggressives Betteln sowie Vermüllung am Szenetreffpunkt „An der Piepe“ und welche Erkenntnisse liegen Polizei und Ordnungsamt hierzu vor? 2. Welche personellen Ressourcen setzen Polizei, Ordnungsdienst, Streetwork und Suchthilfe derzeit im Bereich der Bremer Neustadt ein und hält der Senat die Ausstattung für ausreichend? 3. Welche Maßnahmen und Lösungsvarianten wurden zur Verbesserung der Aufenthaltsqualität und Hilfsangebote bereits geprüft, welche sollen final umgesetzt werden und wann genau? Antwort des Senats: Zu Frage 1: Der Senat nimmt die Hinweise der Anwohnenden und Gewerbetreibenden sehr ernst. Aufgrund zunehmender Unsicherheiten, Belästigungen und Verschmutzungen im Umfeld des Szenetreffpunkts „An der Piepe“ haben sich seit April alle involvierten Ressorts, Polizei, Ordnungsdienst, Umweltbetrieb Bremen und Streetwork im Rahmen eines vom Ortsamt geleiteten Runden Tisches zusammengeschlossen, um Maßnahmen zur Reduzierung der Unordnungserscheinungen zu entwickeln und das Sicherheitsgefühl der Anwohnenden zu stärken. Aggressives Betteln und Unordnungserscheinungen treten am Platz auf, werden von Polizei und Ordnungsdienst jedoch nicht toleriert und schnellstmöglich unterbunden. Durch regelmäßige polizeiliche Präsenz und Kontrollen in Kooperation mit dem Ordnungsdienst und dem Umweltbetrieb Bremen (UBB) werden Verstöße wie Vermüllung und häusliches Niederlassen konsequent geahndet. Die angesprochenen Personen reagieren überwiegend kooperativ und beseitigen den Unrat eigenständig, während auch interne Maßnahmen zur Platzpflege ergriffen werden. Im näheren Wohn- und Geschäftsumfeld haben Unordnungserscheinungen durch Lagerungen in Gärten, Eingängen und Grünzügen hingegen zugenommen. Die Auswertung der polizeilichen Tatzeitstatistik hinsichtlich der Fallzahlen zur Beschaffungskriminalität zeigt keinen Anstieg im Vergleich zu den ersten beiden Quartalen der Jahre 2024 und 2025. Zu Frage 2: Die Piepe ist Teil des besonderen Kontrollortes für die Neustadt und wird im Rahmen der Gesamtstrategie des Polizeikommissariats Süd durch intensivierte polizeiliche Maßnahmen überwacht, die uniformierte und verdeckte Einsätze sowie koordinierte Streifen mit dem Ordnungsdienst umfassen. Der Ordnungsdienst ist ergänzend zweimal wöchentlich zu unterschiedlichen Zeiten vor Ort präsent, während Sozialraumläuferinnen und Sozialraumläufer den Bereich mehrmals wöchentlich aufsuchen. Die Einsätze von Polizei, Ordnungsdienst und Sozialraumläufern sind zeitlich abgestimmt, um eine nahezu tägliche Präsenz sicherzustellen. Der Platz wird zudem regelmäßig durch den Umweltbetrieb Bremen mit Unterstützung des Ordnungsdienstes, die Bremer Stadtreinigung und gegebenenfalls durch die Polizei von Gegenständen, Müll und Spritzen gereinigt. Aktuell sind in der Neustadt von Montag bis Freitag Streetworker:innen im Umfang von 1,5 Vollzeitstellen (VZ) im Bereich der Senatorin für Arbeit, Soziales, Jugend und Integration und eine VZ im Bereich der Senatorin für Gesundheit, Frauen und Verbraucherschutz über die zu Verfügung gestellten Mittel der Integrierten Drogenhilfestrategie eingesetzt. Ein Schwerpunkt des Streetworks ist der Hohentorspark. Darüber hinaus begehen die Streetworker:innen auch weitere Orte der Neustadt, darunter auch der Bereich „An der Piepe“. Weitere Einsätze werden aufgrund von Beschwerdelagen durchgeführt oder wenn einzelne Nutzer:innen wegen dringender Informationsweitergabe oder für Begleitungen aufgesucht werden müssen. Ob Maßnahmen wie Streetwork oder Sozialraumläufer auch kurzfristig ausgeweitet werden, wird je nach Entwicklung vor Ort, dem Bedarf und den zur Verfügung stehenden Haushaltsmitteln entschieden. Zu Frage 3: Die Senatorin für Inneres und Sport hat sich einen Eindruck von der Situation vor Ort verschafft und mit Anwohnerinnen und Anwohnern gesprochen. Im Rahmen des „Runden Tisches Piepe“ werden notwendige Maßnahmen und mögliche Lösungsansätze ressortübergreifend erörtert. Unter Beteiligung der Polizei, des Ordnungsdienstes, des UBB, des Streetworks sowie von Vertreter:innen der Senatorin für Gesundheit, Frauen und Verbraucherschutz, der Senatorin für Inneres und Sport und der Senatorin für Arbeit, Soziales, Jugend und Integration und des Beirats Neustadt werden unter Leitung des Ortsamts Vorgehensweisen an der Örtlichkeit eng abgestimmt. Im Mittelpunkt stehen insbesondere der Austausch über die Situation und die Koordination der Maßnahmen vor Ort sowie die Anforderungen an ein geeignetes Aufenthaltsmobiliar. Darüber hinaus werden gemeinsam Platzregeln für die Nutzenden des Platzes erarbeitet. Diese sollen anschließend verständlich kommuniziert und vor Ort gut sichtbar gemacht werden. Ebenso ist die Errichtung eines Zaunes und einer angemessenen Bepflanzung geplant. Bestehende Hilfsangebote und Anlaufstellen werden von der Mehrheit der betroffenen Menschen gut angenommen. Die Senatorin für Gesundheit, Frauen und Verbraucherschutz sucht gemeinsam mit Immobilien Bremen und dem Beirat Neustadt weiter mit Hochdruck nach einer passenden Immobilie für eine dezentrale Drogenhilfeeinrichtung im Stadtteil. Anfrage 13: Barrierefreier Rathauseingang: Versprechen, Zusagen und trotzdem noch immer keine Lösung? Anfrage der Abgeordneten Sigrid Grönert, Dr. Wiebke Winter und Fraktion der CDU vom 23. Juli 2026 Wir fragen den Senat: 1. Aus welchen Gründen wurden die im Herbst 2025 offiziell für Anfang 2026 angekündigten Baumaßnahmen zur Herstellung der Barrierefreiheit am Eingang des Bremer Rathauses bis heute nicht aufgenommen, sodass der Eingang entgegen aller Hoffnung für die Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit nun doch nicht barrierefrei nutzbar sein wird, und wann ist nach aktuellem Stand mit dem Baubeginn sowie der Fertigstellung zu rechnen? 2. In welchem Jahr wurden die ersten offiziellen Planungen für den barrierefreien Umbau des Rathauseingangs aufgenommen und wie begründet der Senat, dass alle bisher erfolgten konkreten Ankündigungen von Lösungen immer wieder wegen Fehlplanungen verworfen werden mussten? (Bitte alle wesentlichen Hindernisse benennen und erläutern.) 3. Welche Gesamt- und Teilkosten sind für die seit Jahren erfolgten Planungen bereits für wen entstanden, mit welchen weiteren Kosten wird für welche Stellen bis zur Fertigstellung gerechnet, und wird das Vorhaben trotz hoher Kosten definitiv weiterverfolgt? Antwort des Senats: Zu Frage 1: Die Baugenehmigung für die Maßnahme am Haupteingang wurde im Herbst 2025 erteilt. Der Baubeginn wurde witterungsbedingt ab Frühling 2026 eingeplant. Im Rahmen der anschließenden Konkretisierung der technischen Detailplanung wurde festgestellt, dass der Hersteller die Bedienung des Hublifts mittels einer „Totmannschaltung“ vorsieht. Diese steht im Einklang mit den Anforderungen der maßgeblichen Maschinenrichtlinie. Da es nicht allen Menschen mit Behinderungen eigenständig möglich ist, den Bedienschalter dauerhaft gedrückt zu halten, hat der Landesbehindertenbeauftragte die „Totmannschaltung“ jedoch als nicht vollständig barrierefrei eingestuft. Eine Abweichung von der vorgesehenen Steuerung ist möglich, wenn durch andere Maßnahmen ein gleichwertiges Schutzniveau beim Betrieb des Hublifts erreicht wird. Dafür bedarf es einer gesonderten Gefährdungsbeurteilung und Einzelfallgenehmigung durch die Gewerbeaufsicht. Diese konnte nicht rechtzeitig für die Fertigstellung vor dem Tag der Deutschen Einheit erstellt werden. Die Maßnahme wurde daher im Einvernehmen mit dem Landesbehindertenbeauftragten verschoben. Nach Erteilung der Einzelfallgenehmigung wird eine angepasste Bauzeitenplanung erstellt werden. Zu Frage 2: 2014 wurde für die Erzielung der Barrierefreiheit des Haupteingangs des Rathauses eine Rampe geplant. Diese konnte nicht realisiert werden, da das Landesamt für Denkmalschutz sie aus denkmalpflegerischer Sicht ablehnte. Nach einem längeren Abstimmungsprozess mit allen Beteiligten wurde 2021 eine Einigung für einen in die Treppe integrierten Hublift erzielt. Bedingt durch die Maßnahmen zur Bewältigung der Coronakrise war eine zeitnahe Umsetzung nicht möglich. Immobilien Bremen wurde im Sommer 2023 mit den vorbereitenden Planungen für das Baugenehmigungsverfahren beauftragt. Mit Senatsbeschluss vom 25. März 2025 und dem HaFA-Beschluss vom 15. August 2025 konnte die Finanzierung der Maßnahme gesichert werden. Zu Frage 3: Für die Machbarkeitsstudie 2014 und die Untersuchung möglicher Varianten 2017 fielen insgesamt knapp 11 000 Euro an. Die für die Baumaßnahme „Barrierefreier Haupteingang“ ermittelten aktuellen Gesamtkosten belaufen sich auf 410 000 Euro. Hierin enthalten sind die durchschnittlichen Baupreissteigerungen für einen Gesamtbauzeitenplan von drei Jahren. Bis heute sind davon für die Projektplanung und Bauforschung 55 000 Euro angefallen. Die Finanzierung erfolgt über die Senatskanzlei. Die Pflicht zur Herstellung von Barrierefreiheit ist nicht nur im Bremischen Behindertengleichstellungsgesetz verankert, sie ist auch konkrete Vorgabe aus der UN-Behindertenrechtskonvention und damit für das UNESCOWelterbe Rathaus und Roland in Bremen verpflichtend. Die Maßnahme „Barrierefreier Haupteingang“ wird daher auf jeden Fall umgesetzt werden. Anfrage 14: Reichen die geplanten Änderungen der Ortsgesetze aus, um die Mitwirkungsrechte älterer Menschen wirksam zu stärken? Anfrage der Abgeordneten Kerstin Eckardt, Dr. Wiebke Winter und Fraktion der CDU vom 23. Juli 2026 Wir fragen den Senat: 1. Welche wesentlichen Mitwirkungs- und Beteiligungsrechte, wie sie im Entwurf eines Seniorenmitwirkungsgesetzes vorgesehen waren, werden durch die geplanten Änderungen der Ortsgesetze weiterhin nicht umgesetzt? 2. Welche Mitwirkungsrechte der Seniorenvertretungen bleiben nach den Planungen des Senats freiwillig oder unverbindlich ausgestaltet, anstatt einen verbindlichen Anspruch auf Beteiligung zu begründen? 3. Wie begründet der Senat, dass die Seniorenvertretungen nach den geplanten Änderungen weiterhin über keine wirksamen Instrumente verfügen, um ihre Beteiligungsrechte gegenüber Verwaltung und Politik durchzusetzen? Antwort des Senats: Zu den Anfragen 1, 2 und 3: Die rechtlichen Regelungen zur Mitwirkung von älteren Menschen befinden sich aktuell in der Erarbeitung. Eine Anhörung der relevanten Akteur:innen sowie eine Befassung der Gremien ist für Herbst 2026 vorgesehen. Erst danach können die aufgeworfenen Fragen seriös beantwortet werden. Anfrage 15: „Irgendwo“ in der Airport-Stadt Anfrage der Abgeordneten Ole Humpich, Thore Schäck und Fraktion der FDP vom 27. Juli 2026 Wir fragen den Senat: 1. Wie viele Beschwerden wegen Lärmbelästigung oder sonstiger ordnungsrechtlicher Verstöße sind bei Polizei, Ordnungsamt oder anderen Stellen im Zusammenhang mit dem Projekt des Kulturbeutel e. V. „Irgendwo“ seit 2023 eingegangen? 2. Welche Auflagen gelten für das Projekt hinsichtlich Veranstaltungs- und Soundcheckzeiten sowie Lärmgrenzwerten und mit welchem Ergebnis haben seit 2023 Kontrollen der Einhaltung von Lärmschutzauflagen, Betriebszeiten und sonstigen Genehmigungen stattgefunden? 3. Inwiefern wurden die Kriterien und Zielvereinbarungen der institutionellen Förderung bisher vollumfänglich erfüllt und wie bewertet der Senat das Projekt, auch im Hinblick auf die wirtschaftliche Entwicklung der Airport-Stadt? Antwort des Senats: Zu Frage 1: Eine Auswertung der polizeilichen Einsatzdaten rückwirkend bis 2023 ergab 22 Einsätze, von denen 16 wegen gemeldeter Lärmbelästigungen erfolgten und dortigen Freiluftpartys zuzuordnen sind. Im Berichtszeitraum wurde eine Ordnungswidrigkeitenanzeige wegen unzulässigen Lärms erstattet. Das Verfahren wurde vom Ordnungsamt eingestellt, weil kein unzulässiger Lärm festgestellt wurde. Im Übrigen liegen weder der unteren Bauaufsicht noch dem Ordnungsamt entsprechende Beschwerden vor. Zu Frage 2: Auf der Fläche zwischen der Georg-Wulf-Straße und der Amelie-Beese-Straße finden regelmäßig Kunst- und Kulturveranstaltungen statt, die nach der maßgeblichen Genehmigung bis zu sechs Tage die Woche geöffnet sein können. Dabei gibt es maximal vier Tage mit elektronisch verstärkter Musik, wie Konzerte oder Barabende. Die genauen Öffnungszeiten variieren je nach Veranstaltung, wobei nachts ab 22 Uhr die Lautstärke zu reduzieren ist . Konzerte müssen normalerweise um 22 Uhr enden, außer bei zwei Sommerfestivals. Um die Anwohnerinnen und Anwohner zu schützen, werden technische und bauliche Maßnahmen zur Lärmreduzierung eingesetzt, etwa spezielle Lautsprecher und Schallbegrenzer. Lautere Veranstaltungen, die als seltene Ereignisse gelten, werden im Voraus mit dem Beirat, dem Ortsamt, der Polizei und den Anwohner:innen abgestimmt, damit zwischen größeren Events mindestens zwei Wochen Pause liegen und in diesen Wochen keine weiteren lauten Musikveranstaltungen stattfinden. Von Januar bis März gibt es wetterbedingt Pausen. Die Veranstaltungszeiten sind im Sommer von 10 Uhr bis Mitternacht unter der Woche, freitags und samstags bis 8 Uhr morgens, und im Winter etwas eingeschränkt. Pro Woche sind bis zu vier Veranstaltungen mit elektronisch verstärkter Musik erlaubt, bei bis zu zwei davon wird mit mehr als 200 Besuchern gerechnet. Die Lärmgrenzwerte werden regelmäßig eingehalten, auch bei seltenen Ereignissen, bei denen etwas höhere Werte erlaubt sind. Bei lauteren Veranstaltungen hat der Veranstalter Messprotokolle anzufertigen. Weitergehende Kontrollen fanden für den angefragten Zeitraum nicht statt. Zu Frage 3: Die Einhaltung der mit der institutionellen Förderung verbundenen Kriterien wird anhand der jährlichen Zielvereinbarungen sowie im Rahmen der Verwendungsnachweisprüfung einschließlich der Sachberichte und Kennzahlen überprüft. Die Unterlagen zeigen, dass die inhaltlichen Ziele der Förderung durch das Projekt „Irgendwo“ entsprechend umgesetzt werden. Eine abschließende Feststellung, ob dabei auch sämtliche Jahreskennzahlen erreicht werden konnten, ist jeweils erst nach Abschluss des Förderjahres und nach Prüfung des Verwendungsnachweises möglich. Insbesondere für das noch laufende Förderjahr 2026 kann dies daher noch nicht überprüft werden. Der Senat bewertet die Arbeit des Vereins Kulturbeutel e. V. und das Projekt „Irgendwo“ positiv. Das „Irgendwo“ ist nicht bloß ein weiterer Veranstaltungsort, sondern vor allem ein niedrigschwelliger, weitgehend selbstorganisierter Kultur- und Begegnungsraum, der der freien und subkulturellen Szene Entwicklungsmöglichkeiten eröffnet, kulturelle Teilhabe ermöglicht, marginalisierte Perspektiven sichtbar macht und insbesondere jungen Menschen Gelegenheit gibt, Verantwortung zu übernehmen und sich ehrenamtlich zu engagieren. Damit erfüllt der Kulturbeutel e. V. eine wichtige kulturpolitische, soziale und stadtentwicklungspolitische Funktion. Der Senat erkennt mit mehr als 21 400 Beschäftigten und annähernd 590 Unternehmen zugleich die herausragende wirtschaftliche Bedeutung der Airport-Stadt an. Die wirtschaftliche Entwicklung, die Sicherung gewerblich nutzbarer Flächen und der Ausbau einer leistungsfähigen Energie- und Verkehrsinfrastruktur sind von hoher gesamtstädtischer Bedeutung. Wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung stehen nach Auffassung des Senats jedoch grundsätzlich und auch an diesem Ort nicht in einem Gegensatz. Der Gewerbeentwicklungsplan 2030 verfolgt ausdrücklich einen integrierten Ansatz, bei dem wirtschaftliche Entwicklung mit weiteren städtischen Funktionen, darunter Kultur und Freizeit, verbunden werden soll. Gerade für die Airport-Stadt wird eine Entwicklung zu einem attraktiveren Stadtraum mit größerer Aufenthaltsqualität angestrebt. Das „Irgendwo“ leistet hierzu einen eigenständigen Beitrag: Es schafft Identität, Begegnung und kulturelle Sichtbarkeit in einem ansonsten stark durch Gewerbe, Verkehr und technische Infrastruktur geprägtem Gebiet. Damit kann der Kulturort zugleich die Attraktivität der Airport-Stadt für Beschäftigte, Unternehmen sowie für Besucher:innen stärken. Anfrage 16: Unterstützung der Einzelhändler und Gastronomen in der Lloydpassage durch die Wirtschaftsförderung Anfrage der Abgeordneten Theresa Gröninger, Michael Jonitz, Dr. Wiebke Winter und Fraktion der CDU vom 6. August 2026 Wir fragen den Senat: 1. Durch welche konkreten Angebote und Maßnahmen unterstützt die Wirtschaftsförderung Bremen GmbH (WFB) die Einzelhändler und Gastronomen im Erdgeschoss des Parkhauses Mitte, die im Zuge des geplanten Abrisses ihre Flächen in der Lloydpassage, Kreyenstraße, Pelzerstraße und Kleinen Hundestraße aufgeben müssen? 2. Wann und in welcher Form hat die WFB die jeweiligen Betriebe kontaktiert und wie viele Beratungsgespräche erwuchsen hieraus? 3. Wie vielen Betrieben konnte beziehungsweise kann die WFB adäquate Ersatzflächen in der Innenstadt anbieten, wie viele Betriebe eröffnen an anderer Stelle und wie viele Betriebe planen, ihren Betrieb gänzlich einzustellen? Antwort des Senats: Vorbemerkung des Senats: Die WFB steht mit nahezu allen Mieter:innen der BRESTADT und der BREPARK in Kontakt, sofern diese es wünschen. Dazu haben die BRESTADT und die BREPARK aus datenschutzrechtlichen Gründen den Mieter:innen den Kontakt der WFB Mitarbeiter:innen übermittelt. Die Unterstützung umfasst Beratungsgespräche um die aktuellen Entwicklungen in der Innenstadt, konkrete Flächenangebote, die Organisation von Besichtigungen sowie deren Begleitung. Für Konzepte im Umfeld der zu erwartenden Baustellen wird auf Wunsch auch nach Flächen in anderen Stadtteilen gesucht, auch wenn das oberste Ziel ist, möglichst alle Konzepte in der Innenstadt zu halten. Zu Frage 1: Zeitnah nach der Übernahme der Immobilien hat die BRESTADT in Absprache mit der WFB all ihren Mieter:innen die Kontaktdaten der WFB weitergeleitet, verbunden mit der Information, dass die WFB gern bei der Suche nach einem neuen Standort behilflich ist. Parallel dazu führt die BRESTADT eigene Gespräche mit ihren Mieter:innen, um die Mietverträge einvernehmlich zu beenden. Auch die BREPARK verweist in Gesprächen auf die WFB. Die WFB ist zudem proaktiv auf einige Unternehmen zugegangen, wenn sich diese nicht selbst gemeldet haben und das Mietangebot als dringlich und wichtig bewertet wurde. Zu einzelnen aktuellen Untermieter:innen in der Lloydpassage gab es bisher keinen Kontakt, da die Weitergabe der Flächen an Untermieter:innen so kurz vor Beendigung der Mietlaufzeiten nicht bekannt war. Zu Frage 2: Die WFB ist mit den Mieter:innen weitestgehend im Gespräch und hat allen Betrieben, die den Kontakt zur WFB gesucht oder angenommen haben, bereits Flächenangebote unterbreitet sowie Besichtigungen organisiert und begleitet. So konnte dem Unternehmen „Vanilla Instinct“ beispielsweise erfolgreich eine von einem Maklerbüro vermarktete Fläche in Schwachhausen vermittelt werden, nachdem die WFB die Fläche angeboten und die Besichtigung organisiert und begleitet hat. Auch mit Saturn steht die WFB seit Längerem in Kontakt, gibt Hinweise auf Flächen und vermittelt Kontakte zu Immobilienbesitzer:innen, insbesondere bei derzeit im Umbau befindlichen Geschäftshäusern. Für viele Konzepte im Café- und Gastronomiebereich gestaltet sich die Suche nach Ersatzflächen jedoch schwierig. Die durch die befristete Mietlaufzeit bedingt moderaten Mietpreise in der Lloydpassage führen insbesondere bei diesem stark nachgefragten Marktsegment zu einer erschwerten Flächenvermittlung durch die WFB. In der Mehrheit der Vermittlungsversuche müssen daher höhere Mietpreise in Kauf genommen werden. Zu Frage 3: Konkret stand beziehungsweise steht die WFB mit zehn Gewerbetreibenden in Kontakt, die direkt Mieter:innen der BRESTADT beziehungsweise der BREPARK sind. Darüber hinaus steht die WFB mit rund dreißig weiteren Gewerbetreibenden und Immobilienbesitzer:innen in Kontakt, die sehr unterschiedlich von der Baustelle betroffen sein werden. Dabei informiert die WFB auch hier detailliert über aktuelle Entwicklungen in der Innenstadt, berät und informiert über potenzielle Flächen und vermittelt bei Interesse Kontakt zu dem jeweiligen Anbieter, der jeweiligen Anbieterin der Immobilie. Insgesamt wurden rund 60 Kontaktaufnahmen gezählt, das heißt, Telefonate geführt, E-Mails verschickt, Informations- und Beratungsgespräche durchgeführt sowie Besichtigungen organisiert und durchgeführt. Den Gewerbetreibenden wurden insgesamt rund 32 Immobilienangebote unterbreitet, wobei einzelne Flächen mehrfach angeboten wurden und es wurden bis dato rund sechs konkrete Besichtigungen organisiert und begleitet. Grundsätzlich muss die WFB bei der Ansprache von Gewerbetreibenden sensibel vorgehen, wenn diese Mietverträge bei nicht öffentlichen Immobilieneigentümer:innen haben. Hier kann nur im Einvernehmen mit den Eigentümer:innen oder bei der direkten Ansprache durch die Mieter:innen über mögliche Alternativstandorte in der Innenstadt informiert werden. Anfrage 17: Sprachlernprojekt für Mütter „Mama lernt Deutsch“ Anfrage der Abgeordneten Fynn Voigt, Thore Schäck und Fraktion der FDP vom 19. August 2026 Wir fragen den Senat: 1. Wie hoch sind die aktuellen jährlichen Mittel des Senats für „Mama lernt Deutsch“, wie hat sich die Finanzierung seit Projektstart entwickelt und ist eine auskömmliche Finanzierung über 2026 hinaus gesichert? 2. Nach welchen Kriterien werden die Kursplätze auf Stadtteile und Standorte verteilt, wie haben sich dabei Bedarf und Auslastung in den vergangen fünf Jahren entwickelt, wo bestehen Wartelisten oder Versorgungslücken und welche Handlungsbedarfe resultieren daraus für den Senat? 3. Welche belastbaren Erkenntnisse liegen dem Senat zu den Erfolgen des Projekts vor (zum Beispiel erreichte Sprachniveaus, Übergänge in weiterführende Sprachkurse, Ausbildung oder Beschäftigung), gibt es dazu eine systematische Evaluation, und welche Schlussfolgerungen zieht der Senat daraus für die Weiterentwicklung von „Mama lernt Deutsch“? Antwort des Senats: Zu Frage 1: Die ersten „Mama lernt Deutsch“-Kurse starteten im Jahr 2000 als niedrigschwelliges Angebot für Mütter mit Kindern bis zum Grundschulalter. Die Anzahl der Kurse ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. Zu Beginn lag die Zuwendungssumme bei rund 100 000 Euro. Aktuell werden 16 Kurse in der Stadtgemeinde Bremen angeboten. Dies entspricht 2026 einer Zuwendung von rund 204 000 Euro. Die Mittel sind auch in den Folgejahren für „Mama-lernt-Deutsch“-Kurse vorgesehen und über 2026 hinaus gesichert. Zu Frage 2: Die Kurse finden ausnahmslos in Stadtteilen statt, die einen hohen Sozialindex aufweisen. Durch die gute Vernetzung des Trägers sind die Kursorte bei der Zielgruppe sehr bekannt. Durch die Einstellung der Integrationskurse für Eltern und Frauen und den Zulassungsstopp für freiwillig Teilnehmende, sind die „Mama-lernt-Deutsch“-Kurse noch mehr als ohnehin nachgefragt. Die Kursleiterinnen führen Wartelisten. Der zuständige Fachbereich klärt in regelmäßigen Gesprächen mit dem Träger, ob es Versorgungslücken gibt. So wurden wegen des hohen Bedarfs 2023 fünf neue Kurse aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) zusätzlich initiiert und bis einschließlich 2024 durch den ESF finanziert. Seit 2025 werden die Kurse aus Mitteln für familienfördernde Maßnahmen finanziert. Zu Frage 3: Die „Mama-lernt-Deutsch“-Kurse sind ein niedrigschwelliges Angebot für Mütter mit wenig Deutschkenntnissen. Sie zielen nicht darauf ab, dass die Teilnehmerinnen ein Sprachniveau nach dem Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für Sprachen erreichen, sondern bereiten die Teilnehmenden auf einen weiterführenden Sprachkurs vor. Gründe, warum Teilnehmerinnen die Kurse verlassen, sind vielfältig und oftmals auch in einem direkten Anschluss begründet, wie etwa den Wechsel in einen Integrationssprachkurs oder die Aufnahme von Erwerbstätigkeit. Weitere Gründe sind Schwangerschaft, Geburt und Erziehung oder auch Umzüge. Für 2026 ist bereits vereinbart, dass die erreichten Anschlussperspektiven der Teilnehmerinnen auch quantitativ im Verwendungsnachweis aufgeführt werden. Die „Mama-lernt-Deutsch“-Kurse fanden ursprünglich regelhaft an Grundschulen oder Kitas statt. Durch die schwierige Platzsituation in Kitas und Grundschulen wurden die Kurse in den vergangenen Jahren stärker in anderen Einrichtungen angeboten, zum Beispiel in den Häusern der Familie. Im Zuge des Aufbaus der Präventionsketten im Stadtteil Huchting wird aktuell erprobt, ob die Kurse in Zukunft wieder vermehrt an Kitas angeboten werden sollten, da sich ein Kurs in der Kita auch positiv auf die Beziehung zwischen der Kita und den Eltern auswirken kann und so Synergien genutzt werden. Sammelübersicht der Vorlagen ohne Aussprache Absprache beschlossene Tagesordnungspunkte ohne Debatte. Nr. Vorlage Behandlung Betreuungsausfälle in der frühkindlichen Bildung bei KiTa Bremen transparent, vollständig und den Antrag zur abschließenden Behandlung 26. verbindlich erfassen an die städtische Deputation für Kinder und Antrag der Fraktion der CDU vom Bildung. 23. Juni 2026 (Drucksache 21/840 S) Entwurf eines Ortsgesetzes zur Einrichtung des Innovationsbereiches 28. Mitteilung des Senats vom 30. Juni das Ortsgesetz. (Drucksache 21/848 S) Nr. Vorlage Behandlung Vorhabenbezogener Bebauungsplan 166 „Umspannwerk Hollerland“ (mit Vorhaben- und Erschließungsplan) Teilgeltungsbereich A für die Errichtung eines Umspannwerkes in Bremen - Horn-Lehe, nordöstlich der Bundesautobahn A 27, Im Leher Felde und nordwestlich der Lilienthaler Heerstraße Teilgeltungsbereich B.1 für die Anpflanzung von neun Laubbäumen in 33. Bremen - Horn-Lehe, in der den vorhabenbezogenen Bebauungsplan 166. Grünverbindung zwischen Lilienthaler Heerstraße (in Höhe der Werner-vonSiemens-Straße) und der Haferwende Teilgeltungsbereich B.2 für die Anpflanzung von zwei Laubbäumen in Bremen - Horn-Lehe, im Grünzug Hollergrund (Bearbeitungsstand: 05.05.2026) Mitteilung des Senats vom 4. August (Drucksache 21/868 S) Bericht Nr. 31 des Ausschusses für Petitionen und Bürgerbeteiligung 34. Ausschusses für Petitionen und die Behandlung der Petitionen wie vom Bürgerbeteiligung vom 17. August Ausschuss empfohlen. (Drucksache 21/886 S) Antje Grotheer Präsidentin der Bremischen Bürgerschaft
