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Matthias Herzog

Thüringen.Gerecht 09.09.2026 Sitzungen 8/52

b) auf Antrag der Fraktion Die Linke zu dem Thema: „Ausbildungsstart: Azubis unter Druck – Thüringen als Ausbildungsstandort entlasten und stärken“

Sehr geehrter Herr Präsident, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Gäste und ganz besonders liebe Auszubildende in Thüringen. Ich will das mal ein bisschen erweitern mit dem Blick durch eine wirtschaftspolitische Brille vielleicht. Eine erfolgreiche Wirtschaft funktioniert nur mit Fachkräften. Und Fachkräfte werden ja schon geboren, aber sie werden ja vor allen Dingen ausgebildet in unseren Betrieben, in den Werkstätten, in den Berufsschulen – überall in Thüringen. Und deshalb ist die Frage, wie es unseren Auszubildenden geht, auch eine Kernfrage unserer Wirtschaftspolitik. Wenn wir heute über die psychische Belastung junger Menschen sprechen, dann will ich das Bild vielleicht mal ein bisschen breiter betrachten. Es gibt eine Shell-Studie von 2024 und die zeigt – und das ist so ein bisschen der Zirkelschlag zu der vorangegangenen aktuellen Stunde –, für 81 Prozent der jungen Menschen ist die Angst vor einem Krieg in Europa inzwischen die größte Sorge. Und das waren 2019 46 Prozent. Und auch eine zunehmend von Krieg, Aufrüstung, militärischer Eskalation geprägte öffentliche Debatte hinterlässt bei jungen Menschen Spuren. Aber gerade dort, wo wir unmittelbar etwas verändern können, bei der Qualität der Ausbildung, zeigt uns der hier besprochene DGB-Report einen besonders deutlichen Zusammenhang. Nämlich fast zwei Drittel – das ist erwähnt worden – der Auszubildenden, 65,7 Prozent, sind mit ihrer Ausbildung zufrieden oder sogar sehr zufrieden. Aber gleichzeitig, und das gehört zur Wahrheit dazu, ist dieser Wert deutlich gesunken und liegt jetzt auf dem niedrigsten Stand seit Beginn dieser Erhebung. Besonders bemerkenswert ist: Wo die fachliche Ausbildungsqualität als gut oder gar sehr gut bewertet wird, sind es eben nur oder auch nicht nur 9,4 Prozent der Auszubildenden, die sich hoch psychisch belastet sehen. Und bei nur ausreichend oder mangelhafter Ausbildungsqualität sind es dagegen schon 49,1 Prozent. Das zeigt, nicht Ausbildung an sich ist das Problem, es kommt entscheidend darauf an, wie gut die Ausbildung organisiert wird. Ein erreichbarer Ausbilder, eine klare Anleitung, Wertschätzung und eine echte Perspektive machen den Unterschied. Gleichzeitig sehen wir auf dem Thüringer Ausbildungsmarkt ein weiteres Problem. Ende August dieses Jahres waren 2.383 Ausbildungsstellen unbesetzt. Gleichzeitig suchten 1.524 junge Menschen eine Lehrstelle; also Betriebe ohne Azubis, Jugendliche ohne Ausbildungsplatz – beides gleichzeitig. Frau Mengel-Stähle hat es gesagt, wir haben nicht nur ein Mengenproblem, sondern wir haben vor allem ein Passungsproblem. Berufswünsche und angebotene Stellen passen nicht immer zusammen. Manchmal liegen eben der Ausbildungsplatz und der Wohnort weit auseinander. Manchmal haben junge Menschen schlicht falsche Vorstellungen davon, was sie in einem Beruf tatsächlich erwartet. Deshalb brauchen wir mehr frühzeitige und praxisnahe Berufsorientierung, mehr Praktika, mehr direkte Kontakte zwischen Schulen und Unternehmen und ehrliche Einblicke in Berufe, bevor eben ein Ausbildungsvertrag unterschrieben wird – und nicht erst danach. Und ja, deshalb sind Angebote wie „Der Tag in der Praxis“ wichtig, aber sie müssen eben auch der Situation unserer Ausbildungsbetriebe gerecht werden. Ausbildende dürfen nicht die Lücken schließen müssen, die der Fachkräftemangel in unseren Unternehmen auftut oder reißt. Gleichzeitig brauchen kleine und mittlere Betriebe selbst genug Personal und Zeit, um gut ausbilden zu können. Wer heute schon zu wenig Personal hat, hat oftmals auch zu wenig Zeit für Ausbildung. Und wer nicht gut ausbilden kann, verliert möglicherweise dann die Fachkräfte von morgen. Das ist das Henne-Ei-Problem unseres Ausbildungsmarkts. Deshalb dürfen wir Auszubildende und Ausbildungsbetriebe nicht gegeneinanderstellen. Wir brauchen gute Bedingungen für junge Menschen und gute Bedingungen für die Unternehmen in Thüringen, die Verantwortung übernehmen und ausbilden. Thüringen handelt bereits mit der Fachkräftestrategie 2026 bis 2030, dem Pakt für Wachstum und Arbeitsplätze, einer stärkeren Berufsorientierung und dem Ziel eines verlässlichen Berufsschulnetzes. Aber darauf dürfen wir uns nicht ausruhen. Wir müssen weiter Bürokratie abbauen, die Berufsorientierung weiter verbessern und vor allem dafür sorgen, dass junge Menschen und Ausbildungsbetriebe besser zusammenfinden. Ausbildung ist Fachkräftesicherung. Deshalb zum Schluss noch einmal: Fachkräfte werden nicht geboren, sie werden ausgebildet. Und wie gut uns das in Thüringen gelingt, entscheidet ganz wesentlich über unsere wirtschaftliche Zukunft. Vielen Dank. (Beifall Thüringen.Gerecht, SPD)

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