Dr. Stefan Wogawa
Endometriose ernst nehmen – Versorgung verbessern, Aufklärung stärken, Forschung voranbringen
Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, liebe Gäste auf der Tribüne und am Livestream! Wenn wir heute über Endometriose sprechen, geht es nicht nur um eine Krankheit. Wir sprechen über einen Lebensalltag, der von Schmerzen geprägt ist. Wir sprechen über unerfüllte Kinderwünsche, über Einschränkungen im Beruf. Auch die Frage, ob unser Gesundheitswesen Betroffene ausreichend wahrnimmt und unterstützt, spielt eine Rolle. Wir beraten heute einen Antrag, der für viele Frauen in Thüringen von großer Bedeutung ist. Bei der Endometriose handelt es sich um eine chronische Erkrankung, die nach aktuellen Erkenntnissen etwa 10 bis 15 Prozent der Frauen im gebärfähigen Alter betrifft. Wir reden über eine Größenordnung von ca. 40.000 bis 50.000 Betroffenen in Thüringen. Endometriose wird bis heute häufig erst spät erkannt. Viele Erkrankte warten über Jahre auf die gesicherte Diagnose. Mir hat eine an Endometriose erkrankte Frau erzählt, dass es in ihrem Fall sieben Jahre gedauert hat. Zunächst sind andere Diagnosen herangezogen worden – Blinddarmreizungen, Zysten, ähnliche Dinge. Erst nach sieben Jahren wurde die Diagnose gestellt. In dieser Zeit, beispielsweise in diesen sieben Jahren, leiden die Betroffenen unter starken Schmerzen, unter gesundheitlichen Einschränkungen und oft auch unter mangelndem Verständnis in ihrem persönlichen und beruflichen Umfeld.
(Beifall BSW)
Der vorliegende Antrag macht deutlich, dass diese Krankheit nicht nur eine individuelle gesundheitliche Herausforderung ist, sondern eine gesellschaftliche Aufgabe. Der vorliegende Antrag stellt deshalb auf die Verbesserung von Aufklärung, Versorgung, und Unterstützung ab. Besonders wichtig, meine Damen und Herren, ist dabei der Blick auf die tatsächliche Versorgungssituation. Aktuelle Auswertungen zeigen, dass die Zahl der diagnostizierten Fälle in Thüringen in den vergangenen Jahren gestiegen ist. Die Erkrankung wird einerseits also stärker wahrgenommen, mehr Frauen erhalten ihre Diagnose. Gleichzeitig weisen die Daten aber darauf hin, dass weiterhin von einer erheblichen Untererfassung auszugehen ist. Das bedeutet leider: Viele Betroffene werden nach wie vor nicht oder erst sehr spät diagnostiziert. Meine Damen und Herren, das sind Frauen, die oft jahrelang mit Beschwerden leben müssen, ohne eine Erklärung für ihre Erkrankung zu erhalten – geschweige denn eine Therapie. Deshalb ist die im Antrag vorgesehene Stärkung von Aufklärung und Sensibilisierung so wichtig. Wissen schafft Verständnis. Verständnis schafft bessere Chancen auf eine frühzeitige Diagnose und auf eine frühzeitige Behandlung.
(Beifall CDU, BSW)
Liebe Kolleginnen und Kollegen, in diesem Zusammenhang möchte ich auch den geplanten landesweiten Informationstag zum Thema „Endometriose“ hervorheben. Ist ein solcher Informationstag notwendig? Wir sind überzeugt: Ja. Noch immer werden Betroffene oft nicht ernst genommen. Noch immer gilt es als normal, Schmerzen einfach auszuhalten. Noch immer fehlt es an Wissen über die Erkrankung. Ein landesweiter Informationstag trägt dazu bei, diese Wissenslücken endlich zu schließen. Frauen erhalten schneller die Informationen und die Unterstützung, die sie benötigen. Vor allem sendet er eine wichtige Botschaft: Die Sorgen und Belastungen der Erkrankten verdienen Aufmerksamkeit und auch gesellschaftliche Anerkennung. Sehr geehrte Damen und Herren, wir brauchen nachhaltige Verbesserungen und müssen deshalb überprüfen, ob diese Verbesserungen auch tatsächlich bei den Betroffenen ankommen. Aus diesem Grund möchte ich insbesondere auf Punkt 8 unseres Antrags eingehen. Wir fordern dort die Landesregierung auf, bis zum 31. Dezember 2028 über die Umsetzung des Antrags, die Versorgungssituation von Endometriose-Erkrankten, bestehende Unterstützungsangebote sowie weiteren Handlungsbedarf zu berichten. Für die Antragsteller, für die Koalitionsfraktionen, ist das von zentraler Bedeutung, denn gute Politik zeigt sich nicht allein darin, Probleme zu erkennen und Maßnahmen zu beschließen. Gute Politik muss auch die Wirkung ihrer Entscheidungen immer wieder überprüfen. Wir wollen insbesondere drei Dinge wissen: Erstens, ob sich die Diagnosewege tatsächlich verkürzen, zweitens, ob Informations- und Beratungsangebote ausgebaut wurden und ob sie die Betroffenen erreichen, und schließlich drittens, meine Damen und Herren, ob vorhandene Versorgungsstrukturen besser vernetzt werden konnten und ob gegebenenfalls weiter Defizite bestehen. Auf diese Weise wird die notwendige Transparenz geschaffen. Erfolge werden sichtbar. Es zeigt sich aber auch, wo gegebenenfalls nachgesteuert werden muss. Gerade bei einer Erkrankung wie Endometriose ist diese kontinuierliche Erfolgskontrolle unverzichtbar. Die Betroffenen – da sind wir uns sehr sicher – haben Anspruch darauf, dass politische Ankündigungen nicht nur auf dem Papier stehen, sondern zu ganz konkreten Verbesserungen in ihrem Alltag führen. Liebe Kolleginnen und Kollegen, der vorliegende Antrag setzt auf konkrete Verbesserungen und schafft die Grundlage dafür, dass wir die Entwicklung auch in den kommenden Jahren im Blick behalten. Deshalb werden wir heute die Überweisung des Antrags an den zuständigen Fachausschuss beantragen, um die vorgeschlagenen Maßnahmen dort weiterzuberaten und gegebenenfalls konkretisieren zu können. Vielen Dank.
(Beifall CDU, BSW)
