thueringer-landtag.de ↗

Lena Saniye Güngör

Die Linke 26.03.2026 Sitzungen 8/41

Etablierung eines flächendeckenden psychiatrischen Krisendienstes in Thüringen

Tja, vielen Dank, Herr Präsident. Ich kann zu dem Thema auch ohne Sofortbericht sprechen. Und das werde ich dann jetzt einfach auch tun. Vielleicht haben die anderen solange Gelegenheit, sich zu sortieren. Das kann ja auch helfen. (Beifall Die Linke) Liebe Kolleginnen und Kollegen, stellen Sie sich bitte vor, es ist Sonntagabend und ein Familienmitglied von Ihnen sitzt seit Stunden weinend in der Küche, ist verzweifelt und sagt, es weiß so nicht mehr weiter. Oder stellen Sie sich jemanden vor, der in einer akuten psychischen Krise hochgradig verängstigt, desorientiert und für Sie nicht mehr kommunikativ erreichbar ist. Und dann stellen Sie sich die eigentliche Frage: Wer hilft mir jetzt und wer hilft auch der Person, nicht morgen früh, nicht nach dem Wochenende und ganz sicher nicht nach irgendwelchen Terminvergaben, sondern jetzt in einem Moment, der eben nicht für Sie planbar gewesen ist? Genau darin liegt das Problem. Thüringen hat bis heute keinen flächendeckenden, niedrigschwelligen und rund um die Uhr erreichbaren psychiatrischen Krisendienst. Wer hier abends, nachts oder sonntags in eine akute seelische Krise gerät, findet kein verlässliches ambulantes Hilfsangebot, dass sofort entlastet, orientiert und ja, wenn nötig, auch vor Ort eingreift. Das heißt, wen würden Sie dann im Fall der Fälle anrufen? Wahrscheinlich den Notruf, die Polizei oder eine Klinikambulanz. Das ist oft für Betroffene nicht würdevoll. Es ist für Angehörige nicht immer zumutbar und es ist vor allem für unser bestehendes Hilfesystem eine Überlastung. Denn eine Krisenintervention ist eben mehr als irgendeine Reaktion auf akute Not. Gemeint ist qualifizierte Hilfe in einer seelischen Ausnahmesituation. Ein deeskalierendes Gespräch, eine fachkundige Einschätzung, ein psychosoziale Begleitung, eine Anleitung zur Stabilisierung und ja, wenn nötig, eben auch ein mobiler Einsatz vor Ort. Das Positionspapier der Thüringer Psychiatrieund Suchtkoordinatorinnen und -koordinatoren beschreibt die Lage sehr klar. Außerhalb der Öffnungszeiten der sozialpsychiatrischen Dienste ist keine individuelle Beratung möglich, weil die Mitarbeitenden dann in die Rufbereitschaft wechseln und dort im Kern hoheitliche Aufgaben in Unterbringungsfragen wahrnehmen. Für Menschen in einer akuten psychischen Krise heißt das oft, es gibt gerade keine qualifizierten Ansprechpartner außerhalb stationärer Strukturen. Und genau deshalb darf man die vorhandenen Zahlen nicht missverstehen. Wenn wir in Thüringen für das Jahr 2024 von 2.858 Kriseninterventionen, 1.153 Einsätzen in Rufbereitschaft, 5.932 aufsuchenden Einsätzen und 2.316 Unterbringungskontakten sprechen, dann ist das eben kein Beleg dafür, dass wir bereits einen gut funktionierenden Krisendienst hätten – im Gegenteil. Diese Zahlen zeigen, wie viel Krisenarbeit heute bereits unter fragmentierten, unter uneinheitlichen und oft auch unter unzureichenden Bedingungen aufgefangen werden muss. Die Folgen sind spürbar. Wenn niedrigschwellige Hilfe fehlt, landen psychische Krisen dort, wo sie eigentlich nicht hingehören: im Rettungsdienst, im Kassenärztlichen Notdienst, bei der Polizei, in der Notaufnahme. Die Akteure dort leisten, was sie leisten können, oft unter sehr schwierigen grundlegenden Berufsvoraussetzungen. Aber sie sind für psychosoziale Krisenintervention nicht gemacht und auch oft nicht geschult. Das erhöht den Druck auf alle Beteiligte und verschärft Situationen, die eigentlich frühzeitig entschärft werden müssten. Und das trifft zum Schluss nicht nur das System, sondern es trifft zuerst die Menschen. Und da, sagen wir als Linke, haben wir Handlungsbedarf. (Beifall Die Linke) Betroffene erleben Krisen dann häufig unter massivem Entscheidungsdruck. Angehörige bleiben mit Situationen allein, die sie nicht tragen können. Statt passgenauer Unterstützung drohen Eskalation, stationäre Aufnahme oder Unterbringung. Auch darauf weist das Positionspapier hin. Krisen werden verschleppt, familiäre Systeme werden überfordert und es kommt zu vermeidbaren Belastungen, aber teilweise auch zu retraumatisierenden Erfahrungen. Sehr geehrte Damen und Herren, die Landesarbeitsgemeinschaft Thüringer Psychiatrie- und Suchtkoordinatoren hat den Handlungsbedarf klar benannt. Der Landesbeirat für Menschen mit Behinderungen und auch der Thüringer Landesfachbeirat für Psychiatrie haben einen Krisendienst ausdrücklich empfohlen. Gern möchte ich noch mal an den Thüringer Gesundheitsgipfel erinnern, auf dem ja auch sehr fundiert über eine 24/7-Krisenhilfe gesprochen wurde. Und ich gehe natürlich, naiv wie ich bin, grundlegend davon aus, dass der Thüringer Gesundheitsgipfel nicht nur ein pressewirksames Event im Rahmen des 100-Tage-Programms der Brombeere war, sondern Grundlage ist für das Handeln, was die Brombeere jetzt in der Gesundheitspolitik zeigen möchte. Andere Länder haben schon bewiesen, dass es geht. Bayern hat einen flächendeckenden Krisendienst mit einheitlicher Hotline, mobilen Teams aufgebaut. Berlin verfügt seit Jahren über einen öffentlichen Krisendienst. Die Frage ist also nicht, ob so etwas machbar ist, sondern die Frage ist, wie wir es in Thüringen gut machen könnten und wieso eine solche Lücke in Thüringen weiter hingenommen wird. Ein solcher psychosozialer oder psychiatrischer Krisendienst, das ist mir noch einmal wichtig zu betonen, ersetzt natürlich nicht die Regelversorgung. Er ersetzt keine Psychotherapie, er ersetzt keine Sozialpsychiatrie und auch keine kommunalen Hilfen. Aber er schließt eine entscheidende Lücke, nämlich dort, wo Menschen heute oft zwischen allen Systemen stehen, und das ist gerade für Thüringen zentral. Wir haben ein Flächenland mit langen Wegen, bei dem aufsuchende Hilfe kein Zusatz, sondern eine Voraussetzung ernst gemeinter Daseinsvorsorge ist. (Beifall Die Linke) Wer in einer schweren seelischen Krise steckt, braucht nicht irgendwann irgendeine Zuständigkeit. Er oder sie braucht genau dann verlässliche, erreichbare und – ja, das ist mir wichtig – fachkundige Hilfe. (Beifall Die Linke) Deshalb: Wer es ernst meint mit der frei verfügbaren, mit der erreichbaren, mit der flächendeckenden Gesundheitsversorgung darf psychische Krisen nicht länger wie einen Sonderfall behandeln. Auch in seelischer Not muss Hilfe rechtzeitig erreichbar sein, gerade weil wir doch alle darum wissen, dass über psychische Gesundheit in unserer Gesellschaft immer noch weniger und teilweise auch abwertender gesprochen wird als über somatische Erkrankungen. (Beifall Die Linke) In diesem Sinne bitte ich Sie um Unterstützung bei diesem Antrag, bitte um Unterstützung für die Überweisung an den zuständigen Fachausschuss. Vielen Dank. (Beifall Die Linke)

Alle Reden von Lena Saniye Güngör Protokoll ↗