Linda Stark
Gewaltschutz stärken
Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete, liebe Kinder und Jugendliche auf der Tribüne! Kinder und Jugendliche haben ein Recht auf Schutz. Sie haben ein Recht darauf, sicher aufzuwachsen, egal ob in ihren Familien, in Kindergärten, in Schulen, in Jugendhäusern vor allem und auch im digitalen Raum. Dieses Recht ist kein wohlklingendes Ideal, sondern ein völkerrechtlich und verfassungsrechtlich verankerter Anspruch. Dennoch müssen wir feststellen, dieses Recht wird viel zu oft verletzt. Allein im Jahr 2024 wurden in Thüringen 1.775 Fälle körperlicher Gewalt gegen Kinder und Jugendliche registriert. Diese Zahl steht für Leid, sie steht für Angst, für Vertrauensverlust – und sie ist nur die Spitze des Eisbergs. Denn zu körperlicher Gewalt kommen psychische Gewalt, emotionale Vernachlässigung, sexualisierte Übergriffe, Mobbing und Diskriminierung und zunehmend auch digitale Gewalt. Wer diese Realität ernst nimmt, kann nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Gewalt gegen Kinder findet nicht nur im familiären Umfeld statt, sie kann überall dort geschehen, wo Kinder und Jugendliche ihre Zeit verbringen: in Einrichtungen der Kinderund Jugendhilfe, in Schulen, in Sportvereinen, in kirchlichen und kulturellen Angeboten. Gerade deshalb tragen Institutionen eine besondere Verantwortung. Sie müssen sichere Orte sein, Orte, an denen Kinder gehört werden, an denen sie wissen, an wen sie sich wenden können, und an denen auch im Ernstfall klar ist, was zu tun ist. Genau hier setzt unser Antrag an. Wir sagen, Kinderschutz darf kein Zufallsprodukt sein.
(Beifall Die Linke)
Er darf nicht davon abhängen, wie engagiert einzelne Fachkräfte sind oder wie groß einzelne Träger sind. Kinderschutz braucht verbindliche Strukturen, klare Mindeststandards und ausreichende Ressourcen. Schutzkonzepte sind dabei kein bürokratisches Anhängsel, sondern ein zentrales Instrument moderner Kinder- und Jugendpolitik. Schutzkonzepte bedeuten Prävention, sie bedeuten Beteiligung, und sie bedeuten Überprüfung der Wirksamkeit. Vor allem aber bedeuten sie: Kinder und Jugendliche werden als eigene Subjekte ernst genommen, mit eigenen Rechten und mit einer eigenen Stimme. Wir wissen zugleich, viele Haupt- und Ehrenamtliche stehen in einem Verdachtsfall unter enormen Druck. Unsicherheit, Angst und Überforderung sind keine Ausnahme. Deshalb reicht es nicht, Pflichten zu formulieren, wir müssen auch unterstützen – mit Qualifizierung, mit Beratung und klaren Zuständigkeiten und mit Zeitressourcen, die refinanziert sind. Unser Antrag schlägt deshalb unter anderem vor, landesweit verbindliche Mindestkriterien von Schutzkonzepten zu entwickeln, eine Fachstelle und ein Kompetenzzentrum „Schutzkonzepte“ einzurichten, Fort- und Weiterbildungsangebote flächendeckend auszubauen, die bestehenden Kinder- und Jugendschutzdienste zu stärken und besser zu vernetzen und einen „Runden Tisch Kinderund Jugendgewaltschutz“ zu etablieren. Wichtig ist uns dabei auch eine lernende Fehlerkultur. Schutzkonzepte müssen nach Vorfällen überprüft und weiterentwickelt werden, nicht mit dem Ziel der Schuldzuweisung, sondern mit dem Ziel, künftig besser zu schützen. Sehr geehrte Damen und Herren, Kinderschutz ist keine Randaufgabe. Er ist ein Maßstab dafür, wie ernst wir es mit den Rechten der Jüngsten unserer Gesellschaft meinen. Eine Gesellschaft, die Kinder schützt, investiert nicht nur in Prävention, sie investiert in Vertrauen, in Demokratie und in ihre eigene Zukunft. Deshalb möchte ich die Gelegenheit jetzt schon nutzen, allen Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen zu danken, die Teil dieses Systems sind.
(Beifall Die Linke)
Ich danke allen Erziehern und Erzieherinnen, allen Sozialarbeiterinnen, allen Lehrkräften, Streetworker/ ‑ innen, Vereinsvorständen, Pflegeeltern, Beratungsstellen und vielen mehr. Unser Antrag ist ein Versprechen an Sie – für klare Regeln statt Unklarheit, Zeit und Qualifizierung statt Überforderung und für verlässliche Wege bei Beschwerden statt Ohnmacht. Mit diesem Antrag legen wir einen umfassenden, fachlich fundierten und praxisnahen Vorschlag vor, um den Gewaltschutz für Kinder und Jugendliche in Thüringen nachhaltig zu stärken. Ich freue mich auf eine konstruktive Beratung und auf Ihre Unterstützung. Vielen Dank.
(Beifall Die Linke)
