Lena Saniye Güngör
Gesundheitskompetenz stärken – Patientensteuerung im Gesundheitssystem verbessern
Sehr geehrter Herr Präsident, liebe Kolleginnen und Kollegen! Zunächst, Herr Abgeordneter Wogawa, freue ich mich sehr, dass wir Sie inspiriert haben, mit unserem Antrag auch ein eigenes Dokument auf den Weg zu bringen. Das ist sehr schön. Ich bedanke mich, dass Sie eine gewisse Wertschätzung gegenüber dem ausgedrückt haben, was hier in den letzten zehn Jahren geleistet wurde, sicherlich auch von den Kolleginnen und Kollegen in dem zuständigen Ministerium. Ich war kurz unsicher, ob es ein Selbstlob wird, aber dann haben Sie, denke ich, noch die Kurve bekommen. Das war sehr gut. Gesundheitskompetenz ist die Voraussetzung für Selbstbestimmung. Ich finde, „Gesundheitskompetenz“ klingt immer so abstrakt. Letztendlich geht es darum, Informationen zu finden, sie zu verstehen, sie zu bewerten und sie auch anwenden zu können. So definiert es unser Antrag und so beschreibt es auch der Nationale Aktionsplan Gesundheitskompetenz. Wir müssen ernst nehmen, dass so viele Menschen in ganz unterschiedlichen Situationen daran scheitern. Das kann die Alleinerziehende sein, die nachts mit ihrem fiebernden Kind in der Notaufnahme steht, weil sie keine kinderärztliche Versorgung findet. Es kann der Diabetiker sein, der an der App für sein Gesundheitskonto verzweifelt, und ja, auch die Rentnerin, die den Facharzttermin nie bucht, weil alles zu weit weg, zu digital oder irgendwie zu kompliziert ist. Das sind keine Einzelfälle. Studien zeigen: Mehr als die Hälfte der Menschen in Deutschland und auch in Thüringen hat Schwierigkeiten, Gesundheitsinformationen zu finden, zu verstehen und zu bewerten. In einer BARMER-Studie bescheinigen sich 53 Prozent der befragten Schülerinnen und Schüler eine geringe digitale Gesundheitskompetenz. Etwa die Hälfte sagt, sie habe dazu im Unterricht kaum etwas gelernt. Und ja, das gilt auch für den Biounterricht, um das noch mal zu benennen. Die WHO schätzt, dass 3 bis 5 Prozent der Gesundheitsausgaben auf unzureichende Gesundheitskompetenz zurückzuführen sind. Das sind Milliarden, die wir uns sparen könnten, und vor allem ist es viel Leid, das wir den entsprechenden Menschen ersparen könnten. Diese Unkenntnis ist nicht das Versagen Einzelner, sie ist das Ergebnis politischer Rahmenbedingungen. Ich finde es total legitim, dass uns, die wir nun in der Rolle als Opposition sind, immer wieder vorgehalten wird, wie lange wir schon am Drücker waren. Um in Ihrem Bild zu bleiben, Herr Wogawa: Wir sind aber nicht nur diejenigen, die die ganze Zeit den Patienten behandelt haben, sondern wir haben es hier mit einer chronischen Erkrankung zu tun, weil unser Gesundheitsund Bildungssystem an allen möglichen Ecken und Enden nicht dafür sorgt, dass Menschen eigenständig Entscheidungen treffen können. Und genau das ist das Problem.
(Beifall Die Linke)
Ich komme leider auch noch mal zur Zusammenfassung des AfD-Redebeitrags. Ich paraphrasiere das jetzt etwas. Wir haben gelernt: Früher war alles besser, denn es gab mehr Schulsport und es gab Schulmilch. Dazu bleibt sicherlich keine Frage offen. Außerdem – das fand ich interessant – gab es früher keine Drogen. Wer jetzt denken würde, wie war das denn mit dieser Volksdroge Nummer eins, dem Alkohol, der denkt sicherlich ganz falsch. So verstehe ich das. Und dass ich diese Erklärung nüchtern geben muss, tut mir persönlich weh. Denn wenn ich Sie reden höre, wünschte ich mir, ich würde deutlich mehr konsumieren. Aber gut.
(Beifall Die Linke)
Wenn Sie bei so einem Antrag über Desinformation reden, über Homöopathie, Gesundheitsmythen auf Telegram, ach ja, die Genspritze, da war ja auch noch was, dann kommt natürlich reflexartig der Vorwurf der Verbotskultur. Darum geht es hier explizit nicht, denn ich will ja niemandem verbieten, zum Beispiel Rote-Bete-Saft für ein richtig gutes Wundermittel zu halten.
(Zwischenruf Abg. Abicht, AfD: Das macht es
nicht besser!) Ich will, dass Menschen beurteilen können, ob das so stimmt oder in welchem Fall vielleicht der GelbeBete-Saft eine bessere Option wäre. Es ist kein Angriff auf Meinungsfreiheit, Menschen dazu befähigen zu wollen, Informationen finden und sie korrekt einordnen zu können und sich danach zu verhalten. Sie ist kein Maulkorb, sondern Schutzschild und Kompass in einem, wie gesagt, durchaus komplexen System, das wir haben. Außerdem heißt Patientensteuerung Orientierung und nicht Zugangsbeschränkung. Es geht zum Schluss nicht darum, dass Patientinnen und Patienten nicht die Möglichkeit haben sollten, Gesundheitsleistungen in Anspruch zu nehmen, sondern es geht darum, dass sie die richtigen Gesundheitsleistungen in Anspruch nehmen können. Für uns ist wichtig, dass Patientinnen und Patienten nicht durchs Raster fallen, sondern dass sie die Chance haben, ihren Anspruch auf Grundversorgung wahrnehmen zu können. Und ich finde es schon bemerkenswert, dass das im 21. Jahrhundert immer noch wie eine Luxusforderung klingt. Nein, das ist basal, das ist basic, das muss einfach drin sein, dass Patientinnen und Patienten die Gesundheitsleistung auch finden, auf die sie nun mal rechtlich Anspruch haben. Aus linker Sicht ist mir besonders wichtig zu sagen: Mehr Gesundheitskompetenz stärkt auch Solidarität. Denn wer versteht, wie Prävention wirkt, verteidigt Impfprogramme, wer weiß, wie Beiträge und Leistungen zusammenhängen, lässt sich weniger gegeneinander ausspielen – egal ob Jung gegen Alt, Krank gegen Gesund oder Arm gegen Reich. Deswegen freue ich mich, dass wir uns scheinbar einig sind, dass dieser Antrag im zuständigen Fachausschuss beraten wird. Ich hoffe, dass die Debatte dort etwas sachlicher und im besten Fall sogar nüchtern stattfindet. Vielen Dank.
(Beifall Die Linke)
