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Linda Stark

Die Linke 15.05.2025 Sitzungen 8/17

Lebens-, Ausbildungs- und Wohnbedingungen für Azubis verbessern – Azubiwerk für Thüringen schaffen

Sehr geehrter Herr Präsident, liebe Kolleginnen und Kollegen! Sehr geehrter Herr Waßmann, ich freue mich, dass wenigstens Sie das Problem erkannt haben – nicht so wie andere Fraktionen hier in diesem Raum – und dass wir gemeinsam im Ausschuss darüber reden werden. Wir reden in diesem Haus viel und regelmäßig über Fachkräftemangel, über demografischen Wandel, über die Herausforderungen für die Wirtschaft und die Attraktivität des Landes Thüringen. Was wir aber viel zu selten tun, ist, die Perspektive der jungen Menschen ernsthaft einzunehmen, jener Menschen, die sich für eine berufliche Ausbildung bei uns in Thüringen entscheiden. (Beifall Die Linke) Aber ohne genau diese jungen Menschen werden wir die Herausforderungen der kommenden Jahre nicht meistern. (Beifall Die Linke) Wir stehen deshalb heute nicht nur vor einem bildungspolitischen Thema, sondern vor einer sozialen Frage, die das Rückgrat unserer wirtschaftlichen Zukunft berührt. Wie schaffen wir es, Ausbildung in Thüringen wieder attraktiver zu machen, und zwar nicht nur für diejenigen, die es sich leisten können? Rund 26.000 junge Menschen befinden sich laut Landesamt für Statistik in Thüringen aktuell in Ausbildung. In meiner Einbringung habe ich es bereits erwähnt, steigende Lebenshaltungskosten, insbesondere die explodierenden Mieten in den größeren Städten, machen den Auszubildenden das Leben schwer. Laut DGB Hessen-Thüringen leben aktuell 70 Prozent der Azubis bei ihren Eltern oder Verwandten. Das ist ein Armutszeugnis. Es fehlt vor allem an kleinerem und bezahlbarem Wohnraum, der auch für Auszubildende attraktiv ist. Außerdem kommt hinzu, dass Auszubildende je nach Ausbildungsberuf zu wenig Geld verdienen, um ihren Lebensunterhalt allein zu bestreiten. Wer sich an einer Berufsfach- oder an einer Fachschule ausbilden lässt, erhält häufig gar keine Vergütung. Dann wundert es mich nicht, dass Ausbildungsplätze immer wieder unbesetzt bleiben. Was fehlt, ist die passende Infrastruktur und die soziale Absicherung. Lassen Sie mich das einmal an einem Beispiel verdeutlichen. Ein junger Mensch bekommt in Erfurt einen Ausbildungsplatz in der Pflege. Seine Familie lebt im ländlichen Raum, sagen wir, in Sonneberg. Die Ausbildungsvergütung liegt im ersten Jahr bei rund 1.300 Euro brutto, was nach Steuern und Sozialabgaben oft bei 1.100 Euro netto rauskommt. Und die Pflege ist noch einer der Bereiche, der besser bezahlt wird. Der DGB-Ausbildungsreport hat 2024 ermittelt, dass die durchschnittliche Ausbildungsvergütung im ersten Ausbildungsjahr bei rund 933 Euro brutto liegt. Eine kleine Wohnung in Erfurt kann man für rund 370 Euro Kaltmiete bekommen. Hinzu kommen Nebenkosten, Lebensmittel, ÖPNV und Lernmittel, hier ist noch nicht mal die Freizeit mit eingeplant. Damit ist klar, ohne finanzielle Unterstützung der Eltern oder einen Nebenjob, der die Auszubildendenzeit zusätzlich wieder einmal belastet, ist dieser Ausbildungsplatz kaum wahrnehmbar. Und das ist kein Einzelfall. Das ist die bittere Realität von vielen Auszubildenden in Thüringen. Wir schlagen deshalb ein Azubiwerk für Thüringen vor, analog zu dem, was Studierende bei uns längst haben. Es soll Wohnungen für maximal 250 Euro Miete im Monat zur Verfügung stellen. Es soll Sozialberatung und Freizeitangebote anbieten. Es soll aber auch demokratische Mitbestimmung ermöglichen und als zentrale Vernetzungsstelle für Azubi-Belange da sein. Es geht nicht um eine neue Verwaltungseinheit, sondern um eine schlanke, gemeinwohlorientierte Struktur zur Steigerung der Attraktivität der Ausbildung. Das ist dringend notwendig und längst überfällig, weil Ausbildungsbedingungen immer noch massiv von Herkunft, Geschlecht und sozialem Hintergrund abhängen. Wer als Auszubildender bereits Kinder hat, eine Behinderung oder aus einem sozial benachteiligten Haushalt kommt, hat es doppelt schwer. Das dürfen wir bei uns in Thüringen nicht länger hinnehmen. Bis 2035 werden laut Prognosen mehr als 250.000 Fachkräfte gebraucht. Dafür müssen wir jetzt die Weichen stellen. Das heißt, Ausbildung muss nicht nur qualitativ gut, sondern auch sozial möglich sein. Wer in andere Bundesländer sieht, sieht, dass der Bedarf bereits erkannt wurde. Hamburg hat ein Azubiwerk gegründet, ebenso wie München. Thüringen darf hier nicht zurückbleiben. Im neuen Koalitionsvertrag auf Bundesebene ist von einer WG-Garantie für Azubis und Studierende die Rede. Auch die Union hat offensichtlich erkannt, dass sich auf dem Wohnungsmarkt für junge Menschen etwas tun muss. Wir dürfen nicht länger warten, sondern müssen uns endlich auf den Weg machen, bezahlbaren Wohnraum für Auszubildende zu schaffen. Ein zentraler Bestandteil des Antrags soll deshalb auch eine jährlich stattfindende landesweite Auszubildendenkonferenz sein. Sie bietet Raum für Austausch und für Beteiligung und Mitgestaltung gemeinsam mit den Auszubildendenvertretungen, den Jugendverbänden, den Arbeitgebern/Arbeitgeberinnen, der Politik und der Wissenschaft. So schaffen wir nicht nur Sichtbarkeit für die Lebensrealität junger Menschen in Ausbildung, sondern erkennen frühzeitig die Bedarfe und können dann passgenau handeln. Die Konferenz kann ein echtes Beteiligungsformat schaffen, bei dem Auszubildende mitreden, mitentscheiden und mitgestalten können. Lassen Sie uns jungen Menschen die Würdigung geben, die sie verdienen! Wenn es die Regierung schon nicht geschafft hat, die Jugend in einen ihrer Ministeriumstitel einzubeziehen, dann doch wenigstens in Form von politischen Vorhaben. Lassen Sie uns deshalb gemeinsam im Ausschuss weiter darüber reden! Im Namen meiner Fraktion beantrage ich die Ausschussüberweisung an den Bildungsausschuss und an den Ausschuss für Digitales und Infrastruktur. (Beifall Die Linke)

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