Christoph Zippel
a) auf Antrag der Fraktion der CDU zu dem Thema: „Hausärztliche Versorgung sichern: Thüringen als ‚20-Minuten-Land‘“
Sehr geehrter Herr Präsident, meine sehr geehrten Damen und Herren, ich habe den heutigen Tag mit einem Besuch in einer Erfurter Hausarztpraxis begonnen und muss Ihnen sagen: Es war ein sehr interessanter Besuch und es war wieder mal ein sehr begeisternder Besuch. Ich will zu Beginn meiner Rede vor allen Dingen allen danken, die tagtäglich mit ihrem Engagement und ihrer Begeisterung die Versorgung im Freistaat sichern, so wie ich sie heute früh wieder bei den Ärztinnen und Ärzten und auch beim pflegerischen Personal erleben durfte; insbesondere der heutige Tag – der Tag des Hausarztes und der hausärztlichen Versorgung – soll uns dafür ein Anlass sein.
(Beifall CDU, BSW, Die Linke)
Die hausärztliche Versorgung zu sichern – was auch das Thema meiner Gespräche heute früh war –, kann mit unserer Idee von „Thüringen, das 20-Minuten-Land“ überschrieben werden. Aber dieser Titel ist nicht nur ein PR-Slogan, er ist ein politischer Anspruch, ein Versprechen an die Bürgerinnen und Bürger in unserem Land. Dieses Versprechen müssen wir einlösen, wenn wir den Menschen in Thüringen eine verlässliche medizinische Versorgung garantieren wollen – unabhängig davon, ob sie in der Stadt oder auf dem Land leben. Aber die Realität sieht anders aus. Zwischen 2004 und 2021 ist die Zahl der niedergelassenen Hausärztinnen und Hausärzte in Thüringen um über 23 Prozent zurückgegangen, die Zahl der Kinderärzte sogar um fast 30 Prozent. Und wäre das nicht genug: Wir haben nur noch etwa fünf Arztjahre – also fünf Jahre, bis unser durchschnittlicher praktizierender Hausarzt in den Ruhestand geht. Und wieder ist besonders der ländliche Raum betroffen. Meine Damen und Herren, hier bahnt sich ein akuter Versorgungsnotstand an. Dabei sehen wir: Der Beruf des Hausarztes verändert sich immer mehr. Immer weniger Mediziner entscheiden sich für die Selbstständigkeit oder haben Angst davor. Zwischen 2008 und 2021 hat sich die Zahl der angestellten Ärzte in dieser Logik natürlich verfünffacht, während die Zahl der freiberuflichen Ärzte deutlich sank. Dazu kommen zunehmend Teilzeitmodelle. Das alles hat Folgen. Laut Umfragen verzichten 36 Prozent der Patienten auf Arzttermine – wegen zu langer Wartezeiten. Was bedeutet das? Unsere Versorgungsstrukturen brauchen dringend grundlege Reformen. Wie gewinnen wir Hausärzte? Nach aktuellen Zahlen fehlen in Thüringen 115,5 Hausärzte. Die entsprechenden Studien- und Ausbildungsplätze sind hoch begehrt – und das müssen wir endlich konsequent nutzen. Das gelingt durch Auswahlverfahren, die nicht nur den NC berücksichtigen, sondern auch die allgemeine Eignung für den ärztlichen Dienst in unserem Land. Wir werden die Ausbildung stärken, die Kapazitäten erhöhen und dafür sorgen, dass junge Mediziner und Fachkräfte in unserem Land Thüringen bleiben.
(Beifall CDU, BSW)
Wir wollen die Stiftung zur Förderung der ambulanten ärztlichen Versorgung finanziell stärken und auf Zahnärzte und Apotheker ausweiten, um dort die drohenden Versorgungsengpässe ebenfalls anzugehen. Durch eine bessere regionale Verteilung der Ausbildungsstätten sollen die einzelnen Regionen profitieren, da so medizinisches Fachpersonal bedarfsgerechter im Land verteilt wird. Wir müssen flexible, familienfreundliche Arbeitsmodelle schaffen und innovative Versorgungskonzepte umsetzen. Ein Drittel der Arbeitszeit wird aktuell für Dokumentationspflichten eingenommen. Das macht den Beruf unattraktiv, das kostet Behandlungszeit. Kommunale Gesundheitszentren, das hausärztliche Primärversorgungszentrum und Gemeinschaftspraxen – wie die, die ich heute zum Beispiel besuchen konnte – sind unsere Antwort auf veränderte Berufsanforderungen. Dazu gehören zum Beispiel auch Delegationsmodelle mit hochqualifizierten nicht ärztlichen Berufen, mobile Praxen für unterversorgte Regionen und mobile Sprechstunden. Ärzte und Träger von medizinischen Versorgungszentren, welche sich in betroffenen Gegenden niederlassen, dürfen mit unserer Unterstützung rechnen. Eine dieser Unterstützungen ist auch die ab 1. Oktober geltende Entbudgetierung der Hausärzte – ein wichtiger Schritt, um mehr Leistung aus dem System zu holen und mehr Patientenstunden zu ermöglichen. Geplant ist außerdem eine höhere Absicherung der Niederlassungsförderung im Doppelhaushalt 2026/2027. Die Zeit drängt, wir haben fünf Jahre, um die nächste Generation Hausärztinnen und Hausärzte zu gewinnen. Fünf Jahre, das ist weniger, als die Zeit, die man für ein Medizinstudium braucht. Wer den ländlichen Raum stärken will, darf also bei der Gesundheitsversorgung nicht zögern. Ein erreichbarer Hausarzt ist für viele Menschen, gerade für Familien und ältere Menschen, das wichtigste Kriterium für Lebensqualität. Lassen Sie uns diesem Anspruch gerecht werden, überlegt, lösungsorientiert und mit Konzept. Ich bitte Sie daher: Unterstützen Sie unsere Initiative für das 20-Minuten-Land, für eine gerechte, erreichbare und zukunftsfähige Gesundheitsversorgung in ganz Thüringen! Vielen Dank.
(Beifall CDU, BSW, SPD)
