Lutz Liebscher
Eine Pädagogische Hochschule für Thüringen: Lehrerberuf aufwerten, Lehramtsstudium attraktiv und praxisnah gestalten!
Herr Präsident, meine sehr geehrten Damen und Herren, die AfD-Fraktion hat hier einen Antrag vorgelegt, der einen Griff in die hochschulpolitische Mottenkiste fordert. Das ist so weit erst mal nicht neu. Dieses Mal aber soll es ein Beitrag zur Debatte um den grassierenden Lehrerkräftemangel sein. Die Landesregierung wird aufgefordert, eine Pädagogische Hochschule zu errichten. Begründet wird diese Forderung unter anderem mit einer dringend notwendigen Erweiterung der Studienplatzkapazitäten, um mehr Lehrerinnen und Lehrer ausbilden zu können. Aus Sicht der AfD bedarf es einer Pädagogischen Hochschule vor Ort, um das Lehramtsstudium aufzuwerten, beliebter zu machen und näher an der schulischen Praxis auszurichten. „Hierzu müssen endlich neue Weg beschritten werden.“: Neue Weg ja, unbedingt sind neue Wege nötig, aber die Wieder- oder Neugründung einer Pädagogischen Hochschule in Thüringen gehört aus meiner Sicht definitiv nicht dazu. Ich möchte das auch gern kurz begründen. Der Lehrkräftemangel und die Nachwuchsfrage sind riesige Probleme, keine Frage, nicht nur in Thüringen, aber eben auch hier. Es sind große Herausforderungen, denen wir uns aktuell und in den kommenden Jahren stellen müssen. Landesregierung und Parlament nehmen die Angelegenheit sehr ernst und debattieren darüber, wie attraktive Studienangebote für zukünftige Lehrkräfte bei uns sichergestellt werden können, wie eine qualitativ hochwertige Lehramtsausbildung für alle Schularten und Schulformen garantiert werden kann und wie in Thüringen genügend Lehrerinnen und Lehrer – am perspektivischen Bedarf orientiert – ausgebildet werden können. Auch hier in den Plenarsitzungen liegen aktuell Gesetzesnovellen und Anträge zur Debatte, das dürfte niemandem entgangen sein. Neue Wege, meine Damen und Herren? Ja, wir müssen neue Wege gehen, neue Ansätze wagen, neue Konzepte umsetzen. Pädagogische Hochschulen sind in vielen ihrer Kernpunkte jedoch ein Konzept der Vergangenheit. Sie waren ein wirksames Instrument im Zusammenhang mit der Bildungsoffensive in der Weimarer Republik – das ist 100 Jahre her. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zu einer PH-Gründungswelle in beiden deutschen Staaten. In der DDR wurden bis 1990 Lehrkräfte an den Pädagogischen Hochschulen und den pädagogischen Instituten der Universitäten sowie technischen Hochschulen ausgebildet. Im Zuge der Wiedervereinigung wurden die PH in Ostdeutschland aufgelöst, an Universitäten angegliedert oder waren wie im Falle der PH Erfurt-Mühlhausen ein zentraler Baustein bei der Wieder- bzw. Neugründung einer Universität. In Westdeutschland war dieser Prozess bereits seit den späten 1960er-Jahren im Gange und bis 1980 abgeschlossen. Einzig in Baden-Württemberg gibt es heute noch ein flächendeckendes System mit insgesamt sechs Pädagogischen Hochschulen. Der Blick in dieses Bundesland enthüllt allerdings schon, dass dort der Mangel an Lehrkräften noch gravierender ist als bei uns und dass vor allem an den Pädagogischen Hochschulen sehr viele Studienplätze unbesetzt bleiben. Das zeigen aus meiner Sicht zwei Dinge: Zum einen ist der Lehrermangel kein reines Thüringer Problem. Zum anderen wird deutlich, die Institution „Pädagogische Hochschule“ sorgt mitnichten für mehr Lehramtsstudierende, geschweige denn mehr Lehrerinnen und Lehrer – im Gegenteil. Die Gründung einer Pädagogischen Hochschule in Thüringen würde bedeuten, dass sich im Lehramtsstudium eine Doppelstruktur breitmacht. Eine Zweiklassenausbildung wäre das Resultat: auf der einen Seite die Absolventinnen und Absolventen mit einem Universitätsabschluss, einer wissenschaftlich fundierten Ausbildung, auf der anderen Seite diejenigen mit einem PH-Examen, das im Ruf steht, fachwissenschaftlich mit deutlich weniger Anstrengung und Motivation bewerkstelligt werden zu können. Das wird von den Studierenden und Absolventinnen selbst immer wieder berichtet und bemängelt. Die Reputation der PH ist vergleichsweise gering, was vor allem auch daran liegt, dass die Lehrenden an den PH zumeist mit wenig Personal ganze Fachbereiche abdecken, während an den Universitäten das Angebot an Lehrveranstaltungen in einem Fach breiter und durch Einblicke in den Forschungsbetrieb zugleich tiefer ist. Die Gründung einer Pädagogischen Hochschule bringt Fragen nach der Anerkennung und Vergleichbarkeit von Hochschulabschlüssen mit sich, wenn an einer Regelschule Absolventinnen und Absolventen von PH und Universität gleichzeitig unterrichten. Meine sehr geehrten Damen und Herren, außerdem bringt die Gründung einer neuen staatlichen Hochschule kaum zu überschätzende finanzielle Risiken für die Thüringer Steuerzahlerinnen und Steuerzahler. Wir haben bereits heute Hochschulen in Thüringen, die in der Lehramtsausbildung hochspezialisiert eine hervorragende Arbeit leisten. Viel Steuergeld ist in den vergangenen Jahren hier in die Erweiterung der Studienplatzkapazitäten und des pädagogischen Lehrangebots geflossen. Die Lehramtsstudiengänge in Thüringen sind bis auf zwei Ausnahmen nicht zulassungsbeschränkt, und dabei handelt es sich nicht um Mangelfächer. Zusätzliches Geld wäre idealerweise in die Verbesserung bestehender Strukturen an den bestehenden Hochschulen investiert, meine sehr geehrten Damen und Herren. Eine Fülle an Maßnahmen zur Bewältigung des Lehrkräftemangels ist angelaufen oder befindet sich in Vorbereitung. Eine Vielzahl von Vorschlägen liegt darüber hinaus auf dem Tisch und wird gegenwärtig diskutiert. So werden in Thüringen beispielsweise schon seit dem Jahr 2017 Lehrerinnen und Lehrer wieder verbeamtet, die Besoldung der Lehrkräfte in allen Schularten ist seit 2021 auf das Niveau A13 angeglichen. Das ist übrigens im bundesdeutschen Vergleich alles andere als die Norm. Stand heute sind Lehrkräfte an Grund- und Regelschulen vor allem in West- und Süddeutschland gegenüber ihren Kolleginnen und Kollegen an Gymnasien finanziell schlechtergestellt. Im Schuljahr 2020/2021 wurden bei uns über 1.500 Lehrerinnen und Lehrer neu eingestellt, 2022 waren es hingegen nur 379. Das reicht nicht aus, um den Bedarf ansatzweise zu decken, das ist klar. Deshalb sind in Thüringen darüber hinaus im vergangenen Jahr zusätzliche Anreize gesetzt worden, um in Bedarfsregionen, in Bedarfsfächern und in Bedarfsschulen Lehrkräfte verstärkt zu rekrutieren und dauerhaft zu binden. Dringend benötigte Seiten- und Quereinsteiger in den Lehrerberuf werden intensiv beim Erwerb pädagogischer und fachlicher Qualifikation unterstützt. Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich möchte abschließend dafür werben, die notwendigen Reformen zur Modernisierung des Lehramtsstudiums zu unterstützen, wie sie im Oktober 2019 im Eckpunktepapier der Thüringer Allianz für Lehrerbildung festgehalten wurden. Gemeinsam mit den Hochschulen werden die zuständigen Ministerien den immensen Herausforderungen begegnen. Wichtige Maßnahmen haben wir als Fraktionen von Rot-Rot-Grün im Antrag zur ersten Phase der Bildung von Lehrerinnen und Lehrern angesprochen – TOP 23; das werden wir heute nicht mehr schaffen. Letzter Satz: Eine neue Hochschule gehört nicht zu diesen Maßnahmen. Eine Neugründung würde nicht eine Lehrerin oder einen Lehrer mehr zusätzlich an unsere Schulen bringen. Meine Fraktion wird den Antrag ablehnen. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN)
