thueringer-landtag.de ↗

Ute Bergner

fraktionslos 07.07.2023 Sitzungen 7/115

Eine Pädagogische Hochschule für Thüringen: Lehrerberuf aufwerten, Lehramtsstudium attraktiv und praxisnah gestalten!

Sehr geehrter Herr Präsident, liebe Kollegen Abgeordnete, liebe Zuhörer, der vorliegende Antrag der AfD ist vielleicht gut gemeint, aber gut gemeint ist nicht immer gut getan. Es wird die Forderung nach einer Pädagogischen Hochschule aufgemacht und das als Schlüssel für die Beseitigung des gravierenden Lehrermangels angesehen. Ich erkläre Ihnen, warum das in der aktuellen Situation in Thüringen wenig sinnvoll ist. Momentan haben wir an allen Thüringer Hochschulen Überkapazitäten. Die Studentenzahlen sinken, hier können Lehrerstudiengänge ausgeweitet werden. Die fachliche Ausbildung kann in den vorhandenen Fachbereichen erfolgen, wo teilweise weniger als zehn Studenten in Vorlesungen sitzen. Ergänzt werden muss die Fachausbildung durch pädagogische und didaktische Ausbildung. In den pädagogischen und didaktischen Ausbildungsfächern können die Lehrerstudenten aus verschiedenen Fachbereichen zusammengenommen werden. Darin würde ich einen effektiven Umgang mit Ressourcen sehen. Außerdem könnte man für Lehrerstudenten vorübergehend ein verkürztes Abitur anbieten, 11 statt 12 oder 13 Jahre, ein Modell, was sich in der DDR bei der Beseitigung des Mathe-/Physiklehrermangels bereits bewährt hat. Für den aktuellen Lehrermangel ist das Nachwuchsproblem eine Ursache, das von der Politik über Jahrzehnte ignoriert wurde. So haben wir in der Deutschen Physikalischen Gesellschaft bereits im Jahr 2005 auf den kommenden Mathe-/Physiklehrermangel hingewiesen und auch Vorschläge unterbreitet, deren Umsetzung immer durch Ignoranz durch die Politik blockiert wurde. Heute betrifft dieses Problem alle Fächer. Der aktuelle Lehrermangel hat aber darüber hinaus noch viel mehr Ursachen, an denen dringend gearbeitet werden müsste. So gibt es viele, gerade erfahrene Lehrer, die aus Frust über die Bedingungen im Schulwesen ihren Job an den Nagel gehängt haben. Bürokratie und Berichtswesen, sogenannte Dokumentation, dominieren gegenüber der Arbeit mit den Schülern. Die ideologische Ausrichtung des Unterrichts, Vorgaben, Dinge zu vermitteln, die teilweise den naturwissenschaftlichen Grundlagen widersprechen, (Zwischenruf Abg. Henfling, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Die ideologische Ausrichtung des Unterrichts ist ungefähr genauso schlimm wie Propaganda!) und der Zwang zum Gendern lässt viele gute Pädagogen ihren Beruf an den Nagel hängen. (Unruhe DIE LINKE, BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- NEN) Der Umgang mit Absolventen, die sich in Thüringen bewerben, ist eher von einer überheblichen Abweisungskultur geprägt als von einer Willkommenskultur. Hier ist es überfällig, den Schuldirektoren die Auswahl ihrer Lehrer zu überlassen. Lehrer, die die Coronamaßnahmen wie Masken und Testpflicht gegenüber den Schülern nicht durchgesetzt haben, wurden weggemobbt oder auch einfach entlassen. (Zwischenruf Abg. Rothe-Beinlich, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Überlegen Sie sich mal, was Sie sagen!) In benachbarten Bundesländern wurden sie mit Kusshand genommen. Aber auch im Bildungsbereich wurden in der Vergangenheit in der Verwaltung immer neue Stellen geschaffen und mit ausgebildeten Lehrern besetzt, die dann für den Unterricht natürlich fehlen. Und last, but not least scheiden jedes Jahr Lehrer vorzeitig aus dem Berufsleben aus, weil sie aufgrund der Zustände an den Schulen chronisch erkrankt sind. Der Krankenstand unter aktiven Lehrern ist stetig steigend, wie Pressemeldungen und auch einer Studie der Uni Jena zu entnehmen ist. Das spitzt die Lage noch einmal zu. Eine pädagogische Hochschule ist nach den von mir genannten Gründen keine Lösung für den Lehrermangel. Danke.

Alle Reden von Ute Bergner Protokoll ↗