Ute Bergner
b) Integration von Seiteneinsteigern ins Thüringer Schulsystem verbessern, Unterrichtsausfall vermeiden
Sehr geehrte Frau Präsidentin, liebe Kollegen Abgeordnete, liebe Zuhörer, Lehrermangel ist aktuell das größte Problem an den Thüringer Schulen. Deshalb sind die Anträge von CDU und AfD sehr wichtig. Digitalisierung kann abhelfen, jedoch keinesfalls flächendeckend dieses Problem des Lehrermangels lösen. Initiativen zur Gewinnung und zum Halten von Lehrern gibt es sehr viele, nur diese Initiativen greifen nicht ausreichend. Um hier zu einer höheren Wirksamkeit zu kommen, habe ich mich mal an der Basis umgehört und möchte die Ergebnisse meiner Gespräche reflektieren, um Möglichkeiten für kurzfristige Hebel aufzuzeigen.
(Zwischenruf Abg. König-Preuss, DIE LINKE:
Sie müssen erst einmal mit sich reflektieren!) Seiteneinsteigern wird es schwer gemacht. Sie bekommen Auflagen und werden damit alleingelassen. Das gipfelt auch in Kuriositäten wie der, dass sie noch Vorlesungen besuchen müssen, die sie vorher selbst in der Lehrerausbildung gehalten haben. Promovierte Chemiker dürfen nicht in der 12. Klasse unterrichten und keine Prüfungen abnehmen, werden aber eingeteilt, in der 5. und 6. Klasse Sexualkunde zu unterrichten. Oft fehlt es auch an einer Willkommenskultur in den Schulen, aber es scheitert auch an der Anstellung von Lehrern, die hier arbeiten möchten, zum Beispiel wer aus Hessen kommt und wegen des Wechsels von einer A14 auf die A13, was 100 Euro Unterschied ausmacht,
(Zwischenruf Abg. Wolf, DIE LINKE: Das
stimmt nicht!) nicht eingestellt wird. Wie sieht es da mit einer Individuallösung aus? Auch die Anerkennung ausländischer Lehrer – ich erinnere nur an meine Kleine Anfrage und die Beantwortung in Drucksache 7/6502 –, Motivierung dieser Lehrkräfte sieht anders aus. Hier wäre es zielführender, nicht Briefe mit Paragrafen hin- und herzuschicken, sondern individuelle Lösungen zu finden. Anders als das in der Beantwortung der Kleinen Anfrage dargestellt wird, ist das nicht der einzige Fall in Thüringen. Wenn es um das Halten von Lehrern gerade während der Coronazeit geht, als sich verantwortungsvolle Lehrer für das Wohlbefinden der Kinder einsetzten, indem sie die mittlerweile auch teilweise als falsch erkannten Maßnahmen nicht in voller Härte umsetzten, wurden sie diffamiert und von den Schulen im wahrsten Sinne des Wortes weggeekelt. Wer da nahe der Grenze zu anderen Bundesländern wohnt, wurde mit Kusshand dort genommen. Nicht nur Lernen muss Freude machen, sondern auch Lehren. Das Arbeitsklima an vielen Schulen wird von den Lehrern als sehr schlecht bewertet oder wahrgenommen. Hier bedarf es einer Analyse, denn ein schlechtes Arbeitsklima demotiviert nicht nur, sondern macht auch krank – Stichwort: hoher Krankenstand bei Lehrern. Wenn wir dann im Haushalt Positionen einstellen für den Gesundheitsschutz der Lehrer, kann ich das befürworten. Aber dass sich das dann darauf konzentriert, dass sie sich vor der Sonnenstrahlung schützen müssen, dann ist das wohl ein Hohn. Kommen wir zur Nachwuchsgewinnung. Wir in der DPG haben bereits im Jahr 2005 Brandbriefe an die zuständigen Ministerien geschrieben, dass Physiklehrermangel droht, haben Vorschläge unterbreitet. Aber all das wurde ignoriert. Jetzt haben wir das Problem, und nicht nur in der Physik. Aber auch hier gäbe es Lösungen: eine abgespeckte konzentrierte Ausbildung, das heißt, Studienzeit verkürzen statt verlängern, ein Schnellabitur für Lehramtsstudenten einführen, also zum Beispiel in elf Jahren. Das gab es zum Beispiel zu DDR-Zeiten, als wir damals einen Mathe-/Physiklehrermangel hatten. Das war erfolgreich und das wurde praktiziert, bis diese Mangelphase von Mathe-/Physiklehrern beseitigt war. Solche Maßnahmen müssen natürlich auch mit finanziellen Anreizen für die Lehramtsstudenten verbunden sein. Nehmen wir auch das Thema „Hybridunterricht“, das gehört auch dazu. Aber hier bedarf es einer gut konzeptionell ausgearbeiteten Grundlage. Das darf nicht aus Not und Aktionismus zusammengeklatscht werden. Wir müssen auch alte Zöpfe abschneiden. Die Schulgebäudeanwesenheitspflicht gehört dazu. Wie das gehen kann und bessere Ergebnisse als ein unzureichend personell abgedeckter Präsenzunterricht bringt, kann man unter anderem bei der öffentlichen Anhörung zur Petition „Etablierung informeller Bildungsmöglichkeiten für junge Menschen in Thüringen“ am 2. März erfahren. Zu dem Thema: Es gibt nicht den Königsweg, sondern die Vielfalt macht es, und es wird endlich Zeit, dass wir die Vielfältigkeit berücksichtigen und ausdiskutieren. Und ich muss eins sagen: Heute bin ich begeistert von der Diskussionskultur hier im Landtag, die ist ernsthaft und zielorientiert. Ich danke für die Aufmerksamkeit.
