Heike Werner
e) auf Antrag der Fraktion der SPD zum Thema: „Gute Pflege in Thüringen braucht gute Arbeitsbedingungen: 30Stunden-Woche für Pflegekräfte bei vollem Lohnausgleich“
Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete, ich möchte mich mit Sympathie dem Antrag der Aktuellen Stunde nähern. Gerade als Sozial-, Gesundheits-, Frauenund Arbeitsministerin muss man natürlich sagen, dass das Thema „Arbeitszeitverkürzung“ ein sehr wichtiger Baustein wäre für alle Berufsfelder übrigens in Deutschland,
(Beifall DIE LINKE)
im Übrigen insbesondere auch für den Osten, denn Sie wissen das sicherlich auch aus anderen Studien: Die Menschen im Osten arbeiten mehr für weniger Geld. Insofern also ein Thema, das uns alle angeht. Ich habe gesagt, ich habe eine hohe Sympathie für das Thema „Arbeitszeitverkürzung“, weil wir natürlich aus verschiedenen Studien auch wissen, was geringere Arbeitszeiten für die Menschen jeweils bedeuten. Wir wissen, dass es Auswirkungen hat auf die Zufriedenheit mit der Arbeit, auf die Gesundheit, aber auch auf den Arbeitsschutz. Geringere Arbeitszeiten führen beispielsweise zu weniger Unfällen. Es gibt mehr Lebensqualität. Das Thema „Burnout“ nimmt an der Stelle auch ab. Es gibt mehr Geschlechtergerechtigkeit und auch eine bessere Work-Life-Balance, was gerade für junge Menschen ganz besonders wichtig ist und für Attraktivität von Berufen natürlich auch eine Rolle spielt. Das eine sind dann so ganz pragmatische, also besserer Gesundheitsschutz usw. Aber ich will auch ein anderes Thema noch ansprechen. Wir wissen auch aus Untersuchungen, dass Menschen, die weniger arbeiten müssen, bei natürlich einer entsprechenden finanziell guten Situation beispielsweise auch einen kleineren ökologischen Fußabdruck haben, weil sie mehr kochen, weil sie sich weniger auf Fertigprodukte stürzen müssen, weil sie einfach ihr Konsumverhalten insgesamt verändern können. Das sind alles Dinge, die uns heute in der Zeit wichtig sein müssten. Nun wird natürlich zu Recht die Frage gestellt: Was bedeutet es aber, wenn jetzt beispielsweise gerade in der Pflege Arbeitszeit verkürzt wird? Wir wissen, wir haben hier schon einen hohen Fachkräftemangel, und wir wissen aus anderen Studien, dass wir, wenn wir den Personalschlüssel in der Pflege verbessern wollten, tatsächlich viel mehr Pflegekräfte bräuchten. Wenn wir uns aber die Studien anschauen, dann sehen wir auf der einen Seite, dass die hohe Belastung in der Pflege dazu führt, dass dort ein viel höherer Krankenstand ist als in anderen Berufen. Die in Pflege- und Altenheimen tätigen Beschäftigten sind rund 24 Arbeitstage im Jahr erkrankt. Bei anderen sind das im Schnitt nur 16 Tage. Es gibt viel höhere Ausfallzeiten, nicht nur aufgrund physischer, sondern auch aufgrund psychischer Belastungen. Das zeigt, dass die Arbeitsbelastung in der Pflege so hoch ist, dass wir auch volkswirtschaftliche oder eben für das Unternehmen selbst hohe Einschnitte haben. Wenn wir uns dann anschauen, warum viele Arbeitskräfte in der Pflege ihren Beruf verlassen, dann sehen wir auch hier, das wir insbesondere bei der Altenpflege einen besonders hohen Anteil haben. Zwei Zahlen an der Stelle: Bereits im zweiten Jahr nach Aufnahme einer Tätigkeit als Altenpflegerin oder Altenpfleger in Thüringen üben 28 Prozent einen anderen Beruf aus. Noch eine Zahl: Nach zehn Jahren sind nur noch 59 Prozent in der Altenpflege tätig. Und wenn man dann nachfragt, was sind die Gründe dafür, dann ist es zum einen natürlich die Entlohnung, aber es ist vor allem die hohe körperliche, physische, psychische Belastung, die schlechten Arbeitszeiten, dass es schwierig ist, Familie und Beruf gut miteinander zu vereinbaren. Das zeigt, dass es hier wirklich einen hohen Bedarf gibt, die Arbeitszeiten und die Belastung am Ende auch zu verändern. Was jetzt hier die SPD dargestellt hat – also wir kommen dann noch darauf, wer das eigentlich finanzieren kann und wie das umgesetzt werden könnte, aber es gibt auch Experimente dazu. Ich habe zum Beispiel von einem Experiment in Schweden gelesen, wo man genau diese 30-Stunden-Woche in einem Seniorenheim eingeführt hat. Wenn man sich die Ergebnisse anschaut, dann hat das zum einen einen beträchtlichen Gesundheitsgewinn für die Pflegenden, insbesondere für diejenigen, die über 50 Jahre alt sind, gebracht. Sie sagen selber von sich, dass sie aktiver leben, dass sie mehr Schlaf haben, dass der Blutdruck sinkt. Es gab weniger Krankmeldungen in dieser Pflegeeinrichtung. Die Qualität der Pflege- und Betreuungsleistungen ist gestiegen und es gibt auch, das ist nur schwieriger zu berechnen, eine Auswirkung, was die Finanzierung angeht. Weniger Krankheitstage heißt natürlich, dass hier auch weniger finanzielle Belastungen stattfinden. Also insofern ist das sicherlich eine wichtige Frage, über Arbeitszeitverkürzung insgesamt nachzudenken. Aber, und das muss ich an der Stelle auch sagen, liebe Frau Klisch, wenn man sich dann die Kosten anschaut, heißt das 25 Prozent Mehrkosten, die es in dem Bereich bräuchte. Und wir wissen, dass nach dem derzeitigen Finanzierungssystem in der Pflege diese Kostensteigerung auf die Pflegebedürftigen umgelegt werden müsste. Ich nehme aber jetzt den Antrag als ein flammendes Fanal dafür, dass wir gemeinsam dafür kämpfen, dass es eine Pflegeversicherung gibt, die eben nicht nur eine Teilversicherung, sondern eine Vollversicherung ist, in die alle Menschen einzahlen, egal, ob sie Pflegekraft sind oder hier im Landtag sitzen. Und mit einer anderen Finanzierung, mit einem anderen Blick auf Arbeitszeiten, denke ich, kann es auch gelingen, hier für alle Menschen zu einer besseren Arbeitsqualität zu kommen. Wie gesagt, ich nehme das als eine Aufforderung, gemeinsam an diesen Dingen zu arbeiten, wobei hier jetzt wirklich die Bundesebene in der Pflicht ist. Auf Landesebene gibt es hier leider kaum Möglichkeiten.
(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN)
