Thomas Hartung
Das Thüringer Bildungswesen stärken – Schlussfolgerungen der Corona-Monate umsetzen
Frau Präsidentin, sehr geehrte Damen und Herren, wenn man als Letzter redet, ist vieles schon gesagt und man kommt immer wieder in die Bredouille, seine Rede komplett umstrukturieren zu können. Das ist nicht nur als zweite Rednerin so, Frau Baum.
(Beifall Gruppe der FDP)
Die Frage der Lehren aus der Pandemie beschäftigten uns schon ein bisschen. Es ist nicht so, dass wir jetzt heute mit dem Antrag das erste Mal darüber reden. Der Bund hat mit seinem Programm „Aufholen nach Corona“ eine Vorlage gebracht. Heute mit Blick auf die derzeitigen Zahlen müssten wir eigentlich sagen: Aufholen trotz Corona. Dieses Aufholprogramm ist – das haben alle Vorredner festgestellt – dringend notwendig. Wir müssen das erfassen, was in den letzten Monaten, im letzten Schuljahr verloren gegangen ist, und wir müssen schauen, dass wir das im gesamten Land etablieren, dass überall vernünftige Lernstandserhebungen nach einem vernünftigen Maßstab stattfinden können. Dazu brauchen wir ein Instrumentarium, das wir den Pädagoginnen und Pädagogen an die Hand geben müssen, damit sie verlässlich solche Lernstände erheben können. Wir brauchen also nicht nur das Rüstzeug, wir brauchen die Durchführung und wir brauchen natürlich die Konsequenz. Das heißt, wenn wir einen Überblick über die verlorenen Lerninhalte gewonnen haben, müssen wir natürlich dann auch ein Programm auflegen, das es den Schülerinnen und Schülern ermöglicht, genau das wieder aufzuholen. Dazu braucht es individuelle Förder- und Lernangebote. Wir sind uns, glaube ich, alle einig, das kann nicht einfach in der Schule nebenbei so herlaufen, wir brauchen da mehr. Wir brauchen die Möglichkeiten der Digitalisierung, wir brauchen andere Teilnehmer, die uns dabei unterstützen, nachmittags. Hier sind verschiedene Dinge schon angeregt worden. Das wird uns auf jeden Fall in den nächsten Monaten und wahrscheinlich sogar ein, zwei Jahren noch begleiten. Aber was wir als Erstes brauchen und ganz zuvorderst, das ist sichere Schule. Wer jetzt möchte, dass wir nicht weitere Lernrückstände aufbauen – das böse Wort ist ja hier gefallen – und nicht weitere Verluste von Lerninhalten in Kauf nehmen, der muss dafür sorgen, dass wir Schule offenhalten können. Ich bin sehr bei Torsten Wolf und irgendwie gar nicht beim Bildungsminister, ich halte es eben nicht für einen Fehler, die Schulen geschlossen zu haben, denn es war in diesen zwei, drei Wellen – in Thüringen waren die zweite und dritte Welle eigentlich eins – einfach nicht möglich, sichere Schule zu gewährleisten. Dann muss man im Sinne der Kinder entscheiden, dass man sie aus dieser Gefährdung herausnimmt. Herr Jankowski, das ist nicht so, dass Kinder nicht schwerwiegend erkranken. Meine Gedanken sind bei dem einen jugendlichen Kind, das jetzt auf einer Intensivstation in Thüringen behandelt wird. Ich wünsche dem Kind alles Gute. Ich wünsche den Eltern viel Kraft. Das ist mit Sicherheit eine fürchterliche Situation.
(Beifall DIE LINKE, CDU, SPD, BÜNDNIS
90/DIE GRÜNEN, Gruppe der FDP) Und das, was Sie gesagt haben, wird denen wahrscheinlich übel aufstoßen. Ich möchte aber darauf hinweisen, dass es mittlerweile ein ganzes Sammelsurium von Studien gibt, die eben sagen, Long-COVID ist für Kinder auch ein Problem. Ich verweise gern auf die Studie der Pennsylvania State University, das ist die größte, die ich kenne, die hat mehre Millionen Metadaten erfasst und kommt zu dem Ergebnis, dass etwa 50 Prozent aller Infizierten – nicht aller Erkrankten, aller Infizierten – Long-COVID ausbilden, unabhängig vom Alter. Das sollte man sich auf der Zunge zergehen lassen bei Inzidenzen unter den Minderjährigen in Thüringen von über 1.000 bis 2.000. Jedes Zweite dieser Kinder ist im Prinzip von LongCOVID bedroht. Deswegen müssen wir Schule sicher machen. Wir müssen auch aus den Erfahrungen lernen. Das ist hier verschiedentlich festgestellt worden. Und wenn wir diese Lehren auch tatsächlich umsetzen würden, hätten wir uns daran erinnert, wie schwierig es war, in der zweiten Welle ein Testsystem an Schulen und Kitas zu etablieren, und wie wenig sinnvoll es war, es in den Kitas vor den Sommerferien und in den Schulen zwei Wochen nach den Sommerferien abzuschaffen, um es wenige Wochen später, weil das gesamte Land rot war und wir, wie gesagt, Tausender-Inzidenzen unter den Kindern und Jugendlichen hatten, wieder zu etablieren. Hätten wir das von Anfang an durchgezogen, müssten wir jetzt nicht schauen, in welchen Schulen überhaupt Tests noch vorliegen oder nicht, müssten das Verteilsystem nicht wieder etablieren usw. Hier wünsche ich mir Lernfähigkeit, nicht nur was die Maßnahmen im Unterricht beinhaltet, sondern ausdrücklich auch dafür, was wir machen können, um Schule und Kindertagesstätte zum sicheren Lernort zu machen. Da müssen wir nachbessern, da dürfen wir das, was wir an Erkenntnissen gesammelt haben, nicht einfach wieder vergessen, weil wir uns in einer trügerischen Sicherheit wägen und weil wir glauben, wir sind durch. Noch sind wir es nicht. Vielen Dank.
(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN)
