Mario Voigt
Digitalisierung an Grundschulen darf kein Selbstzweck sein
Sehr geehrter Herr Präsident, werte Kolleginnen und Kollegen! Werter Herr Jankowski, ich teile durchaus Ihre Sorge – das wird Sie überraschen –, dass man es übertreibt; so habe ich Sie verstanden. Aber Sie müssen schon die Ebenen auseinanderhalten. Es klang bei Ihnen durch, als ob die Schüler in den Schulen mit den Tablets mittlerweile verprügelt werden oder sie sich gegenseitig damit schlagen. Worum es im Prinzip gehen muss, ist doch die souveräne Anwendung neuer technologischer Möglichkeiten. Die würde ich gern ein klein wenig breiter sehen, als Sie sie beschrieben haben. Natürlich geht es nicht um die Frage, dass digitale Medien und digitale Geräte den Lehrer oder auch den Babysitter ersetzen. Das ist eine gesellschaftliche Aufgabe. Aber auf den Punkt haben Sie hingewiesen. Wenn wir uns ansehen: Alle Studien, selbst Spitzer und andere, die die Forschung mit Blick auf Lernmethoden in den Vordergrund stellen, weisen nach, dass das Wichtigste weiterhin bleibt, dass man vernünftig miteinander redet. Vier bis fünf Stunden sollte man das am Tag tun. Männer reden ungefähr 16.000 Worte am Tag, Frauen, weil sie besser sind, reden 16.700 Worte am Tag. Das ist die Situation. Das sollte man machen.
(Zwischenruf Abg. Meißner, CDU: Mit mehr
Inhalt!) Ich würde das gar nicht qualifizieren, das war auch nicht despektierlich gemeint. Ich will einfach nur sagen, das sind die puren Fakten. Es geht um Miteinander-im-Gespräch-Sein. Und genau an diesem Punkt werden digitale Möglichkeiten in vier oder fünf Jahren unser komplettes Lernumfeld verändert haben. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass wir uns dieser Chancen bewusst sein sollten. Und was ich nicht möchte, meine Fraktion nicht möchte und andere in diesem Hohen Haus auch nicht, ist, dass die Chancen unseren Kindern dadurch entgehen, dass Sie so eine antiquierte pädagogische Grundvorstellung haben, dass die Chancen nicht vertan werden. Natürlich geht es um Lesen, Rechnen, Schreiben. Da achte ich bei meinen Kindern auch drauf. Aber es geht eben heutzutage auch um die souveräne Anwendung von sprachgesteuerten und sprachgestützten Lernmethodiken. Und es geht darum, die Differenzierungsfähigkeit unterschiedlicher Lerngeschwindigkeiten eben auch mit digitalen Methoden abbilden zu können. Das bedeutet, dass jemand, der schneller oder langsamer lernt, eben durch so eine Methodik und den souveränen Einsatz von Lehrkräften befördert werden kann. Es geht darum, dass man kreative Ideen umsetzen kann, die sie so im normalen Unterricht noch nie umsetzen konnten. Ich sage Ihnen das, wir werden in vier Jahren davon reden, dass wir EI- oder künstliche-Intelligenzgestützte Lernmethoden haben, wo sie sich in einen Raum hineinprojizieren können, wo Schüler vielleicht auch mal in der Zeit reisen können, wo sie sich genau in diese Zeit hineinversetzen können. Diese geistige Enge und Armut, die Sie hier zeigen, indem Sie sagen, dass das Grundschüler nicht oder wir in Thüringen das nicht können, diese Begrenztheit würden wir gern abstreifen, weil es nämlich genau darum geht, bei solchen digitalen Prozessen vorne zu sein und nicht immer hinten zu warten.
(Beifall CDU, FDP)
Dann geht es um die große Chance, asynchrones Lernen eben auch zu nutzen. Das bedeutet, jemand, der noch weiter vertiefen muss, der sich vielleicht auch noch mal über digitale andere Möglichkeiten Lerninhalte zieht, dass man die eben auch mit anbietet. Das stimmt, das haben wir heute noch nicht. Aber an diesem Bild sollten wir doch gemeinschaftlich arbeiten, wenn uns eines wichtig ist, dass nämlich die Jüngsten in unserer Gesellschaft in einer Schule ausgebildet werden, wo sie weltweit vielleicht die Spitzenkräfte ausmachen. Unser Ziel muss es doch sein, dass die Kinder, die in Thüringer Schulen gehen, gut rechnen, gut lesen, gut schreiben können, aber in der neuen, vierten, nämlich in der digitalen Welt eben auch exzellent sind. Ich glaube, um dieses Bild muss es uns miteinander gehen. Deswegen muss klar sein, dass die Digitalisierung als eine weitere Kulturtechnik Bestandteil einer modernen Bildungslandschaft sein sollte. Dafür werben wir und bitte nicht für ein antiquiertes Bild, was eine reine Schwarz-Weiß-Zeichnung macht. Es geht darum, dass wir die besten Chancen in dieser digitalen Welt nutzen, trotzdem unser soziales Miteinander, das Aufeinander-bezogen-Sein von Wesen, das Miteinander-Reden nicht aus dem Blick verlieren. Schönen Dank.
(Beifall CDU, FDP)
