Thomas Hartung
c) auf Antrag der Fraktion der AfD zum Thema: „Dringlichkeit der Öffnung von Schulen und Kindergärten in Thüringen auch in der Corona-Krise – Notwendige Entlastung unserer Kinder und Familien“
Herr Präsident, sehr geehrte Damen und Herren, die gegenwärtige Corona Situation in Thüringen ‑ sieht wie folgt aus: Wir haben eine 7-Tage-Inzidenz von 149 pro 100.000 Einwohner, es sind seit Dezember 2.261 Menschen verstorben, 30 allein seit gestern. Wir haben derzeit noch 28,1 Prozent der Intensivbetten durch COVID-19-Patienten belegt. Dabei ist der Wert von 20 Prozent etwa der, bei dem die Versorgungssituation kritisch zu werden beginnt. Und wir haben in Thüringen mehrere Cluster der britischen Virusvariante B.1.1.7. Diese Variante ist nicht nur aggressiv in der Verbreitung. Was das bedeutet – ich habe es beim vorhergehenden Tagesordnungspunkt schon mal angedeutet –, ist ganz leicht zu beobachten. Wir brauchen nur nach Großbritannien schauen, die hatten teilweise Tageserkrankungszahlen von 60.000. Die hatten einen Lockdown, Schulen und Kindergärten waren geöffnet. Ansonsten war Lockdown der Wirtschaft, viel weiter, als wir ihn haben, des öffentlichen Lebens usw. schon verordnet. Nur Schulen und Kitas waren geöffnet. Und trotzdem, die Kinder sind ja nicht Treiber der Pandemie, aber die Kinder geben es an ihre Familien weiter. Und jetzt sind wir bei dem Punkt, Herr Jankowski, wo Sie von der AfD einfach immer und immer und immer wieder viel zu kurz greifen. Sie sagen, wir sollen vulnerable Gruppen schützen. Das ist ein hehrer Ansatz, das ist auch nicht verkehrt per se. Aber ich will es Ihnen mal vorrechnen: Jetzt haben Sie ein Altenheim mit vielleicht 90 Bewohnern und diese 90 Bewohner haben zwischen 80 und 90 Menschen, die sich um diese Bewohner kümmern. Diese 80 bis 90 Menschen haben auch Familie, die haben vielleicht Kinder, die haben Ehepartner, die haben sonstige Familien, die zu schützen sind. Da müssten wir jetzt also die Leute, die in diesem Pflegeheim arbeiten, von ihren Familien separieren, damit das Leben für alle anderen wieder seinen Gang gehen kann, und müssten sie quasi in dem Pflegeheim kasernieren. Die AfD könnte das ja gern propagieren. Ich bin mal gespannt, wie die Pflegekräfte darauf reagieren. Das geht ja noch weiter. Wir haben noch sehr, sehr viel mehr Menschen in der ambulanten Pflege, die werden von Pflegekräften aufgesucht und diese fahren von Mensch zu Mensch. Das heißt, wenn diese Pflegekräfte zu Hause auch Familie haben – und davon kann man ja hin und wieder ausgehen –, dann kommen die mit ihren Kindern zusammen. Und wenn diese Kinder im Präsenzunterricht oder in der Kita sind, dann haben die ein erhebliches Risiko, dass diese Menschen sich mit COVID-19 infizieren oder sogar daran erkranken. Und jetzt, Herr Jankowski, auch das gehört zur Wahrheit dazu: Die Erzieher in Kitas haben schon lange, schon mindestens seit vier Wochen, bei der Berufsgruppe mit den häufigsten Infektionen die Pflegekräfte überholt – seit mindestens vier Wochen, und das Ganze im Notbetrieb. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Wir sind jetzt im Notbetrieb und trotzdem sind die Kita-Erzieher die am meisten betroffene Berufsgruppe von COVID-19. Die Kinder sind bestimmt nicht der Pandemie-Treiber, das will ich gar nicht behaupten, aber ungefährlich ist die Arbeit auf keinen Fall. Ich habe es vorhin schon gesagt, wir lernen zunehmend etwas über die Folgen dieser Erkrankung. Zu diesen Folgen gehört Long-COVID. Wissen Sie, was das bedeutet? Wissen Sie, was das in der Folge bedeutet – es heißt ja nicht umsonst Long-COVID –, wie lange diese Symptome anhalten können? Wir wissen es selber noch nicht. Wir wissen nur, es gibt Menschen, die hatten initial keine Symptome und 10 Prozent von diesen Menschen leiden dann an Symptomen, die sich klassischerweise unter dieser Rubrik „Long-COVID“ zusammenfassen lassen. Deswegen ist Ihre Forderung eine Forderung zur absoluten Unzeit. Wir würden den Menschen vor Ort einen riesigen Bärendienst erweisen, wenn wir jetzt sagen: Okay, die Kinder können alle wieder in die Kita. Und dann tragen sie analog zu Großbritannien die Erkrankung in die Familien ein. Und wenn – angenommen – eine erhebliche Anzahl von Thüringern dadurch erkrankt und jeder Zehnte, auch wenn er keine Symptome hat – ich rede ja gar nicht von denen, die auf der Intensivstation waren –, bildet Long-COVID aus, dann haben wir aber was gekonnt. Dann haben wir unsere Menschen nicht ordentlich geschützt, dann haben wir das Gesundheitssystem überlastet. Ich sage mal so, eine erhöhte Ansteckungsrate von 50 bis 70 Prozent würde unser Gesundheitswesen, was jetzt gerade so alles schafft, innerhalb von Tagen in den Zusammenbruch bringen. Ich brauche nur nach Portugal schauen, die hatten irgendwann vor einer Woche noch sieben freie ITS-Betten. Wollen wir das für Thüringen? Das wollen wir nicht. Deswegen, ich habe das vorhin mit meinem Bild und auch dem Schiff kurz umrissen: Wir haben die Saboteure und Meuterer hier an Bord, aber auf die dürfen wir nicht hören! Vielen Dank.
(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN)
