Thomas Hartung
Keine Experimente mit unseren Kindern – Lernmethode „Lesen durch Schreiben“ abschaffen!
Frau Präsidentin, sehr geehrte Damen und Herren, bei dem Antrag von der AfD sehen wir genau zwei korrekte Fakten. Das eine ist: Die Lernmethode „Lesen durch Schreiben“ ist durch eine Reihe fachwissenschaftlicher Studien höchst umstritten und zum anderen ist Thüringen beim IQB-Bildungstrend im Fachbereich Orthografie nur unterdurchschnittlich. So weit die Fakten. Mehr ist da nicht zu finden. Der Rest ist zwischen Nonsens, Populismus und teilweise auch böswilligen Unterstellungen gegenüber unseren Lehrern gekennzeichnet. Mal der Reihe nach: Hier ist verschiedentlich die Bonner Studie zitiert worden. Ja, es ist eine Längsschnittstudie, und ja, sie kommt zu dem Ergebnis, dass bei ausschließlicher Anwendung der ReichenMethode Kinder mit familiär bedingten geringen Rechtschreibvorkenntnissen zum Einschulungszeitpunkt, Kinder aus einem stark dialektgeprägten Umfeld und auch Kinder mit nicht deutscher Herkunft schlechtere Ergebnisse erzielen als durch die Fibelmethode. Daran gibt es auch nichts zu deuteln. Das ist tatsächlich so. Die Betonung liegt aber auf der ausschließlichen Anwendung dieser Methode. Das ist – ich komme später darauf zurück – die Krux dabei. Die Bonner Studie bestätigt in Teilen das, was Reinold Funke schon festgestellt hat. Auch diese Studie haben Sie zitiert. Allerdings haben Sie die Ergebnisse falsch zitiert. Sie haben die Ergebnisse der Bonner Studie der Funke-Studie zugeschrieben. Die Funke-Studie äußert sich im Ergebnis wesentlich vorsichtiger. Sie schreibt nämlich, dass es bei Anwendung in Reinkultur Hinweise darauf gibt, dass die von Ihnen besprochenen Schülergruppen nicht ausreichend gefördert sind. Sie haben das wesentlich dezidierter gesagt. Es waren die Ergebnisse der Bonner Studie, die Sie der Funke-Studie zugeordnet haben. Ich will das an dieser Stelle richtigstellen. Hier sind wir genau an dem Punkt, wo die Kritik der Fachgesellschaften ansetzt. Es wird immer ein Idealtypus von Schülern konstruiert und immer die Anwendung in Reinkultur vorausgesetzt. Aber das ist genau das Problem. Nur 2 bis 3 Prozent der Grundschulen bundesweit verwenden die Methode „Lesen durch Schreiben“ überhaupt. Anne Deimel vom Verband Bildung und Erziehung hat dazu gesagt – ich zitiere –: Der angeblich flächendeckende Einsatz von Lesen durch Schreiben „ist so ein Schlagwort, aber nicht die Unterrichtsrealität“. Genau das zeigt auch die Betrachtung der Thüringer Primarstufe. Aus der Vorlage 6/4081 vom Mai 2018 geht hervor, dass in Thüringer Schulen im Schuljahr 2017/2018 an den 407 staatlichen Grundschulen in Thüringen lediglich fünfzehnmal die Reichen-Methodik zum Einsatz kam. Bei 26 staatlichen Gemeinschaftsschulen wurde sie nur ein einziges Mal verwendet. Bei den 30 staatlichen Förderschulen kamen derartige Materialien überhaupt nicht zum Einsatz. Viele Schulen der Primarstufe nutzen außerdem mehr als ein Werk zum Schriftsprachenerwerb, sodass wir davon ausgehen können, dass die Reichenmethodik in den Thüringer Grundschulen eben nicht in Reinkultur zur Anwendung kommt und damit diese Studienergebnisse, die hier vielfach zitiert worden sind, so nicht auf Thüringer Schulen übertragbar sind. Das ist genau der Punkt, an dem der Antrag in die falsche Richtung geht. Genauso ist es falsch, wenn rot-rot-grüne Bildungspolitik für diese negativen Ergebnisse der IQB-Studie verantwortlich gemacht wird. Im Bildungstrend werden verschiedene Ursachen diskutiert, die für dieses schlechte Abschneiden verantwortlich gemacht werden. Das sind zum einen die veränderte Mediennutzung, zum anderen Konzentrationsschwierigkeiten und schreibmotorische Probleme von Grundschülern, aber eben auch die teilweise nicht mehr zeitgemäßen Formen des Unterrichts und daraus resultierende Vermittlungsschwierigkeiten. Das darf man alles nicht ausblenden. Wir brauchen deswegen eine bundesweit angelegte vergleichende fachwissenschaftliche Studie zum Schriftsprachenerwerb und wir brauchen solche Untersuchungen auch für Thüringen. Ihr Antrag geht aus meiner Sicht in die Irre. Wir werden ihn deswegen auch ablehnen. Wir brauchen eine Unterstützung unserer Schülerinnen und Schüler, auch der Lehrerinnen und Lehrer. Wir brauchen aber keine Schnellschüsse, keine Simplifizierung, keine populistischen Anträge à la AfD. Ich freue mich auf die Diskussion des FDP- und des CDU-Antrags im Ausschuss. Ich werde dann auch sehr genau lauschen, wenn mir Herr Tischner erklärt, was der Unterschied bei Schreib- und Blockschrift für die orthografische Weiterbildung tatsächlich ausmacht. Da bin ich dann mal gespannt. Vielen Dank.
(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN)
