Jette Waldinger-Thiering
Sehr geehrte Landtagspräsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die Diskussion über den sinngemäßen Einsatz von Hausaufgaben ist längst überfällig. Bei dem Thema Hausaufgaben gibt es keinen allgemeingültigen Konsens. Deshalb können Hausaufgaben schnell zum Nachteil für Schülerinnen und Schüler werden, obwohl ich weiß, dass viele Lehrkräfte sehr gut einschätzen können, wie und ob Hausaufgaben im Schulalltag eingesetzt werden sollten, und wie sie von vielen auch sinnvoll und zeitgemäß eingesetzt werden. Lernaufgaben, die von den Schülern und Schülerinnen selbstständig bearbeitet werden sollen, werden zu einem Risiko bezüglich Chancenungleichheit, wenn sie auf unterschiedliche Bedingungen treffen. Lernaufgaben, die außerhalb des Schulunterrichts geleistet werden müssen, führen zu unterschiedlichen Lernbedingungen, abhängig von der sozialen Lebenssituation der Schülerinnen und Schüler. Kinder, die weder über familiäre Unterstützung noch über zeitliche und räumliche Lernstrukturen verfügen, sind klar im Nachteil, wenn es um die Bearbeitung der Hausaufgaben geht. Hausaufgaben können zu Konflikten und Stress bei Schülern und Schülerinnen, bei Lehrkräften und Eltern führen. Sie belasten dann nicht nur den Alltag der Kinder, sondern auch den Alltag der Familien. Aber es soll hier nicht über ein Dafür oder Dagegen diskutiert werden, sondern über das Wie. Denn weder Verbote noch Verpflichtungen sind beim Thema Hausaufgaben zielführend. Vielmehr müssen wir klären: Welche Art von Aufgaben fördern die Lernentwicklung, welcher Umfang und welcher Rahmen sind hierfür wichtig? Wie schaffen wir Lernbedingungen, unter denen alle Schülerinnen und Schüler chancengleich und bestmöglich lernen können, unabhängig davon, wie viel Unterstützung sie von zu Hause bekommen? (Beifall SSW, FDP und Serpil Midyatli [SPD]) Dass Hausaufgaben in der Grundschule nicht förderlich sind und auf Kinder und deren Familien eher Druck erzeugen und dass die Lernentwicklung hiervon auch nur peripher beeinflusst wird, haben Studien bereits gezeigt. Deshalb wird nicht nur in Skandinavien, sondern auch in anderen europäischen Ländern wie den Niederlanden auf klassische Hausaufgaben in den ersten Schuljahren verzichtet. (Dr. Heiner Garg [FDP]: Sehr gut!) Denn selbstständiges Lernen ist kein Automatismus, sondern ein Entwicklungsprozess. Kinder müssen erst einmal die Fähigkeiten des selbstständigen Lernens im Schulsetting erlangen. Hierzu gehören selbstständig gestaltete Lernzeiten im Rah- (Jette Waldinger-Thiering) men des Unterrichts. Die Schülerinnen und Schüler müssen eine Lernkompetenz erlangen, mit der sie Aufgaben einschätzen und ihre Bearbeitung strukturieren können. Auch das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten muss sich für das selbstständige Lernen entwickelt haben. Aber auch, wenn sie die Lernkompetenzen für selbstständiges Lernen erreicht haben, müssen Hausaufgaben qualifiziert definiert werden. Deshalb können wir als SSW dem im Antrag geforderten Qualitätsrahmen mit allen genannten Eckpunkten nur zustimmen. Besonders in den höheren Jahrgängen ist es wichtig, dass wir eine geeignete Lernstruktur entwickeln, bei der die digitalen Medien und künstliche Intelligenz zwar einbezogen werden können, die Lernprozesse aber vom Schüler und von der Schülerin selbst erarbeitet werden. Denn die Lernwelt unserer Kinder verändert sich. Digitale Werkzeuge sind längst Teil des Alltags. Sie können den Zugang zu schwierigen Themen und Informationen erleichtern und somit Lernen unterstützen. Allerdings müssen wir sicherstellen, dass die Schülerinnen und Schüler die Inhalte wirklich verstehen und Lernwege erklären und beschreiben können. Sie müssen kritisches Denken und den verantwortungsvollen Umgang mit digitalen Hilfsmitteln erlernen. Deshalb brauchen wir klare Regeln und gute Konzepte für den Einsatz digitaler Medien und Hilfsmittel wie einer künstlichen Intelligenz. (Beifall SSW, FDP und Serpil Midyatli [SPD]) Letztendlich gilt es, Hausaufgaben als sinnvolle Ergänzung zum Unterricht zu gestalten. Hausaufgaben müssen sich an den Lernbedürfnissen und schulischen Voraussetzungen orientieren. Die Schulen und die Lehrkräfte brauchen die Freiheit, Hausaufgaben individuell und bedarfsgerecht zu gestalten. Vor allem müssen die Lernaufgaben für zu Hause so gestaltet sein, dass die Schüler und Schülerinnen sie grundsätzlich selbstständig bearbeiten können. Nur dann machen Hausaufgaben Sinn und führen nicht zu Bildungsungerechtigkeit. Ich habe schon gesagt, dass wir dem Antrag zustimmen können, aber ich merke so ein bisschen: Alle sind eigentlich für diesen Antrag, trauen sich jedoch irgendwie nicht, ihm zuzustimmen. Vielleicht hilft es, wenn wir ihn in den Ausschuss überweisen und dort noch einmal miteinander diskutieren, welche Lehren wir daraus ziehen können. Insofern: Ausschussüberweisung, Frau Präsidentin. (Beifall SSW, SPD und FDP)
