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Anne Riecke

FDP 07.10.2026 Sitzungen 20/129

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wenn wir über Schule sprechen, sprechen wir über Unterricht, über Leistungen, über Bildungsstandards und darüber, wie wir unseren Kindern die besten Chancen für ihre Zukunft geben möchten. Aber manchmal müssen wir auch auf die ganz alltäglichen Dinge schauen, zum Beispiel auf die Hausaufgaben. Viele Eltern und Schülerinnen und Schüler kennen die Situation: Nach einem langen Schultag geht es zu Hause weiter. Mathematik, Vokabeln, Arbeitsblätter, Vorbereitung für den nächsten Tag – für manche Kinder funktioniert das gut, für andere wird der Nachmittag zur zweiten Schulschicht. Deshalb sollten wir uns eine ganz einfache Frage stellen: Ist die klassische Hausaufgabe tatsächlich immer noch der beste Weg, Lernen zu organisieren? Ich möchte dabei eines ganz klar sagen: Unser Antrag richtet sich nicht gegen Leistung und nicht gegen Lernen. Im Gegenteil: Wir wollen, dass Lernzeit wirksam genutzt wird. Wir wollen, dass Kinder die Unterstützung bekommen, die sie brauchen. Wir wollen, dass Schulen die Möglichkeit haben, auf neue Herausforderungen angemessen zu reagieren. (Beifall FDP, SSW und vereinzelt SPD) Denn die Lebensrealität von Familien hat sich verändert. Eltern arbeiten teilweise im Schichtdienst, Kinder haben unterschiedliche Voraussetzungen. Nicht jedes Kind hat zu Hause einen ruhigen Arbeitsplatz oder jemanden, der bei den Hausaufgaben helfen kann. Damit ist die Frage der Hausaufgaben auch eine Frage von Bildungsgerechtigkeit. Gleichzeitig verändert sich unsere Welt. Künstliche Intelligenz ist inzwischen Teil des Alltags unserer Schülerinnen und Schüler. Aufgaben, die früher zu Hause mühsam erarbeitet werden mussten, Überset- (Anne Riecke) zungen, können heute innerhalb von Sekunden von einer KI bearbeitet werden. Das bedeutet nicht, dass wir auf Üben, Schreiben, Rechnen oder eigenständiges Denken verzichten können – ganz im Gegenteil. Es bedeutet aber, dass wir noch genauer überlegen müssen, welche Aufgaben wir geben und wo Lernen am wirksamsten stattfindet. Wenn eine Aufgabe zu Hause einfach von einer KI erledigt werden kann, dann müssen wir uns fragen: Hat das Kind dadurch tatsächlich etwas gelernt? Vielleicht ist es deshalb sinnvoller, bestimmte Lernprozesse stärker in die Schule zu holen, (Beifall FDP, SPD und SSW) dorthin, wo eine Lehrkraft unterstützen kann, Fragen beantworten kann und eine direkte Rückmeldung geben kann. Genau hier setzt unser Antrag an. Wir sehen bereits Schulen in Schleswig-Holstein, die neue Wege gehen. Die Grundschule in Nortorf beispielsweise hat die klassischen Hausaufgaben abgeschafft und nutzt die Schulzeit stärker zum Üben und Vertiefen. Das ist sicherlich kein Modell, das wir jetzt an allen Schulen vorschreiben und einsetzen wollen. Aber es zeigt: Es gibt Schulen, die in diesem Bereich einfach neue Wege beschreiten. Einzelne Schulen sollten diesen Weg nicht alleine gehen müssen, deshalb müssen wir diese Herausforderung gemeinsam annehmen und ihnen dabei den Rücken stärken. (Beifall FDP, Sebastian Bonau [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN] und Malte Krüger [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]) Meine Damen und Herren, diese Erfahrung sollten wir ernst nehmen. Auch die Wissenschaft gibt uns dabei wichtige Hinweise, aber keine einfache Schwarz-Weiß-Antwort. Eine Studie des LeibnizInstituts mit über 300 Schülerinnen und Schülern zeigt, dass Lernzeit unter anderem bei Belastung und Wohlbefinden Vorteile haben kann, gleichzeitig gab es aber beim mathematischen Lernzuwachs einen Nachteil. Die Wissenschaft sagt also nicht, Hausaufgaben sind schlecht, sie sagt uns vielmehr, wir müssen genauer hinschauen, wo wir die Lernzeit richtig organisieren müssen. Wie können wir Kinder entlasten und gleichzeitig Leistung sichern? Wie können wir Selbstständigkeit fördern und gleichzeitig sicherstellen, dass tatsächlich etwas von den Kindern und Jugendlichen gelernt wird? Wie können wir neue Formen nutzen, ohne bewährte Modelle vorschnell über Bord zu werfen? Genau deshalb geht es in unserem Antrag nicht darum, Kinder zu Versuchskaninchen zu machen. Wir wollen keine Experimente auf dem Rücken von Schülerinnen und Schülern. Wir wollen, dass Schulen, die bereits gute Erfahrungen mit alternativen Lernzeiten gemacht haben, diese Erfahrungen weitergeben können. Wir wollen, dass Schulen innerhalb ihrer pädagogischen Rahmenbedingungen eigene Konzepte entwickeln können. Wir wollen, dass diese Konzepte fachlich begleitet und ausgewertet werden, (Beifall FDP, SSW, Serpil Midyatli [SPD] und Beate Raudies [SPD]) damit wir wissen, was funktioniert und was funktioniert vielleicht nicht so gut. Das ist für mich verantwortungsvolle Bildungspolitik. Denn wir stehen vor großen Herausforderungen. Die PISA-Ergebnisse zeigen, dass wir mit den Leistungen unserer Schülerinnen und Schüler nicht zufrieden sein können. Es geht darum, Lernen besser zu organisieren und Schule an die Realität des Jahres 2026 anzupassen. Wir sollten hinschauen, Erfahrungen nutzen, gute Modelle unterstützen und daraus gemeinsam lernen. Unsere Schulen brauchen dafür nicht weniger Verantwortung, sondern mehr Vertrauen und mehr Gestaltungsspielraum. Lassen wir uns diesen Weg gemeinsam gehen – für eine Schule, die Leistung erwartet, Kinder aber nicht unnötig belastet, für eine Schule, die digitale Entwicklungen wie KI nicht ignoriert, sondern pädagogisch klug mit ihnen umgeht, und für eine Schule, in der Lernzeit dort stattfindet, wo das Kindern tatsächlich am meisten bringt. Deshalb bitte ich Sie um die Zustimmung für unseren Antrag. – Vielen Dank. (Beifall FDP, SPD und SSW – Unruhe)

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