Anne Riecke
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Die PISA-Ergebnisse sind da, und was passiert? Es folgen Kommissionen, Ankündigungen, Pressemitteilungen, Maßnahmen und hier in Schleswig-Holstein Selbstlob, Relativierung und Schuldzuweisung. Dann wird es irgendwann wieder still werden. Nur für die Kinder wird es nicht still. Zur mangelnden Bildungsaspiration sage ich ganz ehrlich: Ich schäme mich dafür, dass Politiker_innen so etwas als Erstes sagen. (Beifall FDP, SPD und SSW) Dass eine Bundesbildungsministerin in dieser Situation überhaupt auf die Idee kommt, Familien mangelndes Interesse an der Bildung ihrer Kinder vorzuwerfen, ist für mich schlichtweg unbegreiflich. Denn diese Eltern sitzen doch eigentlich nicht untätig am Küchentisch herum und sagen: Bildung interessiert mich nicht, und was mein Kind macht, interessiert mich nicht. Wir wissen, dass Eltern in dieser Zeit häufig versuchen, alles gleichzeitig zu schaffen. Vielleicht ist, was wir als mangelndes Interesse interpretieren, manchmal schlichtweg Resignation vor einem System, das kompliziert und undurchsichtig ist. Es ist die Resignation vor einem System, in dem Förderung oft erst kommt, wenn Probleme über Jahre erst einmal nur dokumentiert, Gutachten über Kinder erstellt und Zuständigkeiten geklärt werden. Bis Hilfe kommt, hat das Kind oft längst wertvolle Lernzeit verloren. (Beifall FDP, SPD und SSW) Wir wissen es doch: Kinder starten nicht mit den selben Voraussetzungen ins Schulleben. Das eine Kind hat Bücher zu Hause, Eltern mit Zeit und Bildungswissen und vielleicht Nachhilfe, und das andere hat all das eben nicht. PISA zeigt, dass zwischen Kindern aus armen und wohlhabenden Familien mittlerweile inzwischen ungefähr vier Schuljahre liegen – vier Schuljahre. Das ist kein individuelles Problem, das ist ein strukturelles Problem. (Beifall FDP, SPD und SSW) Jetzt schauen wir einmal nach Schleswig-Holstein: Der aktuelle Bildungsmonitor zeigt, dass wir von Platz 8 auf Platz 9 zurückgefallen sind, aber ich höre hier heute nur Selbstlob: Wir machen doch so viel. – Ja, das stimmt: Sie machen Programme, Strategien, Modellprojekte, Pressemitteilungen, Pressekonferenzen. Wenn man Pressemitteilungen und Konferenzen in Bildungserfolg umrechnen könnte, wären wir vermutlich längst PISA-Weltmeister. Frau Prien war acht Jahre Bildungsministerin hier im Land, und Frau Dr. Stenke war die Staatssekretärin und ist heute Ministerin. Der Wechsel wurde als Stabilität und Kontinuität verkauft. Ich sage: Das war kein Versprechen, das war eine Warnung. (Beifall FDP, vereinzelt SPD und SSW) Denn wenn Kontinuität bedeutet, dieselben Probleme mit denselben Rezepten weiter zu bearbeiten, dann brauchen wir keine Kontinuität. Wir brauchen einen Kurswechsel. (Beifall FDP, SSW und vereinzelt SPD) Wir wollen, dass Menschen mehr arbeiten. Gleichzeitig erwarten wir, dass diese Familien einen Teil unseres Bildungssystems übernehmen. Das passt nicht zusammen, und es ist nicht gerecht. Bildung darf nicht davon abhängig sein, was am heimischen Küchentisch möglich ist. Ein Kind kann sich nicht aussuchen, in welche Familie es geboren wird. (Beifall FDP und Sybilla Nitsch [SSW]) (Anne Riecke) Aber wir als Politik können entscheiden, wie viel diese Herkunft über seine Zukunft bestimmt.
