landtag.ltsh.de ↗

Jette Waldinger-Thiering

SSW 16.09.2026 Sitzungen 20/126

Verehrte Landtagspräsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Wieder einmal bekommen wir es durch die PISA-Studie schwarz auf weiß vorgelegt: Unser Bildungssystem funktioniert nicht gut. – Jetzt kann man anfangen zu rechtfertigen, dass auch in vielen anderen Ländern die Ergebnisse schlechter geworden sind und man sich in vielen Ländern Europas, sogar in Skandinavien, fragt: Was ist hier passiert? Wo haben wir verpasst gegenzusteuern? – Viele machen es sich jetzt leicht und sagen: „Die sozialen Medien sind schuld an allem, und die Bildungskrise ist eigentlich eine Erziehungskrise“, und schieben somit die Verantwortung auf die Eltern. Aber so einfach ist es nicht; denn nicht nur der Familienalltag hat sich geändert, sondern der Alltag der gesamten Gesellschaft hat sich, unter anderem durch Digitalisierung und die digitale Medien, geändert und auch neu entwickelt. Digitale Medien und besonders die sozialen Medien sind aus unserem Alltag beruflich und privat nicht mehr wegzudenken. Jetzt kommt es darauf an, dass wir es schaffen, einen gesunden Umgang damit zu entwickeln. Unsere Kinder und Jugendlichen müssen einen gesunden Umgang mit digitalen Medien erlernen, um ihnen angemessene gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. Natürlich haben Eltern hier eine Vorbildfunktion, und Verhaltensweisen werden zu Hause erlernt, aber der Umgang mit Medien muss auch Teil der Schulbildung sein. Vor allem müssen klare Rahmenbedingungen und Regeln geschaffen werden, damit Eltern überhaupt wissen, was sie ihren Kindern vorleben sollen. Früher saßen Kinder auch unangeschnallt mit rauchenden Eltern im Auto, und keiner hat sich dabei etwas gedacht. Die kritische Auseinandersetzung der Gesellschaft mit digitalen Medien, wie den sozialen Medien und KI, hat gerade erst begonnen und muss auch in der Schule weitergeführt werden. Die PISA-Studie und alle anderen Bildungserhebungen zeigen, dass unsere Definition und strukturelle Umsetzung von Bildung nicht mehr zeitgemäß sind. Wir brauchen eine neue Haltung zur Bildung. Sie passt nicht mehr zu den gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit. Aber jetzt im Detail: Bildung beginnt nicht erst in der Schule; das hat auch unsere Bundesbildungsministerin verstanden. Bildung beginnt mit der Lernentwicklung ab der Geburt. Es ist nicht damit getan, dass man Eltern und Familien damit allein lässt. Um die gesellschaftliche Schere bei der Chan- (Jette Waldinger-Thiering) cengleichheit gar nicht erst auseinandergehen zu lassen, müssen bedarfsgerechte Beratung und Bildungsangebote der Frühen Hilfen sowie qualifizierte Plätze für Krippenbetreuung zur Verfügung stehen. (Beifall SSW und Anne Riecke [FDP]) Die Kita ist heute nicht mehr ein bisschen Betreuung am Vormittag, damit die Mutter mal in Ruhe den Haushalt oder den Einkauf machen kann. Nein, die Kita ist notwendig, damit die Eltern den nötigen Lebensunterhalt verdienen können. Selten reicht hier ein Alleinverdiener aus, wie es vor 20 oder 30 Jahren noch war. Viele Eltern können sich nicht einmal mehr leisten, in Teilzeit zu arbeiten, obwohl sie Kinder betreuen. Heute sind die Familien abhängig davon, dass das System Kita funktioniert. (Beifall SSW, SPD und FDP) Wenn die Kita dann aber nur eine Betreuungsfunktion übernehmen kann, weil die Ressourcen für Bildungsförderung fehlen, zeigt sich das Dilemma der heterogenen Entwicklung im Vorschulalter, das jetzt mit dem Sprachtest behoben werden soll. Die Kinder kommen nicht nur mit sehr heterogenen Voraussetzungen zur Einschulung, sondern teilweise sogar mit fehlender Schulreife. Deshalb muss der Fokus noch stärker auf die Übergänge gelegt werden. Kita und Schule müssen eng verknüpft werden. (Beifall SSW, SPD und FDP) Nach vier Jahren Grundschulzeit wird dann bereits in Gemeinschaftsschule ohne Oberstufe, mit Oberstufe oder Gymnasium separiert. Dabei haben sich einige Kinder gerade erst in das System Schule eingelebt, und vielleicht konnten bei Bedarf bereits individuelle Förderstrukturen aufgebaut werden. Durch die Trennung der Schülerinnen und Schüler nach der 4. Klasse haben wir in Deutschland einen massiven Nachteil, was Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit betrifft. Wenn wir daran festhalten, wird die gesellschaftliche Schere noch weiter auseinandergehen. Zusammengefasst heißt das, dass wir die Eltern in der frühkindlichen Entwicklung bedarfsgerecht begleiten müssen. Kita muss als Bildungs- und Fördereinrichtung anerkannt und ausgestattet werden. Die Übergänge von der Kita zur Schule und in die verschiedenen Schulformen bis hin zur beruflichen Bildung müssen fließend und durchlässig sein. Kita-Fachkräfte und Lehrkräfte brauchen eine gute pädagogische und fachliche Ausbildung und müssen angemessen bezahlt werden. Es gibt über 300 Maßnahmen der Länder und zahlreiche Maßnahmen vom Bund, die der Chancenungleichheit entgegenwirken sollen. Diese verdampfen im System wie auf einem heißen Stein, solange wir nicht grundsätzliche Strukturen ändern. Schule muss ein sicherer Lernort sein. Wir brauchen eine gute Schulkultur. Schule ist nämlich nicht nur ein Lernort, sondern ein Lebensort für Kinder und Jugendliche. Deshalb darf Schule nicht mehr überfrachtet werden. Schule braucht Zeit und Raum, um guten Unterricht zu bieten. Es braucht Kontinuität in der Struktur und stabile Beziehungen sowie gute, verlässliche Lehrkräfte, die ihre Klasse und die Bedürfnisse ihrer Schüler kennen, statt Unverbindlichkeit durch wechselnde Vertretungslehrkräfte und Unterrichtsausfall. Am Beispiel Estland kann man sehen, dass Unterrichtsinhalte reduziert werden müssen. Dafür muss man den Fokus intensiv auf bestimmte Kernkompetenzen legen. So bekommen Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler die Chance, sich in Themen zu vertiefen. Außerdem müssen die Klassengrößen reduziert werden. Viele Probleme entstehen nämlich erst durch viel zu große Klassen und Anonymität in den Klassen. Doppelbesetzungen müssen konsequent belegt werden. Das hat man auch in Skandinavien erkannt. Verwaltungsaufgaben für Lehrkräfte und pädagogisches Personal müssen auf ein Minimum reduziert werden. Lernmittel müssen zur freien Verfügung stehen. (Beifall SSW, SPD und FDP) Das sind nur einige Punkte, die für eine gute Schulkultur wichtig sind, damit unsere Kinder und Jugendlichen unabhängig von ihrer Herkunft einen erfolgreichen Bildungsweg gehen können. Für einen chancengleichen Bildungsweg müssen wir unsere Haltung zur Bildung ändern. Bildung muss einen neuen Fokus bekommen. Ein gutes Bildungssystem ist für die Gesellschaft genauso wichtig wie eine stabile Wirtschaft und funktionierende Infrastruktur. Finanzierung und Förderung müssen in der Bildung auf gleicher Höhe priorisiert sein. Bildung ist und bleibt die tragende Säule der Gesellschaft. Nur eine gut gebildete Generation kann mit Resilienz, mit Vertrauen in ihre Kompetenzen und mit Kreativität ihre Lebenswelt und Gesellschaftsstrukturen prägen und weiterentwickeln. Ich hätte mir von dem Fraktionsvorsitzenden der CDU-Landtagsfraktion wirklich gewünscht – ich kann verstehen, wenn man als regierungstragende Fraktion seine eigene Regierung nicht kritisieren will; ich habe sie auch nicht kritisiert, aber –: Wir (Jette Waldinger-Thiering) müssen uns ehrlich machen. Wir müssen uns ehrlich machen, damit wir alle Kinder mitkriegen, die in die Schule gehen, sodass sie eine gute Bildung kriegen, damit sie mindestens ihren ESA machen können. Wenn Bildung eine andere Bedeutung hat, können wir uns nicht immer nur darauf fokussieren zu sagen: In der Klasse meines Sohnes oder meiner Tochter sind nur vier deutschsprachige Kinder. – Nein, das geht andersherum: Wie erlernen diese Kinder die deutsche Sprache? Wie können wir die Eltern mitnehmen, sodass sie die deutsche Sprache lernen? – Da sind ganz viele Einsparrunden bei Deutschkursen und so weiter gewesen. Welche Funktionen haben die Grundbildungszentren? – Sie sollen den Eltern genau dabei helfen, die deutsche Sprache zu lernen. Das ist doch der Ausgangspunkt. Wir müssen endlich sehen, dass wir all unsere Kinder mitkriegen, denn sie sind alle wichtig. Die Ergebnisse von PISA sind immer wieder erschreckend, und wir tun nicht genug, damit es besser wird. (Beifall SSW, SPD und FDP)

Alle Reden von Jette Waldinger-Thiering Protokoll ↗