landtag.ltsh.de ↗

Anne Riecke

FDP 07.05.2026 Sitzungen 20/118

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wir sprechen über das Lehrkräftebildungsgesetz. So viel mit Bildung von Lehrkräften hat das gar nicht zu tun, muss ich leider sagen, denn es geht hier um einen Direkteinstieg an Grundschulen. Das habe ich bis jetzt immer noch nicht so wirklich verstanden. Also, sie können einen Bachelor oder einen Master und eine zweijährige Berufserfahrung haben und können dann ohne irgendeine andere Qualifikation in den Schuldienst gehen, weil man sie dort braucht. Das stimmt. (Martin Habersaat [SPD]: Ja!) – Gut. Also, der Gesetzentwurf sieht vor, die neuen Einstiegsmöglichkeiten, Direkteinstieg an Grundschulen und Direkteinstieg an Gemeinschaftsschulen, zu schaffen. Grundlage soll ein geeigneter Bachelorabschluss oder, wie gesagt, ein Fachhochschul-Diplom sein. Die Betroffenen sollen laut Entwurf dann berufsbegleitend qualifiziert werden. Ausgangspunkt dieses Gesetzentwurfs ist klar: Schleswig-Holstein hat ein erhebliches Problem bei der Lehrkräftegewinnung. Wir sehen nicht nur einen generellen Fachkräftemangel, sondern auch eine sehr unterschiedliche regionale Verteilung und eine Unwucht bei der Fächerkombination. Die Folgen davon erleben wir gerade täglich an Schulen. Der Unterrichtsausfall ist weiterhin auf einem ganz hohen Niveau und nimmt teilweise besorgniserregende Züge an. Das betrifft mittlerweile nicht nur Mangelfächer, sondern zunehmend auch andere Fächer an Grund- und Gemeinschaftsschulen. Das gefährdet den Bildungserfolg vieler Schülerinnen und Schüler. Deshalb ist es nachvollziehbar, dass über (Anne Riecke) zusätzliche Wege in den Schuldienst gesprochen wird und auch gesprochen werden muss. Aber gerade weil die Lage ernst ist, dürfen wir nicht den Fehler machen, wegen des Wunsches nach einer kurzfristigen Personalgewinnung möglicherweise dauerhaft irgendwelche schlechten Strukturen zu schaffen, die sich hier dann manifestieren. Bei allen Maßnahmen müssen wir immer im Hinterkopf haben, dass wir verpflichtet sind, gut ausgebildete Fachkräfte in unseren Klassen unterrichten zu lassen. Das sind wir, finde ich, unseren Kindern schuldig. (Beifall FDP und SSW) Wer künftig vor einer Grundschulklasse steht, wer Kinder beim Lesen, Schreiben, Rechnen und Lernen begleitet, wer in einer Gemeinschaftsschule sehr heterogene Klassen und Lerngruppen unterrichtet, der braucht nicht nur Fachwissen. Das ist mir in dieser ganzen Diskussion leider ein bisschen zu kurz gekommen. Wir müssen nämlich über Pädagogik, über Didaktik und über diagnostische Kompetenzen sprechen, die wir in diesem Bereich brauchen. Das gerät völlig in den Hintergrund, und das stört mich bei dieser ganzen Sache maximal. (Beifall FDP und SSW) Alle haben hier schon so ein paar Geschichten geschildert. Auch ich kenne ausgebildete Lehrkräfte, die immer wieder irgendwelche befristeten Verträge erhalten. Die haben wir in Schleswig-Holstein ausgebildet. Das hat auch meine Kleine Anfrage ergeben. Nicht alle Referendare erhalten ein Angebot an Schulen in Schleswig-Holstein. Da haben wir Geld investiert. Die sind didaktisch, pädagogisch und fachwissenschaftlich richtig ausgebildet. Und deswegen halte ich es für sinnvoll, eher diese Leute einzustellen, weil sie sich mit den Kindern auskennen. (Beifall FDP, SSW und vereinzelt SPD) Wie oft musste ich fachfremd unterrichten? Englisch, Mathe. Bei Sport habe ich mich geweigert. (Martin Balasus [CDU]: Das hättest du auch gekonnt!) – Das überlasse ich dann Ihnen, Herr Balasus, mit hopp, hopp, hopp. (Martin Balasus [CDU]: Nicht so viel Mimimi!) – Nicht so viel Mimimi, ja. – Gut. Aber tatsächlich brauchen wir das. Und ich glaube, es ist fachwissenschaftlich nicht das Problem für ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer, vielleicht in der fünften oder sechsten Klasse Biologie oder Naturwissenschaften oder so zu unterrichten. Ich denke, das kriegen alle Lehrer hin. Das Wichtige ist, hier tatsächlich den Weg zu den Kindern, die Didaktik und die Pädagogik im Vordergrund zu haben. Das ist doch das, was unsere Lehrkräfte hier in SchleswigHolstein ausmacht. (Beifall FDP und SSW) Diese Kompetenzen entstehen nämlich nicht nebenbei. Sie müssen systematisch aufgebaut, begleitet und überprüft werden. Wenn wir noch einmal auf die Kleine Anfrage eingehen, die ich zu den Referendaren gestellt habe, so ist festzustellen, dass nicht die Zahl der Referendare in Schleswig-Holstein rückläufig ist, sondern die Situation bezüglich der Einstellungszahlen der Referendare unglücklich ist. Vielleicht muss man den Lehrkräften und den Referendaren in Schleswig-Holstein auch einmal gute Angebote machen, ein richtiges Angebot vorlegen, statt nur Zeitverträge und Übergangslösungen zu schaffen. In der Anhörung wurde deutlich, dass es in diesem Punkt Fragen zu diesem Gesetzentwurf gibt. Die GEW hat darauf hingewiesen, dass mit einem neuen Lehramt Direkteinstieg Personen mit unterschiedlichen Qualifikationen und unterschiedlicher Bezahlung im Kollegium dieselbe Arbeit verrichten würden. Und das ist das, was man nicht einfach so wegstecken kann. Was sollen sie denn machen? Wir wollen sie doch einstellen, damit sie unterrichten. Wir wollen sie doch nicht als Hilfslehrer, die irgendwie nebenbei auf der Heizung sitzen. (Heiterkeit Sybilla Nitsch [SSW]) – Ja, ist doch so. – Sie sieht die Gefahr einer Deprofessionalisierung des Lehramts und kritisiert, dass es keinen ausreichenden Wege zu einer späteren Gleichbehandlung dieser Leute gibt. Auch der Deutsche Verein zur Förderung der Lehrerinnen- und Lehrerfortbildung hat in seiner Stellungnahme klare Qualitätsstandards und begleitende Strukturen angemahnt. Interessant ist auch – das hat der Kollege Habersaat schon gesagt, und das kann ich einfach nicht verstehen –, dass die Allianz für Lehrkräftebildung, die eigentlich dafür da ist, Lehrkräfte zu gewinnen, daran nicht beteiligt war. Gerade wenn kurzfristig zusätzliche Kräfte gewonnen werden sollen, muss verhindert werden, dass daraus Wege abgesenkter Qualifikationen entstehen, die sich, einmal etabliert, dauerhaft sicherlich verfestigen. (Anne Riecke) Lehrkräftefortbildung und berufsbegleitende Maßnahmen müssen deshalb klug organisiert werden. Wir sagen nicht, dass es keine zusätzlichen Wege geben darf, überhaupt nicht. Wir sagen aber: Neue Möglichkeiten des Direkteinstiegs dürfen nur befristet unter Einbeziehung der lehramtsausbildenden Hochschulen und gekoppelt an eine verbindliche Berufseingangsphase geschaffen werden. Denn das, was dort im Klassenraum passiert, kann man nicht mehr zurücknehmen, und das dürfen wir nicht zulassen. (Beifall FDP, SSW und vereinzelt SPD) Das Beispiel Hamburg ist die Antwort auf Herrn Krüger. Hamburg macht das beispielsweise mit seinen Lehrkräften, die diesen Direkteinstieg haben. Aber dort hat man in den ersten Berufsjahren Praxisgruppen. Dort hat man Workshops und Coachings. Dort bietet man insofern Unterstützung und Beratung an. Die werden nicht einfach in den Klassenraum gesetzt. Das wäre auch in Schleswig-Holstein sinnvoll. Wer neu an eine Schule kommt, braucht Zeit, Anleitung und Austausch, und das weiß man. Warum hören denn so viele Referendare auf und sagen: „Dieser Job ist nichts für mich“? Sie fühlen sich überfordert in vielen Situationen in diesen Klassen. Dann kann ich doch keinen Fachfremden dort hineinbringen. Das gilt sowieso generell für den Lehrerberuf und nicht nur für den Seiten‑, den Direkt- oder den Quereinstieg. Das übergeordnete Ziel sollte immer die volle Lehramtsbefähigung bleiben, damit der Fachkräftemangel an den Schulen spürbar beseitigt werden kann und es keine Zweiklassengesellschaft im Lehrerzimmer gibt. An dieser Stelle sollte der Gesetzentwurf unserer Meinung nach definitiv nachgebessert werden. Vielleicht spricht man ja trotzdem einmal darüber? Im Bereich der Sonderpädagogik wurde das in der Vergangenheit schon mehrfach abgewendet, es ist unser Antrag gewesen. Wenn man einen Direkteinstieg, einen Quereinstieg und einen Seiteneinstieg macht, warum spricht man dann nicht endlich über das duale Studium? Das könnte man doch hier an dieser Stelle endlich einmal etablieren. (Beifall FDP und SSW) Allgemein: Eine dauerhafte Einteilung des Kollegiums in Lehrkräfte und – wie gesagt – Basislehrkräfte wäre weder im Sinne der Unterrichtsqualität noch im Sinne unserer Kinder in Schleswig-Holstein. – Vielen Dank. (Beifall FDP und SSW)

Alle Reden von Anne Riecke Protokoll ↗