Birte Pauls
Frau Präsidentin! Verehrte Kolleginnen und Kollegen! Unser Land feiert in diesem Jahr seinen 80- (Birte Pauls) jährigen Geburtstag, und das ist ein Grund zur Freude. Es ist aber gleichzeitig auch Verpflichtung, unsere Geschichte zu betrachten, sie zu verstehen und dafür Sorge zu tragen, dass sie nicht vergessen wird und vor allem, dass sich die dunkelsten Kapitel nicht wiederholen. (Beifall ganzes Haus) Der Landtag hat dankenswerterweise auf Initiative der SPD den einstimmigen Beschluss gefasst, die Verfolgung und Vertreibung von deutschen Sinti und Roma im Nationalsozialismus und die Nachwirkungen im Rahmen eines Forschungsprojektes untersuchen zu lassen. Die Forschungsstelle für Regionale Zeitgeschichte und Public History der Europa-Universität Flensburg hat den Auftrag durchgeführt. Am 13. Januar 2026 hat der Beirat die Studie entgegengenommen. Ich möchte mich ganz herzlich bei Professor Dr. Marc Buggeln, Dr. Sebastian Lotto-Kusche und Melanie Richter-Oertel für den von ihnen vorgelegten Bericht bedanken. Uns ist bewusst, dass die Sichtung der Akten, hinter denen sich – von der Akte zur Person – immer das Schicksal einzelner Menschen verbirgt, eine äußerst belastende Tätigkeit gewesen ist. Deshalb danken wir allen Mitwirkenden von ganzem Herzen. (Beifall) Gleichzeitig bedanke ich mich auch bei den Mitgliedern des Begleitgremiums, dem Landesverband der Deutschen Sinti und Roma, der Sinti-Union, meinen Landtagskolleginnen und -kollegen und der Verwaltung für die ausgesprochen konstruktive Zusammenarbeit. – Vielen Dank dafür. Ich versuche gar nicht erst, in fünf Minuten Redezeit die gesamte Studie von 541 Seiten zur Aufarbeitung der Geschichte der deutschen Sinti und Roma in Schleswig-Holstein darzustellen, aber lassen Sie mich aus den Interviews zitieren – mit Erlaubnis der Präsidentin –: „Als ich dahin komme, ist mein Onkel nicht da und seine Frau auch nicht. Aber die SS ist da, bringt eine Frau um, die Mutter, und ein Kind und noch ein Mädchen. Die Bilder seh‘ ich vor mir, immer! Sie hatte einen langen Pferdeschwanz und klammerte sich an dem SS-Mann fest. Aber der hat die dann gepackt. (…) Ich konnte nicht mehr laufen. Ich war steif. Ich guckte nur so. (…) Ich dachte: ‚Jetzt bist Du auch dran!‘ Der [SS-Mann] hat das Mädchen gepackt, am Pferdeschwanz, und so weg gehalten und: Kopfschuss! (…) Ich habe gedacht: ‚Jetzt bist Du dran!‘ Die haben mich aber in Ruhe gelassen, die sind vorbei gegangen. Da habe ich noch eine zeitlang da gestanden, habe geheult. (…) Meine Damen und Herren, ist es nicht verständlich, dass der Genozid in den Familien der deutschen Sinti und Roma angesichts von bis heute stattfindenden auch struktureller Benachteiligungen und Rassismuserfahrungen immer noch präsent ist, dass tradierte Ängste auf Enkel und Urenkel übertragen werden? Die Täter der NS-Zeit haben oftmals in den Amtsstuben eine Nachkriegskarriere begonnen. Opfer standen plötzlich vor ihren Tätern, um eine Entschädigung einzuklagen. Es ist kaum vorstellbar, aber so war es. Es ist verständlich, dass sich das Gefühl der Benachteiligung fortpflanzt. Ein Gefühl, das wir nicht negieren dürfen, sondern in allen Bereichen des Lebens sehr ernst nehmen müssen. Vor allen Dingen auch, weil es bis heute nicht allein ein Gefühl, sondern eine Realität im Alltag vieler ist. (Beifall ganzes Haus) Deshalb ist die Wissensvermittlung extrem wichtig und im Rahmen der Demokratiebildung unerlässlich. Wir haben vereinbart, dass die Studie nicht nur eine Drucksache bleibt, sondern dass sie in einer Form publiziert wird, in der damit zum Beispiel an Schulen und Bildungseinrichtungen gearbeitet werden kann. Angesichts steigender Zahlen gemeldeter antiziganistischer Vorfälle ist das eine politische Verpflichtung. (Beifall ganzes Haus) Zwar hat der Beirat das Projekt formal abgeschlossen, aber die Studie benennt weitere deutliche Erkenntnislücken. Viele Hintergründe und Zusammenhänge sind noch nicht erforscht, zum Beispiel die Geschichte der Verfolgung der Sinti und Roma, die aus Ostpreußen nach Schleswig-Holstein gekommen sind, oder die Situation in einzelnen Städten wie Kiel und Neumünster. Hier sind weitere Tätergruppen in den Blick zu nehmen. Auch die Erkenntnisse über die Deportationen nach Auschwitz sind nicht vollständig. Viele Schicksale sind weiterhin ungeklärt. Wir als Landtag haben den Rahmen der Studie vorgegeben. Wir sollten hier jetzt keinen Schlussstrich ziehen, sondern uns in Verbeugung vor den vielen Opfern der vielen zerrissenen Familien und der Tatsache, dass Antiziganismus auch in Schleswig-Holstein nach wie vor erschreckend aktuell ist, sehr (Birte Pauls) intensiv weiter mit unserer Geschichte befassen. – Ich danke Ihnen. (Beifall ganzes Haus)
