Jasper Balke
Vielen Dank, Frau Präsidentin! Ich muss auch zugestehen, dass mich beim Lesen des Berichts tatsächlich manche Zahlen und Daten echt mitgenommen haben, insbesondere vor dem Hintergrund – das hat die Kollegin Annabell Krämer schon erwähnt –, dass Magersucht die psychische Erkrankung mit der höchsten Sterberate ist. Das ist nun mal die Realität hinter dem Wort Magersucht. Wenn zusätzlich noch andere Erkrankungen dazukommen, dann steigt das Risiko massiv an, gerade bei jungen Betroffenen. Ich empfehle wirklich jedem, der sich für dieses Thema interessiert, einmal den Bericht zu lesen, weil der wirklich sehr umfassend und lang ist und viele Daten und Zahlen liefert. Ich möchte mich bei der Landesregierung, insbesondere dem Gesundheitsministerium, einmal für den ausführlichen Bericht bedanken. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, CDU, FDP und SSW) Selbst dort, wo Menschen die Erkrankung überstehen, verlieren sie Jahre an Gesundheit, an Lebensqualität, an Teilhabe. Essstörungen greifen Körper und Psyche gleichzeitig an. Der Bericht beschreibt die körperlichen Folgen, die Angst- und Depressionssymptome sowie weitere Belastungen. Dass das auch volkswirtschaftlich nicht klein ist, zeigen die Zahlen ebenfalls. 2023 lagen die Krankheitskosten für Essstörungen in Deutschland bei 515 Millionen Euro, allein bei den 15- bis 30-Jährigen bei 276 Millionen Euro. Nicht zuletzt deshalb sind Prävention, Aufklärung, Entstigmatisierung und Offenheit über dieses Thema eben so wichtig. Und Schleswig-Holstein? – Ja, Essstörungen sind in der Statistik ein kleiner Teil am gesamten Versorgungsgeschehen. Aber genau das ist Teil des Problems. Sie sind selten genug, um oft durch das Raster zu fallen, aber schwer genug, um Leben zu zerstören. Ich wiederhole jetzt nicht die Zahlen, die meine Vorrednerinnen schon genannt haben, aber es fällt tatsächlich auf, dass wir sowohl im stationären wie ambulanten Bereich überdurchschnittlich viele Fälle in Schleswig-Holstein haben. Wir haben allein im stationären Sektor 16,3 Fälle pro 100.000 Einwohnenden, und damit liegt Schleswig-Holstein tatsächlich über dem Durchschnitt in Deutschland. Dazu kommt: Essstörungen kommen eben selten allein. In Deutschland leiden 61,8 Prozent der Betroffenen zusätzlich an Depressionen. Häufig sind darunter Angst- und Zwangsspektrumsstörungen. Das heißt, wer Essstörungen behandelt, behandelt fast immer ein ganzes Bündel psychischer Erkrankungen mit. Wir reden in diesem Haus zu Recht oft über affektive Störungen, also gefühlsbezogene Erkrankungen, und andere wie Suchterkrankungen. Aber Essstörungen kommen dabei oft zu kurz – vielleicht auch, weil sie sich so leicht missverstehen lassen als Essen‑, als Disziplin‑, als Körperthema. Es ist längst medizinisch völlig evident, und der Bericht stellt klar, es geht nicht um Ernährung, sondern um ein krankhaftes Verhältnis zu Körper, Kontrolle, Selbstwert, Emotion, also um psychische Gesundheit im Kern. Genau deshalb müssen wir sie auch so behandeln: ernst, frühzeitig, entstigmatisierend und mit Versorgungsketten, die eben funktionieren. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, FDP, SSW, vereinzelt CDU und SPD) Doch gerade bei Essstörungen spielen besondere Faktoren eine größere Rolle, auf die meine Vorrednerinnen auch schon eingegangen sind: Social Media, Leistungsdruck in Schule und Beruf, Körperbilder, gesellschaftlicher Druck. Der Bericht beschreibt, wie sich Risikofaktoren verändert haben: idealisierte Körperbilder, Filter, permanentes Bodychecking, Bodyshaming, Cybermobbing. Weiterhin kursieren auf Social Media Inhalte, die Essstörungen verharmlosen oder als Lebensstil verkaufen. Doch das ist keine harmlose Trendbubble, das ist gefährlich. Die Exposition beginnt früh. Laut Bericht bewegen sich bis zu 72 Prozent der Kinder von 6 bis 13 Jahren im Internet und nutzen Social-Media-Apps, teils vor dem festgelegten Mindestalter. In Schleswig-Holstein überschritten in einer landesgeförderten Studie 62,8 Prozent der Kinder und Jugendlichen die empfohlenen täglichen Bildschirmzeiten. Besonders deutlich wird es, wenn man sich die DAK-Studie dazu anschaut. Jugendliche, die täglich mehr als drei Stunden in sozialen Netzwerken verbringen, zeigen doppelt so häufig Symptome eines auffälligen Essverhaltens wie Jugendliche mit geringerer Nutzung. Deshalb geht es hier auch um Verantwortung, gesellschaftlich und politisch. (Beifall Lukas Kilian [CDU], Rixa Kleinschmit [CDU] und Uta Röpcke [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]) Dazu gehört, dass wir auch in Schulen und Jugendhilfe verlässlich stärker präventiv arbeiten: Medienkompetenz, Resilienz gegenüber Leistungs- (Jasper Balke) druck, Körperbild, Selbstwert und psychische Gesundheit. Wir brauchen niedrigschwellige Beratung und schnelle Zugänge, und wir müssen Versorgungswege so strukturieren, dass Betroffene eben nicht Monate warten, auch wenn die Versorgung sichergestellt ist bei 120 Prozent im Raum Lübeck, obwohl es Wartezeiten von sechs bis neun Monaten gibt, bis aus einem Verdacht eben eine Behandlung wird. Der Bericht betont selbst, dass Verfügbarkeit und Wartezeiten entscheidend sind. Zuletzt müssen wir als Gesellschaft endlich aufhören, gerade jungen Menschen zu vermitteln, ihr Wert hänge von ihrem Spiegelbild oder ihrer Leistung ab. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SPD, FDP und vereinzelt CDU) Ideale Körperbilder sind nicht immer Motivation, sondern für viele ein Trigger. Sie treffen besonders Mädchen in einer Lebensphase, in der Identität und Selbstwert ohnehin verletzlich sind. Meine Bitte – dann komme ich auch zum Schluss – an uns alle ist daher: Nehmen wir Essstörungen genauso ernst, wie sie sind, lebensgefährlich, hochkomplex, oft unsichtbar und vermeidbar verschlimmert durch digitalen und gesellschaftlichen Druck, den gerade Kinder und Jugendliche nicht allein ausgleichen können. – Ich danke für die Aufmerksamkeit. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SPD, FDP, vereinzelt CDU und Beifall Dr. Michael Schunck [SSW])
