Anne Riecke
Sehr geehrter Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Wenn wir heute über die Einführung einer systematischen Arbeitszeiterfassung für Lehrkräfte sprechen, dann tun wir das, weil wir schlicht nicht belastbar wissen, wie viele Stunden unsere Lehrkräfte eigentlich an unseren Schulen arbeiten. Dabei ist klar, dass die Aufgabenbilder und Anforderungen an die Lehrkräfte heute andere sind als vor 20 oder vor zehn Jahren. Aktuell wissen wir nur, dass es erhebliche Unterschiede zwischen Schularten, Fächern und individuellen Aufgabenprofilen gibt. Wir wissen auch, dass Klassenleitung, Inklusion, Elternkommunikation und Schulentwicklung Zeit kosten und Zeit brauchen. Wir erfassen diese Zeiten aber systematisch einfach nicht – das ist im Jahr 2026 nicht mehr zeitgemäß –, obwohl das letztlich seit 2022 rechtlich verankert und gefordert ist. (Beifall FDP und Jette Waldinger-Thiering [SSW]) Wenn wir über Verbesserungen beim Lehrerberuf reden wollen, dann brauchen wir erst einmal eine verlässliche und belastbare Bestandsaufnahme, was Lehrer eigentlich tun. Eine Arbeitszeiterfassung schafft dabei Transparenz, die es im aktuellen System so einfach nicht gibt. Derzeit wird die Arbeitszeit von Lehrkräften im Wesentlichen über das Pflichtstundenmodell abgebildet. Doch Unterricht ist eben nur ein Teil dieser Arbeit. Korrekturen, Vorbereitung, Konferenzen, Elterngespräche, Fortbildungen und Schulentwicklung sind unverzichtbare Bestandteile dieses Berufs, und wenn wir diese Aufgaben ernst nehmen, müssen (Anne Riecke) wir sie sichtbar machen. Mit einer Arbeitszeiterfassung kann dies geschehen. (Beifall SPD, SSW und Annabell Krämer [FDP]) Klar ist bisher nur, dass Lehrkräften im aktuellen Schulalltag einfach viel zu wenig Zeit für echten Unterricht bleibt. Viel zu viel Zeit wird aufgewendet für Aufgaben, die nicht zum originären Lehrerberuf gehören. Aber auch die Anzahl an Konferenzen und Abstimmungen hat über die Jahre immer weiter zugenommen. Auch die heterogene Schülerschaft, die in den letzten zehn Jahren deutlich zugenommen hat, fordert immer mehr Einsatz und Ressourcen. Mit dem Versuch einer transparenten Zeiterfassung können wir also vor allem zwei Dinge erreichen. Dass wir herausfinden, wofür die Lehrkräfte ihre Zeit eigentlich aufwenden. Nur so können wir zum Beispiel erkennen, wo es bei Verwaltungsaufgaben, bei Dokumentationspflichten, bei Schulkonferenzen klar Entlastung braucht. (Beifall Annabell Krämer [FDP] und Sybilla Nitsch [SSW] – Annabell Krämer [FDP]: So ist es!) Zum anderen würde eine Zeiterfassung die Grundlage bilden können, um endlich ordentlich über Lehrergesundheit zu sprechen. (Beifall FDP, SPD und SSW) Wir könnten feststellen, wo eine Überarbeitung droht, wo die Belastung vielleicht zu hoch ist, und an welchen Stellen sich die Arbeit eventuell verdichtet. Gerade in Zeiten des Lehrkräftemangels sind solche Entwicklungen doppelt problematisch. Wenn wir junge Menschen für den Lehrerberuf gewinnen wollen, müssen wir ehrlich sagen können, was sie erwartet. Wer Transparenz schafft, erhöht die Attraktivität des Berufes. Wer hingegen an intransparenten Strukturen festhält, sendet das Signal, dass man vielleicht lieber nicht so genau hinschaut. Wenn wir junge Menschen für den Lehrerberuf begeistern wollen, dann sollten wir ein Berufsbild schaffen, bei dem nicht über die Hälfte der dort arbeitenden Menschen frühzeitig in den Ruhestand gehen beziehungsweise gehen müssen, weil sie nämlich nicht mehr können. Es sollte bei einer Arbeitszeiterfassung auch nicht darum gehen, dass wir mit starren Modellen arbeiten, die haarklein vorschreiben, wann genau und wie genau gearbeitet werden soll. Im Schulbetrieb wird es nie ohne eine gewisse Flexibilität gehen. Diese sollten wir in jedem Fall erhalten, und es sollte möglich sein, punktuell mehr arbeiten zu können. (Beifall FDP und SSW) Was wir verhindern müssen, ist eine dauerhafte strukturelle Überlastung, die zu Krankheit, Dienstunfähigkeit und Frühpensionierung führt, weil das Pensum in der heutigen Form mit den heutigen Aufgaben teilweise einfach nicht mehr in Schule zu bewältigen ist. Eine Arbeitszeiterfassung sollte also der Auftakt sein, die übrigens von allen Lehrerverbänden gefordert wird, die grundlegende Aufgabenverteilung und ihren Zeitaufwand bei den Lehrkräften zu erfassen und in einem zweiten Schritt zu analysieren und zu überdenken. Die Aufgaben, die Lehrkräfte haben sollten, sollten sich immer zuerst daran orientieren, dass guter Unterricht geleistet werden kann. Da müssen wir wieder hinkommen. – Vielen Dank. (Beifall FDP, SPD und SSW)
