Jasper Balke
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! (Unruhe – Heiterkeit – Dr. Heiner Garg [FDP]: Nur Kerle!) – Ja, ich bin jetzt der dritte Mann, der zu diesem Thema spricht. Ich möchte mich zunächst einmal ganz herzlich bei den Oppositionsfraktionen bedanken, dass das wirklich geklappt hat mit diesem interfraktionellen Antrag. Man sieht, wenn es in der Sache Einigkeit gibt, dann stehen wir in SchleswigHolstein zusammen. (Beifall ganzes Haus) Das ist gerade für die Hebammenverbände und auch ihre Position in der aktuellen Debatte ein wirklich wichtiges Signal. Das ist ein guter Weg, den wir hier eingeschlagen haben. Geburtshilfe ist nämlich keine Randnotiz der Gesundheitspolitik. Sie ist das Fundament für den Lebensstart eines jeden Menschen und eine tragende Säule für gesundheitliche Chancengerechtigkeit. Die Hebammen sind dabei das Rückgrat, ob fest (Jasper Balke) angestellt, selbstständig oder als Beleghebamme. Sie betreuen werdende Eltern während Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett und leisten nicht nur medizinische, sondern auch emotionale und präventive Arbeit. In Deutschland wurden 2024 knapp 677.000 Kinder geboren. Jede dieser Familien hat ein Anrecht auf eine qualifizierte Begleitung. Seit dem 1. November 2025 gilt der neue Hebammenhilfevertrag. Es wurde dazu gerade viel erzählt. Es sollten eigentlich Anreize geschaffen werden für eine bessere Eins-zu-eins-Betreuung. Während des Schiedsverfahrens wurde allerdings festgelegt, dass bei paralleler Betreuung einer zweiten oder dritten Gebärenden – das ist aktuell nun einmal Alltag der Hebammen – lediglich 30 Prozent der Leistungen vergütet werden. Eine Blitzumfrage des Deutschen Krankenhausinstituts ergab, dass 81 Prozent der geburtshilflichen Abteilungen mit Beleghebammen befürchten, dass diese wegen der neuen Vergütung aufgeben oder ihre Tätigkeit deutlich einschränken. Fast 40 Prozent der befragten Krankenhäuser rechnen damit, dass sie ihre Geburtshilfe komplett schließen müssen. Beleghebammen betreuen heute etwa 20 Prozent der rund 668.000 Entbindungen in deutschen Krankenhäusern. In Bayern sind es knapp 80 Prozent, weswegen der Bayerische Landtag bereits eine ähnlich lautende Resolution verabschiedet hat. Der Ministerpräsident ist gerade nicht da. Wir müssen ihm sagen, dass er sich da gemeinsam mit Bayern auf Bundesebene dafür einsetzen muss und die gleichlautende politische Entscheidung dann gerne in den entsprechenden Gremien mittragen darf. (Jette Waldinger-Thiering [SSW]: Oha!) Die Hebammenstudie 2025 der opta data Zukunftsstiftung aus Essen weist auf ein weiteres Warnsignal hin: 83,15 Prozent der mehr als 800 Befragten üben ihren Beruf gerne aus, aber 68 Prozent beklagen eine unzureichende Vergütung und über 50 Prozent zu viel Bürokratie. 43 Prozent denken über einen Berufswechsel nach. Seien wir mal ehrlich: Wir haben es im Sozialausschuss auch einmal ganz haptisch nachvollziehen dürfen, wie irre es eigentlich ist, was die Hebammen in ihrer täglichen Arbeit für Bürokratievorgaben haben. Es wurden uns Zettel ausgeteilt, in denen tatsächlich, wie bei einer Hebamme während einer Geburt oder bei parallelen Geburten, alle fünf Minuten eingetragen werden sollte, was passiert, was wann geschieht, um das dann am Ende für die Abrechnung bei den Krankenkassen einzureichen. Das ist absolut irre gewesen. Wir alle waren nicht dazu in der Lage, das einmal während der Sozialausschusssitzung hinzubekommen. (Beifall SPD, FDP, SSW und vereinzelt BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Wenn ich mir vorstelle, dass die Hebammen das tagtäglich hinbekommen, dann habe ich davor schon einen sehr großen Respekt. Ja, natürlich braucht es Dokumentation im Gesundheitswesen, und es braucht auch eine Nachvollziehbarkeit dessen, was nun abrechnungsfähig ist und was nicht. Aber wir können es uns in Zeiten begrenzter Personalressourcen einfach nicht leisten, hervorragend ausgebildetes Personal mit so viel Bürokratie- und Dokumentationsaufwand zu belasten. Geburtshilfe ist gleichzeitig ein Schlüsselbereich der Prävention und Gesundheitsförderung. Die Cochrane-Analyse von Sandall et al. zeigt, dass Modelle der kontinuierlichen geburtshilflichen Betreuung zu mehr spontanen vaginalen Geburten, weniger Kaiserschnitten und positiveren Geburtserfahrungen führen. Durch die vertrauensvolle Begleitung können Angst- und Depressionssymptome in Schwangerschaft und Wochenbett reduziert werden. In Deutschland entwickeln schätzungsweise 10 bis 20 Prozent der Frauen nach der Geburt eine postpartale Depression – ein Thema, das aus meiner Sicht viel zu wenig beachtet wird. Die DGPM, die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie, weist darauf hin, dass es tatsächlich jede fünfte Mutter – also in Deutschland knapp 135.000 Frauen pro Jahr – betrifft, die psychische Probleme infolge einer Geburt hat. Frühzeitige Unterstützung durch Hebammen hilft dabei, diese Belastungen zu erkennen, Betroffene an Fachstellen zu vermitteln und mit der notwendigen Prise Menschlichkeit zu unterstützen. Deswegen ist es auch ganz richtig, dass seit 2015 Familien einen Anspruch auf Hebammenhilfe von bis zu zwölf Wochen haben. Liebe Frau Präsidentin, ich komme zum Schluss. Jede nicht notwendige oder nicht gewünschte Kaiserschnittoperation weniger, jede verhinderte postpartale Depression und jede in der Geburtshilfe praktizierende Hebamme ist ein Gewinn für unsere Gesellschaft. Dieses Zeichen sollten wir heute setzen. – Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. (Beifall ganzes Haus)
