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Jette Waldinger-Thiering

SSW 11.12.2025 Sitzungen 20/106

Sehr geehrte Landtagspräsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Das Thema Neurodiversität oder Neurodivergenzen beschäftigt uns als Gesellschaft seit ein paar Jahren immer mehr. Ich bin der Meinung: Das ist eine gute Entwicklung. Es ist gut, wenn wir uns mehr über die Vielfalt menschlicher Gehirne bewusst werden und die damit verbundenen Unterschiede in der Wahrnehmung und dementsprechend im Denken und Verhalten. Das ist besonders wichtig, weil noch immer viele Eltern mit dem Gedanken Schwierigkeiten haben, ihre Kinder könnten eine Form von Diagnose erhalten. Dabei ist der ganze Komplex um Neurodiversität davon geprägt, Unterschiede in der kognitiven Gehirnfunktion als natürliche Unterschiede anzuerkennen und nicht als Störung oder gar Krankheit. Wir als SSW sehen es als sehr zielführend an, dass neurologische Unterschiede immer weniger als Defizite betrachtet werden, sondern vielmehr als einfach vorhanden, einfach da. Es geht für uns darum, unterschiedliche Arten zu denken und die Welt wahrzunehmen, die von uns gesellschaftlich als anders wahrgenommen werden, weil sie nicht der Norm entsprechen. Dann sind wir an dem Punkt angelangt, an dem wir uns irgendwann fragen müssen: Was ist denn eigentlich die Norm? Das bleibt in diesem Rahmen aber erst einmal eine Frage der Wissenschaft. Für uns, die wir in der Politik tätig sind, ist es vor allem wichtig, darauf zu gucken, welche Schlüsse wir für die Bereiche, für die wir zuständig sind, aus den uns bereits vorliegenden Erkenntnissen ziehen. Diesbezüglich ist die Bildungspolitik völlig richtig die erste Anlaufstelle. Hier passiert bereits eine ganze Menge, aber vor allem aus Sicht Betroffener nicht genug. Deshalb kann auch ich die Schlussfolgerung der Landesregierung in ihrem entsprechenden Bericht, es bestünde aktuell kein Handlungsbedarf, nicht nachvollziehen. Ich würde mich freuen – das ist hier auch schon mehrfach gesagt worden –, dass wir das Thema im Ausschuss weiter behandeln. (Beifall SSW, SPD und FDP) Im Falle einer Ausschussberatung würde ich gerne noch einmal auf das Thema Kita eingehen. Wenn wir ein flächendeckendes Screening einführen wollen, sollten wir aus meiner Sicht ganz genau hier beginnen. Wir müssen endlich Kita als generell frühkindliche Bildung, die sie ist, mitdenken. Wenn perspektivisch die flächendeckenden Viereinhalbjährigen-Untersuchungen eingeführt werden sollen, bietet es sich vielleicht an, hierbei schon an frühzeitige Diagnose- und Förderprozesse für neurodivergente Kinder zu denken. Neurodivergente Schülerinnen und Schüler sind weit davon entfernt, per se nicht mit den fachlichen Inhalten in den Schulen zurechtzukommen – im Gegenteil: Einige von ihnen sind eher unterfordert. Wohl aber kann es bedeutsame Herausforderungen im Sozialverhalten geben. Wenn die Probleme dort so groß sind, dass die betroffenen Kinder und Jugendlichen nicht mehr gern zur Schule gehen, gegebenenfalls zu Schulverweigerern werden, ist der Leistungsabfall fast schon vorprogrammiert. Ein Punkt, der für mich noch offenbleibt, ist der Punkt Arbeitsmarktintegration, weil er anspricht, was im Zweifel nach der Schulzeit passiert – nicht nur in der Arbeit, sondern einfach im Leben einer erwachsenen Person. Im Supermarkt, in sozialen Zusammenhängen, auf Veranstaltungen: Neurodivergente Menschen leben in einer Gesellschaft, die vor allem auf ein neurotypisches Erleben ausgelegt ist. Und überall treffen sie auf gesellschaftliche Erwartungen. Das wird für viele Menschen immer eine Herausforderung bleiben. Insgesamt würde ich sagen: Wir als SSW sehen den Handlungsbedarf. Maßnahmen im Sinne neurodivergenter Schülerinnen und Schüler sind Maßnahmen, die allen zugutekommen: mehr Lehrkräfte, (Jette Waldinger-Thiering) mehr multiprofessionelle Teams, kleinere Klassen oder Lerngruppen. Es muss uns doch möglichst um die Betrachtung jedes einzelnen Kindes gehen. Da können wir im Land noch ein paar große Schritte vorankommen. – Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. (Beifall SSW, SPD und FDP)

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