Anne Riecke
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die Frage zu diesem Antrag lautet doch grundsätzlich: Wie können wir Kinder mit unterschiedlichen Lernvoraussetzungen so unterstützen, dass sie gute Chancen in unserem Bildungssystem haben? Wie können wir Chancengerechtigkeit herstellen? (Beifall FDP, SPD und SSW) Dass Lernen für Kinder mit besonderen Bedarfen erleichtert werden muss, steht für uns außer Frage. Aber über das Wie – wie wir dieses Ziel erreichen – müssen wir heute sehr sorgfältig sprechen. Es beginnt zunächst mit dem unklaren Begriff Lerntherapeut, der in diesem Antrag genannt wird. Was genau ist ein Lerntherapeut? Dieser Begriff ist weder geschützt noch einheitlich definiert. Zwischen pädagogischer Lernförderung, heilpädagogischer Therapie und klinischer Psychologie liegen Welten – fachlich, rechtlich und in der Qualifikation. Wenn wir solche Berufsbezeichnungen in einem möglichen Landesprogramm integrieren sollen, dann brauchen wir klare Standards, Zuständigkeiten und Qualifikationsprofile; alles andere führt zur Verwirrung bei Eltern, Schulen, aber auch bei Behörden. Das hilft niemandem, und schon gar nicht wird es unseren Kindern helfen. Als Nächstes möchte ich auf das Konzept eines flächendeckenden Screenings eingehen. Diese sollen bereits ab der 1. Klasse stattfinden. Wir halten das in dieser Form für eher nicht überzeugend. Ein verpflichtendes Screening erzeugt den Anschein, als müsse jedes Kind möglichst früh einer Diagnose zugeführt werden. Das ist ein enormer Eingriff – fachlich, organisatorisch, aber auch familiär. Die Realität ist, dass nicht alle Eltern eine solche Untersuchung für ihre Kinder wünschen, und der Elternwille zählt auch hier. Auch wenn es um Förderschwerpunkte in der Schule geht, ist immer der Wille der Eltern einzuholen. Denn nicht alle Kinder profitieren davon, und nicht jede Diagnose ist im frühen Grundschulalter stabil oder sinnvoll. Ein flächendeckendes Screening führt im Ergebnis eher zu Ungleichheiten: Kinder bekommen schon in der 1. Klasse eine Etikette aufgedrückt, mit der sie im Zweifel mehrere Jahre lang zu leben haben. Die Idee eines Screenings ist grundsätzlich nicht falsch; die Ausgestaltung ist jedoch fragwürdig. Wir Freie Demokraten unterstützen das Ziel, Verbesserungen der Lernbedingungen für alle Kinder herbeizuführen, ausdrücklich. Wir unterstützen auch, dass neurodivergente Kinder bessere Strukturen brauchen, dass alle Kinder individuell gefördert werden müssen. (Beifall FDP, CDU, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SSW und vereinzelt SPD) Aber die Vorgehensweise, die die SPD vorschlägt, bleibt an vielen Stellen unscharf. Noch einmal: Wer führt konkret Screenings durch? Welche Qualifikation haben diese Personen? Wie wird Qualität gesichert? Wie werden Eltern beteiligt? Wie lange soll ein solches Screening dauern? Wie soll das alles organisiert werden, während wir auf vielen Ebenen über Fachkräftemangel sprechen? Solange diese Fragen unbeantwortet bleiben, ist der Mehrwert für die Schulen, aber auch für die Kinder hier nicht erkennbar. Was wir wirklich brauchen, sind klare, funktionierende Strukturen im System. Statt neue Begriffe einzuführen und neue Diagnosesysteme aufzusetzen, sollten wir zuerst bestehende Strukturen verbessern. (Beifall FDP) Ich glaube, dass hier das Problem liegt: die Anerkennung von Förderschwerpunkten. Im normalen Regelschulalltag kann es teils bis zu zwei Jahre dauern, bis ein Kind wirklich einen Förderschwerpunkt hat. Das ist für Familien und für die Schülerinnen und Schüler ganz häufig eine enorme Belastung. Es wäre deutlich hilfreicher, die bereits bestehenden Verfahren zu vereinfachen und die Übergänge zwischen Schularten reibungslos zu gestalten. Wir brauchen multiprofessionelle Teams an Schulen, die deutlich gestärkt werden müssen. (Beifall FDP, SSW und Martin Balasus [CDU]) Das ist realistisch, das ist wirksam, und das hilft Kindern unmittelbar. Meine Damen und Herren, Neurodivergenz ist kein Randthema, kein Lifestyle-Begriff und keine Modeformulierung. Es handelt sich um ein hochkomplexes medizinisches, pädagogisches und diagnostisches Feld. Gerade weil Neurodivergenzen so vielschichtig sind, fordern wir eine Ausschussüberweisung in den Bildungsausschuss, um hier mit Expertinnen und Experten aus Medizin, Psychologie und anderen Spezialisierungen zu sprechen. Aber wir fordern auch, dass Schulträger, Elternverbände, Lehrkräfte zu diesem Thema anzuhören sind. (Anne Riecke) Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir – hoffentlich alle Fraktionen, das eint uns – sollten dafür sorgen, dass Kinder mit unterschiedlichen Förderbedarfen frühzeitig gesehen, verstanden, unterstützt und individuell gefördert werden. Aber das gelingt nur mit klaren Konzepten, nachvollziehbaren Abläufen und einem realistischen Blick auf unsere Strukturen.
