landtag.ltsh.de ↗

Birte Pauls

SPD 19.11.2025 Sitzungen 20/102

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Verehrte Kolleginnen und Kollegen! Auch ich habe ein Beispiel mitgebracht: Marie, sie ist 14 Jahre alt. Ihre Mutter leidet nach einer Covidinfektion vor drei Jahren an den typischen Symptomen von ME/CFS. Sie ist schwach, erträgt kein Licht und keinen Lärm und liegt eigentlich nur im abgedunkelten Schlafzimmer. Eine Unterstützung durch einen Pflegedienst gibt es nicht, da die Mutter keinen Pflegegrad zugesprochen bekommen hat. Der Vater hilft seiner Frau morgens, bevor er zur Arbeit gehen muss. Geld ist nicht viel da. Die Mutter ist zwischenzeitlich im Arbeitslosengeld‑I-Bezug und bekommt 67 Prozent vom Teilzeitgehalt einer Friseurin. Hilfe kann also nicht zugekauft werden. Die Verwandtschaft wohnt weit weg, und den Rest regelt Marie. Sie kauft ein, wäscht, macht sauber, kocht und hilft ihrer Mutter, wo sie nur kann. In der Schule haben sich ihre Noten verschlechtert. Sie ist oft unkonzentriert, weil sie sich Sorgen macht und überfordert ist. Freundinnen kann sie nicht mit nach Hause bringen. Das Haus ist sehr hellhörig. Ihr liebstes Hobby, das Reiten, musste sie aufgeben, weil das Geld dafür nicht mehr da ist und sie ansonsten viel zu viele Stunden weg wäre. Neben den ständigen Sorgen um ihre Mutter und den ganzen Aufgaben drehen ihre Hormone frei. Sie ist 14, und damit mitten in der Pubertät und auch damit allein gelassen. Marie habe ich mir ausgedacht, aber diese Geschichte findet unter vielen deutschen Dächern statt. Laut einer Studie der Universität Witten/Herdecke unterstützen oder pflegen circa 480.000 Kinder und Jugendliche deutschlandweit regelmäßig ihre Eltern oder Angehörige mit Erkrankungen, Behinderten oder Süchten. In Schleswig-Holstein leben circa 15.900 Kinder, die zu Hause pflegen und circa 143.400 Kinder mit kranken Angehörigen. Bezogen allein auf meinen Kreis Schleswig-Flensburg sind das circa 1.100 Kinder, die pflegen, und 9.830 Kinder mit erkrankten Angehörigen. Das ist richtig viel und eine erschreckende Zahl, und diese Kinder sind überhaupt nicht im Fokus, weil sie nicht sichtbar sind, denn Young Carers, wie sie genannt werden, reden nicht gerne über ihre Situation, weil sie Angst vor Konsequenzen haben. Deshalb ist die Dunkelziffer wahrscheinlich noch höher. Hinter jeder Zahl steckt ja der Alltag eines Kindes oder eines Jugendlichen, ein Alltag, der gravierende Auswirkungen auf ihre Zukunft haben kann. Leistungsabfall in der Schule, die fehlenden Gemeinsamkeiten mit Gleichaltrigen, fehlende Hobbys und die ständige Sorge um die zu betreuenden Familienangehörigen hinterlassen Spuren in einer Kinderseele und in ihrer Entwicklung. Laut den UN-Kinderrechtskonventionen haben Kinder das Recht auf Schutz, Förderung und Beteiligung. Dazu gehört das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung, Bildung, Gesundheit, Spiel und Freizeit sowie auf den Schutz vor Ausbeutung und Gewalt. Diese Kinderrechte gehören endlich auch ins Grundgesetz, denn wenn es dort steht, fällt es uns vielleicht leichter, entsprechende Schritte einzuleiten. (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, FDP und SSW) Es ist unsere politische Verpflichtung, Kinder und Jugendliche vor Be- und Überlastung zu beschützen und ihnen die individuelle Förderung zu bieten. Es ist wirklich ein gutes Signal, dass wir zu einem fraktionsübergreifenden Antrag gekommen sind. Das hat mich sehr, sehr gefreut. Auch ich bedanke mich beim SSW für den Aufschlag. Wir haben im gemeinsamen Antrag eine Reihe von Vorschlägen unterbreitet, die die Situation von pflegenden Kindern in den Fokus rücken soll, aber auch ganz konkrete Maßnahmen, wie man den Alltag der pflegenden Kinder unterstützen sollte. Wir erwarten als SPD allerdings auch von diesem gemeinsamen Antrag, dass die Landesregierung diese Punkte nicht nur, wie es dort steht, „im Blick hat“, sondern dass sie sie konkret umsetzt, wenn wir das hier so beschließen. (Birte Pauls) (Beifall SPD, SSW und Dr. Heiner Garg [FDP]) Dazu gehören unter anderem die Sensibilisierung im Bildungssystem – statistisch gesehen sitzt in jeder Klasse mindestens ein Schüler mit Pflegeverantwortung –, der Ausbau von Entlastungsangeboten und damit mehr selbstbestimmte Zeit für Kinder und Jugendliche, die Erhöhung der Altersgrenze für den Anspruch auf eine Haushaltshilfe auf 16 statt wie jetzt nur bis auf zwölf Jahre und die Möglichkeit zur Lockerung der Regelstudienzeit oder der Ausbildungszeit. Aber ganz wichtig ist eben auch der Austausch. Deshalb ist es gut, dass es seit Februar dieses Jahres ein regelmäßiges Onlinetreffen für und mit jungen Pflegenden gibt. Noch viel wichtiger ist es natürlich, dass Hilfe da ist, wenn Hilfe benötigt wird, die Familien nicht alleine gelassen werden und die Kinder gar nicht erst in diese Situation kommen müssen. (Beifall SPD, SSW und Dr. Heiner Garg [FDP]) Lassen wir also die Kinder und Jugendlichen nicht alleine mit ihrer riesigen Verantwortung, und machen wir das, wozu wir verpflichtet sind, Kinder und Jugendliche zu schützen. – Ich danke für die Aufmerksamkeit. (Beifall SPD, FDP und SSW)

Alle Reden von Birte Pauls Protokoll ↗