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Jasper Balke

GRÜNE 19.11.2025 Sitzungen 20/102

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wenn wir über Young Carers spre- (Jasper Balke) chen, dann reden wir über junge Menschen, die Angehörige pflegen und dabei oft unsichtbar bleiben. Eine umfangreiche Studie mit mehr als 6.000 Schülerinnen und Schülern in Nordrhein-Westfalen hat gezeigt: 6,1 Prozent der Befragten übernehmen zu Hause regelmäßig Pflege- und Unterstützungsaufgaben für ein erkranktes oder beeinträchtigtes Familienmitglied. Das bedeutet: In fast jeder Klasse sitzt mindestens ein Kind oder ein Jugendlicher, der zusätzlich zur Schule eine Pflegerolle trägt. Für Schleswig-Holstein gibt es bislang keine eigene belastbare Datengrundlage. Wenn man die vorliegenden Prävalenzschätzungen aus Deutschland und anderen europäischen Ländern vorsichtig auf unser Bundesland überträgt, dann muss man davon ausgehen, dass mehrere zehntausende junge Menschen in Schleswig-Holstein davon betroffen sind – circa fünf Prozent aller Kinder und Jugendlichen. Schon das zeigt: Wir reden nicht über Einzelfälle, sondern über eine relevante Gruppe, die wir auch in der öffentlichen Debatte bislang kaum systematisch im Blick hatten. Umso mehr freut es mich: Ich wurde im Vorwege unserer Debatte darauf hingewiesen, dass aktuell an der EUF ein Forschungsprojekt zu genau diesem Thema läuft, nämlich EduCarePaths – Young Carers in Bildungskontexten. Die Studie läuft seit 2023 und endet im Jahr 2027. Ich bin echt gespannt auf die Ergebnisse, die wir uns, so glaube ich, im Sozialausschuss oder hier im Parlament einmal genau anschauen sollten. Doch obwohl manche Ergebnisse noch erhoben werden müssen, so ist es wissenschaftlich völlig evident, dass die psychische Belastung dieser jungen Menschen wirklich enorm und in der internationalen Forschung sehr gut dokumentiert ist. Systematische Übersichtsarbeiten und große Studien zeigen übereinstimmend, dass Young Carers im Durchschnitt deutlich häufiger unter Stresssymptomen, depressiven Verstimmungen und Angststörungen leiden als Gleichaltrige ohne Pflegeverantwortung. Sie leben oft in einer dauerhaften Anspannung, weil sie Verantwortung tragen, medizinische Situationen mitbeurteilen, emotionale Krisen abfangen und dabei gleichzeitig funktionieren sollen – in der Schule, in der Ausbildung, im Freundeskreis. Viele von ihnen sehen das nicht als Pflegearbeit, sondern einfach als Pflicht in der Familie. Genau diese Unsichtbarkeit macht es so schwer, rechtzeitig zu unterstützen. Deshalb ist ein stärkeres gesamtgesellschaftliches Bewusstsein kein einfaches Niceto-have, sondern Grundvoraussetzung für wirksame Hilfe. Wenn Schulen, Ärztinnen und Ärzte, Jugendhilfe, Nachbarschaft und auch wir in der Politik nicht wissen, dass es Young Carers oder Young Adult Carers überhaupt gibt und wie verbreitet sie sind, dann erkennen wir sie auch nicht. Und wer sie nicht erkennt, der kann weder entlasten noch schützen. Über unseren gemeinsamen Antrag freue ich mich wirklich sehr. Vielen Dank noch einmal an den SSW für den Aufschlag und an alle anderen Fraktionen dafür, dass wir das interfraktionell hinbekommen haben. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SSW, vereinzelt CDU, SPD und FDP) Unser Antrag setzt genau an diesen Punkten an. Wir wollen eine valide Bestandsaufnahme auch für Schleswig-Holstein, damit wir Zahlen statt nur Vermutungen haben. Wir wollen das Bildungssystem systematisch einbinden, damit Lehrkräfte und Schulsozialarbeit Belastungssignale frühzeitig wahrnehmen und angemessen reagieren können, und wir wollen dies auf sämtlichen Ebenen, ob in unserem Maßnahmenpaket Pflege, den anstehenden Beratungen zwischen Bund und Ländern, in Arbeitsgruppen oder Fachminister_innen-Konferenzen berücksichtigt sehen. Liebe Kolleginnen und Kollegen, Young Carers machen zugleich ein strukturelles Problem sichtbar: die Überlastung von pflegenden Angehörigen in unserer Gesellschaft insgesamt. In Deutschland wurden im Jahr 2021 rund 84 Prozent der knapp 5 Millionen pflegebedürftigen Menschen zu Hause versorgt – meistens durch Angehörige, teilweise mit Unterstützung ambulanter Dienste. Aktuelle Befragungsdaten zeigen, dass pflegende Angehörige im Durchschnitt etwa 49 Stunden pro Woche mit Pflegeaufgaben verbringen. Das ist mehr als eine zusätzliche Vollzeitstelle mit entsprechenden Folgen für Gesundheit, Erwerbstätigkeit und Familienleben. In diesen Familien tragen Kinder und Jugendliche oft mit, ob jetzt offiziell mitbenannt oder nicht. Deswegen reicht es eben nicht, nur über einzelne Entlastungsangebote zu sprechen. Wir brauchen eine Pflegepolitik, die pflegende Angehörige als zentrale Säule des Systems anerkennt und entsprechend auch unterstützt: (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, FDP und SSW) mit gut erreichbarer Beratung, mit echter Prävention und mit Regeln, die es eben auch ermöglichen, Schule, Ausbildung oder Studium mit Pflegeverantwortung zu vereinbaren. Wenn wir Young Carers (Jasper Balke) in den Blick nehmen, dann schützen wir die psychische Gesundheit junger Menschen, wir sichern Bildungs- und Teilhabechancen, und wir stärken das Pflegesystem insgesamt. Mit diesem Antrag machen wir die Betroffenen sichtbarer, schaffen die Grundlage für gezielte Unterstützung und senden ein klares Signal: Pflegearbeit und Pflege generell – das darf nicht auf dem Rücken der Jüngsten aufgetragen werden. – Ich danke für die Beratung und für die Aufmerksamkeit. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, CDU, FDP und SSW)

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