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Christian Dirschauer

SSW 19.11.2025 Sitzungen 20/102

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich will niemandem die Fähigkeit zur Empathie absprechen. (Zurufe) – Vielleicht sollte ich da noch mal drüber nachdenken? – Nein, meine Damen und Herren. Ich fürchte aber, dass doch tatsächlich kaum jemand in dieser Runde wirklich weiß, was es bedeutet, ein Young Carer zu sein. Ich für meinen Teil kann zumindest nur versuchen, mich in die Situation von jungen Menschen mit Pflegeverantwortung hineinzuversetzen. Ich kann nur vermuten, wie fordernd es sein muss, täglich den Spagat zwischen Schule, Ausbildung oder Studium und eben der Pflege eines Angehörigen zu leben. Ich mag mir kaum vorstellen, wie es für Young Carer sein muss, wenn nicht nur der Pflegebedarf ihrer Angehörigen steigt, sondern gleichzeitig vielleicht auch noch der Druck in der Ausbildung oder bei der Arbeit. (Christian Dirschauer) Wir vom SSW haben bekanntlich mehrfach Anträge mit dem Ziel gestellt, die Situation der großen, aber eben leisen Gruppe pflegender Angehöriger zu verbessern. Von vermeintlich kleinen Forderungen nach flexibleren Hilfen im Haushalt bis zum dicken Brett einer echten Lohnersatzleistung haben wir hier alles bewegt. Gleichzeitig ist mir völlig klar, dass das Land bei Fragen der Unterstützung pflegender Angehöriger selten die alleinige Verantwortung trägt und nicht immer unmittelbar handeln kann. Aber wenn wir einmal eine nüchterne Bilanz ziehen, dann stellen wir fest, wir sind bei vielen Dingen noch nicht so wirklich ins Handeln gekommen. Wir müssen dazu noch erkennen, dass es innerhalb der sehr heterogenen Gruppe der pflegenden Angehörigen Menschen gibt, die mitunter völlig unter dem Radar sind und besonders dringend unsere Unterstützung brauchen. Wie Sie sicher wissen, hat letzte Woche die Woche der pflegenden Angehörigen hier im Land stattgefunden. Es gab vielfältige Veranstaltungen an den unterschiedlichsten Orten hier im Land, und viele Betroffene haben diese Chance zur Vernetzung genutzt und sich über aktuelle Themen informiert. Nicht zuletzt, weil diese Aktion dazu beiträgt, dass pflegende Angehörige sichtbarer werden und die Gesellschaft für ihre Belange sensibilisiert wird, ist ein solches Format so wertvoll. Es ist gut und richtig, dass das Land diese Aktion fördert. Ich will der Selbst- und der Interessenvertretung „wir pflegen!“, dem Kompetenzzentrum Demenz, der AOK und dem Forum Pflegegesellschaft ausdrücklich für die Organisation dieser Woche danken. (Beifall ganzes Haus) Ich muss aber gleichzeitig sagen, dass pflegende Angehörige insgesamt deutlich mehr Aufmerksamkeit, Wertschätzung und eine echte Unterstützung in ihrem Alltag brauchen – und zwar nicht nur eine Woche, sondern 365 Tage im Jahr. (Beifall SSW, SPD und Martin Balasus [CDU]) Wer sich mit der Situation junger Menschen mit Pflegeverantwortung beschäftigt, wird schnell merken, dass die Strukturen zur gezielten und nachhaltigen Unterstützung durchaus ausbaufähig sind. Es fängt schon damit an, dass sich viele Young Carer gar nicht ihrer Rolle bewusst sind. Auch mit Blick auf junge pflegende Angehörige ist das gesellschaftliche Bewusstsein insgesamt leider noch unterentwickelt. Deshalb werden viele auch nicht durch ihr Umfeld ermutigt, sich Unterstützung zu organisieren oder anderweitig für sich selbst zu sorgen. Natürlich profitieren sie sozusagen mit, wenn es durch Kurzzeitpflege oder ambulante Hilfen Entlastung gibt. Aber unter 18-Jährige sind in vielerlei Hinsicht schon alleine dadurch benachteiligt, dass sie zum Beispiel überhaupt keine Anträge auf Leistungen oder Maßnahmen stellen können. Neben solchen strukturellen Hürden und der dringenden Notwendigkeit, stärker für die Belange von Young Carern zu sensibilisieren, braucht es noch einiges mehr. Wir müssen zum Beispiel dafür sorgen, dass junge Menschen mit Pflegeverantwortung in ihrer Lebenswelt, in Schule oder Uni überhaupt gesehen und verstanden werden, meine Damen und Herren. Angebote zu ihrer Unterstützung müssen genau hier nicht nur bekannt gemacht, sondern auch angedockt werden. Noch dazu brauchen wir dringend Schutz- und Präventionskonzepte, die diese Gruppe vor Überforderung schützen. Gerade weil junge pflegende Angehörige oft bis weit in die Überforderung hinein für ihre Familienmitglieder da sind, müssen wir eine verbesserte psychologische Betreuung und emotionale Begleitung für diese Gruppe organisieren. (Beifall SSW, vereinzelt BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SPD und FDP) Das alles gibt es nicht zum Nulltarif, aber wir sehen längst, dass auch junge pflegende Angehörige durch ihre Dauerbelastung und häufige Überlastung selbst erkranken. Es ist Fakt, dass die Aufgabe, Angehörige zu pflegen, im Zweifel nicht nur arm, sondern noch dazu auch krank machen kann. Aus meiner Sicht dürfen wir einen solchen Zustand nicht billigend in Kauf nehmen. Ich halte es für unsere Pflicht, für bedarfsgerechte und passgenaue Unterstützungs‑, Beratungs- und eben Entlastungsangebote für pflegende Angehörige zu sorgen. (Beifall SSW, SPD, vereinzelt BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN und Beifall Dr. Heiner Garg [FDP]) Meine Damen und Herren, ich freue mich, dass wir mit unserem gemeinsamen Antrag hier heute nicht nur ein wichtiges Signal setzen, sondern uns hoffentlich gemeinsam wirklich auf den Weg machen. – Ganz herzlichen Dank. (Beifall SSW, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SPD, FDP und vereinzelt CDU)

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