Christian Dirschauer
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Für den Fall, dass vielleicht nicht alle Anwesenden die Eckdaten des Berichts vor Augen haben oder sich im Detail intensiver mit der Situation kinderreicher Familien befassen konnten, gebe ich kurz eine Erläuterung: Als kinderreich oder eben Mehrkindfamilien gelten Familien, in denen drei oder mehr zum Teil minderjährige Kinder leben. Das findet man zwar immer seltener, trifft aber tatsächlich noch für jede sechste Familie bei uns hier in Schleswig-Holstein zu. Die regionale Verteilung dieser Familien ist relativ ausgewogen. Laut dem vom SSW geforderten Bericht ist aber deutlich zu erkennen, dass Mehrkindfamilien – ich zitiere aus dem Bericht – „stets in einem höheren Grade als Familien mit einem oder zwei Kindern auf laufende staatliche Geldleistungen angewiesen sind.“ Obwohl ich aus persönlicher Erfahrung – der Kollege Garg zeigt gerade schon auf mich – sagen kann, dass es sehr erfüllend und schön ist, mehrere Kinder zu haben – ich habe drei –, kann diese familiäre Konstellation durchaus mit Herausforderungen verbunden sein. Das wissen alle. (Heiterkeit Dr. Heiner Garg [FDP]) Deswegen, meine Damen und Herren, Hand aufs Herz: Trotz so mancher Ankündigung, das familienfreundlichste Bundesland sein zu wollen, müssen wir nüchtern feststellen, dass auch Schleswig-Holstein nicht den allerbesten Rahmen für Familien bietet. Das ist doch leider Fakt. (Christian Dirschauer) (Beifall Birte Pauls [SPD] und Sophia Schiebe [SPD] – Birte Pauls [SPD]: Ja! Genau!) Leider gilt das in besonderem Maße für Familien mit drei oder mehr Kindern. In konkreten Zahlen gesagt, beziehen mit 23 Prozent mehr als doppelt so viele dieser Familien Grundsicherung als jene mit nur einem oder zwei minderjährigen Kindern. Dazu lässt sich klar belegen, dass ihr Pro-Kopf-Einkommen mit jedem weiteren Kind sinkt. Die Ministerin hat es vorgerechnet: Während Einkindfamilien im Jahr 2023 ein Durchschnittseinkommen von 2.124 Euro pro Person zur Verfügung stand, lag dieses bei Familien mit drei oder mehr Kindern bei nur noch 1.488 Euro. Loblieder auf Familien als unverzichtbare Grundpfeiler unserer Gesellschaft sind also das eine. Aber zur Wahrheit gehört auch, dass Kinder nach wie vor ein Armutsrisiko bedeuten. Das ist zwar keine wirklich neue, aber eine auf jeden Fall sehr traurige Erkenntnis, die wir bestätigt bekommen haben. Viele kinderreiche Familien sind aber nicht nur in finanziellen Fragen benachteiligt. Der Bericht macht deutlich, dass sie in ihrem Alltag oft auf gesellschaftliche Vorurteile und durch einen verengten Fokus auf Ein- und Zweikindfamilien auf handfeste Barrieren stoßen, zum Beispiel im Wohnungsbau oder auch bei Urlaubsangeboten. Versuchen Sie einmal, mit drei Kindern Urlaub zu buchen, das ist gar nicht so einfach. (Dr. Heiner Garg [FDP]: Ja!) Auch bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie am Arbeitsmarkt oder bei Fragen der Mobilität haben Kinderreiche oft das Nachsehen. Dabei sollte einem klar sein, dass wir hier über eine sehr heterogene Gruppe sprechen. So zählen zum Beispiel auch viele Patchworkfamilien dazu. Es ist klar belegt, dass fast drei Viertel der kinderreichen Frauen der Jahrgänge 1965 bis 1969 einen mittleren oder hohen Bildungsabschluss haben und ihre Familien damit eben gerade nicht pauschal bildungsfernen Schichten zugerechnet werden können. Trotzdem sind sie ökonomisch herausgefordert. Diese genannten Herausforderungen für Kinderreiche sind nicht neu. Ich danke der Landesregierung ausdrücklich für den Bericht: herzlichen Dank dafür und auch für die Zusage, kinderreiche Familien im Blick zu haben. Der erste Schritt ist getan, sie werden in die Sozialberichterstattung aufgenommen. Laut Sozialministerium ist es offenbar notwendig – wir als SSW fühlen uns bestätigt –, auf die benannten Probleme zu fokussieren und im weiteren Verlauf transparent und planvoll vorzugehen. In der Theorie können kinderreiche Familien also vielleicht hoffnungsvoll in die Zukunft schauen. Auf der praktischen Ebene sieht das allerdings dann doch anders aus. Denn hier werden gedeckelte Kitabeiträge, Geschwisterermäßigungen oder feine, aber leider dann doch recht überschaubare Fördermaßnahmen im Bereich der Ferien- und Freizeitangebote als Unterstützungsmaßnahmen aufgezählt, von denen naturgemäß auch Kinderreiche profitieren. Eine aber noch gezieltere Politik und konkrete Maßnahmen, die genau die Gruppe der Mehrkindfamilien adressieren, sähe dann doch anders aus. Da sind in der Tat alle staatlichen Ebenen, auch wir als Land, gefordert. Gerade mit Blick auf die wichtige Aufgabe der Armutsvermeidung reicht es nicht, auf gesetzliche und systemische Änderungsbedarfe auf Bundesebene zu verweisen. Die Zahl armer oder von Armut bedrohter Kinder stagniert auch hier bei uns seit Jahren auf einem viel zu hohen Niveau. Viele dieser Kinder haben zwei oder mehr Geschwister. Wir reden nicht über Sonderfälle oder Randphänomene. Fast jedes vierte Kind wächst mit zwei oder mehr Geschwistern auf. Gleichzeitig werden diese Familien bislang nicht ausreichend in der entsprechenden Förder- und Familienpolitik berücksichtigt, explizit auch nicht auf Landesebene. Aus Sicht des SSW muss sich das dringend ändern, meine Damen und Herren. Egal ob in der frühkindlichen Bildung oder beim Ganztag, im Wohnungsbau oder bei Fragen der Mobilität: Überall sollte die Perspektive kinderreicher Familien mitgedacht werden und vor allem in konkrete Maßnahmen zu ihrer Unterstützung münden. Für mich und meine Fraktion kann ich zumindest sagen: Das werden wir uns genau angucken. Genau dafür werden wir uns einsetzen. Ich freue mich auf die weiteren Beratungen hierzu im Sozialausschuss. – Danke schön. (Beifall SSW)
