Anne Riecke
Sehr geehrter Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Mit unserem gemeinsamen Antrag verfolgen wir ein ganz klares Ziel, und zwar Lernstandserhebungen flächendeckend einzuführen, um Lernrückstände frühzeitig zu erkennen und sie gezielt zu schließen. Denn die Ergebnisse des letzten Bildungsrankings sind nicht nur alarmierend, sie spiegeln außerdem wider, dass wir als Gesellschaft hier in der Verantwortung stehen, unsere Kinder und deren Zukunft nicht im Stich zu lassen. (Beifall FDP und Jette Waldinger-Thiering [SSW]) Es ist also an der Zeit oder eher längst überfällig, dass wir Herausforderungen in unserem Bildungssystem nicht nur erkennen, sondern sie auch aktiv angehen. Wir wissen sehr wohl, dass es in Schleswig-Holstein bereits VERA 3 und VERA 8 sowie bundesweit etablierte Vergleichsarbeiten gibt. Seit diesem Schuljahr gibt es mit LeA.SH auch bei uns ein Instrument, das die Lernausgangslage in den Jahrgängen 1 und 5 erfassen soll. Das ist richtig, und das ist auch sehr wichtig, aber wir finden, es reicht nicht. Warum? – Weil diese (Anne Riecke) Instrumente hier nur punktuell ansetzen. Sie sind nicht systemisch miteinander verzahnt, sie schaffen keine durchgehende Linie über die gesamte Schullaufbahn hinweg. (Beifall FDP, Christopher Vogt [FDP] und Jette Waldinger-Thiering [SSW]) Wir fordern konkret, dass wir hier etwa ein landesweites Verfahren nach dem Hamburger Modell KERMIT – nicht Kermit der Frosch; der nicht – einführen. (Christopher Vogt [FDP]: Schade! – Weitere Zurufe) Gut. Das bedeutet jährlich standardisierte Lernstandserhebungen, digital gestützt und wissenschaftlich fundiert, verbindliche Mindeststandards, deren Erreichung regelmäßig überprüft wird, transparente Rückmeldungen an Schulen, Lehrkräfte und Eltern, damit Lernrückstände nicht erst im Abschlusszeugnis auffallen. Außerdem bedeutet das verpflichtende Fördermaßnahmen, wenn Defizite erkennbar sind, begleitet durch Fortbildung der Lehrkräfte und durch gezielte Unterstützung für die Schulen und die Lehrerinnen und Lehrer vor Ort. Damit erreichen wir, dass Lernrückstände nicht verwaltet, sondern gezielt abgebaut werden. Die Ergebnisse dieser Lernstandserhebungen sollen nicht einfach in irgendeiner Schublade abgelegt werden, sondern Transparenz schaffen und Eltern sowie Schülerinnen und Schüler klare Rückmeldungen zu ihrem Lernstand geben, damit unsere Kinder gezielt Unterstützung erhalten, um ihre Potenziale zu entfalten. Warum ist das notwendig? – Corona hat Lernlücken vergrößert. Studien zeigen, dass Kinder mit ohnehin schwächerem Hintergrund besonders betroffen sind. Wenn wir diesen Kindern jetzt nicht helfen, verfestigen sich diese Bildungsungerechtigkeiten. Standardisierte Erhebungen sind deshalb kein Selbstzweck, sie sind ein Frühwarnsystem. (Beifall FDP, vereinzelt SPD und Beifall Jette Waldinger-Thiering [SSW]) Wenn wir regelmäßig und verbindlich messen, können wir nämlich zielgerichteter fördern. Alles andere bleibt sonst nur ein Stückwerk. Ein Blick nach Hamburg zeigt, dass dort dieses System seit Jahren funktioniert und Lernlücken viel besser aufgearbeitet werden konnten. Mit KERMIT gibt es dort ein Verfahren, das wissenschaftlich begleitet ist, digital abläuft und konkrete Rückmeldungen liefert. Wenn Hamburg das kann, denke ich, dann kann Schleswig-Holstein das sicherlich auch. (Beifall FDP und Jette Waldinger-Thiering [SSW]) Es ist schlichtweg auch ein Gebot der Fairness gegenüber unseren Schülerinnen und Schülern, dass auch hier niemand durch das Raster fällt. Meine Damen und Herren, wir wollen keine Prüfungsbürokratie, wir wollen auch keine zusätzliche Belastung ohne einen Mehrwert, und Testen bedeutet nicht immer, dass man nur Schwächen erkennt, man kann auch Stärken erkennen. Wir wollen das nicht als Gängelung sehen. (Beifall FDP und SSW) Was wir wollen, ist ein kluges System, das Lernerfolg sichtbar und Förderung möglich macht. Unser Antrag, finde ich, setzt genau hier an. Deshalb bitte ich um Zustimmung für mehr Transparenz, für mehr Verbindlichkeit in diesem Bereich und für mehr Bildungsgerechtigkeit in Schleswig-Holstein. – Vielen Dank. (Beifall FDP, SPD und SSW)
