Christian Dirschauer
Kære fru formand! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Jetzt wird es teilweise wieder ein wenig gemütlicher, und wir sind näher beieinander, hätte ich fast gesagt. (Heiterkeit SSW und FDP) Zunächst möchte ich sagen: Mich freut es, dass wir hier heute über barrierefreien Tourismus sprechen. (Beifall CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Ganz ehrlich: Das ist wichtig, dass wir das tun. Der vorliegende Antrag der regierungstragenden Fraktionen benennt viele richtige Gedanken und Ansätze. Wir als SSW begrüßen diese Ansätze ausdrücklich, denn barrierefreier Tourismus ist keine Nische, ganz im Gegenteil, er ist eine Chance. Barrierefreiheit ist für zehn Prozent der Bevölkerung in Deutschland unentbehrlich, für 40 Prozent hilfreich und für 100 Prozent komfortabel. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Barrierefreier Tourismus ist somit ein Gebot der Inklusion, indem er Gleichberechtigung, Gleichberücksichtigung und Teilhabe am Tourismus für alle Menschen mit sich bringt. Barrierefreier Tourismus ist ein Wachstumsfeld; auch das ist klar. Das Potenzial ist auch bei uns im Land noch lange nicht ausgeschöpft. Aber, und da ist es dann vielleicht doch nicht so versöhnlich, ich muss gleichwohl in dem Antrag feststellen, dass er in der Tat – der Kollege Hölck und die Kollegin Krämer haben es dargestellt – mal wieder nur Prüfaufträge enthält und somit nicht mehr als eine, ja, vielleicht wohlgesinnte Absichtserklärung ist. Um bei diesem Thema etwas bewegen zu können – das haben die Kolleginnen und Kollegen der Opposition schon gesagt –, müssen wir etwas voranbringen. Das tun wir nur, wenn wir vom Prüfen ins Handeln kommen, liebe Kolleginnen und Kollegen. (Beifall SSW und SPD) Deshalb brauchen wir keine weitere Untersuchung der ökonomischen Bedeutung; wir kennen sie längst. Menschen mit Behinderung, ältere Menschen, beispielsweise mit Rollator, Familien mit Kinderwagen – ich kann mich noch gut an einen Urlaub mit Säugling und einem Kleinkind auf Usedom erinnern; da hätte ich mir gewünscht, dass man da schon weiter gewesen wäre. Alle profitieren von diesen barrierefreien Angeboten. (Zuruf) – Genau, Usedom ist nicht Schleswig-Holstein. Ich wollte auf andere und nicht auf uns zeigen. – Seien es gut zugängliche Wege oder übersichtliche Informationen: davon profitieren tatsächlich alle, meine Damen und Herren. Alle genannten Gruppen wollen Urlaub auch bei uns im Land zwischen den Meeren machen. Wer ausgiebig mitbedacht wurde und trotz verschiedener individueller Bedürfnisse oder Einschränkungen viele Angebote vorfindet, fühlt sich wohl und möchte gerne wiederkommen. Das ist also eine echte Win-win-Situation für alle. Ein Beispiel gefällig? Natürlich habe ich eines mitgebracht. In Eckernförde gibt es barrierefreie Strandkörbe und Strandrollis, und es wurde ein Stadtführer für die Zugänglichkeit erstellt. Das ist ein echtes Aushängeschild, das als Vorbild für weitere Strandabschnitte an Nord- und Ostsee dienen kann. Das Binnenland und die Städte haben selbstredend ähnliche, aber auch anderweitige Anforderungen an Barrierefreiheit sowie Chancen für tolle Angebote für alle. In diesem Zusammenhang hat uns der erste gelistete Stichpunkt des Antrags, die Prüfung des Wiedereinstiegs in das System „Reisen für Alle“, zunächst tatsächlich etwas irritiert. Wann und warum – diese Frage hat der Kollege Hölck auch gestellt – ist Schleswig-Holstein aus diesem Zertifizierungssystem überhaupt ausgestiegen? Ich habe mir zwischenzeitlich von behördlicher Stelle bestätigen lassen, dass dies tatsächlich der Status quo ist. Auf der offiziellen SH-Tourismusseite – ich glaube, der Kollege Hölck und ich waren auf der gleichen Internetseite, aber ich habe noch ein bisschen mehr gesehen – wird aber nach wie vor mit Schleswig-Holsteins Mitgliedschaft bei „Reisen für Alle“ geworben. Das ist schon ein wenig schräg. Vielleicht muss ich die Koalition oder die Regierung hier aber auch ein wenig in Schutz 6976 Schleswig-Holsteinischer (Christian Dirschauer) nehmen, denn vielleicht ist die Seite gar nicht mehr aktuell, Kollege Hölck. (Thomas Hölck [SPD]: Das macht es nicht besser!) – Das macht es nicht besser; ganz genau. – Also, das ist unglücklich und sollte zügig korrigiert werden, indem Schleswig-Holstein wieder und möglichst noch in diesem Jahr einsteigt, meine Damen und Herren. Dann muss die Internetseite nicht aktualisiert werden, dann ist sie automatisch wieder aktuell. Das Zertifizierungssystem „Reisen für Alle“ kann eine wichtige Informationsquelle für Menschen sein, die auf barrierearme Angebote angewiesen sind. Ganz ehrlich: Bei 5.000 Euro Kosten für eine Masterlizenz für das Land muss bei dem Mehrwert, der sich aus einer Mitgliedschaft ergibt, meines Erachtens auch nicht lange geprüft werden. In den anderen Bereichen gilt es ebenso, Fortschritte zu erreichen. Leitfäden und eine Sensibilisierungskampagne für Leistungsträger sind durchaus hilfreich. Ohne eine konkretere Unterstützung bleiben diese aber leider oftmals leere Hüllen. Der Fonds für Barrierefreiheit und Best-PracticeBeispiele sind absolut gute Instrumente. Allerdings müssen sie sich weiterhin flächendeckend beweisen. Insgesamt geht es bei diesem Thema nicht nur um barrierefreie Zugänge, sondern auch um Teilhabe, Gleichberechtigung und zum Beispiel um ökonomische Potenziale in einer inklusiven Gesellschaft, die wir ja sein wollen. Daher unterstützen wir insgesamt diesen Antrag, allerdings mit Nachdruck und der klaren Erwartung, dass aus dem Prüfen ein Handeln wird. Bezogen auf „Reisen für Alle“ sollten wir beim Haushalt 2026 nicht nur eine Prüfung hinter uns, sondern auch den klaren Beschluss haben, wieder einzusteigen. – Herzlichen Dank. (Beifall SSW, SPD und FDP)
