Christian Dirschauer
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Erst einmal vielen Dank noch mal, Frau von Kalben, dass Sie auf die Kita-Qualitätsoffensive in Flensburg hingewiesen haben. Das ist nämlich eine vorbildliche Offensive, (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) die wir da gemacht haben. Davon kann sich mancher eine Scheibe abschneiden. Nun zur Sache. Vermutlich hat hier kaum jemand den Eindruck, dass wir uns zu selten über die frühkindliche Bildung austauschen. Nicht zuletzt durch die umfassende Reform des Kitagesetzes und die nachfolgenden Änderungen war und ist das Thema aus guten Gründen ja regelmäßig hier bei uns auf der Tagesordnung. Was ich in sehr vielen dieser Debatten auch erwähnt habe, ist die Sorge, dass das Thema Inklusion vor dem Hintergrund der vielen Großbaustellen in diesem Bereich unter die Räder gerät. Angesichts der steigenden Ansprüche und trotz der wachsenden Investitionen in das Kitasystem habe ich zumindest den Eindruck, dass das Ziel der inklusiven Kita für den einen oder die andere tatsächlich ein bisschen in den Hintergrund gerückt ist. Weil es aus Sicht des SSW eine absolute Fehlentwicklung wäre, wenn das an der Stelle die Dauerbaustelle ist, bin ich der SPD sehr dankbar, dass sie den Bericht beantragt hat. Ich will gar nicht unnötig kritisch sein, aber mir ist durchaus rückgemeldet worden, dass die Arbeit der Kompetenzteams fruchtet. Gerade den Punkt, dass sich Erzieherinnen und Erzieher durch den Austausch häufig endlich gehört und verstanden fühlen, halte ich für sehr wertvoll. Absolut. (Beifall SSW und Eka von Kalben [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]) Auch die ermöglichte Flexibilität vor Ort und die professionelle Vielfalt sind eine Bereicherung, die wir als SSW selbstverständlich an der Stelle ausdrücklich begrüßen. (Zuruf Birte Pauls [SPD]) – Das musste natürlich kommen, die SPD hat es schon erwartet, ich habe es gehört, aber wir reden hier über vier bis maximal 9,4 Vollzeitequivalente pro Kreis oder kreisfreie Stadt. Damit ist für die eine oder andere Einrichtung also eine durchaus wichtige, aber eben auch nur punktuelle Unterstützung verbunden. Ein wirklich inklusives Kitasystem, in dem letztlich jede Kita jedes Kind aufnehmen kann, ist damit aber noch lange nicht erreicht. Diese Einordnung ist mir deshalb wichtig, weil man bei der Lektüre des Berichts fast den Eindruck gewinnen kann, dass hier der ganz große Wurf vorliegt und Inklusion schon bald gelebte Realität in allen Einrichtungen ist. Dabei sieht die Realität vielerorts ganz, ganz anders aus. Denn trotz wachsender Ausgaben und einer im Kern völlig richtigen Kitareform liegen Anspruch und Wirklichkeit doch oft noch weit auseinander. Noch dazu wird wohl auch Schwarz-Grün zugeben müssen, dass es bei der Umsetzung dieser Reform immer wieder ordentlich ruckelt. Für Fragen der Inklusion bedeutet das vor allem eins: Familien mit einem Kind mit Behinderung sind oft noch immer kilometerweit von einer echten 6918 Schleswig-Holsteinischer (Christian Dirschauer) Wahlfreiheit entfernt. Es fehlt leider weiterhin an den nötigen strukturellen Rahmenbedingungen und vor allem am Personal. Wenn uns nahezu alle Träger sagen, dass in absehbarer Zeit ein Drittel der Mitarbeitenden und damit der heilpädagogischen Kräfte in Rente geht, dann wird, glaube ich, auch das Ausmaß der Herausforderung an der Stelle noch mal ziemlich deutlich. Meine Damen und Herren, so gut die Einzelfallberatung durch die KTIs auch sein mag, nüchtern betrachtet ist diese Idee das bisher einzig greifbare Ergebnis der bislang 23 Sitzungen der Arbeitsgruppe Inklusion in der frühkindlichen Bildung beim Sozialministerium, und das, meine Damen und Herren, ist schon ein bisschen dünn, muss ich an der Stelle sagen. (Beifall SSW und SPD) Wir sollten uns hier nichts vormachen. Allein für den Teilbereich der inklusiven frühkindlichen Bildung sind die Herausforderungen nicht nur groß, sondern auch vielfältig. Absehbar werden also weitere Maßnahmen und eine echte inklusive Ressource in allen Einrichtungen nötig sein, und zwar nicht zuletzt, um eine effektive Arbeit der Kompetenzteams Inklusion zu ermöglichen, die ja gar nicht direkt am Kind arbeiten, sondern beratend tätig sein sollen. Bekanntlich läuft die Richtlinie zur Förderung der Kompetenzteams schon Ende 2025 aus. Vor dem Hintergrund der durchaus positiven Erfahrungen und Rückmeldungen aus vielen Einrichtungen liegt für uns auf der Hand, dass diese Maßnahme verlängert werden muss. Aus Sicht der hier Tätigen ist gleichzeitig auch klar, dass die Verlängerung zeitnah erfolgen sollte, um ihnen Planungssicherheit zu geben. Aber wenn ich mir den überaus positiven Tenor des Berichtes anschaue, bin ich dann recht zuversichtlich, dass die KTIs dauerhaft etabliert werden. Wichtig ist und bleibt aber die Erkenntnis, dass wir hiermit kein Allheilmittel für die Inklusion in den Kitas an der Hand haben. Für eine gelingende inklusive frühkindliche Bildung braucht es noch deutlich mehr. Da mag es auch um die im Bericht erwähnten verbesserten Verfahren und Strukturen gehen, aber trotz des Hinweises auf die angespannte Haushaltslage muss klar sein, dass wir hier über mehr fachliches Personal und noch deutlich mehr Ressourcen reden müssen, denn nur so werden wir dem Anspruch der UN-Behindertenrechtskonvention wirklich gerecht. – Herzlichen Dank. (Beifall SSW) Weil ich jetzt zwar nicht das letzte Wort habe – das hat natürlich die Präsidentin, aber die letzte Rede –, wünsche ich Ihnen allen ein schönes Wochenende. (Beifall)
