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Jette Waldinger-Thiering

SSW 19.06.2025 Sitzungen 20/91

Sehr geehrter Herr Landtagspräsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Dass wir im Jahr 2025 noch immer darüber klagen müssen, dass Frauen eine schlechtere medizinische Versorgung erhalten als Männer, ist – um es mit direkten Worten auszudrücken – beschämend für unser Land. So klafft die Lücke des Gender Health Gaps weiter vor sich hin und nimmt zahlreichen Frauen die Lebensqualität, wenn nicht gar das Leben. Dabei ist die schlechtere medizinische Versorgung keine gefühlte Wahrheit, sondern lässt sich durch Studien und Erhebungen auch beweisen. Zahlreiche Wissenschaftlerinnen und Autoren haben die Probleme bereits thematisiert, doch Veränderungen sind kaum spürbar. Denn wir leben anscheinend noch immer in einer Welt von Männern für Männer. Als wären wir der archaischen Definition des Menschen niemals entwachsen, halten wir uns auch heutzutage noch am Mann als Prototyp Mensch fest – und das zum Leidwesen der Frauen. Nun kann man denken: Aber Männer sterben doch früher als Frauen. Das stimmt. Aber das liegt nicht an einer schlechten medizinischen Versorgung, sondern vor allem an den Männern, die den Besuch beim Arzt auf die lange Bank schieben und seltener medizinische Hilfe in Anspruch nehmen. Dadurch leben Frauen zwar länger, jedoch bei schlechter Gesundheit. Durchschnittlich verbringt das weibliche Geschlecht knapp 20 Jahre in mittelmäßiger bis schlechter Gesundheit. Bei Männern sind es immerhin fünf Jahre weniger. (Sophia Schiebe [SPD]: Echt?) Es ist nachgewiesen, dass vor allem frauenspezifische Erkrankungen wie etwa die Endometriose, aber auch manche Autoimmunerkrankungen – Parkinson –, die deutlich häufiger Frauen betreffen, (Jette Waldinger-Thiering) weniger erforscht werden als die typischen Männerkrankheiten. Im Schnitt vergehen für eine Frau 7,5 Jahre, bis sie die Diagnose Endometriose erhält – Jahre bei schlechter Gesundheit, mit massiven Schmerzen und deutlich verminderter Leistungsfähigkeit. Wenn Frauen mit ihren Beschwerden nicht ernst genommen und dadurch Risiken übersehen werden, ist das nicht nur ein medizinisches, sondern auch ein gesellschaftliches Problem. Auch bei der Nachsorge vieler Erkrankungen kommen Frauen zu kurz. Nur selten fahren Frauen zur Reha, entweder, weil es ihnen nicht angeboten wird oder weil sie das Gefühl haben, zu Hause nicht ausfallen zu können. Männer scheinen sich hierum deutlich weniger Sorgen zu machen. Das ist das Ergebnis einer männerzentrierten Medizin, wo lange Zeit von männlichen Ärzten für neue männliche Ärzte gelehrt wurde, und in der die medizinische Forschung den Mann zum Prototypen erklärt hat. Das alles ist schon lange nicht mehr zeitgemäß. Umso wichtiger ist es, bei der Lehre anzusetzen. Ein Lehrstuhl für geschlechtersensible Medizin kann dazu beitragen, dass genau dieses Problem in der Medizinerausbildung nicht weiter reproduziert wird, (Beifall SSW, SPD und Dr. Heiner Garg [FDP]) zumal Studien festgestellt haben, dass Frauen, die von Ärztinnen behandelt werden, bei bestimmten Erkrankungen eine höhere Überlebenschance haben. Das darf so nicht sein. Der Alternativantrag der Koalition schlägt hier leider genau in die falsche Kerbe, indem er das Problem zwar nicht verleugnet, aber abschwächt. Sagt man, „Alte, Migranten und weitere Gruppen werden hier auch nicht ideal behandelt“, dann relativiert man damit den Gender Health Gap. Das passiert schon viel zu lange. Eine Gruppe von Patienten liegt mir aber noch besonders am Herzen: Das sind Frauen mit einer Behinderung, denen teilweise wegen unzureichender Barrierefreiheit in Arztpraxen nur eine unzureichende medizinische, vor allem gynäkologische Versorgung, zur Verfügung steht. Auch das dürfen wir nicht hinnehmen. Alle Menschen müssen einen gleichberechtigten Zugang zu guter medizinischer Versorgung haben. Wir unterstützen daher den Antrag der SPD in allen Punkten. Wir können es uns bei diesem wichtigen Thema nicht weiter leisten wegzuschauen. Vielen Dank noch mal, Birte Pauls, für den Aufschlag mit diesem guten Antrag, der ja auch ein Ergebnis der guten Anhörung ist, die wir im Sozialausschuss gehabt haben. Vielen Dank auch an die Koalition für ihren Änderungsantrag. Ich würde mich freuen, wenn wir beide Anträge noch einmal im Ausschuss diskutieren, weil darin viele gute Dinge enthalten sind. Vielleicht gibt es dann einen gemeinsamen Antrag, denn das Thema liegt uns ja allen am Herzen. (Beifall SSW, SPD und FDP)

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