Jasper Balke
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Vor ziemlich genau einem Jahr fand die Auftaktveranstaltung des Sonderforschungsbereichs „sexdiversity“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft im Audimax der Universität zu Lübeck statt. Darin kooperieren in 17 Einzelprojekten Medizin‑, Lebens‑, aber auch Sozial- und Geisteswissenschaften verschiedener Hochschulen und forschen zu einzelnen Ausprägungen des Körpergeschlechts, zu Verhalten, Genen, Chromosomen, Keimzellen und Keimdrüsen, um Erkenntnisse unter anderem für ein besseres Verständnis von Gender und Diversity in der Medizin und Versorgung zu erlangen. Momentan wird ebenfalls an der Universität zu Lübeck ein sogenanntes Core-Curriculum Diversity mit internationalen Experten erarbeitet, das die medizinischen Bedürfnisse unterschiedlicher Kulturen, People of Colour, Gender und Altersgruppen als festen, verpflichtenden Lehrinhalt für alle Studierenden der Humanmedizin fest verankern soll. Bis Ende dieses Jahres soll das Curriculum erstellt und im kommenden Jahr am Campus Lübeck implementiert und natürlich auch evaluiert werden. Dieses Curriculum soll die bereits vorhandenen curricularen Vorlesungen zu Geschlechtermedizin ergänzen und wird dazu beitragen, Lehre, Forschung, Wissenschaft und schließlich die Versorgung für alle Menschen zu verbessern. Das ist absolut richtig, und ich freue mich sehr, dass der neue Studiendekan in Lübeck, Professor Jost Steinhäuser, dieses Thema so klar setzt, denn auch er weiß, dass wir endlich eine Medizin brauchen, die den Menschen in seiner individuellen Vielfalt betrachtet und nicht an veralteten Standards misst. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, CDU, FDP und SSW) Doch leider ist noch zu häufig der Standardpatient ein junger bis mittelalter weißer Mann. Das ist kein Zufall, sondern Ergebnis jahrzehntelanger Forschung, die den männlichen Körper zu lange als medizinische Norm behandelt hat. Die Realität ist: Frauen, ältere Menschen, Menschen mit Migrationshintergrund, mit nicht weißer Hautfarbe, transund intergeschlechtliche Personen, sie alle erleben eine medizinische Versorgung, die auf Daten und Standards basiert, die sie gar nicht so richtig repräsentieren. Wenn sich in der Europäischen Union über 80 Prozent der trans- und intergeschlechtlichen Menschen im Gesundheitssystem nicht ausreichend versorgt fühlen oder gar wiederfinden, dann ist das nicht nur diskriminierend oder gar ungerecht, sondern auch gefährlich. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Gerade weil das noch immer so ist, ist es so wichtig, mit Programmen und Projekten wie diesen voranzugehen. Darauf aufbauend wollen wir, dass das Thema in einer Landesgesundheitskonferenz mit allen beteiligten Akteuren bearbeitet wird und (Jasper Balke) dass wir in Forschung, Lehre und Versorgung konsequent auf Diversität setzen. Konkret bedeutet das, in der Bevölkerung zu bestimmten Themen wie den hormonellen Veränderungen und daraus resultierenden notwendigen Ernährungsumstellungen während oder nach der Menopause zu sensibilisieren und Themen wie sexuelle Selbstbestimmung und reproduktive Gesundheit niedrigschwellig zu vermitteln. In der medizinischen Ausbildung müssen biologische und soziale Geschlechtsunterschiede genauso thematisiert werden wie kulturelle, altersbezogene oder sprachliche Besonderheiten. Dazu brauchen wir in der Forschung viele breitere, diversere Datensätze, damit KI-Systeme keine diskriminierenden Biases wie den Gender Data Bias (Demonstrativer Beifall Dr. Heiner Garg [FDP]) – Danke, Herr Kollege Dr. Garg – oder gegen nicht weiße Menschen weitertragen. In der Versorgung brauchen wir geschulte Fachkräfte, die erkennen, dass sich Symptome je nach Alter, Herkunft, Geschlecht – ob sozial oder biologisch – oder Identität ganz unterschiedlich äußern können. Es muss klar sein, dass Diversity- und Gendermedizin keine Nischenthemen mehr sind, ganz im Gegenteil. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, FDP und SSW) Denn die Medizin der absehbaren Zukunft ist die individuelle Präzisionsmedizin, und dafür sind die Themen der entscheidende Schlüssel auch für eine bessere und gezieltere Therapie. Wir als Land unterstützen diesen Weg ganz klar. Vielfalt ist kein Risiko für die Medizin, sie ist ihre größte Chance. (Vereinzelter Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Liebe Kolleginnen und Kollegen, Diversität ist kein Modethema, sie ist die Antwort auf ein zentrales Problem unserer Zeit: dass zu viele Menschen durch die Maschen unseres Gesundheitssystems fallen, das ursprünglich für andere gebaut wurde. Wenn wir aber Präzisionsmedizin, die individualisierte Medizin der Zukunft, ernst meinen, dann müssen wir auch die Vielfalt unserer Gesellschaft ernst nehmen. Davon profitieren übrigens alle Menschen, denn durch mehr wissenschaftliche Erkenntnisse, umfangreichere Forschung und ein tieferes Verständnis komplexerer Abläufe im menschlichen Körper wird mehr im Bereich der Arzneimittel und auch im Bereich der Standardtherapien möglich. Eine individualisiertere, gerechte, zukunftsfähige Gesundheitsversorgung gelingt nur dann, wenn wir aktiv nicht nur den Standardkörper, sondern alle Menschen mitdenken. Es bleibt vieles nach- und aufzuholen, aber in Schleswig-Holstein sind wir auf einem ganz guten Weg. – Ich bedanke mich für die Aufmerksamkeit. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, CDU, FDP und SSW)
