Dr. Heiner Garg
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen! Die Vorrednerinnen und Vorredner haben das ja schon anklingen lassen: Es ist schon komisch, wenn Oma auf einmal nicht mehr da ist, obwohl sie vor einem sitzt. So habe ich zum ersten Mal Demenz erlebt, als meine Großmutter, die zum Glück 92 Jahre alt wurde und bis zum 90. Geburtstag noch in der ganzen Welt herumgereist ist, auf einmal niemanden mehr von uns erkannte, noch nicht einmal mehr ihre eigenen beiden Kinder. Was als komplexe Veränderung im Gehirn, die über Jahre hinweg stattfindet, daherkommt, als neurodegenerative Erkrankung, die zu einem fortschreitenden Abbau von Nervenzellen führt, ist genau das, was der Kollege Dirschauer und der Kollege Kalinka dargestellt haben. Ich will versuchen, das nüchtern zu sagen: Das ist eine sehr große Herausforderung für all diejenigen, die mit diesen Menschen nicht nur zusammenleben, sondern die diese Menschen lieben und sich alleingelassen fühlen. Das Thema Demenz wurde zum ersten Mal zwischen 1989 und 1991 politisch thematisiert, als man an einer sozialen Pflegeversicherung nicht gebastelt hat, sondern als diese im Entstehungsstadium war. Professor Ursula Lehr von der CDU war damals Ministerin unter anderem für Familie und Senioren. Sie hat sich dieses Themas sehr angenommen. Wir sind heute viel weiter. Ich gebe dem Kollegen Kalinka recht: Der Demenzplan ist gut. Die Evaluation hat stattgefunden. Weil die Kolleginnen und Kollegen schon ganz viel gesagt haben, will ich einen kleinen Teilaspekt hinzufügen, um zu verdeutlichen, weshalb ich der Auffassung bin, dass man natürlich auch diesen Demenzplan weiterentwickeln kann und weiterentwickeln sollte. Der SSW fordert nicht die Revolutionierung des Demenzplans, sondern dessen Weiterentwicklung. Der Kollege Balke hat die Risikofaktoren genannt. Dazu gehören Alter, Genetik, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bewegungsmangel, Diabetes, Rauchen, übermäßiger Alkoholkonsum sowie geringe geistige und soziale Aktivität. Herr Kollege Balke, Sie haben die neue Leitlinie angesprochen. Was viele nicht wissen, was aber vielen Hoffnung geben soll –das wäre mein Punkt –, sind die unglaublichen Fortschritte, die die pharmakologische Therapie Stand 2025 macht. Es gibt in Europa zugelassene Arzneimittel für die sogenannten symptomatischen Therapien. Das ist die Arzneimitteltherapie, die die kognitiven Symptome wie Gedächtnisstörungen oder Konzentrationsstörungen beeinflussen oder verändern sollen, aber den eigentlichen Krankheitsverlauf nicht beeinflussen können, also die sogenannten AChE-Hemmer. Es gibt inzwischen aber auch – in Japan und in den Vereinigten Staaten bereits zugelassen und in Europa im Zulassungsstadium befindlich, sofern ich das richtig recherchiert habe – krankheitsmodifizierende Therapien, also die sogenannten Anti-AmyloidAntikörper, die ganz gezielt Beta-Amyloid-Ablagerungen angreifen, um damit den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen. Die Zukunft, und zwar die nahe Zukunft, wird bei der pharmakologischen Therapie vermutlich aus Kombinationstherapien bestehen. Ich fange jetzt nicht schon wieder damit an, obwohl man das gut machen könnte. Es ist nicht hilfreich, dass Gesundheit und Soziales oder zumindest Gesundheit und Pflege auseinandergerissen worden sind. Gerade bei diesem Beispiel zeigt sich, wie eng diese Bereiche zusammengehören und wie gut man das eigentlich ergänzen und in einen solchen Plan aufnehmen könnte. (Beifall FDP, SPD und SSW) Was haben wir zu erwarten? – Ich sage damit nicht, dass das alles nur auf Landesebene gemacht werden müsste. Aber wenn wir wissen, dass in Zukunft Kombinationstherapien, die sogenannte TauImmuntherapie, Gentherapie, also mit RNA-Technologie, Frühdiagnostik, Prävention und die individualisierte Medizin eine entscheidende Rolle spielen werden, die im Zweifel dazu geeignet sind, das Leid von vielen hunderttausend Menschen und noch mehr Angehörigen dieser Menschen deutlich zu verringern, dann fände ich es schön, wenn wir uns im Ausschuss noch einmal damit auseinandersetzen (Beifall Annabell Krämer [FDP]) (Dr. Heiner Garg) und für den einen oder anderen Teilaspekt eine Weiterentwicklung ins Auge fassen könnten. Das muss kein politischer Streit sein. – Ich bedanke mich für die Aufmerksamkeit. (Beifall FDP, SPD und SSW)
