Birte Pauls
Frau Präsidentin! Ich gucke noch einmal um die Ecke: Nein, das Sozialministerium ist mit der Hausspitze nicht vertreten. Das ist sinnbildlich für das maximale Desinteresse an diesem Thema. Ich finde das nicht richtig. (Beifall SPD, FDP und SSW) Meine Damen und Herren, die Gruppe der Seniorinnen und Senioren ist die einzige gesellschaftliche Gruppe, die keinerlei Nachwuchssorgen hat. Schon jetzt macht die Anzahl der Personen, die älter sind als 64 Jahre, ein Viertel der Gesamtbevölkerung Schleswig-Holsteins aus. In wenigen Jahren wird sich die Anzahl der über 80-jährigen Menschen verdoppeln. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit der Pflegebedürftigkeit und einer Demenz. Eine Eigenschaft der Vergangenheit ist, dass man sie nicht verändern kann. Das heißt, die Kinder, die nicht geboren sind, stehen nicht zur Verfügung. Wer soll also betreuen, wer soll pflegen, wer soll behandeln? Wir stehen vor riesigen Herausforderungen. Statt eines neuen Landwirtschaftsministeriums hätte es besser in die Zeit gepasst, ein Ministerium für Gesundheit, Pflege und Demografie zu schaffen, das die Herausforderungen der Zeit hätte bearbeiten können; das fehlt. (Beifall SPD, FDP und SSW) Und dann ist das zuständige Ministerium nicht einmal anwesend! Experten sind sich einig, dass das Drehen an vorhandenen Strukturen nicht ausreicht, es braucht neue Konzepte, Ideen und die Einsicht, dass profitorientierte Pflegeketten mit den klassischen Zimmern auf langen Gängen nicht die Antwort auf Fragen der Zukunft sind. Fragen Sie sich selbst, wie Sie in Zukunft leben wollen! Die meisten Menschen, die jetzt älter werden, sind gut ausgebildet, haben breite Berufserfahrung, haben eine ganz andere Vorstellung vom Alter als vorherige Generationen. Sie haben den Wunsch, ihr Leben im Alter individuell gestalten und in höherem Alter so lange wie möglich selbstständig und selbstbestimmt in der eigenen Häuslichkeit und Umgebung bleiben zu können. Und sie wollen sich und ihre Erfahrungen einbringen. Wir müssen vielmehr zu einer teilhabeorientierten Seniorenpolitik kommen. Wir haben schon jetzt eine große Mitwirkungsbereitschaft der Älteren. Das ist ein Riesenpotenzial für unsere Gesellschaft. Ich denke zum Beispiel an eine ehemalige Betriebsmanagerin, die ihre Expertise einem Jungunternehmer zur Verfügung stellt, oder eine ehemalige Pflegekraft, die Pflegeazubis begleitet, weil die Ausbildung oftmals sehr frustrierend ist. Die Gesellschaft kann nicht auf die Potenziale älterer Menschen verzichten, weder in der Arbeitswelt noch in der Wirtschaft, weder im Ehrenamt noch in der Familie oder in der Kommune, ohne sie würde heute schon vieles nicht mehr laufen. (Beifall FDP, SSW und Jasper Balke [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]) 6660 Schleswig-Holsteinischer (Birte Pauls) Alterspolitik muss als Querschnittsaufgabe in allen Politikfeldern gesehen werden. Wir benötigen mehr bezahlbare, barrierefreie Singlewohnungen in den Dörfern, in den Quartieren. Für viele Ältere ist es schmerzhaft, das eigene mit Lebensarbeitszeit gebaute Haus oder die eigene Wohnung zu verlassen. Dann muss man sich auch noch von der Nachbarschaft verabschieden, weil es in den Dörfern keinen barrierefreien Wohnraum gibt. Das muss besser geregelt werden. Übrigens kommt die Barrierefreiheit nicht nur Älteren, sondern auch jungen Familien mit Kindern zugute, denn alles, was für den Rollator gut ist, ist auch für den Buggy gut. (Beifall SPD) Das mischt die Generationen, die sich im Rahmen einer sorgenden Gemeinschaft – Stichwort Caring Community – umeinander kümmern können. Omastunden gegen Einkaufsdienste, Gratiswohnen gegen Hilfe – ohne wird es nicht mehr gehen. Ein Mix von innovativen Wohnangeboten, die das selbstbestimmte Leben im Alter mit und ohne Pflegebedarf unterstützen, ist notwendig. Das kann die Senioren-WG sein, ein Mehrgenerationenhaus, eine Wohnpflegegemeinschaft, die klassische Zweizimmerwohnung, eine Pflegeoase, ein Heim, eine Pflegefamilie, wohnortnahe Tages- und Nachtpflege, betreutes Wohnen – der Kreativität sollten keine bürokratischen Grenzen gesetzt werden. Wir müssen die Gesundheitskompetenz und Eigenverantwortung der Menschen stärken, damit sie länger fit und selbstständig bleiben. In den Quartieren brauchen wir eine gute Vernetzung niedrigschwelliger Dienstleistungen, soziale Angebote, eine medizinisch-pflegerische Versorgung. Unsere Idee dazu ist das kommunale medizinische Versorgungszentrum. Von dort kann dann unsere Vor-Ort-für-DichKraft mit dem präventiven Hausbesuch tätig werden, die die Menschen mit fachlicher Expertise aufsucht, berät, vernetzt und organisiert. Essen auf Rädern ist eine richtig gute Sache, aber auf Rädern zum Essen ist noch besser. (Beifall SPD und Christian Dirschauer [SSW]) Wir wollen Gemeinschaft organisieren, um der krank machenden Einsamkeit entgegenzuwirken. ÖPNV, Mobilität, soziale Teilhabe – das ist schon alles gesagt worden – dürfen in Zeiten wachsender Altersarmut natürlich keine Frage des Geldbeutels sein. All das muss in den Kommunen organisiert werden, und wir dürfen die Kommunen damit nicht alleinlassen, weder organisatorisch noch finanziell. Es braucht sozialpolitische Leitplanken und finanzielle Unterstützung, und Sie wollen einfach einmal im Sozialausschuss gucken, was es schon so alles gibt.
