Anne Riecke
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Verehrte Kolleginnen und Kollegen! Unser Bildungssystem steht von vielen Seiten unter Druck. Immer heterogenere Schülerschaften, ein beständig steigender Förderbedarf und dazu ein eklatanter Fachkräftemangel. Das belastet sowohl unsere Schüler als auch unsere Lehrer mittlerweile über das gesunde Maß hinaus. Dazu bescheinigen uns unsere Bildungsstudien fortwährend schlechte Ergebnisse. Es ist, denke ich mal, absehbar, dass viele dieser Schüler es später einmal schwer haben werden, zu einem guten Abschluss zu kommen und damit eine gute Berufsausbildung zu kriegen. Es ist daher ein unhaltbarer Zustand, dass in Schleswig-Holstein Woche für Woche viele Schulstunden ersatzlos ausfallen oder nur durch fachfremdes Personal notdürftig vertreten werden. (Beifall FDP und Jette Waldinger-Thiering [SSW]) Diese Realität ist in den Klassenzimmern, die übrigens fast alle überfüllt sind, leider längst Alltag geworden, ein Alltag, der weder den Schülern noch den engagierten Lehrkräften gerecht wird. Und das in einem Bundesland, das sich selbst den Bildungsaufbruch auf die Fahnen geschrieben hat. (Beifall FDP und Jette Waldinger-Thiering [SSW]) Die Wahrheit wird leider sein: Der Ausfall der Unterrichtsstunden und die Erosion der Unterrichtsversorgung von heute werden wir noch in den Ergebnissen vieler weiterer zukünftiger Bildungsstudien zu spüren bekommen. Es ist daher fatal, dass die Landesregierung bei der Bildung kürzt und diesen Zustand damit weiter verschärft. Der Hinweis, dass hier immer noch eine hundertprozentige Unterrichtsversorgung stattfindet – man hat eigentlich fast den Eindruck, dass das irgendwie auch ausreichend sei –, muss alle an Schule Beteiligten einfach nur noch staunen lassen. (Beifall FDP) Denn das, was wir derzeit in unserem Bildungssystem wirklich erleben, ist nicht weniger als eine schleichende, aber stetige Verschlechterung der Unterrichtsversorgung. Die wird sich in Zukunft sogar drastisch verschärfen, wenn die geburtsstarken Jahrgänge der Lehrkräfte in den Ruhestand gehen und dann der Lehrkräftemangel voll und ganz durchschlagen wird. Wenn wir hier jetzt nicht gegensteuern, wird der Unterrichtsausfall in Zukunft ganz andere Qualitäten und ganz andere Dimensionen annehmen. Es muss also unser Ziel sein, so viele Lehrkräfte wie möglich an unsere Schulen zu bekommen. Aus diesem Grund unterstützen wir den Antrag der SPD zur Weiterentwicklung des Programms Abordnung Plus. (Anne Riecke) Der Grundgedanke des Programms, Bedarfsregionen gezielter zu unterstützen, ist richtig. Allerdings hat sich in der Praxis gezeigt, dass die Umsetzung zu starr, zu bürokratisch und nicht attraktiv genug für die Beteiligten ist. Dass die SPD hier nun nachsteuern möchte, ist ausdrücklich zu begrüßen. (Beifall FDP) Zum Alternativantrag der Koalition muss ich hier besonders hervorheben, es ist gut, dass es Beachtung findet, dass die sozialen Belange der einzelnen Bewerber endlich mit in den Vordergrund rücken; denn wir wollen nicht, dass sich Bewerberinnen und Bewerber in irgendeiner Weise dem ausliefern, dass sie dem ausgeliefert sind und unter Druck gesetzt werden, eine Stelle auch annehmen zu müssen. Deswegen ist diese Härtefallregelung, die nun hinzugefügt wird, nur zu begrüßen. (Beifall FDP und vereinzelt CDU) Insbesondere die Forderung nach einer Flexibilisierung der engen Eins-zu-eins-Zuordnung zwischen abgebenden und aufnehmenden Schulen ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Wer bereit ist, Verantwortung in einer Bedarfsregion zu übernehmen, sollte nicht durch unnötige bürokratische Vorgaben in seiner Flexibilität eingeschränkt werden. Entscheidend ist doch, dass wir diejenigen unterstützen, die sich auf den Weg machen, nicht, dass wir ihnen noch unnötige Hürden in den Weg legen. Meine Damen und Herren, der Lehrkräftemangel braucht jetzt keine kosmetischen Korrekturen, sondern einen echten Aufbruch und diesen vor allem in der Lehrkräfteausbildung. Ein Baustein kann ein duales Studium sein, das Theorie und Praxis endlich konsequent miteinander verzahnt. (Beifall FDP und Jette Waldinger-Thiering [SSW]) Es ist einfach nicht mehr zeitgemäß, dass Lehramtsstudenten erst im Vorbereitungsdienst mit voller Wucht erfahren, was es heißt, vor einer Klasse zu stehen. (Beifall FDP und Jette Waldinger-Thiering [SSW] – Dr. Bernd Buchholz [FDP]: So ist es! – Zuruf Martin Balasus [CDU]) Ja, ich weiß, es gibt Praktika, und wir haben bereits das duale Studium, Herr Balasus. (Zuruf Martin Balasus [CDU]) – Das weiß ich. – Wir haben das duale Studium schon vor elf Monaten – – Da war ich vielleicht nicht da, das kann man auch sagen, das haben wir gestern schon besprochen. Aber wer den Antrag gelesen hat, den wir gestellt haben, sieht, dass wir die Punkte, die in der schriftlichen Anhörung positiv hervorgehoben worden sind, in diesen Antrag geschrieben haben, um uns auf den Weg zu machen. Ich finde, wenn man eine schriftliche Anhörung macht, dann ist sie es wert, dass man versucht, das in irgendeiner Weise umzusetzen. (Beifall FDP – Zuruf Lasse Petersdotter [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]) – Hier wird gerade nur das Lehramtsstudium ausgebremst, nichts anderes. – Dass zu viele angehende Lehrkräfte trotz vollständiger akademischer Ausbildung den Lehrerberuf nicht antreten, ist nicht nur für junge Leute selbst tragisch, sondern für uns als Gesellschaft in vielerlei Hinsicht teuer. Dass es in dem Bereich ein Problem gibt, scheint auch der Landesregierung bekannt zu sein, wenn sie in ihrem Antrag fordert, dass die unterschiedlichen Phasen der Lehrkräftebildung besser miteinander verzahnt werden sollen. Leider finden sich in dem Koalitionsantrag viel zu kleinteilige Ansätze, die am System wenig ändern und in der Praxis kaum Auswirkungen haben dürften. Meine Damen und Herren, wenn wir immer noch Lehramtsstudenten und Studenten, die gerade anfangen, nach dem Studium bereits als Vertretungslehrkräfte einstellen, die eigenverantwortlichen Unterricht geben, dann ist es doch Zeit, hier zu handeln. (Beifall FDP und Jette Waldinger-Thiering [SSW] – Zuruf FDP: Richtig!) Meine Damen und Herren, wir brauchen junge Leute, die mit Lust und Überzeugung Lehrer werden, nicht trotz, sondern wegen einer guten Ausbildung und einer guten Ausbildungsstruktur. Wir können es uns nicht leisten, dass sich viele von einem Lehramtsstudium abschrecken lassen, weil ihnen die Praxisnähe fehlt, weil die Finanzierung zu unsicher ist oder weil der Weg zur ersten Unterrichtserfahrung zu lang ist. (Beifall FDP und Jette Waldinger-Thiering [SSW]) Mit unserem Antrag für ein duales Studium schaffen wir ein Angebot für genau diese Zielgruppen. Wir setzen auf ein attraktives, vergütetes Studium mit klaren Praxisanteilen, regionalem Bezug und einem echten Mehrwert für Schulen gerade dort, wo der Bedarf am größten ist. Die Studenten wissen von Anfang an, worauf sie sich einlassen, und die (Anne Riecke) Schulen können viel attraktivere und verlässlichere Personalplanungen vorantreiben, gerade an Schulen und in Landesteilen, wo es ohnehin an Lehrkräften und Unterrichtsversorgung mangelt. Ziel muss es sein, die Unterrichtsversorgung zu verbessern. Alles andere ist ein Bruch des Bildungsversprechens. Ich freue mich auf eine Diskussion im Ausschuss. (Beifall FDP und SSW)
