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Birte Pauls

SPD 22.05.2025 Sitzungen 20/88

Frau Präsidentin! Verehrte Kolleginnen und Kollegen! Es war kurz vor unserer Konfirmation, als meine Freundin starb, vollkommen plötzlich. Wir hatten uns morgens noch für den Nachmittag verabredet. Ihre Mutter rief dann an und sagte, dass es ihr nicht gut gehe. Am nächsten Tag bekamen wir die Nachricht, dass sie gestorben sei. Das hat mich damals ziemlich aus der Bahn gerissen. Fragen über Fragen, kurz vor der Konfirmation natürlich nach dem Warum. Warum kann ein Gott das zulassen? Soll ich mich überhaupt noch konfirmieren lassen? Es gab zu dem Zeitpunkt keine Trauergruppen für Kinder und Jugendliche, und ich war ja auch nur die Freundin. Ich hatte aber das Glück, verständnisvolle Eltern und einen zugewandten Pastor zu haben, die mir irgendwie halfen, durch diese Krise zu kommen. Kinder und Jugendliche trauern anders als Erwachsene. Jüngere Kinder fallen oft in ihre früheren Entwicklungsphasen zurück, fangen wieder an einzuAnlage bei (Birte Pauls) nässen, den Daumen zu lutschen. Ältere leiden zum Beispiel unter Schlafstörungen oder haben Probleme in der Schule. Manche werden aggressiv und wissen nicht, wohin mit sich und ihrer Wut. Es fällt ihnen schwer, sich auszudrücken. Auch Schuldgefühle können genauso wie Verlust- und Trennungsängste eine Rolle spielen. Einige ziehen sich aus dem sozialen Umfeld zurück, während andere überhaupt nicht alleine sein mögen. Die Profis nennen den individuellen Umgang mit der Trauer „Pfützen springen“. Wie in Pfützen springen Kinder in die Trauer hinein und wieder hinaus. Sie sind in einem Moment tieftraurig, um dann ein paar Minuten später wieder fröhlich zu sein. Trauer ist also individuell wie jedes Kind, und deshalb brauchen Kinder und Jugendliche eine besondere Begleitung, um mit ihrer Trauer umzugehen. (Beifall SPD, FDP, SSW und vereinzelt BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Sie benötigen eine professionelle und behutsame Ansprache, den Raum, um sich spielerisch, künstlerisch und körperlich ausdrücken zu können. Ihnen hilft der Kontakt zu anderen, die das gleiche Schicksal erlitten haben. Trauer gehört wie das Sterben zum Leben dazu. Trauer ist keine Krankheit. Trauer ist ein Gefühl. Aber eine nicht bewältigte Trauer kann im Erwachsenenalter zu belastenden Spätfolgen führen. Depressionen, Angststörungen, Bindungsstörungen, Süchte und andere psychische Erkrankungen können die Folge sein. Deshalb ist die Bewältigung von und der Umgang mit der Trauer Präventionsarbeit. Die Begleitung von Kindern und Jugendlichen durch die verschiedenen Phasen der Trauer kann teure, behandlungsnotwendige Spätfolgen tatsächlich verhindern. In Schleswig-Holstein gibt es aktuell 15 Angebote für trauernde Kinder und Jugendliche. – All den hoch engagierten Menschen, die ihre Zeit den Kindern und Jugendlichen in einer so belastenden Situation schenken, gilt unser aller Dank. (Beifall ganzes Haus) Denn sie machen das alles ehrenamtlich und spendenfinanziert. Auch die Ausbildung zur Trauerbegleitung muss selbst getragen werden. Sie begleiten Kinder und Jugendliche zum Beispiel schon während der Erkrankung eines Familienmitgliedes zu Hause oder nach einem Todesfall individuell in einer Gruppe und in dafür besonders liebevoll eingerichteten Räumlichkeiten. Kindgerechtes, themenbezogenes Spielzeug spielt da ebenso eine große Rolle wie der Boxsack, an dem man dann wirklich einmal die Wut rauslassen kann. Erst wenn sich die Trauer manifestiert und zum Beispiel in eine Depression verwandelt, braucht es die notwendige Therapie. Die Krankenkassen sehen zwar Leistungen zur Verhinderung und Verminderung von Krankheitsrisiken vor, also die reine Präventionsarbeit, aber Trauerarbeit – weder bei Kindern noch bei Erwachsenen – fällt nicht darunter. Und ich denke, da haben wir tatsächlich eine Lücke. (Vereinzelter Beifall SPD, FDP und SSW) Wie gesagt: Nicht verarbeitete Trauer kann schwerwiegende Folgen nach sich ziehen. In der vergangenen Woche hatten wir im Sozialausschuss ein Fachgespräch, eigentlich zum Thema Kinderhospizarbeit; aber die Expertinnen und Experten machten neben der Betonung der Wichtigkeit des stationären und ambulanten Angebotes für Kinder und Jugendliche mit lebensverkürzenden Erkrankungen auch auf die Trauerarbeit, zum Beispiel mit Geschwisterkindern, nämlich die sogenannten gläsernen Kinder, aufmerksam. Das sind Kinder, die nicht gesehen werden, weil das kranke Kind im Fokus steht. Der Tod eines Kindes verändert eine Familie. Eltern haben mit ihrer Trauer zu tun. Geschwister sind nach dem Tod eines Bruders oder einer Schwester meist die doppelten Verlierer. Sie leiden unter ihrer eigenen Trauer und darunter, dass sich ihre Eltern natürlich verändern. Hier bietet zum Beispiel der Verein der verwaisten Eltern und trauernden Geschwister eine wirklich segensreiche Hilfe. Ich finde, wir sollten diese Kinder und andere Kinder und Jugendliche, die einen Verlust erlitten haben, gut unterstützen. Lassen Sie uns bitte gemeinsam im Sozialausschuss schauen, wie wir diesen betroffenen Kindern und Jugendlichen besser helfen können. Ich möchte gern mit einem Zitat von Mascha Kaléko enden. „Bedenkt: Den eigenen Tod, den stirbt man nur. Doch mit dem Tod der anderen muss man leben.“ Vielen Dank. (Beifall SPD, FDP, SSW, Werner Kalinka [CDU] und Catharina Johanna Nies [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])

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