Jasper Balke
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Das Thema, über das wir heute sprechen, ist nicht einfach, obwohl es um die einzige Gewissheit geht, die jeder und jede von uns im eigenen Leben erwarten kann. Mit den Themen Tod und Sterben setzen sich viele Menschen aber entweder zu spät oder gar nicht auseinander. Aus einer kürzlich veröffentlichten Studie der Humboldt-Universität zu Berlin FamPalliNeeds zu den Bedürfnissen von Familien mit lebensverkürzend erkrankten Kindern und Jugendlichen geht hervor, dass in Deutschland circa 320.000 bis 400.000 Kinder und Jugendliche von einer solchen Erkrankung betroffen sind. Nicht jeder dieser Fälle muss aufgrund kurativer Behandlungsmöglichkeiten und individuellem Krankheitsverlauf palliativ oder durch ein Hospiz versorgt werden. Dennoch ist diese Zahl so hoch, dass wir sie nicht vernachlässigen dürfen. Die Versorgung betroffener Familien und ihrer Kinder hat zum Ziel, die Lebensqualität aller Familienmitglieder zu fördern und sich an den Interessen und Bedürfnissen der Betroffenen zu orientieren. Die Versorgung setzt sich aus einem Mix an stationären Angeboten wie den Palliativstationen in den Krankenhäusern, den stationären Hospizen und den ambulanten Angeboten zusammen. Der Bedarf für stationäre Hospizplätze beträgt rund 50 Plätze pro 1 Million Einwohner. Diesen Versorgungsbedarf übererfüllen wir in Schleswig-Holstein in Kürze durch den Bau und die Förderung der Hospize in Neumünster und Oldenburg in Holstein. Die ambulanten Angebote setzen sich in Schleswig-Holstein aus 31 ambulanten Hospizdiensten, 15 SAPV-Teams – also Teams der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung – und den ehrenamtlich koordinierten ambulanten Hospizdiensten zusammen. Letztere erhalten ihre Förderung nicht über die gesetzlichen Krankenversicherungen, sondern über eine Landesförderung. Sie wird über unsere Landeskoordinierungsstelle beim Hospiz- und Palliativverband Schleswig-Holstein ausgezahlt. Ich schätze den HPVSH sehr und schlage deshalb auch in Abstimmung mit der Kollegin Tschacher vor, den Hospiz- und Palliativverband als Folge unserer Plenardebatte einmal in den Sozialausschuss einzuladen und gemeinsam unter anderem über die Ergebnisse der von mir eingangs erwähnten FamPalliNeeds-Studie zu sprechen und sie zu diskutieren. Der HPVSH ist es nämlich, der in Reaktion auf den vorliegenden Antrag zu Recht darauf hinweist, dass es problematisch sein könnte, den Bau eines stationären Kinderhospizes zu forcieren. Zum einen sei der Bedarf an dieser Stelle noch nicht ganz gegeben. Zum anderen fehle es an allen Ecken und Enden an Personal, das für den Rund-um-die-UhrBetrieb eines solchen Standorts nicht so einfach zur Verfügung stehe. Stationäre und speziell für Kinder ausgerichtete Hospizplätze stellen einen wesentlichen Bestandteil des Betreuungsangebotes dar. Stationäre Kinderhospize werden aber meist zur Entlastung betroffener Familien genutzt. Sie werden zeitweise oder vorübergehend in Anspruch genommen und, anders als bei Erwachsenen, eher selten am Ende des Weges. Es sind Orte des Ausruhens und Krafttankens für die Kinder, wodurch sich ihre Familien erholen können. Ein dezentrales, wohnortnahes Unterstützungsangebot in der Nähe der Häuslichkeit ist für die Teilhabe am alltäglichen Leben entscheidend. Deshalb ist es besonders wichtig, dass es verschiedene Angebote aus ambulanten und teilstationären Versorgungseinrichtungen gibt, die sich vor Ort koordinieren und Verbünde bilden. In der Hansestadt Lübeck findet dies zum Beispiel in einer Arbeitsgruppe Palliativversorgung im Rahmen des Gesundheitsnetzwerks Lübeck statt. Dort sind die beteiligten Akteurinnen und Akteure versammelt, und sie sprechen gemeinsam darüber, wie bei ihnen vor Ort die Bedürfnisse der Betroffenen sowie deren Versorgung sichergestellt werden. Insgesamt lässt sich festhalten, dass die Bedürfnisse der sterbenskranken Kinder, ihrer Familien, der El- (Jasper Balke) tern, der Großeltern, der Geschwister und weiterer Zugehöriger in den Mittelpunkt der Debatte gehören. Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich komme zum Schluss: Der letzte Punkt der zentralen Erkenntnisse in der FamPalliNeeds-Studie heißt: Gesellschaftliche Enttabuisierung von Krankheit, Sterben, Tod und Trauer als Basis für Teilhabe in allen Lebensbereichen. Öffentliche Debatten und Anträge wie diese bei uns im Hohen Haus tragen dazu bei. Ich finde es deshalb absolut richtig, weiter über diese Themen hier zu sprechen, und denke, dass so ein wertvoller Beitrag geleistet werden kann. – Ich bedanke mich für die Aufmerksamkeit. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, CDU, FDP und SSW)
