Anne Riecke
Verehrte Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Wir stehen im Bildungsbereich vor großen Problemen – das ist leider, so sieht das seit Jahren aus, keine neue Botschaft, sondern etwas, das sich mittlerweile Jahr für Jahr entweder bestätigt oder verschlechtert. Bei den Ergebnissen des IQB-Bildungstrends schnellte die Zahl derjenigen Neuntklässler – da sind wir bei der Lesekompetenz, die Sie am Anfang angesprochen haben –, die die Lesemindeststandards verfehlen in der Zeit von 2015 bis 2022 von 17 Prozent auf 30,9 Prozent. 20 Prozent der Grundschüler erreichten beim Lesen, Rechnen und Schreiben nicht die Mindeststandards. Das bedeutet, dass jeder fünfte Schüler nicht in der Lage ist, vernünftig dem Unterricht an einer weiterführenden Schule zu folgen. Das gilt besonders für die bildungsfernen und migrantischen Haushalte, was uns besonders alarmieren sollte. Ich befürchte, dass wir bei diesen Ergebnissen in den nächsten Jahren signifikant steigende Zahlen bei den Schülerinnen und Schülern ohne Abschluss sehen werden, denen es schwer fallen dürfte, auf dem Arbeitsmarkt überhaupt Fuß zu fassen. Laut dem Bildungsexperten Professor Köller könne es mit so schwachen Kompetenzen, wie wir sie aktuell beobachten können, kaum jemand in einen qualifizierten Ausbildungsberuf schaffen, womit regelmäßig ein Drittel jedes Jahrgangs für den Ausbildungsmarkt verloren sei. Natürlich stehen die Schulen vor vielen Problemen und Herausforderungen, vor allem durch die stärkere Heterogenität in den Klassen, durch die Zuwanderung in den letzten Jahren, aber auch – nicht WP) – 78. Sitzung (neu) – Mittwoch, 29. Januar 2025 zu vergessen – die Auswirkungen der Coronapandemie. Gerade deshalb müssen wir unsere Ressourcen und Energie umso mehr in das Bildungssystem stecken, damit sich für die Zukunft dieser Schülerinnen und Schüler und für uns als Gesellschaft in Zukunft nicht riesige Berge an Problemen auftürmen, die wir dann später teuer aufräumen müssen. (Beifall FDP) Wenn wir die Bildungsergebnisse verbessern wollen, dann müssen wir zuallererst massiv bei der Frühförderung ansetzen und nicht erst, wenn ein 15-Jähriger vor den ersten Trümmern seiner Bildungsbiografie steht. Vor allem brauchen wir frühe Förderung und ausreichende Ressourcen in den Grundschulen. Wir brauchen verpflichtende Sprachtests für alle 4,5- Jährigen und bei den entsprechenden Feststellungen von Defiziten auch eine kostenlose sprachliche Förderung. (Beifall FDP und SSW) Meine Damen und Herren, im Zuge dieser ganzen Erkenntnisse erscheinen die Einsparungen der Landesregierung besonders fatal. Statt die Bildungsausgaben zu erhöhen, werden sie nun gekürzt. Allein bei den Planstellen werden fast 300 Stellen gekürzt. Dabei müssten doch durch die steigenden Schülerzahlen eigentlich mehrere hundert Stellen zusätzlich aufgebaut werden, nur um die Unterrichtsversorgung auf einem halbwegs vernünftigen Niveau zu halten. Es ist einfach schwer zu glauben, wenn die Bildungsministerin behauptet, die rechnerische Reduktion habe keine zwangsläufigen Auswirkungen auf die Leistungen der Schüler. (Beifall FDP und SSW) Meine Damen und Herren, natürlich wird es durch die Kürzung der Unterrichtsversorgung zu mehr Unterrichtsausfall kommen, und die Streichungen bei der Kontingentstundentafel werden wohl kaum dazu führen, dass unsere Schülerinnen und Schüler mehr Unterrichtsinhalte vermittelt bekommen oder mehr Unterricht bekommen. Es ist einfach eine zusätzliche Einsparmaßnahme. Die Streichungen im Haushalt bei den Ersatzschulen werden die Kosten für die Privatschule in die Höhe treiben und somit die Eltern, die ihre Kinder aus guten Gründen auf eine Ersatzschule schicken, deutlich stärker als zuvor belasten. Dabei zeigen die eingangs erwähnten Zahlen, dass das staatliche Schulsystem immer größere Probleme (Anne Riecke) hat, auch nur die Mindeststandards zu vermitteln, die man zu Recht als Eltern von den Schulen erwarten kann. (Beifall FDP) Die Streichung der Mittel für die staatlichen Schulen und die gleichzeitige Verteuerung der Alternativen muss für die Eltern, die Schüler und für die Lehrerinnen und Lehrer in Schleswig-Holstein mehr als einen bitteren Beigeschmack haben. Wir fordern die Landesregierung auf, die Kürzungen im Bildungsbereich zurückzunehmen und die Bildung im Haushalt klar zu priorisieren. Investieren Sie endlich in unsere Schulen, in eine früh einsetzende Sprachförderung und in eine funktionierende, nachhaltige Lehrkräftegewinnung. Machen Sie die Schule wieder zu einem Ort, an dem Qualität und Chancen im Mittelpunkt stehen und nicht Einsparungen und Kürzungen. – Vielen Dank. (Beifall)
