Jette Waldinger-Thiering
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Wir müssen uns dieses Thema regelmäßig vor Augen führen. Deshalb freut es mich besonders, dass wir uns im Bildungsausschuss über einen jährlichen Bericht zu dem Thema Kinderund Jugendgewalt einigen konnten. Anerkannte Studien konnten zwar keine signifikante Steigerung der Kinder- und Jugendgewalt feststellen, jedoch erkennt man eine offensichtliche Veränderung. Durch das Fachgespräch im März 2024 wurde eine Menge Erkenntnisse verdeutlicht, vor allem, dass viele Kinder in ihrer sozialen und emotionalen Entwicklung gefährdet sind. Kinder, die körperliche oder psychische Gewalt gegen andere ausüben, sind keine Kinder, die man sanktionieren muss, es sind besonders Kinder in höchster Not. Es sind Kinder, die nicht die Unterstützung und die sicheren Beziehungen erlebt haben, die es braucht, um ein gesundes Sozialverhalten und eine emotionale Regulation zu entwickeln. Was wir aus dem Fachtag zum Thema Kinderund Jugendgewalt auch mitnehmen können, ist die Empfehlung zur Prävention. Die Prävention muss ganzheitlich strukturiert werden. Wir wissen, dass Kinder- und Jugendgewalt kein alleiniges Schulproblem ist, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem. Die Prävention muss mit der Unterstützung in den Familien beginnen. Die gestiegenen Zahlen an Kindeswohlgefährdungen und in Obhutnahmen durch die Jugendämter zeigen, dass viele Familien unter den multiplen Krisen und Herausforderungen unserer Zeit leiden. Bei einigen fehlt es nicht nur an wirtschaftlichen Ressourcen, sondern auch an Kraft und Stabilität, um ihre Elternrolle ausreichend auszufüllen. Deshalb müssen die Präventionsansätze aus der Jugendhilfe, aus der Eingliederungshilfe und des Kita- und Schulsystems vernetzt und verbunden werden. Wir müssen die Synergieeffekte zwischen Bildung und Sozialsystem nutzen. Es gibt schon viele gute Konzepte, die verstärkt gefördert werden müssen, anstatt das Rad neu zu erfinden. Es geht darum, dass Kinder und Jugendliche verlässliche Beziehungen durch verlässliche Bezugspersonen erhalten. Das ist eine Grundvoraussetzung für ein gesundes und stabiles Selbstbild und für Selbstwirksamkeit. Idealerweise erleben Kinder die sichere Bindung in ihren Herkunftsfamilien. Wenn diese hier aber fehlt, kann eine verlässliche Beziehung zu einem Erzieher oder einer Lehrerin einiges kompensieren. Das heißt aber auch: Wir brauchen mehr Personal in Kitas und Schulen. Es müssen nicht nur Erzieher und Lehrer sein, sondern einfach genug qualifizierte Erwachsene, um den Kindern und Jugendlichen, die Unterstützung benötigen, gerecht zu werden. Wir müssen den Fokus auf die frühen Hilfen und die Elternarbeit setzen und die geforderten Punkte des Antrags mit Augenmaß verfolgen, denn das Schulsystem darf nicht mit noch mehr Papier und theoretischen Konzepten überfrachtet werden. Wie bereits im PerspektivSchul-Programm erkannt wurde, müssen die Konzepte aus der Praxis entstehen und dann an Ort und Situation angepasst werden. Wir müssen die Ressourcen bündeln, um unseren Kindern und Jugendlichen Lebensräume zu schaffen, in denen sie stabile Beziehungen erleben und ihre Resilienz gefördert wird. Ein altes und auch viel zitiertes Sprichwort aus Nigeria lautet: Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen. In diesem Sinne möchte ich mich noch mal herzlich bei allen Teilnehmenden des Fachgesprächs wie auch den vielen anderen Engagierten im sozialen und Bildungsbereich für ihren tagtäglichen Einsatz bedanken, bei dem sie ihr Bestmögliches tun, um (Jette Waldinger-Thiering) unsere Kinder und Jugendlichen zu fördern und zu unterstützen und um ihnen einen positiven Werdegang zu ermöglichen. Noch mal ganz herzlichen Dank dafür, dass wir einen interfraktionellen Antrag hinbekommen haben, denn es war eine gute Anhörung. Es ist ein guter Antrag, und wir sollten gemeinsam etwas dafür tun, dass Gewalt gegen Kinder und mit Kindern verringert wird beziehungsweise nicht mehr stattfindet. Wir müssen dafür Sorge tragen, dass es unseren Kindern gut geht. – Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. (Beifall ganzes Haus)
