Christian Dirschauer
Kære fru landsdagspræsident! Kære kollegaer! Zunächst einmal vielen Dank an die Beschäftigten im Ministerium für die Erstellung der beiden Berichte, die uns wirklich einen guten Überblick darüber geben, was man weiß und was man noch nicht weiß. Herzlichen Dank dafür zunächst. Die Berichte zeigen die großen Herausforderungen auf, die im Sozialwesen und damit eben auch für die Sozialberufe bestehen und was auf diese zukommt. Da gibt es viele Parallelen zu anderen Berufen und Berufsgruppen, aber im Gegensatz zur Buchbinderei oder im Bankwesen brennt die Kerze bei den sozialen Berufen gleich an zwei Enden; denn einerseits werden viele bewährte Kräfte altersbedingt ausscheiden – das wissen wir –, andererseits steigt die Nachfrage nach den Dienstleistungen exorbitant. Auch das ist keine neue Information, die ich hier gebe. Wie groß das Problem tatsächlich ist, wollte jahrelang niemand so richtig wissen. Da können sich durchaus auch mehrere Regierungen an die Nase fassen. Die Landesregierung hat aufgrund fehlender Daten keinen echten Überblick, Bund und Land haben das Problem erfolgreich ignoriert und eine Datenerhebung in den Bereich über viele Jahre regelrecht verschlafen. Laut Bericht befindet sich die Landesregierung in der Vorbereitung einer wissenschaftlich fundierten Prognose bezüglich der bedarfsgerechten Betreuung in der frühkindlichen Bildung – wie gesagt, in der Vorbereitung, vielleicht ist man jetzt schon weiter; die Berichte liegen ja schon ein paar Tage vor. Wie lange die Prognose dann tatsächlich auf sich warten lässt und ob sie tatsächlich Ende nächsten Jahres abgeschlossen sein wird, werden wir dann sicherlich sehen – und mit mir viele Eltern, Träger und Beschäftigte. Allerdings muss ich an dieser Stelle der Landesregierung durchaus Einfallsreichtum bei der Lösung der personellen Herausforderungen zugestehen. Da wird ein regelrechter Strauß von Maßnahmen in Teilen auch ein bisschen wortreich in den Berichten vorgestellt: Akquise von Quereinsteigerinnen und Quereinsteigern, Entlastung der bestehenden Kräfte, Qualifizierung von Beschäftigten und so weiter und so fort. Ich würde sagen: alles gut und richtig. Ob dieses Bündel an Strategien und Maßnahmen allerdings reichen wird, um das Problem zu lösen, bezweifele ich an der Stelle schon. Schauen wir noch einmal auf die Zahlen. Wir haben es in Teilen schon gehört: Seit 2014 eröffneten in Schleswig-Holstein 135 neue Kindertageseinrichtungen. Das allein ist doch ein sehr guter Zuwachs, der durchaus zur Versorgungssicherheit beiträgt. 121.000 Kinder wurden hier im vergangenen Jahr von insgesamt 25.000 Fachkräften betreut. Das (Christian Dirschauer) haben wir gehört. Das ist ein Personalzuwachs von 50 Prozent im Laufe von zehn Jahren. Ich denke, dass wir diesen Anstrengungen, die Kommunen, Träger und auch die Landespolitik im letzten Jahrzehnt geleistet haben, durchaus Respekt zollen sollten – auch mehreren Regierungen an der Stelle. (Vereinzelter Beifall CDU, BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN und Beifall Sybilla Nitsch [SSW]) Doch bei allem Lob wissen wir auch, dass das Angebot noch hinter dem Betreuungsbedarf herhinkt. Bis heute können nicht alle Wüsche gedeckt werden. Viele Kinder erhalten immer noch keinen Platz in einer Kindertagesstätte, sondern die Familien nutzen Eltern oder Freunde, um die Betreuung zu gewährleisten. Obwohl viel geleistet wurde, besteht also Nachholbedarf. Ich begrüße es ausdrücklich, dass die Landesregierung in diesem Punkt ehrlich ist und die Situation in dem Bericht nicht schönschreibt. Das erkennt sie meines Erachtens in dem Bericht an. Allerdings denke ich, dass bei den erwähnten Maßnahmen mehr Klarheit nötig wäre. Die Punkte im Einzelnen – alle kann man nicht aufzählen, ich habe ein paar mitgebracht –: Da ist die Fachkräfte-Stärken-Strategie, für die 12 Millionen Euro jährlich für Maßnahmen der Personalgewinnung eingesetzt werden sollen. Schön und gut, ich bezweifele aber, ob die Mittel angesichts der extremen Wettbewerbssituation, die auf dem gesamten Arbeitsmarkt herrscht, tatsächlich ausreichen. Weitere Maßnahmen – das haben wir auch schon gehört – sind die sogenannten Helfenden Hände, die zum Zuge kommen sollen, um eben pädagogische Fachkräfte im Alltag zu entlasten. Die Hilfe beim Tisch decken, Aufräumen oder Vorlesen halte ich erst einmal für eine praktische Lösung, aber auch hier bleibt die Frage offen, ob sich für diese Tätigkeiten ausreichendes und vor allem geeignetes Personal anwerben lässt, denn auch für die Helfenden Hände gilt: Man kann nicht jeden Menschen auf unsere Kinder loslassen. Das gehört auch zur Wahrheit dazu. Zum Punkt Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse möchte ich auf die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte hinweisen. Da, muss ich sagen, habe ich schon zu viele Absichtserklärungen in diesem Bereich gelesen, als dass ich glauben kann, dass sich ausgerechnet bei den Kitakräften und eben auch bei den Sozialberufen, also den Berufen in der Sozialarbeit generell, substanziell etwas verbessern sollte. Zuletzt komme ich noch zur Akquise sogenannter Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger. Sie müssen sich in 480 Stunden qualifizieren und darüber hinaus 500 Stunden Praxis nachweisen. Das macht über den Daumen gepeilt ein halbes Jahr. Mich stört an der Stelle besonders, dass ein Träger, und zwar der dänische Schulverein Skoleforening, an diesem Programm nicht partizipieren kann. Selbstverständlich gelten in einer Einrichtung einer Minderheit für die Qualifizierung, auch von Zweitkräften, und überhaupt für die Fortbildung minderheitenpädagogische Grundsätze und dänische Pädagogik, also andere als in den Einrichtungen der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Auch wenn man im Land – aus Haushaltsgründen vielleicht – nicht bereit ist, entsprechende zusätzliche Gelder zur Verfügung zu stellen, muss Skoleforening aus meiner Sicht aus den bestehenden Töpfen zumindest einen fairen Anteil erhalten. (Beifall SSW) Das ist übrigens die klare Erwartungshaltung der gesamten dänischen Minderheit. Ich habe mehrere Punkte angesprochen; meine Zeit läuft ab. Ich freue mich auf die weiteren Beratungen zu den beiden Berichten im Ausschuss. – Herzlichen Dank. (Beifall SSW, SPD und FDP)
