Dr. Heiner Garg
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich habe manchmal richtig Lust auf eine konstruktive Auseinandersetzung. (Vereinzelter Beifall FDP, SPD und Beifall Sybilla Nitsch [SSW]) Ich habe ja manchmal richtig Lust auf eine konstruktive Auseinandersetzung, insbesondere bei diesem Thema. Mir ist gerade klargeworden, warum mir das ab und an so schwerfällt: weil es – wenn man immer so hoch ins Regal greift, was man gerade tut – wirklich eine Herausforderung ist, die man nicht von einem Jahr auf das nächste komplett wird bewältigen können. Liebe Frau Kollegin Nies, weil Sie es Aufholprozess in dieser Legislaturperiode nennen, will ich Sie einmal mit den Fakten des Aufholens konfrontieren: Ausweislich des Bertelsmann-Ländermonitors ist die Zahl der pädagogischen Fachkräfte in den Kitas zwischen 2018 und 2022 um 20 Prozent gestiegen. Sie haben selbst erwähnt: Von 2021 auf 2022 um 5,4 Prozent und damit bundesweit spitze. Ja, ich glaube auch, dass das etwas mit dem klaren Signal damals zu tun gehabt hat, dass wir verstanden haben, dass sich die Arbeitsbedingungen verbessern müssen. Im Vergleich zu den eben genannten Zahlen steigt das Fachkräftepersonal zwar immer noch, aber der Anstieg verlangsamt sich schon wieder, nämlich von 2022 auf 2023 auf nur noch vier Prozent. Deswegen finde ich die Begriffe wie Aufholprozess und Aussagen, was die anderen alles falsch gemacht haben, müssen wir jetzt reparieren, nicht die richtige Art und Weise, sich dem ernsten Thema so zu nähern, (Beifall FDP, SPD und Christian Dirschauer [SSW]) dass daraus auch wirklich etwas Glaubwürdiges wird. Wir stehen vor riesigen Herausforderungen, weil erstens der Fachkräftebedarf in den Kitas nach wie vor nicht gedeckt ist. Da ist noch gar nicht eingerechnet, dass der Betreuungsanspruch auch in Schleswig-Holstein im Elementarbereich und gerade im Krippenbereich noch überhaupt nicht voll erfüllt ist. Um den erfüllen zu können, brauchen wir weitere Fachkräfte. Hinzu kommt: Auch in der Jugendhilfe brauchen wir Fachkräfte. Die Bildungsministerin scheint irgendwie wegzublenden, dass mit Einführung des Rechtsanspruchs auf den Ganztag ab 2026 genau um dasselbe Personal gerungen wird. Also auch da gibt es erhöhte Fachkraftbedarfe. Bei allem Dank (Dr. Heiner Garg) und allem Verständnis, wie viel Mühe es macht, zwei solche Berichte zu schreiben, ist meine Conclusio aus den beiden Berichten nicht, dass es alleine die Aufgabe der Sozialministerin ist, das will ich ausdrücklich sagen (Zuruf Martin Habersaat [SPD]) – dafür kann sie im Zweifel auch nichts –, sondern ich finde, es ist schon die Aufgabe zumindest des Herrn Arbeitsministers, der Frau Bildungsministerin und der Frau Sozialministerin, gerade in den sozialen Berufen eine in sich konsistente Fachkräftegewinnungs- und Fachkräftebindungsstrategie zu erarbeiten, die Hand und Fuß hat. Auf mich wirkt das alles so: Irgendwie und irgendwer macht ständig irgendwas, aber am Ende ist es halt keine stringente Strategie, über die man wirklich im Zweifel bei Ihrem nächsten Bericht 2026 sagen kann: Hier haben wir einen echten, messbaren Erfolg erzielt. (Beifall FDP, SPD und SSW) Ich will Ihnen auch sagen, dass es anders geht. Ich will Ihnen ein Beispiel nennen, wie es im Kitabereich deutlich besser geht. Die sozialdemokratische Ministerin Stefanie Hubig in Rheinland-Pfalz hat eine wirklich große, ausgesprochen erfolgreiche Kampagne gestartet: Wie werde ich Erzieherin, wie werde ich Erzieher in Rheinland-Pfalz? – Diese Initiative ist sogar mit dem German Brand Award ausgezeichnet worden. Sie zeigt genau, wie man Vielfalt erzeugt, wie man den hohen Anspruch, den dieser Beruf mit sich bringt, erfüllt und wie man diesem Beruf die notwendige Wertschätzung entgegenbringt. Das alles wird in einer Strategie vereint, die in Rheinland-Pfalz inzwischen zu deutlich besseren Ergebnissen führt als in manch anderen Bundesländern. Da man das Rad nicht immer neu erfinden muss, sollte man a) nicht ganz so hoch ins Regal greifen, auch wenn man sich anstrengt, etwas zu tun, und b) auch mal über den Tellerrand gucken, wo es woanders besser läuft. – Herzlichen Dank. (Beifall FDP, SPD und SSW)
