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Jette Waldinger-Thiering

SSW 20.11.2024 Sitzungen 20/72

Sehr geehrte Landtagspräsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Die OECD hat Vorschläge zu einer Finanzbildungsstrategie für Deutschland vorgelegt. Diese beziehen sich aber nicht in erster Linie auf Schülerinnen und Schüler, sondern auf weite Teile der Bevölkerung, die Jungen, die Älteren, die Frauen, die Selbstständigen, die Angestellten, die Finanz- und Bildungsschwachen, also eigentlich fast alle. Die OECD stellt auch fest, dass es um die finanzielle Bildung der Menschen in Deutschland im Durchschnitt der OECD-Länder gar nicht so schlecht bestellt ist. Was macht nun die FDP daraus? Einen Antrag zur Stärkung der finanziellen Bildung in den Schulen. Das ist nicht falsch, trifft aber nicht das Augenmerk der OECD-Vorschläge. Auch die Verbraucherzentralen fordern seit Jahren mehr Verbraucherbildung, darunter Finanzbildung, in Schulen. Und doch haben wir in unseren Schulen aktuell deutlich akutere Sorgen als die finanzielle Bildung. Die OECD hat uns nämlich auch kürzlich wieder bescheinigt, dass wir eines der europäischen Schlusslichter bei der Bildungsgerechtigkeit sind und dass in kaum einem anderen OECD-Land so viele junge Menschen die Schulen ohne Abschluss verlassen, obwohl wir pro Kopf viel Geld in unser Bildungssystem investieren. Wir bekommen das viele Geld nur nicht in gute Bildung für alle umgesetzt. Hier haben wir dringenden Handlungsbedarf. Wir brauchen mehr ausgebildete Lehrkräfte, wir brau- (Jette Waldinger-Thiering) chen mehr Angebote für Kinder aus bildungsfernen Milieus, wir brauchen eine bessere und modernere Unterrichtsversorgung. Was wir nicht brauchen, sind noch mehr Anforderungen an die Lehrer. Neue Unterrichtsinhalte können wir nur dann hinzubekommen, wenn etwas anderes wegfällt. Was nicht geht, ist, dass wir das Thema einfach noch obendrauf legen. Sollen die Lehrer dann künftig schneller sprechen? Beim WiPo-Unterricht verwalten viele Schulen schon heute nur den Mangel. Dabei sind die tagesaktuelle politische Bildung und die Demokratiebildung aktuell so bitter nötig wie selten zuvor. Wir dürfen nicht die Demokratiebildung zugunsten der Finanzbildung kürzen. Was ich vor allem sehe, ist eine große gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Am 7. März 2025 ist wieder Equal Pay Day. Bis zu diesem Tag haben Frauen in Deutschland statistisch gesehen unbezahlt gearbeitet – weil typische Frauenberufe immer noch schlechter bezahlt werden und weil Frauen immer noch seltener Hochschulabschlüsse erwerben und dann seltener Jobs finden, die ihrer Qualifikation entsprechen. Frauen haben also nicht nur weniger finanzielle Bildung als Männer, sondern schlichtweg weniger Geld, das sie anlegen könnten. Zudem leben circa 16 Prozent der Menschen in Deutschland in Armut. Die sind schon froh, wenn sie genug Geld haben, um bis zum Monatsende etwas zum Essen einkaufen können. Um über Altersvorsorge und Geldanlagen nachzudenken, hat diese Gruppe schlicht keine Ressourcen. Das sind die grundlegenden Probleme, auf die auch die OECD immer wieder hinweist. Deutschland ist sozial zunehmend ein ungerechteres Land. Die Armen werden ärmer und die Reichen reicher. Und wer arm ist, bleibt eben meist auch arm an Bildung, weil Deutschland auch ein bildungsungerechtes Land ist. Das ist eine der großen Fragen, auf die wir endlich Antworten geben müssen: Wie finden Menschen den Weg aus der Armut? Wie sichern wir gleiche Chancen für alle in den Schulen? Wir können es uns schon lange nicht mehr leisten, dass vor allem junge Menschen aus bildungsfernen Familien oder mit Migrationshintergrund die Schulen ohne Abschlüsse verlassen, dass junge Frauen hinter ihren Ausbildungsmöglichkeiten zurückbleiben und dass in unseren Schulen zunehmend fachfremde Menschen unterrichten, damit überhaupt noch Unterricht stattfinden kann. Wir haben so viele Baustellen in unserem Bildungssystem, dass wir nicht umhinkommen, Prioritäten zu setzen. Die finanzielle Bildung ist zwar wichtig, stünde aber auf meiner Prioritätenliste nicht ganz weit oben. Insofern finde ich es gut, wenn wir beide Anträge in den Bildungsausschuss überweisen, damit wir noch einmal darüber diskutieren können. (Beifall SSW und vereinzelt SPD)

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