Jette Waldinger-Thiering
Sehr geehrte Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Bei dem Thema Mathematik-Debakel sind wir uns als Opposition schnell über diesen gemeinsamen Antrag einig geworden. Es tut mir wirklich leid für die 3.609 Schülerinnen und Schüler, die eine Fünf und auch für die 742 Schülerinnen und Schüler, die eine Sechs in der MSA-Prüfung geschrieben haben, obwohl wir vermuten dürfen, dass die meisten der betroffenen Schülerinnen und Schüler insgesamt in ihrer Leistung über der Benotung einer Fünf oder Sechs liegen und dass es zum größten Teil an der Art der Prüfungsaufgaben lag, dass die Ergebnisse so verheerend ausfielen. Es sind genau diese Schülerinnen und Schüler, die schon genug Herausforderungen durch Corona in ihrer Schullaufbahn zu bewältigen hatten. Dass genau diese Generation jetzt auch noch mit unfairen Prüfungsbedingungen konfrontiert wird, ist einfach nicht gut. Das Debakel beginnt bereits in der Grundschule. Wie soll trotz Unterrichtsausfällen oder fachfremden Lehrkräften eine stabile und fundierte Lernbasis für Mathematik geschaffen werden? Mathematik ist zum Beispiel nicht mit dem Fach Deutsch zu vergleichen. Das Verständnis für Zahlen, für Mengen und abstraktes Denken muss erst kontinuierlich reifen. Wenn die Kinder hier einmal abgehängt werden, ist es unglaublich schwer, den folgenden Unterrichtsstoff zu bewältigen. An den weiterführenden Schulen fehlt es dann manchmal einfach an Verständnis gegenüber den Schülerinnen und Schülern, deren basale Mathematikfähigkeiten Lücken aufzeigen. Die Entscheidung, Mathematik zu studieren und später zu unterrichten, setzt meistens eine grundlegende Freude am Fach voraus. Somit erfordert es eine erhöhte Empathiefähigkeit der begeisterten Mathematikfachlehrkräfte, um zu verstehen, dass es Schülerinnen und Schüler gibt, die dem grundsätzlichen mathematischen Denken nicht folgen können und nur mit erhöhter Kompensationskraft das Fach Mathematik bewältigen. Das System Schule muss Mathematik neu denken. Es muss mehr Didaktik und Pädagogik einfließen. Mathematik muss greifbar und erlebbar unterrichtet werden. (Beifall SSW, SPD und Dr. Heiner Garg [FDP]) Es geht dabei um die Qualität und nicht um die Quantität des Unterrichts. Es nützt nichts, zwei Stunden Mathematik zusätzlich auf der Stundentafel zu etablieren, denn das bedeutet nur zwei weitere Stunden, in denen die Möglichkeit für Ausfälle oder fachfremden Unterricht besteht und die Schülerinnen und Schüler trotzdem nicht weiterkommen. Langfristig benötigen wir neue und bessere Rahmenbedingungen für das Fach Mathematik. Daher: Die Mathematik-Lehrkräfteausbildung benötigt noch mehr pädagogische Inhalte, um auf die individuellen Fähigkeiten und Grundlagen der Schülerinnen und Schüler eingehen zu können. Deshalb ist es auch so wichtig, dass das Ein-FachMasterstudium jetzt eingeführt wird. Bis sich langfristig etwas ändert, benötigen wir kurzfristig die Umsetzung der in unserem Antrag genannten Maßnahmen. Wir können die Schülerinnen und Schüler mit dem Debakel nicht alleinlassen. (Beifall SSW, SPD und Dr. Heiner Garg [FDP]) Neben der Fortbildung der Lehrkräfte, ob mit oder ohne Mathematikabschluss, müssen wir Fördermöglichkeiten innerhalb des Schulalltags schaffen, die die Familien und die Schülerinnen und Schüler keine zusätzlichen zeitlichen und finanziellen Ressourcen kosten. Schülerinnen und Schüler, die merken, dass sie im Mathematikunterricht nicht mehr mitkommen, müssen die Möglichkeit haben, ihre Lernlücken durch Beratung und individuelle Förderung zu schließen, um später erfolgreich Prüfungen zu bestehen. Nur so können wir die Motivation und Leistungsbereitschaft für die MINT-Fächer steigern. Das wird sich dann hoffentlich auch spürbar auf die Hochschulen auswirken und auch hier die MINT-Fächer stärken. (Jette Waldinger-Thiering) Zum Schluss möchte ich sagen – das muss auch für die Zukunft so sein –, dass die Vorbereitungshefte tatsächlich auch zu den Prüfungsaufgaben passen. Noch eine Bemerkung auch in Richtung der Kollegen Martin Balasus und Malte Krüger: Im Rahmen des Startchancen-Programms können die Schulen extra Unterricht oder gezielteren Unterricht in Mathematik anbieten, ja, das ist richtig. Aber wir haben dieses Startchancen-Programm nur an einigen Schulen in Schleswig-Holstein und nicht an allen Schulen. (Beifall SSW, SPD und FDP) Insofern schaffen wir wieder Ungleichbehandlung, und das ist nicht in Ordnung. Außerdem müssen wir alles daransetzen, dass alle Schülerinnen und Schüler gute Noten in Mathe kriegen, damit sie auch ihren Schulabschluss schaffen. (Beifall SSW, SPD und FDP)
